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Zum Tode von Peter Langos, 1942 - 2015 | Drucken |  E-Mail
Konrad Reich   
11.02.2016
Am 14.12.2015 ist völlig überraschend unser langjähriger Genosse Peter Langos in Tübingen an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben.

Peter wurde am 25.1.1942 in Halle an der Saale mitten im Zweiten Weltkrieg geboren. Die Familie flüchtete 1949 in den Westen. Nach der Scheidung der Eltern zog Peter mit seiner Mutter 1951 nach Stuttgart-Bad Cannstatt. Die finanziellen Verhältnisse der Beiden waren mehr als bescheiden, die ersten vier Jahre mussten sie von Sozialhilfe leben. Seine Mutter, eine gelernte Krankenschwester, fand erst später bei der Firma Bosch und als „Badefrau“ im Stuttgarter Mineralbad Berg Arbeit. Diese Erfahrung von Entbehrung und Leben am Existenzminimum hat sich bei Peter tief eingegraben und seinen späteren Lebensweg, seine politische Haltung und seinen Willen zur Veränderung geprägt und begleitet.

Trotz aller finanziellen Probleme besuchte Peter dann das Gymnasium in Bad Cannstatt. Nach dem Hinweis eines Lehrers las er mit 15 das Kommunistische Manifest, das ihn begeisterte. Mit 15 arbeitete Peter auch das erste Mal in den Ferien in einem Metallbetrieb, was ihn in Kontakt mit der Sozialistischen Jugend Deutschlands „Die Falken“ (SJD) brachte, der er dann noch 15-jährig als jüngstes Mitglied in Stuttgart beitrat. Dort begegnete er Fritz Lamm, einem Linkssozialisten, aktiven Gewerkschafter und Betriebsrat. Lamm war als Führungsmitglied der SAP in Stettin seit dem 3. Mai 1933 in Nazi-Haft gewesen und vom Reichsgericht in Leipzig 1934 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 2½ Jahren Haft verurteilt worden. Nicht lange nach der Haftentlassung emigrierte Lamm, der als Jude und wegen seiner politischen Haltung um sein Leben fürchten musste, über die Schweiz, die Tschechoslowakei und Frankreich nach Kuba. Stuttgart war für ihn auf dieser Odyssee die erste Zwischenstation gewesen. 1948 gelang ihm die Rückkehr von Kuba, nachdem er im Herbst 1947 ein Angebot für eine Stelle als Redaktionssekretär bei der Stuttgarter Zeitung erhalten hatte. Lamm war eine Persönlichkeit, die junge Menschen an sich zog und an sozialistische Ideen band. Er engagierte sich als Vortragsredner und Schulungsleiter, versuchte vor allem jungen Leuten Grundkenntnisse über Sozialismus, Arbeiterbewegung und Kultur beizubringen. Insbesondere leitete Lamm einen Marxistischen Arbeitskreis (MAK), dessen Zielrichtung, ausgehend vom „ABC des Marxismus“, die Schärfung des eigenständigen, kritischen Denkens der Teilnehmenden war. Ideale Voraussetzungen für Peter, später in die Reihen der Vierten Internationale zu finden.

Im Sozialistischen Deutschen Studentenbund

Ein weiteres Schlüsselerlebnis für Peter war in dieser Zeit die Begegnung mit algerischen Flüchtlingen. Stuttgart hatte sich in Zeiten des Algerienkriegs nach 1954 zu einer Drehscheibe für algerische Flüchtlinge entwickelt. So gab es auch eine Stuttgarter Falkengruppe, die nur aus Algeriern bestand. Peter war das einzige Falkenmitglied, das Französisch konnte, und dementsprechend für den Kontakt zuständig. Dies war der Beginn seiner internationalistischen Arbeit und seiner intensiven Beschäftigung mit politischen Bewegungen in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten, Lateinamerika, Vietnam und Indonesien.

Nach dem Abitur begann Peter 1963 in Tübingen mit dem Jurastudium. Als Mitglied der Falken trat er sofort in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ein, für den der Parteivorstand der SPD bereits im November1961 einen Unvereinbarkeitsbeschluss gefasst hatte. Peter wurde bereits in seinem ersten Semester zum Vorsitzenden des Tübinger SDS gewählt. Zu seinen ersten Aktivitäten im SDS gehörte das Anstoßen der Solidaritätsarbeit für den südafrikanischen Genossen Neville Alexander. Alexander war als Stipendiat in Tübingen Mitglied im SDS gewesen, nach seiner Promotion aber nach Südafrika zurückgekehrt, um dort gegen das Apartheidregime zu kämpfen. Als Mitbegründer der National Liberation Front (NLF) wurde er im Jahr 1963 zu zehn Jahren Haft verurteilt, die er trotz weltweiter Proteste zusammen mit Nelson Mandela auf Robben Island verbüßen musste.

Eigentlich hätte Peter 1967/68 sein Jura-Examen machen sollen, doch nach eigener Aussage hatte er bis dahin so gut wie nicht studiert, sondern faktisch jeden Tag Politik gemacht. Sei es in der gewerkschaftlichen Arbeitsgemeinschaft von SDS und SHB, bei der Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit der Tübinger Universität, vor allem aber seit 1965/66 in der Protestbewegung gegen den US-Krieg in Vietnam. Peter mobilisierte nach Frankfurt zum ersten vom SDS organisierten Kongress „Vietnam – Analyse eines Exempels“, auf dem Herbert Marcuse das Hauptreferat hielt. Diese Aktivitäten kulminierten im Februar 1968 in dem großen Vietnam-Kongress an der TU Berlin, zu dem Peter aus Tübingen zwei Busse organisierte. Dieser Kongress war inhaltlich auch stark geprägt von Genossen der Vierten Internationale aus Frankreich, Belgien, dem Vereinigten Königreich und den USA.

Das führte dazu, dass Peter am 3. Mai 1968 zu einem Treffen revolutionär-sozialistischer Studenten nach Paris reiste und so ab dem 6. Mai an den Ereignissen des Pariser Mai teilnahm. In die GIM, damals deutsche Sektion der Vierten Internationale, trat Peter 1969 ein.

Danach gab Peter das Jura-Studium auf und studierte Politik, Osteuropäische Geschichte und Spanisch. Seine Magisterarbeit in Politik schrieb er über die „Parti Socialiste Unifié (PSU)“, einer anfänglich linkssozialistischen Partei in Frankreich. Material für seine umfängliche Arbeit bekam er neben akribischer Archivarbeit u. a. über seine hervorragenden Kontakte zu Genoss*innen der LCR und anderen französischen Linken.

Verein „Arbeiterbildung Reutlingen“

Peter arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Neben dem Studium und der anschließenden Arbeit war Peter weiterhin aktiv in der internationalistischen Solidaritätsarbeit u.a. für Griechenland, Chile, Portugal, Spanien und Polen, aber auch in der Unterstützung der antimilitaristischen Arbeit der LCR in der französischen Garnison in Tübingen.1986 begann er dann mit der Beratungsarbeit für Erwerbslose im Verein „Arbeiterbildung Reutlingen“, dessen Leiter er bis zu seiner Verrentung 2007 war. Für Peter war diese Arbeit nie nur Sozialarbeit, er hatte eine klare Analyse, dass die Sozialpolitik und die Angriffe auf die Erwerbslosen vor und nach Hartz IV zugleich Drohung gegen die Menschen in Erwerbsarbeit und gegen die Gewerkschaften sind. Deswegen war Ziel seiner Arbeit immer, die Menschen politisch an Kapitalismuskritik heranzuführen und sie gleichzeitig zur Selbsttätigkeit zu ermutigen. Er war jahrzehntelang auf Orts-, Landes- und Bundesebene für die Erwerbslosen in der Gewerkschaft ver.di sowie in den Zusammenhängen der Erwerbslosenvernetzung aktiv.

Peter hatte in all seinen Aktivitäten eine wunderbare Art, auf Menschen zuzugehen, sie dort abzuholen, wo sie abzuholen waren. Sein offenes, unkompliziertes Wesen und sein enormes politisches und historisches Wissen verschafften ihm Zugang zu denen, die er ansprechen wollte. Sein eigenes Leben gab ihm dazu noch die erforderliche Glaubwürdigkeit. Generationen von jungen Genoss*innen hat er so in Tübingen mit der Vierten Internationale und ihren Grundlagen vertraut gemacht und etliche von ihnen als Mitglieder geworben. Er war viele Jahre nebenamtlich Dozent an der ev. Fachhochschule für Sozialarbeit Reutlingen/Ludwigsburg und Referent in der politischen Bildung von Zivildienstleistenden. Überwiegende Themen waren für ihn die antikolonialen Bewegungen, v. a. Indochina/Vietnam, die Studentenbewegung und Sozial- und Gewerkschaftspolitik.

Peter hatte überragende Kenntnisse von den meisten der antikolonialen Befreiungsbewegungen und der Geschichte und den politischen und ökonomischen Kräfteverhältnissen in den jeweiligen Ländern. Nie hat er damit geprahlt, sondern stets umsichtig gewusst, sein Wissen produktiv in die Solidaritätsarbeit einfließen zu lassen. Er stand fest auf den Grundlagen der revolutionär-sozialistischen Bewegung, war aber nie dogmatisch und ausgrenzend. Deshalb war er auch in der Lage, in unserer Tradition mit unterschiedlichen Strömungen der Arbeiterbewegung zusammenzuarbeiten und gemeinsame Aktivitäten zu entfalten. Hierbei half ihm auch sein hintergründiger Humor.

Nicht zuletzt war Peter ein Mensch des Teilens. Oft lud er zum gemeinsamen Essen ein, ohne an sein geringes Einkommen zu denken, und musste dann zur Annahme einer finanziellen Beteiligung überredet werden. Manches Mal, wenn der Verein Arbeiterbildung in Problemen wegen unsicherer oder ausbleibender Finanzierung steckte, hat Peter einen Teil seines Gehaltes gespendet, um zum Überleben des Vereins beizutragen. Und nach seiner Verrentung hat er noch jahrelang den Verein mit Arbeitsleistung unterstützt. Peter ist das Bespiel für lebenslang geübte allumfassende Solidarität.

Wir verlieren mit Peter einen liebenswerten Genossen und Menschen, der in seiner Person die Geschichte des revolutionären Marxismus in Deutschland repräsentiert. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau Uschi.
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