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Das Ende des Schweigens | Drucken |  E-Mail
Harry Tuttle   
01.03.2014
Tiefgreifende Verbesserungen hat die arabische Frauenbewegung noch nicht erkämpfen können, doch das Patriarchat hat seine Selbstverständlichkeit verloren.

„Ich musste für diese Rolle nicht lange üben“, sagt die 23jährige Enam, die auf der improvisierten Theaterbühne nahe Minya eine Frau spielt, die ihre Schwiegertochter terrorisiert. „Ich habe nur beobachtet, was meine Mutter erlebt hat.“ Wie fast alle Frauen, die bei den interaktiven Stücken einer freien Theatergruppe über die Diskriminierung, Benachteiligung und Gewalt mitspielen, hat sie ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Einer Umfrage des Nadeem Center for Rehabilitation of Victims of Violence zufolge haben 79 Prozent der Ägypterinnen häusliche Gewalt am eigenen Leib erfahren. Nicht immer sind die Täter Männer. Die Regeln des Patriarchats werden oft von Frauen durchgesetzt, die als „Umm“ (Mutter) von Söhnen eine Führungsrolle im Haushalt von deren Ehefrauen übernehmen. „Ich identifiziere mich eher mit der Schwiegermutter“, bekennt Umm Ali. „Wenn du geschlagen wirst, schlägst du selbst zu.“

Wie kann der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden? Die Theaterstücke und Rollenspiele sollen Frauen zunächst helfen, sich ihrer Lage bewusst zu werden und Diskussionen anregen. Minya ist kaum mehr als 200 Kilometer vom Tahrir-Platz in Kairo, dem Zentrum der Revolution, entfernt. Doch für die meisten Frauen hier könnten es ebenso gut 200 Lichtjahre sein, denn nicht nur direkte patriarchale Gewalt schränkt ihre Freiheit ein. In Minya beginnt Oberägypten, der Said, eine Region, die ökonomisch benachteiligt wird und sogar den selbst nicht gerade fortschrittlichen Patriarchen des Nordens mit seinen urbanen Zentren und Industriestädten als gesellschaftlich rückständig gilt.

Wie viele Frauen in den malerischen, aber bitterarmen Dörfern am Ufer des Nils wissen, dass die neue Verfassung die „Gleichheit zwischen Männern und Frauen“ festschreibt? Selbst lesen können die meisten von ihnen das Dokument nicht, denn 63 Prozent der Ägypterinnen sind Analphabetinnen, und im Said ist dieser Anteil noch wesentlich höher. Revolutionäre Gruppen arbeiten oft mit Theater- und Filmvorführungen, um analphabetische Bevölkerungsgruppen zu erreichen.
Balance der Pflichten
Dass die neue Verfassung relativ weitgehende Rechte für die Frauen beinhaltet, ist ein Zugeständnis an die revolutionäre Bewegung. Selbst die reaktionäre Formulierung, dass Frauen die „Balance zwischen beruflichen und familiären Pflichten“ halten müssen, stellt implizit eine Anerkennung ihres in der gesellschaftlichen Praxis oft verweigerten Rechts auf Erwerbstätigkeit dar, das zudem, wie die Teilhabe an Verwaltung und Politik, explizit festgeschrieben wurde. Auch die Notwendigkeit des Schutzes der Frauen vor „allen Formen der Gewalt“ hat Verfassungsrang. Allerdings sollen die „Prinzipien der Sharia“ weiterhin die „Hauptgrundlage der Gesetzgebung“ sein.

Ähnlich widersprüchlich ist die neue tunesische Verfassung, in der die Sharia nicht erwähnt, der Islam aber zur Staatsreligion erklärt und die „arabisch-islamische Identität“ festgeschrieben wird. Die Gleichheit von Männern und Frauen hat ebenso Verfassungsrang wie die Teilhabe von Frauen an der Politik, ein explizites Diskriminierungsverbot hingegen gibt es nicht. Unter dem relativ aufgeklärten Absolutismus Bourgibas waren den tunesischen Frauen nach 1956 vergleichsweise viele Reche zugesprochen worden, doch auch in diesem Land sind mehr als ein Drittel der Frauen analphabetisch.

Während die ägyptische Verfassung unter der Vorherrschaft des Militärs ausgearbeitet wurde, entstand die tunesische in langwierigen Verhandlungen zwischen der islamistischen Partei al-Nahda und überwiegend linksliberalen Parteien. Sowohl Militär und Bürokratie des alten Regimes als auch Islamisten sind Kräfte der Konterrevolution, in beiden Fällen gibt die Verfassung somit ein labiles Machtverhältnis wieder. Revolutionäre Ideen finden sich in den Verfassungen wieder, konterkariert von der Bezugnahme auf eine als traditionell imaginierte „Identität“, die religiös konnotiert wird.

Doch eine einfache Frontstellung gibt es im Kampf um Frauenrechte nicht. Dass die formale Anerkennung von Frauenrechten in der Praxis oft unterlaufen wird, ist ein aus der westlichen Linken bekanntes Phänomen, das auch arabische säkulare Gruppen prägt. So treten Frauen zwar in Journalismus, Kultur und Wissenschaft stärker hervor, sind aber in politischen Organisationen weiterhin stark unterrepräsentiert. Zudem gibt es zwar intensive Bemühungen vieler Gruppen, die bislang noch weitgehend vom revolutionären Prozess ausgeschlossenen Gruppen, vor allem Landbevölkerung und städtische Arme, zu integrieren. Vor allem im liberalen Milieu der Mittel- und Oberschicht ist jedoch auch Klassen- und Standesdünkel verbreitet.
Verwirrte Patriarchen
Andererseits sind die Kräfte des Patriarchats zersplittert und desorientiert. Das erbitterte Ringen zwischen Islamisten und Anhängern der alten Ordnung um die „richtige“ Interpretation der islamisch-arabischen Identität dürfte letztlich beide Seiten Glaubwürdigkeit kosten. Überdies haben mittlerweile die meisten Konterrevolutionäre die Notwendigkeit der Erwerbsarbeit von Frauen erkannt, ohne die ihre Länder im kapitalistischen Wettbewerb noch weiter zurückfallen. Diese widerwillige Einsicht spiegelt sich in der Formel von der „Balance“ zwischen familiären und beruflichen „Pflichten“ wieder, denn auch der bornierteste Patriarch ahnt, dass sich eine ökonomisch unabhängige Frau nicht so leicht herumkommandieren lässt.

Drei Jahre nach dem Beginn der arabischen Revolten sind zwar noch keine tiefgreifenden Verbesserungen zu verzeichnen. Es wird wohl noch lange dauern, bis der verfassungsmäßige Schutz vor Gewalt die Ägypterinnen vor der Genitalverstümmelung schützt, der noch immer mehr als 90 Prozent von ihnen unterworfen werden. Aber es gibt nun überall Widerstand. Das Schweigen wurde gebrochen, Patriarchat und sexualisierte Gewalt haben ihre Selbstverständlichkeit verloren.
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