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122 Seiten, 12 €
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Buchbesprechung: „Gleichheit ist Glück“ | Drucken |  E-Mail
Bernhard Brosius   
11.04.2015
Es ist bekannt, dass in reichen Gesellschaften ein weiteres Anwachsen des Pro-Kopf-Einkommens keine Steigerung von Lebenserwartung oder Wohlbefinden mehr bewirkt. Dennoch gibt es große Unterschiede hinsichtlich zahlreicher sozialer und gesundheitlicher Probleme zwischen diesen Ländern, die jedoch völlig unabhängig sind vom Pro-Kopf-Einkommen.

Wilkinson und Pickett verarbeiteten in ihrer 2010 auch in Deutsch erschienenen Abhandlung „Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ enorme Datenmassen von Weltbank, WHO, UNO und OECD seit 1952 über das Verhalten der Menschen und ihre Probleme in 23 hochentwickelten Industrienationen als auch zusätzlich in allen Bundesstaaten der USA.

Gesundheitliche und soziale Probleme sind Folge der Ungleichheit

Untersucht wurden in quantifizierter Form:

Angstbelastung, Selbstachtung, Vertrauen in Mitmenschen, sozialer Status der Frau, Entwicklungshilfeausgaben, Häufigkeit psychischer Erkrankungen, Drogenkonsum, Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit, Fettleibigkeit unter Erwachsenen, Fettleibigkeit unter Jugendlichen, schulische Leistungen der Kinder, Häufigkeit von Schulabbrüchen, Teenagerschwangerschaften, Mordrate, Konflikterfahrung von Kindern, Gefängnisbelegung, soziale Mobilität, ökologischer Fußabdruck, Bereitschaft zum Recyceln von Müll.

Darüber hinaus wurde aus all diesen Einzeldaten ein ‚Index der gesundheitlichen und sozialen Probleme‘ für jedes untersuchte Land und jeden US-Bundesstaat erstellt, gewissermaßen eine soziale Kennziffer. Hinsichtlich all dieser Probleme gibt es große Unterschiede zwischen den Ländern und zwischen den US-Bundesstaaten, aber keinen Zusammenhang zu deren Reichtum oder zum durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen (S. 27). Die Unterschiede in all den genannten sozialen und gesundheitlichen Problemen korrelieren jedoch deutlich mit der Ungleichheit innerhalb der Staaten: Je größer die Einkommensunterschiede innerhalb eines Landes oder US-Bundesstaates sind, umso größer sind auch die sozialen und gesundheitlichen Probleme der Menschen, und zwar aller Menschen – nicht nur in den unteren Schichten!

Da keine Daten zu Vermögensunterschieden (!) oder Bildungsunterschieden vorliegen, konnten nur Einkommensunterschiede gemessen werden, in der Regel das Verhältnis zwischen dem Einkommen der reichsten und der ärmsten 20 % der Bevölkerung. Die Methoden zur Messung der Ungleichheit hatten jedoch keinen Einfluss auf die Ergebnisse: Ob die jeweils oberen und unteren 10 %, 20 % oder sogar 50 % miteinander verglichen wurden, oder ob man den sogenannten Gini-Koeffizienten als Maß für die Ungleichheit verwendete: Die Ergebnisse waren stets die gleichen (S.29 – 32).

Alle oben aufgeführten Probleme, die gehäuft in den unteren sozialen Schichten auftreten, betreffen in Gesellschaften mit großer Ungleichheit alle sozialen Schichten, auch die oberen, viel stärker als in Gesellschaften mit geringerer Ungleichheit (S.33, 207 – 215). Durch Hinzuziehen weiterer Untersuchungen gelang es den Autoren, auch die Zusammenhänge herauszufinden und zu erklären, wie die Ungleichheit diese Probleme hervorruft. Als entscheidend stellten sich heraus die Auswirkungen der Ungleichheit auf das Selbstwertgefühl des Einzelnen und auf seine Sicherheit durch soziale Vernetzung (S.54 – 60, 98). Beide werden in Gesellschaften mit großer Ungleichheit nachhaltig gestört.

Ungleichheit zerstört die Würde des Menschen

So nehmen mit steigender Ungleichheit Angstpegel, Depressionen und psychische Erkrankungen stark zu: 1993 hatten Kinder in den USA intensivere Ängste als Psychiatriepatienten in den 1950er Jahren (S.49 – 50).
 
Kein Wunder, dass die Antworten auf die Frage:

„Stimmen Sie der Aussage zu: ‚Den meisten Menschen kann man vertrauen.‘?“

deutlich von der Ungleichheit in der Gesellschaft abhingen. In Ländern und US-Bundesstaaten mit geringer Ungleichheit antworteten über 60 % der Bevölkerung mit ‚Ja‘, in Gesellschaften mit großer Ungleichheit nur 10 % – 17 %! (S.69 – 70). In den USA antworteten 1960 noch 60 % mit ‚Ja‘, 2004 nach dem Siegeszug des Neoliberalismus weniger als 40 % (S. 71).
Doch wie sollen Menschen miteinander kooperieren, wenn sie von Ängsten gepeinigt werden und ihren Mitmenschen misstrauen? Denn „Vertrauen ist die Voraussetzung für die Kooperationsbereitschaft der Menschen“ (S. 73). Wilkinson und Pickett fragen, was es bedeuten mag, „in einem Land zu leben, in dem 90 % der Menschen dem anderen nicht über den Weg trauen“ (S.70).

Andererseits können wir fragen: Was mag es bedeuten, in einer Gesellschaft zu leben, in der es überhaupt keine Ungleichheit mehr gibt, in einer egalitären Gesellschaft?

Je größer die Ungleichheit in einem Land ist, umso drastischer können kleine Einkommensunterschiede größere Verschiebungen im Status und Selbstwertgefühl bewirken. Wenn die soziale Ungleichheit steigt, wird es also immer wichtiger, den eigenen Erfolg zu betonen. „Die Bescheidenheit kommt dabei unter die Räder. Der Mensch zeigt sich nach außen immer härter und stärker. […] Der Mensch wird […] kritik­unfähig, ihm geht die Einsicht in die eigenen Fehler ebenso verloren wie die Fähigkeit, persönliche Beziehungen zu unterhalten.“ (S. 60). Die Folge: „In Gesellschaften mit größerer Ungleichheit ist das Leben härter und unfreundlicher.“ (ebd.).

Immer wieder zeigen die Studien, dass die Ursachen der Probleme nicht vorrangig materieller Art sind. Beispielsweise gibt es keine Korrelation zwischen Eigentumsdelikten und Ungleichheit (S. 159). Umso deutlicher ist die Korrelation zwischen Mordrate und Ungleichheit (S.153 – 169). Und die Ursache der Tötungsdelikte ist fast immer das Gefühl der Wertlosigkeit – die Unfähigkeit, einen Gesichtsverlust aushalten zu können, ohne gewalttätig zu werden (S.165, 169). „Gewalttaten bedeuten den Versuch, ein Gefühl der Erniedrigung und Schande abzuwehren oder zu tilgen. […] Ein Psychiater behauptet, ihm sei noch nie ein Fall schwerer Gewaltanwendung untergekommen, bei dem die Tat nicht durch Erniedrigung und Beschämung ausgelöst wurde und bei dem es nicht darum ging, den Gesichtsverlust zu kompensieren.“ (S. 157). Überdies zeigte sich: „In Gesellschaften mit größerer Ungleichheit erleben Kinder mehr Streit, Einschüchterung und körperliche Auseinandersetzungen. Und Gewalterfahrung in der Kindheit ist ein sicherer Indikator für spätere Gewaltbereitschaft.“ (S. 166). Und auch im Zusammenhang mit Gewalttätigkeit geht die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung verloren: „Je größer die Gewalt in einer Gesellschaft, umso mehr Menschen sind davon überzeugt, bei einer Schlägerei zu den Gewinnern zu zählen.“ (S. 166).

Gleichheit erzeugt Menschlichkeit

Diese von Wilkinson und Pickett herangezogenen Studien der Weltbank zu den verschiedenen Aspekten der Gewalt, durchgeführt in 50 Ländern von 1970 bis 1994 (S. 159) zeigen, dass es die Verhältnisse in Schulen und Wohnvierteln sind, durch welche die Ungleichheit in der Gesellschaft aus normalen Jugendlichen Gewalttäter macht (S.163 – 164). Sie zeigen aber auch, wie schon geringe Veränderungen zu mehr Gleichheit große Verminderungen in der Zahl der Tötungsdelikte nach sich ziehen (S. 169).

Die Abhängigkeit der Hilfsbereitschaft von der Ungleichheit zeigt sich sogar noch in einer gänzlich unpersönlichen Beziehung: Je größer die Gleichheit in einer Gesellschaft, umso größer ist der Anteil der Entwicklungshilfe am BIP dieses Staates (S.78 – 79).

Bereits diese vier ausgewählten Aspekte – Angstbelastung, Vertrauensniveau, Zahl der Tötungsdelikte, Hilfsbereitschaft – zeigen durch ihre Korrelation mit der gesellschaftlichen Ungleichheit:

Die Gleichheit in einer Gesellschaft ist jenes Kennzeichen der Sozialstruktur, das im Zusammenhang steht mit der Menschlichkeit der Gesellschaft.

Es gibt einen empirischen Zusammenhang zwischen Menschlichkeit und Gleichheit in einer Gesellschaft!

TiP
Richard Wilkinson, Kate Pickett, 2010,
„Gleichheit ist Glück – Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“,
Haffmans & Tolkemitt-Verlag
368 Seiten, 19,90 €

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