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Buchbesprechung: „Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand“ | Drucken |  E-Mail
Ingrid Kohlhas   
10.10.2014
In vielen Dokumentationen, Zeitungsartikeln, Veröffentlichungen und Ausstellungen wurde des hundertsten Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegs gedacht. Der Erste Weltkrieg war der Supergau der bürgerlichen Gesellschaft und noch heute schmerzt die kampflose Kapitulation von Sozialdemokraten und Gewerkschaften vor dem europaweiten Nationalismus und Militarismus. Anders als die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wird der 25. Jahrestag des Anschlusses der DDR an die BRD von zahlreichen Medien und der herrschenden Politik dazu benutzt werden, die kapitalistische Wirtschaftsweise als alternativlos dazuzustellen.

Viele Menschen haben jedoch erkannt, dass das auf Ausbeutung, Konkurrenz und Profitmaximierung basierende kapitalistische Wirtschaftssystem Ursache für Armut, Ungleichheit und die ökologische Krise des Planeten Erde ist. Vielen Kapitalismus- und Wachstumskritiker­Innen mangelt es jedoch an einer alternativen gesellschaftlichen Perspektive.

Die Alternative heißt Planwirtschaft und Sozialismus

Deshalb ist auch für Sozialist­Innen die kritische Auseinandersetzung mit den nachkapitalistischen Gesellschaften von großem Interesse. Die Oktoberrevolution 1917 hatte die Aufgabe, eine Utopie zu verwirklichen, für die es in der Geschichte keine realen Vorbilder gab. Fast ein Jahrhundert später befinden wir uns in einer besseren Ausgangsposition. Planwirtschaftlich organisierte Gesellschaften haben in Osteuropa über Jahrzehnte überlebt.

Die Niederlagen dort und die Restauration des Kapitalismus sind bitter. Verunglimpfungen und Schwarz-Weiß-Malereien dürfen jedoch nicht davon abhalten, diese Wirtschaftssysteme zu untersuchen und aus den Erfahrungen der Menschen mit diesem System zu lernen. Die Recherche von Dirk Laabs über die Treuhand kann dabei hilfreich sein.

Bereits zu Beginn des Jahres 1990 nach der Öffnung der Grenzen geraten die Betriebe der DDR in eine schwere Krise. Die Betriebe beliefern sich nicht mehr gegenseitig und zahlen ihre Schulden nicht mehr, die Läden ordern keine in der DDR produzierten Waren mehr, ArbeiterInnen fordern ihr Gehalt in DM, die Auflösung des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe), ein wirtschaftlicher Zusammenschluss der Länder des ehemaligen Ostblocks, führt zum Verlust von Kunden, zum Beispiel für in der DDR produzierte Fahrzeuge. Die Sowjetunion verlangt, dass die Öllieferungen in Dollar bezahlt werden, hinzu kommt eine Auswanderungswelle in den ­Westen.
 
Verglichen mit den neoliberalen Privatisierungen (etwa der Bahn) im Westen erfolgt die Privatisierung von Staatseigentum in der DDR (wo es so gut wie kein Privateigentum an Produktionsmitteln gibt) im Zeitraffer. Die Volkskammer passt in Windeseile die Gesetzgebung an die der BRD an.

Lothar Späth, Präsidiumsmitglied der CDU, fordert in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung die bedingungslose wirtschaftliche Kapitulation der DDR. Das gesamte Vermögen der DDR geht in das Eigentum der Treuhand über. Die Treuhand war für 15?000 Betriebe und vier Millionen Beschäftigte zuständig. Dirk Laabs stellt in dem Buch seine umfangreichen Recherchen zum Ausverkauf der ehemaligen DDR durch eine vollständig überforderte Treuhand vor. Darüber hinaus zeichnet er ein aufschlussreiches Bild des Wirtschaftssystems der ehemaligen DDR mit zahlreichen Quellenhinweisen. Der Stern schreibt zu dem Buch: „Laabs Buch ist minutiös recherchiert und spannender als ein Krimi…“ Letzteres ist leider die Schwäche seiner Darstellungen. Der Autor orientiert sich an dem Format von Dokumentarfilmen, in denen oft eine künstliche Spannung erzeugt wird. So ist sein Buch streng chronologisch aufgebaut ohne eine erkennbare Schwerpunktsetzung. Der Schrift fehlt eine Systematik, die das Verständnis erleichtern würde. Der Leser oder die Leserin muss sich die Zusammenhänge selbst herstellen. Die chronologische Darstellung zerreißt Zusammenhänge, statt sie aufzuzeigen. Die unklaren Kapitelüberschriften machen es fast unmöglich, das Buch als Nachschlagwerk zu nutzen. Dazu passt, dass es kein Stichwortverzeichnis gibt. Ich finde dies sehr schade und würde die Lektüre trotz dieser Schwäche allen empfehlen, die sich mit der Geschichte der Treuhand auseinandersetzen möchten, aber auch allen, die gern Krimis lesen.

Das Buch...
Dirk Laabs, Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand, München, 2012, Pantheon

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