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Amazon: Auf zukünftige gewerkschaftliche Kämpfe neu einstellen | Drucken |  E-Mail
Paul Brandt   
02.03.2014
Seit Mitte des letzten Jahres gibt es Auseinandersetzungen zwischen der Gewerkschaft ver.di und dem Versandhandelsunternehmen Amazon. In Deutschland arbeiten rund 10.000 festangestellte Kolleginnen und Kollegen in inzwischen acht Standorten, von denen Bad Hersfeld und Leipzig zu den größten gehören.

Zusätzlich setzt Amazon noch bis zu 13.000 Aushilfskräfte für die Arbeit in den Versandhandelszentren ein. Der Onlinehandel boomt, Amazon konnte seinen Umsatz aus dem Jahr 2010 bis zum Jahr 2012 um 60 % erhöhen – und er nimmt weiter zu, Deutschland ist nach den USA der wichtigste Absatzmarkt.

Das zentrale Ziel von ver.di ist ein Tarifvertrag zu den Bedingungen des Einzel- und Versandhandels für die Kolleginnen und Kollegen bei Amazon. Amazon, Weltmarktführer des Onlinehandels, lehnt dies ab und richtet sich nach den Tarifen der Logistikbranche, deren Tariflöhne deutlich unter denen des Einzel- und Versandhandels liegen. So beträgt der Tariflohn in Hessen beispielsweise 12,18 € gegenüber 9,83 €, den Amazon zahlen will, in Sachsen 10,66 € gegenüber 9,30 € bei Amazon.

Zur Durchsetzung ihrer Ziele gab es Mitte letzten Jahres unter Führung von ver.di in Leipzig und Bad Hersfeld  erste Streiktage. Kurz vor den Weihnachtsfeiertagen kam es dann zu erneuten Streiktagen. Damit sollte ein ökonomischer Druck erzeugt werden, um die Unternehmensleitung zu Verhandlungen mit der Gewerkschaft zu bewegen. Der erhoffte Druck blieb  aus, die Unternehmensleitung sah sich keineswegs gezwungen, mit der Gewerkschaft Verhandlungen auf der Basis ihrer Forderungen aufzunehmen. Im Gegenteil: Der Deutschland-Chef von Amazon betonte nochmals, dass Amazon keinerlei Anlass sehe, mit ver.di in Verhandlungen zu treten. Man rede lieber direkt mit den Mitarbeitern. Das ist eine Kampfansage. Mit dem massiven Einsatz von ZeitarbeiterInnen und Aushilfen gelang es der Unternehmensleitung leicht, die Streikmaßnahmen der mutigen Kolleginnen und Kollegen auszuhebeln. Dort, wo Arbeitsplätze rar sind und das Lohngefälle ohnehin niedrig, finden sich schnell Menschen, die sich wirtschaftlich genötigt sehen oder aus miserablem Bewusstsein heraus den Streikenden in den Rücken fallen.

Obwohl die Aufhebung dieser realen Einkommensdifferenzen zu Gunsten der Beschäftigten Anlass genug für gewerkschaftliche Kampfmaßnahmen sein könnte, geht es um ein grundsätzliches Ziel dieser Tarifauseinandersetzung: Wird beziehungsweise bleibt die Gewerkschaft das Organ, mit dem Kolleginnen und Kollegen ihre Interessen gegenüber dem Kapital auf betrieblicher Ebene vertreten, ihre Tarifziele erkämpfen und verteidigen?
Was lehrt der bisherige Verlauf der Auseinandersetzungen?
Gab es während der Tarifauseinandersetzungen 2013 im Einzelhandel die konkrete Bereitschaft von vielen KundInnen, sich mit den Streikenden solidarisch zu zeigen, und aus der überwiegend radikalen Linken heraus organisatorische Unterstützungsmaß- nahmen, so ist das bei Amazon nicht so einfach. Die Anonymität des Kaufprozesses (Kunde und Verkäufer begegnen sich nicht von Angesicht zu Angesicht so wie im Kaufhaus) trägt dazu bei, dass bei vielen Menschen die Kämpfe und Bewegungen der Kolleginnen und Kollegen bestenfalls nur noch abstrakt erscheinen, man könnte fast sagen: virtuell. Versandhandelszentren sind relativ abgeschlossene Areale, wo man nicht mal so eben rein- und rausgehen kann. Da kommt keine Laufkundschaft vorbei, die befinden sich nicht in Einkaufsstraßen.

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist in Gewerben mit hohem Anteil an Zeitarbeits- und Aushilfskräften (13.000) wesentlich geringer als in anderen Betrieben. Die Veränderungen in der Arbeitswelt – weg von unbefristeten Festanstellungen, hin zu immer mehr befristeten Teilzeitjobs – wirkt sich natürlich auch auf das Bewusstsein der Beschäftigten aus. Die langjährige Erfahrung gemeinsamer Arbeit und gelegentlicher Tarifkämpfe fehlt zunehmend mehr Kolleginnen und Kollegen, was eine wesentliche Basis gewerkschaftlicher Orientierung und Organisierung ist. Es gehört heute in diesen Bereichen schon mehr dazu, sich bewusst einer Gewerkschaft anzuschließen als noch vor dreißig Jahren.

An dieser Stelle zeigt sich auch die Hohlheit mancher vermeintlich links-radikaler Kritik an den Gewerkschaften. Weder das Mantra-Murmeln von unabhängigen Streikkomitees noch die undifferenzierte Bürokratiekritik helfen da weiter. Wenn eine Belegschaft nicht in der Lage ist, eine ausreichende Streikbereitschaft und Streikfähigkeit zu organisieren und auch umzusetzen, würde man diese Kolleginnen und Kollegen in desaströse Abenteuer schicken. Ohne einen ausreichenden  Organisierungsgrad müssen andere Wege gesucht werden.
Mit den Auseinandersetzungen bei Amazon zieht die Unternehmensleitung auch ein Exempel durch. Die gewerkschaftlichen Strukturen sollen geschwächt werden, und der Grundsatz gewerkschaftlicher Vertretung soll in Frage gestellt werden. Das ist ein Angriff auf alle (nicht nur) gewerkschaftlich organisierten Kolleginnen und Kollegen.

Arbeitskämpfe unter den Bedingungen wie bei Amazon erfordern die Überwindung betrieblicher, sektoraler Grenzen. Die Linke in den Gewerkschaften muss intensiv daran arbeiten, dass betriebliche Kämpfe mit denen von sozialen Bewegungen verbunden werden. Mehr  als in der Vergangenheit muss das Image von Unternehmen thematisiert werden. Die Öffentlichkeit muss wo immer in die betrieblichen Anliegen einbezogen werden. Dies könnte auf gewerkschaftlicher Seite z. B. von den Ortsverbänden der Gewerkschaften unterstützt werden. Die radikale Linke hat während der Tarifauseinandersetzungen im Einzelhandel gezeigt, dass sie dabei gute Beiträge leisten kann.
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