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Die Unsichtbaren sichtbar machen – Frauen in der Reinigungsbranche | Drucken |  E-Mail
Avanti   
01.07.2014
Irene Hüfner war lange Jahre als Reinigungskraft beschäftigt und engagiert sich seit Jahrzehnten als aktive Gewerkschafterin für die Rechte der Beschäftigten in der Gebäudereinigung. Sie tritt ein für menschenwürdige Löhne und Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt für die Aufwertung des Berufs der GebäudereinigerInnen. Irene fordert eine angemessene Wertschätzung dieser Arbeit, die überwiegend von Frauen verrichtet wird. Avanti hat mit ihr im Juni 2014 ein Interview geführt.

Avanti: Welche Ausbildung haben die Frauen, die in der Reinigungsbranche arbeiten?


Irene: Im Gegensatz zu den Männern, die in der Reinigungsbranche beschäftigt sind, arbeiten Frauen zu 100 % in der Unterhaltsreinigung1, wo eine Ausbildung im Gebäudereinigerhandwerk nicht zwingend notwendig ist.

Das heißt nicht dass die Frauen keine Ausbildung haben. Sie haben Gebäudereinigung nicht gelernt, sondern sich die Fähigkeiten selbst angeeignet. Sie sind zumeist gelernte Verkäuferinnen, Friseurinnen, Krankenschwestern und Büroangestellte. Trotzdem leisten Sie eine qualitative Bestleistung in der Reinigung. Bei den ausländischen Frauen finden wir sogar Frauen, die ein Studium gemacht haben. Ihr Problem ist die fehlende Kenntnis der deutschen Sprache, was ihnen den Weg in einen anderen Beruf verbaut. Es gibt auch ungelernte Kräfte, die sind aber in der Minderheit.

Wie sieht derzeit die Arbeitssituation von Frauen in der Reinigungsbranche aus, und wie unterscheidet sie sich von Männern in dieser Branche?

Die Arbeitssituation ist für Frauen und Männer gleich schwierig. Es fehlt die Annerkennung und Wertschätzung für diesen Beruf. Männer tun sich da etwas leichter. Sie machen ihren Job und haben Spaß, wenn sie fertig sind. Frauen sind da kritischer und stellen auch bei der Reinigung sehr hohe Ansprüche an sich. Sie sind selten stolz darauf, dass sie ihr Geld mit Putzen verdienen.

Was sind die größten Probleme der weiblichen Reinigungskräfte?


Das größte Problem ist die Erhöhung der zu reinigenden Quadratmeter nach jeder Tarifrunde. Die Frauen leiden mehr darunter, dass die geforderte Leistung nicht mehr zu 100 Prozent zu schaffen ist, als dass sie sich über die damit verbundene Lohnsenkung aufregen. Das heißt nicht, dass ihnen das Geld egal ist. Es bedeutet vielmehr, dass die Frauen länger arbeiten oder früher anfangen zu arbeiten, weil sie ihre Leistung wie vor 15 Jahren noch schaffen wollen, und sie arbeiten im Rennschritt. Für mich ist das Akkord, obwohl es in der Gebäudereinigung eigentlich keinen Akkord gibt. Hier werden die Frauen ausgenutzt, aber die Frauen lassen das auch zu.

Welche Schwierigkeiten gibt es, die Frauen gewerkschaftlich zu organisieren?

Die Kolleginnen führen viele Hindernisse für den Eintritt in die Gewerkschaft an, vom Gewerkschaftsbeitrag bis: „Mein Chef kündigt mir dann“. Oft drehen und wenden sie sich mit Argumenten, die einfach nur vom Nicht-Wissen her kommen. Vielfach liegt die Schwierigkeit darin, den ersten Schritt zu wagen und die Gewerkschaft zu nutzen, um sich das Wissen anzueignen, das noch fehlt, um die eigenen Rechte und Möglichkeiten richtig kennen zu lernen. Das kostet natürlich auch Geld.

Vielen fehlt auch das solidarische Denken, und sie meinen: „Ich brauch' niemand“. Dabei kann eine einzelne keine Lohnerhöhung durchsetzen. Die Gewerkschaft beschäftigt Fachleute, die für unsere Rechte eingesetzt werden und es sind Fachleute, die die Forderungen der Ehrenamtlichen durchsetzen: Tariferhöhungen, Tarifurlaub, Krankenschutz und Unterstützung in allen beruflichen Fragen. Um die Gewerkschaft beweglich und handlungsfähig zu halten, brauchen wir viele Mitglieder. Wir können uns keinen Personalabbau in den Gewerkschaften leisten, wir haben sonst keine fachliche Unterstützung mehr bei unseren Forderungen. Das Recht auf Arbeit und ausreichenden Lohn. Auf menschenwürdiges Arbeiten.

Wir brauchen doch nur nach China, Indien und Japan zu schauen, um nur einige Länder zu nennen. Wie sind dort die Arbeitsverhältnisse, vor allem von Frauen, und in welcher Situation befinden die Menschen sich? Das, was wir in Deutschland erreicht haben, konnte nur erreicht werden, weil die Arbeiter und Arbeiterinnen sich in der Gewerkschaft zusammengeschlossen und gekämpft haben.

Welche Beispiele gibt es für erfolgreiche Aktionen von Reinigungskräften?

Die Aktionen im Rahmen von ,,Wir sind mehr wert“2, ,,Theater für Tarif“3 und ,,Sauberkeit hat ihren Preis“4 haben eine positive Wirkung für die Beschäftigten in der Reinigungsbranche gehabt.

Was waren die Voraussetzungen für den Erfolg? Wer bzw. was hat dabei geholfen?

Die Voraussetzungen waren und sind schlicht und einfach:
  • Durchhalten, auch wenn das Ergebnis noch so klein ist.
  • Solidarität von Menschen, die nicht aus der Reinigung sind.
  • Mut, raus in die Öffentlichkeit zu gehen und sich mit den Forderungen zu zeigen.
In der Reinigungsbranche gibt es bereits seit 2007 einen Mindestlohn. Wie sind die Erfahrungen damit?

Vom derzeitigen Mindestlohn in der Gebäudereinigung [9,55 Euro in West- und 8,21 Euro in Ostdeutschland] kann kein Mensch ohne weitere Unterstützung leben.

Welche Rechte gilt es zusätzlich zu einem angemessenen Mindestlohn zu erkämpfen?

  • Gute Reinigung ist ihr Geld wert und zurück zur Qualität.
  • Angemessene Zeit für die Reinigung.
  • Saubere Arbeitsverträge, keine Zeitbefristung.
Welches sind Deine eigenen Aktivitäten?

Eine meiner Aktivitäten ist die Ausstellung ,,Wer putzt den Pott?!“ lebendig zu halten. Seit September 2010 zeige ich alte und ausgediente Reinigungsautomaten und Geräte in einer Wanderausstellung. Ich will mit der Ausstellung zum einen auf einen Beruf aufmerksam machen, der eine dreijährige Ausbildung voraussetzt und zum anderen die unsichtbare Arbeit von Reinigungskräften sichtbar machen. Außerdem wird bei jeder Ausstellung ein aktuelles Thema in einer besonderen Veranstaltung zur Reinigung angeboten. Das wird von den Gewerkschaften IG BAU, ver.di und NGG unter der Leitung von Arbeit & Leben VHS/ DGB unterstützt. Wie man sieht, bin ich auch hierbei auf Unterstützung und Solidarität angewiesen.

Was möchtest Du gerne mit Deinen Aktivitäten erreichen, was sind Deine konkreten Ziele?

Vor allem will ich die Dienstleistung Reinigung aufwerten. Es soll sich ein Beruf entwickeln, der auch für junge Menschen attraktiv ist. Für Reinigungskräfte wünsche ich mir, dass jede, die es will, sich im Reinigungsgewerbe als Seiteneinsteigerin schulen lassen kann, um als angelernte Reinigerin einen höheren Tariflohn beanspruchen zu können.

Ich möchte gerne, dass ein altes Gewerbe seine Geschichte im Museum sichtbar macht. Und ich wünsche mir, dass eine Gebäudereinigerschule in Oberhausen ihren Platz bekommt.

Die Fragen stellte Petra Stanius.

1 Sich wiederholende Reinigungsarbeiten nach festgelegten Zeitabständen. Die Unterhaltsreinigung erhält den gewünschten oder geforderten Zustand der Räume. Typische Arbeiten sind Staubwischen, Staubsaugen, Fußböden wischen, Nassreinigung der Sanitärobjekte und Abfallbeseitigung.

2 Langfristige Kampagne von ver.di.

3 Ein Bühnenstück von Reinigungskräften für Reinigungskräfte,Veranstaltungsreihe der IG BAU im Rahmen der Tarifverhandlungen 2013.

4 Langfristige Kampagne der IG BAU speziell für die Interessen der Beschäftigten im Reinigungsgewerbe.



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