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Arbeitszeitverkürzung: Das Gebot der Stunde | Drucken |  E-Mail
Pidder Lüng   
01.06.2014
Ein Bericht über den Kongress am 10. Mai in Hamburg

Am 10. Mai 2014 verabschiedete der Kongress „Arbeitszeitverkürzung – ein Weg aus der Krise?“ mit ca. 200 Teilnehmenden am Schluss unter großem Beifall die Abschlusserklärung (Extra-Kasten). Zuvor hatten die Anwesenden an einem abwechslungsreichen Programm aus Podiumsdiskussionen und Workshops mitgewirkt. Basisaktive unterschiedlichster Herkunft und Motivation hatten diesen Kongress als einen Kongress von unten organisiert.


Schon vor Beginn hatte der Kongress Konsequenzen: Der Hamburger ver.di-Landesbezirksvorsitzende Wolfgang Abeln, bei Aktiven als gewerkschaftlicher Rechtsausleger verschrien, war zurückgetreten und hatte als einen der Gründe genannt, dass er im Landesbezirksvorstand überstimmt wurde, als es darum ging, den Kongress mit 1.000 Euro aus der Gewerkschaftskasse zu unterstützen. Eine Sitzung vorher war es ihm noch gelungen, den entsprechenden Antrag gar nicht erst zu befassen. Dass es einen Monat später den gleichen Antrag dann prompt noch einmal gab, empörte ihn auf’s Äußerste. Pikant ist das vor dem Hintergrund, dass die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei ver.di auf Bundesebene Beschlusslage ist.

Es zeigt aber auch, dass die Forderung Potential hat: Einerseits mobilisiert sie, andererseits polarisiert sie auch.

Eröffnet wurde die Veranstaltung durch eine Podiumsdiskussion, bei der die Vielschichtigkeit des Themas deutlich wurde: Arbeitszeitverkürzung betrifft vollzeitbeschäftigte Erwerbstätige genau so wie Erwerbs- lose und Unterbeschäftigte, die sich von einem prekären Job zum nächsten hangeln müssen, ohne sicher sein zu können, auch morgen noch über die Runden zu kommen.

Diskutiert wurde das Thema nicht nur aus dem nationalen Blickwinkel, sondern auch hinsichtlich seiner globalen Auswirkungen. Gerade dazu gab es eine Kontroverse auf dem Podium zwischen den Professoren Bontrup und Paech, die das Thema zwar recht akademisch, aber in einem herzhaften Streit austrugen, was manchen im Publikum zu viel wurde.

In zwei anschließenden Workshop-Phasen wurden insgesamt 26 Arbeitsgruppen angeboten, was den Eindruck von der Breite des Themas noch mal vertiefte. Da ging es um Arbeitszeit und Gesundheit, um verkehrspolitische Aspekte, aber auch um betriebliche und gewerkschaftliche Praxis.

Beim Abschlusspodium ging es ans Eingemachte: „Wie durchsetzen?“ war die von den OrganisatorInnen vorgegebene Fragestellung. Hier wurde in kurzer Zeit eine Menge klar:

Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung ist nur dann sinnvoll, wenn sie verknüpft wird mit der nach vollem Lohn- und Personalausgleich. Dann aber hat sie das Potential, die Machtfrage zu stellen. Einig waren sich alle darin, dass es einerseits nicht geht, dass einzelne Gewerkschaften diese Forderung allein in einer Tarifrunde durchsetzen. Andererseits sind hierzulande gerade Tarifrunden das gewerkschaftliche Mittel schlechthin.

Die Forderung breit in der Gesellschaft zu verankern, eine umfassende Bewegung zu organisieren und die Tarifrunden sinnvoll in das Gesamte einzufügen: Das wird die Herausforderung sein, der sich alle stellen müssen. Hier wurde auch ein Unterschied zur 35-Stunden-Wochen-Kampagne deutlich:

Der Ansatz beginnt jetzt von vornherein mit einer größeren gesellschaftlichen Breite. Dass das den Teilnehmenden bewusst ist, zeigt auch der Wortlaut der Abschlusserklärung. Das Spektrum der Kongressteilnehmerinnen und -teilnehmer spiegelte das wider. So ist die Hoffnung auf eine Bewegung, die möglichst viele verschiedene politische wie soziale Bereiche umfasst, nicht bloß abstrakt.

Der Chor Hamburger Gewerkschafter rundete den Kongress mit seinem musikalischen Programm ab. Einen Extra-Beifall gab es für die Aktualisierung der „8-Stunden-Marseillaise“ zu einer 6-Stunden Marseillaise.

Abschlusserklärung des Kongresses „Arbeitszeitverkürzung – ein Weg aus der Krise?“ am 10. Mai 2014 in Hamburg
Umverteilung der Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung ist das Gebot der Stunde. Eine deutliche Arbeitszeitverkürzung in großen, schnellen Schritten, bei vollem Lohn- und Personalausgleich.

Die Kongressteilnehmer und -teilnehmerinnen sind zwar unterschiedlicher Meinung, ob das die Lösung der Krise ist. Einigkeit besteht jedoch darin, dass es ohne diese Umverteilung nicht zu einer Lösung der Krise kommen wird, sondern zu einer weiteren Vertiefung der sozialen Spaltung. Zusätzlich würde sich die Ungleichheit unter den abhängig Beschäftigten verschärfen: Hier die einen, die so viel arbeiten, dass sie davon krank werden, dort die anderen, die entweder keine Arbeit bekommen oder sich von einer prekären Beschäftigung zur nächsten hangeln müssen. Eine radikale Arbeitszeitverkürzung hingegen würde Ressourcen freisetzen, damit Menschen sich um die Belange dieser Gesellschaft kümmern können, und daran arbeiten, die ökologische, wirtschaftliche und politische Bedrohung abzuwenden, welche diese Krise darstellt.

Der Kongress appelliert daher an alle Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter, Mitglieder von Sozialverbänden, politischen Organisationen und Parteien, an Interessenvertretungen und sozial engagierte Menschen:

Tragt die Diskussion um die Umverteilung der Arbeitszeit in alle Winkel unserer Gesellschaft, mit dem Ziel, daraus eine breite, solidarische Bewegung entstehen zu lassen.


http://www.kongress-azv2014.de


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