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Meine Erlebnisse mit Hartz IV oder: Wie es sich am Rande der Gesellschaft lebt (Teil II) | Drucken |  E-Mail
R. G.   
01.11.2015
In der letzten Nummer brachten wir den ersten Teil dieses Berichts eines von Hartz IV Betroffenen.

Die bleierne Zeit nenne ich die Zeit mit Hartz IV, es ist die Zeit der Wertlosigkeit. Deine erschaffenen Werte gelten nichts mehr. Du hast das Gefühl, in dieser Gesellschaft ein Niemand zu sein. Weder kannst Du an Kultur – Theater oder Kino – teilnehmen. All das, was das Leben ausmacht, bleibt Dir verschlossen.

Gut, Du kannst fernsehen. Doch, was wird Dir da geboten? Die Probleme der Reichen, bei denen die Putzfrau einen Porsche fährt. Eine Welt, die aus einem endlosen Liebesreigen besteht.

Bums, aus – irgendwo reichte es mir. Meine Bewerbungen liefen ins Leere. Wenn es Angebote gab, dann nur Mini-Jobs.

Ich ging zum Arzt, um mir etwas gegen meine Depressionen geben zu lassen. Er checkte mich durch. Nach einer Woche bekam ich einen Anruf, ich möchte noch einmal vorbeikommen. Fazit: Ich hatte Krebs.

Toll, dachte ich, jetzt wird mir alles egal. Ich fing an zu trinken. Das ging so eine Weile. Dann hörte ich wieder auf, weil die ganzen Untersuchungen anfingen. Noch hatte ich meinen Stolz nicht verloren. Dabei versuchte ich, wieder meine Selbstachtung zu gewinnen.

Die Gruppe

Bei einer 1. Mai-Veranstaltung traf ich alte Freunde wieder. Vor vielen Jahren hatte ich mit ihnen politisch zusammengearbeitet. Ich nahm Kontakt auf, besuchte die Treffen und fühlte mich nicht mehr so allein mit meinen Problemen.

Die Operation verlief gut. Heute denke ich, dass mein seelischer Zustand, meine seelische Verfassung, diesen Krankheitszustand ausgelöst hat. Aufgrund meiner beruflichen Vorbildung weiß ich: In einem kranken Körper wohnt keine gesunde Seele. Ich bekam eine Reha verschrieben und hatte viel Zeit zum Nachdenken.

Nach meiner Genesung wurde mir eine Stelle in meinem alten Beruf auf Mini-Job-Basis angeboten. Wenn Du mehr als 160 Euro verdienst, wird Dir der Rest abgezogen. Es bleiben Dir eigentlich nur 110 Euro übrig. Trotzdem hatte ich jetzt ein anderes Gefühl, ich fühlte mich durch meine kleine Tätigkeit wieder etwas wertvoller.

Neun Monate dauerte dieses Arbeitsverhältnis, dann ging die Chefin in den Ruhestand. Jetzt fing die Scheiße wieder von vorne an.
Nach unzähligen Bewerbungen schickte mich das Job-Center in ein sogenanntes Integrations-Programm für Arbeitslose ab fünfzig.

Das Programm


Dieses Programm wird von einer Privatfirma angeboten und besteht aus nichts anderem als dem Zwang, zwei Mal die Woche dort aufzutauchen und am PC Deine Stellenangebote auszudrucken. Diese musst Du dem Sachbearbeiter vorlegen. Er heftet sie in eine Mappe und legt sie dann in einen Umschlag, Briefmarke drauf und ab die Post.
Dieser ganze Quatsch dauerte vier Monate. Gehe ich davon aus, dass ein Monat 500 Euro kostet, so sind es in vier Monaten 2 000 Euro. Da wir zwanzig Leute in dem Programm waren, dürften wohl locker 40 000 Euro an Kosten angefallen sein. Bei zwei Angestellten macht diese Firma mit den Arbeitslosen einen Haufen Schotter.

Auch bei dem gemeinsamen Vorstellungstreffen war es das gleiche Bild. Menschen, die wie der lebendige Tod aussahen. Sie schienen mir sowohl physisch als auch psychisch total gestört zu sein.

Die Leiterin der Einrichtung schwadronierte herum. Sie erzählte uns, dass sie mal einem 70-jährigen Mann eine Stelle vermittelt habe. Dieser sei jetzt ganz glücklich.

Wir guckten uns ganz blöde an und ein jeder dachte jetzt wohl das Gleiche wie ich – die tickt wohl nicht mehr richtig. Des Weiteren sollten wir jetzt die Fragebögen ausfüllen und unseren Traumberuf beziehungsweise Berufswunsch eintragen. Wenn ihre zwei Söhne mit dem Abitur fertig seien, so die Leiterin, dann würde sie natürlich auch etwas Anderes machen.

Mich kotzte dieses blöde Geschwätz an. Ich sagte ihr, dass es wohl sehr zynisch sei, was sie hier veranstalte, und dass wir eine Arbeit wollen, von der wir auch leben können. Daraufhin lief sie rot an und stutzte mich mit der Bemerkung zurecht, ich solle nicht unverschämt werden.

Ich ließ nicht locker und verwies auf die vielen Zeitarbeitsfirmen, auf die schlechte Bezahlung und auf die prekären Beschäftigungsverhältnisse. Damals gab es noch nicht den Mindestlohn, und heute bekäme ein Langzeitarbeitsloser auch keinen Mindestlohn. Wobei 8,50 Euro bei einer 40-Stundenwoche gerade mal 1 360 Euro brutto seien. Davon könne kein Mensch leben. Heute seien in Deutschland fast 50 Prozent in Mini-Jobs, Zeitverträgen, Leiharbeit oder Teilzeitarbeit – Tendenz steigend.

Sie blockte ab mit der Bemerkung, das gehöre hier nicht zur Sache. Ich habe mir durch die Diskussion etwas Sympathie bei den anderen erworben.

Nachdem wir die Fragebögen ausgefüllt hatten, mussten wir unsere Unterlagen abgeben. Der Sachbearbeiter war ganz erstaunt über meine berufliche Qualifikation.

Ein Kontakt

Als ich wieder draußen auf der Straße stand, sprach mich ein Mann an. Er erzählte mir, er sei IT-Techniker und 52 Jahre alt. Er habe sein ganzes Leben gearbeitet und in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt. Es könne doch nicht sein, dass er nach einem Jahr Arbeitslosengeld nun Hartz IV bekomme. Ich stimmte ihm zu, aber er war am Boden zerstört. Man hatte ihn entlassen und einen Jüngeren genommen.

Ich versuchte noch, ihn für die Gruppe zu gewinnen, doch er hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Ich traf ihn noch ein paar Mal, aber er war dann immer alkoholisiert. Er wurde dann immer aggressiver mir gegenüber. Mir blieb nichts anders übrig, als die Beziehung zu ihm abzubrechen.

(Fortsetzung folgt)

Teil 1 lesen
Hier geht es zum ersten Teil von Meine Erlebnisse mit Hartz IV, oder: Wie es sich am Rande der Gesellschaft lebt.


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