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Griechenland: Der besetzte Betrieb VIO.ME ist in Gefahr | Drucken |  E-Mail
Hans Bürger   
28.12.2015
VIO.ME, die seit 2011 besetzte und selbstverwaltete Fabrik ist in größter Gefahr. Die griechische Gerichtsbarkeit hat die Zwangsversteigerung der Grundstücke der früheren Muttergesellschaft FILKERAM JOHNSON AG angeordnet.

VIO.ME (Viomichaniki Metalleftiki) mit Sitz in Thessaloniki war eine von drei Tochtergesellschaften der Unternehmensgruppe „Philkeram Johnson AG“. VIO.ME hatte mit einer Belegschaft von 72 Personen Baumaterialien produziert und gehörte 2006 zu den 20 besten Unternehmen in Nordgriechenland. Im Juli 2011 hatte „Philkeram Johnson“ einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt und alle Geschäftsaktivitäten mit sofortiger Wirkung eingestellt. Den KollegInnen von VIO.ME wurde nur kurz mitgeteilt, dass die Fabrik vorläufig geschlossen wird. Seit Mai 2011 hatten sie keinen Lohn mehr bekommen.

Daraufhin wurde der Betrieb besetzt und in drei Schichten bewacht, vor allem um eine Demontage der Anlagen zu verhindern. Seit April 2013 haben 21 KollegInnen den Betrieb in eigener Regie wieder aufgenommen und produzieren ökologische Seifen und Haushaltsreiniger. Inzwischen ist es ihnen auch gelungen, eine Teillegalisierung als Sozialkooperative mit eigener Steuernummer zu erreichen. Die KollegInnen von VIO.ME vertreiben ihre Produkte hauptsächlich in sozialen Zentren und auf informellen Märkten ohne Zwischenhändler.

Seit Jahren versucht die ehemalige Eigentümerin, die 2011 sang- und klanglos den Betrieb aufgegeben hatte, die Zwangsliquidation der noch vorhandenen Insolvenzmasse zu erreichen. Aber zum einen gibt es eine Fülle von Unregelmäßigkeiten, die kaum zu klären sind. Zum anderen gebietet die breite Solidarität mit VIO.ME eine politische Lösung, die das Überleben des Projektes möglich macht. Die SYRIZA-Führung hatte den KollegInnen mehrmals versprochen, eine Lösungsformel vor einem Gerichtsurteil zu finden. Geplant ist seit Langem ein Gesetz, das den Fall regelt, wenn ein Firmeninhaber sein Unternehmen ohne eine vorschriftsmäßige Abwicklung aufgibt. Doch das scheint nicht so leicht zu sein.

Die drohende Zwangsversteigerung


Vor Kurzem hat aber einer der Gläubiger die Liquidation der Insolvenzmasse forciert. Daraufhin hat die griechische Justiz die Eröffnung der Zwangsversteigerung angeordnet. Der erste Termin ist für den 26. November festgesetzt. Es werden die Immobilien der ehemaligen Unternehmensgruppe versteigert. Allerdings sind die Grundstücke mit Hypotheken belastet. Das wiederum bedeutet, dass die Masse kaum ausreichen wird, um die Gläubiger (Fiskus, Sozialversicherungsträger, ehemalige Mitarbeiter, Banken, Zulieferer) zu bedienen.

Die KollegInnen von VIO.ME lassen nicht locker. Die Muttergesellschaft hatte die Tochter regelrecht ausgeplündert. „Philkeram Johnson“ schuldet der „Viomichaniki Metalleftiki“ eine Summe in Höhe von ca. 1,9 Mio. €. Deshalb fordern die KollegInnen von VIO.ME vor allem die gerichtliche Untersuchung der Kontobewegungen der Familie Filippou (Eigentümerin) in den letzten 15 Jahren außerhalb der Geschäftsbuchführung der Firmengruppe. Kurios ist auch die Tatsache, dass mehrere Parzellen dem Unternehmen als Belohnung für die Schaffung von Arbeitsplätzen vom Staat geschenkt wurden.

VIO.ME versucht die Zwangsversteigerung politisch und juristisch zu verhindern. Eine Abtrennung ihres Projektes von der Gesamtmasse wäre sowohl formal als auch praktisch möglich. Das Betriebsgelände von VIO.ME macht ca. 1/7 des gesamten Grundstücks aus und der Standort liegt am äußeren Rand, was einer Separation vom Rest der Grundstücke keine Schwierigkeiten bereitet. Die Zwangsversteigerung von „Philkeram Johnson“ bedeutet zwangsläufig das Ende der selbstverwalteten VIO.ME.

Gesellschaftliche Bedeutung des VIO.ME-Projekts

Was ist eigentlich das Bemerkenswerte an dem selbstverwalteten VIO.ME-Projekt?

Angesichts der tiefen Krise der griechischen Gesellschaft ist es kaum verwunderlich, dass soziale Auseinandersetzungen in dieser Schärfe ausgefochten werden. Die Anzahl der betroffenen Personen ist bescheiden. Woher kommt also die gesellschaftliche Resonanz auf dieses Phänomen und die Solidarität mit dem besetzten Betrieb? Auf ihrer Website finden sich scharenweise Solidaritätsbekundungen. Der Name VIO.ME ist sowohl in Griechenland als auch im Ausland mittlerweile ein Synonym für Widerstand.

Es waren und sind vor allem die Prinzipien, die sie beherzigt haben und bis heute einhalten. Schon bei der Gründung ihrer Basisgewerkschaft SEVIOME, die sie nach einem ziemlich harten und konspirativen Kampf 2006 gegründet hatten, kam für sie als Organisationsform nur eine horizontale und direkte Demokratie in Frage. Die Vollversammlung war und ist immer noch das einzige Entscheidungsorgan von VIO.ME. Es wird grundsätzlich kein Entscheidungsrecht delegiert. Letzten Endes ist dieser Grundsatz ein Kernstück der Selbstverwaltung. Doch das ist noch nicht alles. Alle KollegInnen bekommen den gleichen Lohn. Es gibt keine Lohndifferenzierung. Dennoch organisieren sie einwandfrei den Ablauf der Arbeit ohne Bosse.

Ein zweiter Faktor der Anziehungskraft, die das VIO.ME-Projekt auf das klassenkämpferische Umfeld ausübt, ist die Art und Weise, wie der Kampf und der Widerstand konzipiert wurden. Hilfreich waren ihre Erfahrungen, die sie seit 2006 als Basisgewerkschaft vor der Schließung der Fabrik gemacht hatten. Ihnen war von Anfang an klar, dass ein einigermaßen erfolgreicher Kampf, nur dann möglich wäre, wenn sie die Öffentlichkeit und gesellschaftliche Solidarität für ihre Sache gewinnen könnten.

Doch wie organisiert mensch eine solche Kampagne? Die Lösung war keine Marketingstrategie, sondern die direkte und aktive Beteiligung an anderen sozialen Kämpfen. Damit hatten sie schon bald nach der Fabrikbesetzung begonnen. Innerhalb von kürzester Zeit haben sie sich mit anderen Initiativen und Kollektivgruppen des sozialen Widerstands (Beispiel: Goldabbau in Chalkidike) vernetzt und an den verschiedenen Aktivitäten teilgenommen. Gleichzeitig haben sie das gesamte linke Spektrum – einschließlich der gewerkschaftlichen Strukturen – unermüdlich für ihren Kampf agitiert. Über ihre Hilferufe nach finanzieller und materieller Unterstützung (vor allem Lebensmittel) konnten sie eine beachtliche Steigerung ihrer Popularität erreichen. Nicht zuletzt konnten sie mithilfe der inzwischen zahlreichen UnterstützerInnen ein internationales Solidaritätsnetzwerk aufbauen – ihre Website ist ein beredtes Zeugnis für die Ausstrahlungskraft des Projekts.

Aber VIO.ME ist nicht nur ein Symbol der Selbstorganisierung. Der Kampf der KollegInnen wird auch als ein radikaler Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit verstanden. Das VIO.ME-Projekt ist kein Exempel der sogenannten solidarischen Ökonomie, vielmehr ist es der Versuch, die kapitalistische Logik zu sprengen. Das verstehen intuitiv sowohl die Freunde als auch die Feinde der besetzten und selbstverwalteten Fabrik.

Die Solidaritätskarawane

Im April dieses Jahres initiierte VIO.ME ein Solidaritätsnetzwerk unter dem Namen „Karawane des Kampfes und der Solidarität“. Anfangs hatten an diesem Bündnis folgende Kollektive teilgenommen: VIOME, der freie und selbstverwaltete Sender in Thessaloniki (Radio und Fernsehen) ERT3, die Basisgewerkschaft der Zementwerke in Chalkida, die kämpfenden Putzfrauen des Athener Finanzministeriums, das Komitee der entlassenen Schulwächter/Hausmeister, suspendierte Lehrer und Lehrerinnen in Thessaloniki. Es gab eine Auftaktkundgebung in Thessaloniki und mehrere Kundgebungen in anderen Städten. Der Abschluss dieser Aktion war ein Protestmarsch zum Athener Arbeitsministerium. Im Juni organisierte die Solidaritätskarawane ein Treffen auf nationaler Ebene. In dieser Zeitspanne hatte sich die Anzahl der kämpfenden Basisgewerkschaften und Kollektivgruppen vervielfacht.

TiPP

Mehr Infos – vor allem über den Ausgang der für den 26. 11. vorgesehenen Zwangsversteigerung gibt es auf der mehrsprachigen Website von Vio.me: www.viome.org



Die Verteidigung von VIO.ME stand nicht mehr im Mittelpunkt. Höhepunkt des Treffens war der Besuch der Gewerkschaftsvorsitzenden der besetzten Fabrik DITA in Bosnien. Danach folgte die Gründung eines Ablegers der Solidaritätskarawane in Athen. Das Bündnis vereint Streikbewegungen und sozialen Widerstand. Dazu gehören der Kampf gegen den Goldabbau in Nordgriechenland, die aktive Solidarität mit den Flüchtlingen aus der Ägäis, die Verteidigung der noch übrig gebliebenen „Sozialleistungen“. Die Solidaritätskarawane versteht die Mobilisierungen nicht als Unterstützung der Verhandlungsposition von SYRIZA, sondern als Mobilisierung für den Bruch mit der Logik des Systems. Der vielversprechende Formierungsprozess der Karawane ist auch ein untrügliches Zeugnis dafür, dass VIO.ME kein einzigartiger Fall ist, sondern sich einreiht in die gesamte Situation der krisengeschüttelten griechischen Gesellschaft.

Die jetzige VIO.ME Kampagne


Die KollegInnen von VIO.ME halten sich an das altbewährte Muster der Organisierung einer breiten Kampagne. In Griechenland existiert bereits eine breite Unterstützung für die besetzte Fabrik, die weit über den Rahmen der Solidaritätskarawane hinausgeht. Der Druck der Solidaritätsbewegung auf die regierende Partei hat dazu geführt, dass 43 SYRIZA-Abgeordnete eine Anfrage zugunsten von VIO.ME im Parlament gestellt haben. Aber auch die internationale Solidarität läuft wieder an. In mehreren europäischen Städten finden Solidaritätsveranstaltungen statt und täglich erhalten die KollegInnen von VIO.ME internationale Solidaritätsadressen. Vom 17.11. bis 24.11.2015 sollen international Solidaritätsaktionen und -veranstaltungen stattfinden. Für den 24.11.2015 ist eine große Demonstration in Thessaloniki geplant und am 26.11.2015 will die Solidaritätsbewegung versuchen, den ersten Zwangsversteigerungstermin zu blockieren.

Erwähnenswert wäre noch folgende Tatsache: Im Sommer schon – noch vor der Ankündigung der Zwangsversteigerung – hatte VIO.ME ihre Hallen für die Aufbewahrung von Hilfsmitteln für die Flüchtlinge aus dem ägäischen Meer zur Verfügung gestellt. Die Positionierung der KollegInnen war eine eindeutige und entschiedene Absage an jede Form von Rassismus und Chauvinismus.

19.11.2015

Solikampagne erfolgreich!
Zwangsversteigerung verschoben!
Über 250 solidarische KämpferInnen im Gerichtsgebäude.

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