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Keine Illusionen in die Politik von SYRIZA | Drucken |  E-Mail
Avanti   
14.09.2013
Interview mit einem Genossen von OKDE-Spartakos[1]

Avanti sprach mit dem Genossen Jannis über die realen Klassenkämpfe und Kräfteverhältnisse in Griechenland:

Jannis, Du bist für zwei Monate in Berlin. Was hat Dich nach Berlin kommen lassen und wie hast Du die radikale Linke in Deutschland erlebt, insbesondere in Bezug auf die Solidarität mit der griechischen ArbeiterInnenklasse?

Zuerst einmal einen guten Abend nach Berlin und viele Grüße von den Kämpfenden in Griechenland.
Meine Reise nach Deutschland und insbesondere nach Berlin fand nach vielem Nachdenken und auf Druck meiner Familie und FreundInnen statt, die mich zu dem Schritt raus aus Griechenland drängten, um so einen Job zu finden.

Wie Du wissen wirst und spät auch allgemein in Deutschland bemerkt werden wird, begann eine große Migrationswelle von Südeuropa nach Nordeuropa (und nicht nur dahin) mit dem Ziel, bessere Berufsaussichten und ein annehmbares Leben zu haben. In diesem Kontext unternahm ich mein ‚Reiseexperiment’, um in Berlin zwei Monate das deutsche Alltagsleben kennenzulernen und meine Deutschkenntnisse anzuwenden und zu verbessern.

Mein Aufenthalt hier und der Zweck, mit dem ich kam, waren erfolgreich: Ich gewann nicht nur mehr Zuversicht hinsichtlich der oben angesprochenen persönlichen Angelegenheit, sondern ich kam auch in Kontakt mit Teilen der „außerparlamentarischen Linken“ (wie wir in Griechenland sagen würden). Der Hauptzweck waren nicht politische oder organisatorische Aufgaben für die OKDE-Spartakos, sondern persönliche Angelegenheiten, um mir von innen anzusehen, wie die Dinge hier laufen und um meinen eigenen Vergleich mit dem, was in Griechenland passiert, zu ziehen.

Die Kontakte, die ich hier während dieser zwei Monate hatte, bestanden hauptsächlich zur Deutschen Sektion der IV. Internationale (RSB), aber auch zu anderen GenossInnen, die am Prozess zur Gründung einer Neuen Antikapitalistischen Organisation (NAO-Prozess) teilnehmen; und auch zum Beispiel zur Revolutionären Internationalistischen Organisation (RIO).

Als erstes muss ich sagen: Ich finde es unglaublich beeindruckend, dass unterschiedliche Teile der revolutionären Linken nicht nur viel darüber diskutieren, wie die Aussichten dafür sind, einen Gegenentwurf und eine antisystemische, revolutionäre, klassenorientierte Antwort auf die Partei „Die Linke“ zu geben, sondern auch, wie diese Teile mit anarchistisch-autonomen und Antifa-Gruppen in Beziehung stehen und manchmal kooperieren. Ungeachtet der kleinen Zahl der Leute, die am NAO-Prozess beteiligt sind, glaube ich, dass ein solcher Schritt unorganisierte Leute zusammenführen und eine Dynamik erzeugen kann, welche die illusionslosesten Kreise anzieht – seien sie aus dem autonomen oder parlamentarischen Bereich.

Seien wir ernsthaft und nehmen zur Kenntnis, dass die Krise europäisch ist und dass sie – ob wir es wollen oder nicht – letztlich auch an die Tür Deutschlands klopfen wird. Deshalb sollten dann bereits einige Fundamente für ein organisiertes Konzept zum Umgang mit Ärger und Frustration stehen. Ich denke nicht, dass diese das gleiche Ausmaß wie in Griechenland erreichen werden, aber der europäische Traum wird in Frage gestellt werden (wenn nicht bereits früher).

Bezüglich der erfahrenen Solidarität mit der griechischen ArbeiterInnenklasse und generell den Einheimischen und MigrantInnen in Griechenland, war ich beeindruckt, wieviel hier über die selbstverwaltete Fabrik „Vio.Me.“ bekannt ist (manchmal genauso viel wie über das [argentinische, dg] Beispiel „Zanon“) und auch von den Diskussionen und Aktivitäten, die hier organisiert wurden, um die deutsche Bevölkerung über die Lage in Südeuropa im allgemeinen zu informieren. In dieser Hinsicht denke ich, dass die Umzüge griechischer GenossInnen, mit der Bereitschaft einige Extra-Erfahrungen weiterzugeben und an örtlichen Aktivitäten teilzunehmen, nach Berlin sehr hilfreich waren.

Natürlich war ich in diesen zwei Monaten nicht fähig, an allem teilnehmen, weil ich die ganze Zeit beschäftigt war, sei es mit meinem Deutsch-Unterricht oder mit politischen Aktivitäten.

In den Nachrichten und aus Reiseberichten aus Griechenland erfahren, sehen und hören wir von vielen Generalstreiks und teilweise militanten Protesten. Die Regierung in Griechenland zeigt sich relativ unbeeindruckt, das kapitalistische System scheint nicht in Frage zu stehen. Wie beurteilst Du die Klassenkampfsituation in Griechenland?

In der Tat, in den letzten Jahren ist in Griechenland viel passiert. Im vergangenen Jahr hatten wir ca. 26 Generalstreiks. An dem stärksten waren in etwa 500.000 Menschen beteiligt – gar nicht erst zu reden von den kleinen Demonstrationen, die fast jeden Tag wegen ähnlicher Angelegenheiten nicht nur in Athen stattfinden. Auch sollte nicht vergessen werden, dass PASOK-Regierung und Georg Papandreou durch solche Aktionen stürzten (zeitgleich mit der Besetzung öffentlicher Gebäude und Ministerien durch dort Angestellte) und Papandreou durch den Technokraten George Papademos ersetzt wurde, um den Ärger der Leute zu besänftigen – noch vor dem Wahlerfolg der Nea Dimokratia und vor der Regierungsübernahme durch Samaras.

Die Wahlen verschafften dem System eine Atempause, erzeugten aber auch Ungewissheit darüber, was die neue parlamentarische Konstellation ergeben wird – egal ob in Bezug auf SYRIZA oder die Nazi-Partei „Goldene Morgenröte“. In dieser Phase des vergangenen Jahres propagierte die weit rechts stehende Nea Dimokratia-Regierung eine Schock-Therapie und versetzt bis heute allen Lohnabhängigen ökonomische Schläge und Schläge durch Einschränkung der politischen Freiheiten.

Typische Bespiele waren der Schlag gegen anarchistische (Frei-)-Räume während des Niedergangs der Hausbesetzer- Innenbewegung in Athen (siehe das Beispiel „Villa Amalias“); und auch der Fall des Anarchisten Kostas Sakkas, der ohne Gerichtsverhandlung 2 ½-Jahre lang wegen der Teilnahme an „terroristischen“ Handlungen inhaftiert war, und der mit der selbstverständlichen Forderung, endlich den Prozess zu beginnen, in einen Hungerstreik trat.

Über diese Einschränkungen der politischen Freiheiten hinaus nahmen auch die sozialen Angriffe, mit denen die ArbeiterInnen und Arbeitslosen jeden Tag konfrontiert werden, zu – sowohl a) durch den Anstieg der Arbeitslosigkeit als auch b) durch den „Terror“ der Unternehmen: wenn ArbeiterInnen Lohnkürzungen nicht akzeptieren, werden sie gefeuert; und schließlich c) durch die mordende Nazi-Gang, die in Kooperation mit den Reedern, den Finanziers, den beiden ehemals großen bürgerlichen Parteien (PASOK und Nea Dimokratia) und der Polizei GewerkschafterInnen, Stadträte, den Widerstand und gewöhnliche Leute angreifen.

Außerdem wird damit begonnen, Streiks zu bestrafen. Es sollte nicht vergessen werden, dass es in den vergangenen sechs Monaten drei große Streiks gab: Streiks der U-Bahn-Beschäftigten, der Seeleute und der LehrerInnen in den öffentlichen Schulen, die letztlich durch den sehr rechten Ministerpräsident Samaras mittels Zwangsverpflichtungen (zur Arbeit) niedergeschlagen wurden. Wer auch immer streiken würde, wäre mit dem Gesetz und letztlich mit Entlassung konfrontiert. Es sollte außerdem noch erwähnt werden, dass im vergangenen Monat die Entscheidung darüber, ob eine Demonstration durchgeführt werden kann oder nicht, auf den örtlichen Polizeichef überging, der nun das Recht auf Protest unter dem Vorwand geringer Beteiligung willkürlich annullieren kann.

Mit diesem Rückblick möchte ich zeigen, dass sich eine vielversprechende Bewegung in den letzten Jahren in einen bloßen Zuschauer verwandelt hat: zum einen durch die Logik der Stellvertreterpolitik und der parlamentarischen Hoffnungen, die von der radikalen Linken innerhalb SYRIZAs angeboten wird, und zum anderen durch die Logik einer Mörderbande, die Blut verspricht, aber nicht für die, die Griechenland in seine jetzige Lage brachten, sondern für MigrantInnen, Linksradikale und Homosexuelle, was eindeutig auf eine „Hitler-Partei“ hinausläuft.

Es wird nach meiner Überzeugung keine Lösung geben, wenn die griechische Bevölkerung weiterhin auf der Couch sitzen bleibt und sich das surreale Theater anschaut, das im griechischen Parlament stattfindet. Die Leute sollten besser immer bei den Demonstrationen und Versammlungen dabei sein. Sie sollten sowohl politisch als auch gesellschaftlich in solidarischen Strukturen organisiert sein, die es in jeder Stadt massenhaft gibt. Schließlich sollten die Leute aufhören, unpolitisch zu sein, und sie sollten die Situation so sehen, wie sie ist und nicht aus der Vogel-Strauß-Perspektive. Außerdem kämpfen wir auch für andere und nicht nur für uns selbst…

OKDE-Spartakos ist Mitglied in dem Bündnis Antarsya. Was sind die Gründe, dass Ihr Euch dran beteiligt und wie ist die Arbeit in dem Bündnis organisiert?

Nach dem Aufstand in Griechenland im Jahr 2008 nach der Ermordung eines 15-jährigen Jungen durch einen Polizisten verstand die gesamte außerparlamentarische Linke, dass wir nicht damit fortfahren können, darüber zu debattieren, wer linker ist, und ausschließlich zu diskutieren. Wir mussten uns der praktischen Seite der Neukonstituierung der äußersten Linken zuwenden. Das war die Situation als die Idee zur Gründung von ANTARSYA aufkam – und ANTARSYA entwickelt sich inzwischen weiter und wächst.

In diesem Bestreben sind rund 10 Organisationen (darunter OKDE-Spartakos) und viele unorganisierte GenossInnen beteiligt. Obwohl wir [OKDE-Spartakos, dg] von Anbeginn wussten, dass wir zahlenmäßig klein sind und daher auch politisch wenig Einfluss haben werden, da wir in dieser politischen Formation (ANTARSYA) eine der kleinen Organisationen sind (ungefähr 100 in ganz Griechenland), geben wir jeder Zeit das Maximum unserer Fähigkeiten und oftmals erscheinen wir als ‚mehr’ als die führenden Kräfte in ANTARSYA. Unter diesen historischen Bedingungen verbündeten wir uns, ungeachtet unserer Differenzen, mit ursprünglich stalinistischen und anderen Ideologien zum Zwecke eines antikapitalistischen Umsturzes von unten, d.h. durch die Arbeiterklasse.

Unsere Rolle wurde nach der bisher letzten ANTARSYA-Konferenz, die im Juni [2013] statt fand, aufgewertet, und in heutiger Zeit können wir sagen, dass wir innerhalb dieser Formation das linke Gegengewicht sind, das den Ausdruck „antikapitalistischer Umsturz“ im Namen von ANTARSYA ernst nehmen, der in Gefahr ist, über die neue Mode in Griechenland „Austritt aus Europa und der Eurozone“ vergessen zu werden. Dies ist die Rolle von OKDE-Spartakos: daran zu erinnern, dass sowohl mit dem Euro als auch mit der griechischen Drachme unser Feind ein und derselbe bleibt: der Kapitalismus und seine Chefs.

Zwar sind wir, wie gesagt, eine Minderheit, und wir müssen die trotzkistische Minderheit in ANTARSYA (zu der außer uns die Sozialistische Arbeiterpartei [SEK] gehört) stärken. Daher ist unser Ziel, für diese Formation mehr Organisationen der äußersten Linken zu gewinnen, von denen viele Bezüge zum Trotzkismus haben – allerdings parallel zur ‚rechten’ Neigung in der die Perspektive steckt, mit anderen Parteien zu kooperieren,die bloß gegen den Euro sind ohne eine spezifische antikapitalistische Ausrichtung.

Eine letzte Information über ANTARSYA: Diese Abkürzung bedeutet auf Griechisch soviel wie das deutsche Wort „Aufruhr“.

Viele der revolutionären Linken haben sich Syriza angeschlossen. Nun sind sie auf dem letzten Parteitag von Syriza deutlich in engere Grenzen gedrückt worden. Die Mehrheit von Syriza scheint eine systemerhaltende, sozialdemokratische Politik zu wollen. Welche Politik würde Syriza verfolgen, käme sie durch Wahlen in die Regierung, und weshalb macht es aus Eurer Sicht keinen Sinn, in Syriza zu arbeiten?

Die beste Zeit für eine solche Linksregierung wäre nach den Wahlen im Juni 2012 gewesen. Zu dieser Zeit bestand die Aussicht, all diese Streiks und Kämpfe auf der Straße in den vergangenen Jahren mittels parlamentarischem Regierungshandeln in etwas für die Gesellschaft Positives umzusetzen. Aber das tatsächliche Wahlergebnis [nach dem Syriza keine Regierung bilden konnte, dg] gab den linken WählerInnen mehr Zeit, den Wert des Parlaments und die Kämpfe auf der Straße vergleichend zu bewerten.

Anstatt diesen Umstand auszunutzen, um als größte parlamentarische Oppositionspartei mehr Klassenbewusstsein in der Bevölkerung zu schaffen und die Dinge weiter zu polarisieren – was ohnehin passiert (aber leider bisher ausschließlich durch die Nazi-Gang) –, zog es SYRIZA in diesem wichtigen Moment vor, mit „linken“ Parteien und Formationen zu diskutieren, die sowohl der rechtsaußen stehenden Koalitionsregierung der Neo Dimokratia (also mit PASOK und DIMAR) als auch der patriotischen (extremen) Rechten, wie den „Unabhängigen Griechen“ angehören.

Das verwandelte SYRIZA nicht nur in den Augen der einfachen Wähler, die eine Linkswende für die Zukunft des Landes wollen, sondern auch in den Augen eines Teils der eigenen Parteimitglieder in eine Neue PASOK (wie einige SYRIZA-Mitglieder sehr charakteristisch sagen). Dieser Teil der SYRIZA-Mitglieder formierte eine klar abgegrenzte Fraktion innerhalb von SYRIZA, die „Linke Plattform“ (die 33 % der Mitglieder umfasst), die auch an eine zukünftige Koalitionsregierung von SYRIZA, KKE und ANTARSYA glaubt.

Ein weiteres Charakteristikum ist, dass die meisten kämpferischen Mitglieder von SYRIZA seit dem letzten Parteitag [im Jahr 2013] nicht mehr im Zentralkomitee vertreten sind – was vielleicht die künftige Bereitschaft, der SYRIZA-Führung um Alexis Tsipras, die kapitalistische Krise mit sozialdemokratischen Taktiken zu managen, aufdeckt. Und das alles passiert in Zeiten, in denen die Leute nach „Blut“ schreien und danach, die Politiker zu bestrafen, die sie in die jetzige Lage geführt haben. Ich glaube allerdings, dass solche Taktiken nicht nur keinen revolutionären Prozess anstoßen, sondern im Gegenteil irgenwelche zukünftigen revolutionären Hoffnungen hervorrufen, sei es nun ANTARSYA oder andere Kräfte.

Und in diesem Moment kommt die „anti-systemische“ Kraft der griechischen Nazis (als solche werden sie von den Medien dargestellt), um den leeren Raum zwischen Parlament, Straßenaktionen und Hass zu füllen, sodass sie in der Altersgruppe von 20 – 40 Jahren inzwischen die zweitstärkste Kraft sind.

Ich denke mit dem Vorstehenden ist Deine Frage bereits beantwortet. Ich denke, nur eine klare Position, die das alte Establishment, das von der PASOK geschaffen wurde, abberufen will, also polarisierende Positionen, die auf direkte Demokratie, Selbstverwaltung und wenig Stellvertretung orientieren, und der Versuch, die Bevölkerung zur einer aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben zu bewegen (um ein beeindruckendes Gegengewicht zum Aufstieg der „Goldenen Morgenröte“ zu schaffen), kann SYRIZA und mit ihr die Bevölkerung hoffen lassen.

Der Grund, warum OKDE-Spartakos nicht an SYRIZA beteiligt ist, ist durch das, was ich gesagt habe, hoffentlich etwas klarer geworden. Die griechische Sektion der IV. Internationale nahm schon immer Kurs auf einen antikapitalistischen Umsturz mit internationalistischem Charakter, wie es trotzkistische revolutionäre Organisationen immer tun. Aber wenn die Mitglieder von SYRIZA im Namen der Linken über Partnerschaft sogar mit der Neo Dimokratie reden (wie es ein Abgeordneter vor ein paar Wochen tat), und all dies im Namen der Linken, dann kann das nur schlecht für die gegenwärtige Bewegung und deshalb für die Linke im allgemeinen sein – trotz des Wortes „radikal“, mit dem diese Bewegung von SYRIZA bezeichnet wird.

Gegenüber jeder möglichen zukünftigen „Regierung der Linken“ werden wir mit Sicherheit zunächst eine beobachtende Haltung einnehmen und analysieren, wie sie tatsächlich handelt – aber das werden wir auf alle Fälle von außen machen und vielleicht mit einer kritischen Bilanz als Ergebnis.
Welche Kräfte und Sektoren der Klasse wären in der Lage, ausreichend Druck aufzubauen im Abwehrkampf gegen die Politik der europäischen Bourgeoisie und ihrer Vollstrecker?


Zunächst sollten die griechische Bevölkerung und die MigrantInnen, die gemeinsam mit ihnen im griechischen Staatsgebiet leben, die Dinge selbst in die Hand nehmen und aufhören, die elenden willenlosen und fatalistischen Wesen zu sein, als die sie sich gern präsentieren. Die revolutionären Kräfte können nur den Weg weisen und daraufhin zusammen mit ihnen für unsere gemeinsame Zukunft handeln. Organisationen, politische Formationen, Innungen und Komitees und auch der Prozess der Absprache zwischen ihnen sind immer bereit jede sich bietende Gelegenheit auszunutzen, sich zu koordinieren und gemeinsam zuzuschlagen mit Streiks und Demonstrationen.

Die Innungen sind sehr mächtig und haben hierin eine katalytische Funktion, und es ist auch kein Zufall, dass viele unter ihnen anfangen in ihren Leitungen als kämpferische GenossInnen aufzutreten. […]

Eine andere Sache sind die lokalen Versammlungen in allen Nachbarschaften in jeder griechischen Stadt, die sich entsprechend der Situation in Griechenland von Bürgerkomitees gegen die Steuern und gegen die Finanzmaßnahmen in selbstbestimmten kommunalen Formen entwickelt haben, manchmal bis hin zu faschistischen Komitees.

Die AnarchistInnen spielen eine sehr wichtige Rolle in Griechenland, die nicht unerwähnt bleiben sollte, da ihre Präsenz in den Straßen täglich die „moderne Ordnung der Sicherheit“ der griechischen Nazis durch antifaschistische Motorradpatrouillen und mit direkten Angriffen auf FaschistInnen behindert.

Die Organisationen SYRIZA, KKE, "Plan B" (Alekos Alavanos)[2] und ANTARSYA, lokale Komitees, die Gewerkschaften, der gesamte antifaschistische Block, MigrantInnen-Gruppierungen und Andere sollten gemeinsam in Zusammenarbeit mit unorganisierten Personen eine organisatorische Kette mit politischen Forderungen bilden, mit denen natürlich viele weitere demokratische Kräfte aufgerufen werden sollen: die Rechte und Würde zu verteidigen und zur Solidarität gegen die vom internationalen und europäischen Kapital betriebene Austeritätspolitik.

Sowohl die „Troika“ als auch die jeweiligen lokalen ausführenden MandatsträgerInnen müssen verstehen, dass sie nicht nur in Griechenland, sondern in jedem Land unerwünscht sind; und durch die Massenaufstände, die in den letzten Jahren in aller Welt stattgefunden haben, müssen sie begreifen, dass wir da sind und sie uns nicht ignorieren sollten.

Woran liegt es, dass aus den vielen Sozialprotesten und Streiks keine Kraft zur Überwindung der jetzigen Situation entsteht?

Wie ich bereits erwähnte, hat sich die vielversprechende Bewegung die in den letzten Jahren existiert hat, auf die Rolle einer Beobachterin beschränkt, während sie die Aufgabe, die Menschen aus der Krise zu holen der aufstrebenden SYRIZA überlassen hat (das war auch eine der negativen Seiten von SYRIZA, die gezeigt hat, welche beschränkte parlamentarische Rolle sie spielt).

Zur gleichen Zeit kam der Aufstieg der extremen Rechten in der Regierung, verbunden mit der griechischen Neo-Nazi-Partei “Goldene Morgenröte“, die die Leute so sehr eingeschüchtert hat, dass sie es nicht einmal mehr wagten auf die Straße zu gehen. Nichtsdestotrotz denke ich, dass wir noch lange nicht am Ende angekommen sind. Die Menschen „kochen“, und jeden Augenblick kann diese Mixtur explodieren.

Das Einzige, was mich persönlich erschreckt, ist der fortschreitende Aufstieg der Neo-Nazis, und ich würde „Goldene Morgenröte“ für die Zukunft nicht unterschätzen, weil sie a) die Hilfe des Großkapitals haben, das sie unterstützt, b) von der Rechts-Außen-Regierung toleriert werden und c) von der Polizei unterstützt werden, so dass sie den kommenden Aufstand in eine rechte Revolution mit Zuständen sogar bis hin zum Bürgerkrieg verwandeln können (Ich weiß, ich bin sehr pessimistisch).

Was müsste die Aufgabe einer revolutionären Führung der ArbeiterInnenklasse heute sein?

Ich denke, der erste Schritt sollte es sein, gegen das alte Establishment vorzugehen, um so die Angestellten zu inspirieren. Darüber hinaus sollten Formen der Doppelmacht stärker unterstützt werden, die sich in gewisser Weise in Form der Nachbarschaftskomitees in den letzten Jahren in Griechenland zu bilden begonnen haben. Gleichzeitig sollte auch die Notwendigkeit betont werden, Innungen und Versammlungen zu haben, beides an jedem Arbeitsplatz und auch überall sonst, wo es sinnvoll ist (zum Beispiel in Stadtteilen, um öffentliche Plätze, Grünanlagen etc. zu schützen).

Erwähnt werden sollten hier auch die so genannten „Kampfzentren“, die in Schlüsselbereichen sowohl in Athen als auch in anderen Städten gebildet wurden und in denen kostenloser Unterricht gegeben wird (von Fremdsprachen über Designkurse bis hin zu Kampfsportunterricht), kostenlose Leihbibliotheken, Kinos, Gemälde- und Fotographieausstellungen, und schließlich wird in einigen von diesen Gebieten auch von kollektiven Strukturen Essen ausgegeben, denn auch die Anzahl der kollektiven Küchen hat sich vervielfacht und man kann dort gutes Essen bekommen, auch wenn man kein Geld hat.

Alles das ist, verbunden mit Demonstrationen und Streiks, genauso wie mit der Koordination der Kämpfe mit den Gruppierungen der jeweiligen Minderheiten wie MigrantInnen und auch der LGBT-Bewegung[3], die in den letzten Jahren in Griechenland stärker geworden ist, ein erstes Rezept, das in der letzten Zeit in Griechenland funktioniert hat und das geführt wird von den Organisationen der radikalen, revolutionären und kommunistischen Linken und den Autonomen.

Sicherlich kann dies nur einen Hintergrund erzeugen, vor dem die verschieden sozialen Gruppen arbeiten und überleben können, aber momentan scheint es möglich, auch diese Schwierigkeiten zu überwinden.

Mit dem Fortschreiten der Krise sollten die erwähnten Verfahren und Strukturen der Solidarität intensiviert werden, und in Verbindung mit der organisatorischen Einheit aller politischen und sozialen Kräfte können wir Armut, Verzweiflung, Frustration und Hass eindämmen.

Welche Form der Solidaritätsarbeit ist aus Deiner Sicht effektiver, was braucht Ihr nicht?

Ich denke nicht, dass es eine Form der Solidarität gibt, die nicht gebraucht wird. Alle sind akzeptabel und nützlich. Was momentan zu funktionieren scheint und von den Menschen genutzt wird, sind die kollektiven Küchen und die Essensverteilung über kooperative Strukturen. In einer schwierigen ökonomischen Situation ist es schwer, andere von der Notwendigkeit eines antikapitalistischen Umsturzes zu überzeugen. Was die Menschen jetzt mehr interessiert, ist, was sie morgen essen werden und wovon sie ihre Kinder ernähren sollen. An diesem Punkt greifen die obigen Strukturen der Solidarität, um dem vorzeitigen Kollaps des sozialen Gewebes entgegen zu wirken, als ein Angebot an die Menschen, durch persönliche freiwillige Arbeit der GenossInnen.

Wenn wir fürs Erste einmal überlebt haben, dann folgt auch alles andere...

Wir bedanken uns bei den Übersetzern DGS und Lars.
Die Redaktion.



[1] OKDE-Spartakos ist griechische Sektion der IV. Internationale

[2] Alavanos kritisiert den Kurs der SYRIZA, die zwar die Austeritätspolitik zur Bewältigung der Finanz- und Wirtschaftskrise bekämpft, jedoch für ein Verbleiben Griechenlands im Euro eintritt. Im April 2013 rief er die neue Partei Schedio B ("Plan B) ins Leben. Die neue Partei will sich auf diejenigen Griechen stützen, die für einen Austritt ihres Landes aus der Euro-Zone plädieren.

[3] Die LGBT-Bewegung ist die Bewegung der Lesben, Schwulen, der Bi- und Transsexuellen (LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Trans). Ihre Gemeinsamkeit ist, nicht der sozialen Norm der Heterosexualität zu entsprechen

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