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Artur   
01.03.2005

... bis an dein kühles Grab. So beginnt der Text zur Melodie des Glockenspiels der im Zweiten Weltkrieg stark beschädigten und 1968 endgültig abgerissenen Garnisonkirche in Potsdam. Am 14. April 2005, dem 60. Jahrestag der Bombardierung Potsdams, soll nun der Grundstein für den Wiederaufbau dieser symbolbehafteten Kirche gelegt werden.

Vorrausgegangen war ein zähes Ringen zwischen der „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ (TPG), der Evangelischen Kirche, sowie Landes- und StadtpolitikerInnen um die Finanzierung und die Gestaltung der Kirche. Doch blicken wir zunächst auf die Geschichte dieses Bauwerks.

„Eine ganz normale Kirche“

Die Grundsteinlegung für die Garnisonkirche erfolgte 1734 auf Befehl Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig genannt, um eine „Versammlungshalle für die geistig-moralische Züchtigung der ‚Riesenkerle1’“ zu schaffen. Seit der Einweihung der Kirche hatte nicht etwa ein Geistlicher das Oberhaupt, sondern der preußische König. Erst 1950 ging die Ruine in Kirchenbesitz über. Auch in der Ausgestaltung der Kirche spiegelte sich ihr Zweck wider. So befanden sich an der Fassade militärische Embleme, die Orgel war mit dem aufsteigenden preußischen Adlern, kriegerischen Darstellungen, sowie Abbildern der Kriegsgötter Mars und Bellona geschmückt. Im Turm befand sich eine Ruhmeshalle, in der Trophäen gewonnener Kriege ausgestellt wurden. Auf Anweisung Wilhelm II. zogen Soldaten unter dem Leuten der Garnisonkirche in den Ersten Weltkrieg. In diesem Bauwerk vergegenständlichten sich militärischer Machtanspruch und preußische Tugenden, wie Gehorsam und Vaterlandstreue.

45 Minuten des Missbrauchs?

So scheint es nicht verwunderlich, dass am 21. März 1933, am Tag der Eröffnung des Reichstages, gerade in dieser Kirche die Verbindung des neuen Deutschlands, verkörpert durch Adolf Hitler, mit dem alten Deutschland, in Person des greisen Reichskanzlers Paul von Hindenburg, zelebriert wurde. Über den Gräbern zweier großer preußischer Könige gaben sich der alte und der neue Herrscher die Hand und symbolisierten so den Schulterschluss der FaschistInnen mit den alten Eliten.

Alte Kameraden

Als am 14. April 1945 britische Bomber Potsdam angriffen, wurde auch die Garnisonkirche stark beschädigt. Sowohl das Kirchenschiff, als auch der 84 Meter hohe Turm brannten aus und auch das Glockenspiel im Turm wurde zerstört. Bis 1968 stand die Ruine weiterhin in Potsdams Innenstadt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich dort wieder eine Gemeinde eingerichtet. Nichtsdestotrotz veranlasste Walter Ulbricht die Sprengung der Ruine. Seitdem befindet sich ein DDR-Zweckbau, in dem momentan ein Rechenzentrum untergebracht ist, auf dem Gelände der Garnisonkirche.
Um diesen schmerzlichen Verlust zu kompensieren fanden sich 1984 traditionsbewusste aktive und ehemalige Soldaten des 271. Fallschirmjägerbataillons in Iserlohn zusammen und gründeten die „Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel“ (TPG). Ihr Ziel war die Wiederherstellung der im Krieg zerstörten Glocken. Dieses Ziel war bereits 1987 über gesammelte Spenden erreicht. Danach machte es sich der Verein zur Aufgabe, für den Wiederaufbau der gesamten Garnisonkirche Gelder zu sammeln. 1991 übergab die TPG das bis dahin in Iserlohn stehende Glockenspiel der Stadt Potsdam und sah sich somit ihrem Ziel bereits ein großes Stück näher gekommen. Auf den nachgegossenen Glocken befanden sich neben den Namen von Fallschirmjägerbataillonen der Bundeswehr, preußischen Prinzen, Infanterieregimentern, reaktionären Soldatenvereinen auch die zehn Gebote, sowie die Namen verlorener Ostgebiete. Nur letzte wurden bei Aufstellung in Potsdam abgeschliffen.
Bevor die TPG allerdings die für den Wiederaufbau der Kirche gesammelten Gelder freigeben will, sollen auch einige Bedingungen erfüllt werden. Nach dem Willen der TPG soll die Kirche komplett originalgetreu wieder aufgebaut werden und auch ihr Charakter soll keinen Deut vom Original abweichen. Es will ja schließlich niemand eine „Anti-Garnisonkirche“. So sollen in der neuen Kirche weder Trauungen von Homosexuellen, Beratungen für Kriegsdienstverweigerer, Kirchenasyl für Flüchtlinge noch feministische Theologie Platz finden. Außerdem will die TPG keine Nutzung der Kirche als Friedens- und Versöhungszentrum, wie etwa die Kathedrale in Coventry und deshalb um Himmels Willen auch kein Nagelkreuz (siehe Kasten) auf dem Turm. Dort soll originalgetreu der preußische Adler zu sehen sein. Jegliche politische Nutzung der Kirche sei ausgeschlossen, so der Vorsitzende der TPG, Max Klaar, seines Zeichens Oberstleutnant der Reserve im Ruhestand.
Welche Traditionen und Absichten die TPG und insbesondere ihr Vorsitzender Max Klaar vertritt, lässt sich anhand diverser Äußerungen in Rundbriefen des Vereins darlegen. So behauptet Klaar in einem Rundbrief des Jahres 2000, allein die Polen, Briten, Franzosen, Amerikaner und Tschechen wären schuld am Zweiten Weltkrieg. Das Provozieren eines Weltkriegs durch sie hätte einen langen Leidensweg des deutschen Soldaten zur Folge gehabt. Des weiteren forderte Klaar in den Wendemonaten 1989 die Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1937.
Hier zeigt sich der Charakter der TPG. In ihr findet sich ein Sammelsurium aus rechtskonservativen und revanchistischen bis offen faschistischen Personen. So beendete die Bundeswehr 2004 offiziell die Zusammenarbeit mit dem „Verein Deutscher Soldaten“, dessen Vorsitzender Klaar ist – wegen rechtsextremer Ausfälle.

„Unideologische“ Töne

Nachdem sich die Forderungen der TPG für die Stadtoberen als immer unhaltbarer erwiesen, ergriff diesmal ein „engagierter“ Bürger die Initiative. Hans P. Reinheimer, Vorsitzender des Brandenburger Industrieclubs, gründete den „Ruf aus Potsdam“ (angelehnt an den „Ruf aus Dresden“ zur Sammlung von Spenden für den Wiederaufbau der Frauenkirche). Er brachte VertreterInnen von Stadt, Land und Evangelischer Kirche an einen Tisch. Ihr Ziel: Die Gründung einer Stiftung zur weltweiten Sammlung von ca. 50 Mio. Euro für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. Mit von der Partie ist auch Millionärmacher Günther Jauch, dessen Zweitjob die Mäzentätigkeit für die Restaurierung von Potsdams Innenstadt zu sein scheint. Dank seiner Solvenz besitzt Potsdam mittlerweile wieder das Eingangsportal (Fortunaportal) des, ebenfalls im Zweiten Weltkrieg beschädigten und später gesprengten, Stadtschlosses und diverse renovierte Prachtbauten in der Innenstadt.
Die Schirmherrschaft für die Stiftung sollen Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), Innenminister und Ex-General Jörg Schönbohm (CDU) und Bischof Wolfgang Huber übernehmen. Beim Wiederaufbau des barocken Potsdams ist mensch sich mal wieder über die Parteigrenzen hinaus einig. Alle ziehen an einem Strang für die schöne Landeshauptstadt. Im Gegensatz zur TPG will man natürlich das ganze etwas anders angehen. Ohne ideologische Grabenkämpfen halt. Nach Jauch können schließlich nicht die Gebäude dafür verantwortlich gemacht werden, was Menschen in ihnen veranstalten. Der „Tag von Potsdam2“ wird von allen Beteiligten als „Missbrauch des Gebäudes“ bezeichnet. Wer sich außerdem gegen den Wiederaufbau stelle, gebe indirekt der SED-Führung und der Sprengung des Gebäudes recht, so Platzeck. Und das will ja keiner. Die Stiftung will zwar Versöhnung und Frieden, aber bitte doch in schönstem preußischem Barock. Oberstes Ziel ist eben ein schönes Stadtbild zu schaffen. Keine hässlichen Erinnerungen mehr, kein Gestern. Bei all dieser Schlussstrichmentalität verwundert auch nicht der Termin für die symbolische Grundsteinlegung der Garnisonkirche. Ausgerechnet am 14. April 2005, 60 Jahre nach dem Bombenangriff auf Potsdam, wollen die Herren und Damen Geschichte Geschichte sein lassen und auf eine selbstbewusste Zukunft anstoßen. An diesem Termin soll endlich der „Phantomschmerz“ der fehlenden Kirche kuriert werden. Man will wieder wer sein und das natürlich auch mit den entsprechenden Bauwerken. Das dabei die repressiven und totalitären Seiten Preußens bewusst ausgeblendet werden, ist nicht weiter überraschend. Bürgerliche Herrscher schreiben nun mal bürgerliche Geschichte.

Nie wieder

Um sich allerdings nicht ganz dem Freudentaumel dieses Aktes zu ergeben, hat es sich das Linke Bündnis Potsdam, in dem neben autonomen Gruppen und der linken Stadtverordnetenfraktion „Die Andere“ auch der RSB vertreten sind, zur Aufgabe gemacht, die Selbstbeweihräucherung in Potsdam zu stoppen. So wird am 9. April 2005 eine Demonstration unter dem Motto „Gegen den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche! Gegen Geschichtsrevisionismus – Deutsche Täter sind keine Opfer! Nie wieder Krieg - nie wieder Preußen - nie wieder Faschismus!“ stattfinden (siehe Kasten). Abgesehen von diesem konkreten Ereignis muss es aber auch ein Ziel sein, jeglichen Patriotismus- und „Deutsch sein“-Debatten im Alltag den Kampf anzusagen. (s. hierzu Avanti 118).


1 Bezeichnung der Leib- und Liebslingsgarde des Königs, bekannter als „Lange Kerle“. Hier wurden nur Männer zum Dienst gezwungen, die besonders groß waren.
2 Name für das geschichtliche Ereignis des Handschlages zwischen Hitler und Reichskanzler Hindenburg in der Garnisonkirche. Symbol für den Schulterschluss zwischen den alten preußischen Eliten und dem Nationalsozialismus.

Aus dem Aufruf der Demo gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche
 „Die Potsdamer Garnisonkirche war bereits lange vor dem Tag von Potsdam am 21. März 1933, was sie noch heute ist: ein Symbol des militaristischen Staates Preußen, ein Symbol für Militarismus und Krieg, für deutschen Größenwahn und Chauvinismus. [...]
Wer für die Grundsteinlegung des Wiederaufbaus der Garnisonkirche ausgerechnet den 14. April, den 60. Jahrestag der Bombardierung und Zerstörung dieses Symbols, wählt, der braucht sich über ein Erstarken der Rechtsextremen und Neonazis nicht zu wundern, sondern der bereitet den Weg dafür vor. Wenn diese Personen dann das demonstrative Verlassen einer Schweigeminute für die Opfer des Nationalsozialismus durch die NPD-Abgeordneten im sächsischen Landtag geißeln, ist dies nur noch Heuchelei. Wer an fragwürdigen Daten Grundsteine für fragwürdige Symbole legt, die mit den Geldern von Rechtsextremen wiederaufgebaut werden sollen, verhöhnt die Opfer des Nationalsozialismus ebenso. [...] Deshalb muss der Wiederaufbau der Garnisonkirche mit allen Mittel verhindert werden.“
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