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„Durch Nacht zum Licht?“ | Drucken |  E-Mail
Wolfgang Alles / Torsten Bewernitz   
01.07.2013
Interview mit Torsten Bewernitz, Projektassistent für die Sonderausstellung „Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013“ “ im TECHNOSEUM Mannheim.
Fragen für Avanti: Wolfgang Alles.


Frage: Was war der rote Faden bei der Konzeption der Ausstellung?

Antwort: Der rote Faden war für uns der technische Stand. Wir haben ganz bewusst einen sozialhistorischen Ansatz für die Ausstellung gewählt, im Sinne der Sozialgeschichte der 1970er und 1980er Jahre. Darin spiegelt sich natürlich auch der Anspruch des TECHNOSEUM, getreu seinem Namen ein Museum für Technik und Arbeit zu sein.

Ich halte das aber auch darüber hinaus für relevant. Wir verfolgen damit einen Ansatz, der in gewissem Sinne historisch-materialistisch ist. Der Stand der Bewegung ist nicht ohne den Stand der Produktionsverhältnisse zu verstehen. Das wird etwa deutlich bei der Rolle der Buchdrucker 1848 oder bei den Bergarbeiterstreiks 1889. Und das wird auch deutlich bei den chronologischen Zäsuren, die wir gesetzt haben, – diese sind nämlich nicht die üblichen politischen Brüche, sondern die wirtschaftlich-technischen Zäsuren.

Frage: Auf welche historischen Schwerpunkte wurde dabei besonderer Wert gelegt?

Antwort: Uns war es ja durchaus wichtig, eben nicht eine Parteien- oder auch Organisationsgeschichte zu zeigen, sondern tatsächlich Bewegungsgeschichte. In jeder Abteilung haben wir ein sogenanntes „Schlaglicht“ gesetzt, das mit einem roten Rufzeichen markiert ist. In der Mehrheit sind dies Streiks und soziale Proteste: 1848 und die „Arbeiterverbrüderung“ beispielsweise, Weltkrieg und Revolution 1918/19, der 17. Juni 1953, bei dem uns besonders wichtig war, ihn als Generalstreik darzustellen und die Streikwelle um 1968 – eben „1968“ nicht als Studierendenrevolte – das wäre m. E. eine verkürzte und eurozentristische Sichtweise –, sondern als globale Revolte, die wesentlich von Streiks geprägt war.

Frage: Welche Exponate sind hervorzuheben?

Antwort: Gerade aktuell muss ich natürlich Karl Marx‘ handschriftlichen „Ersten Entwurf zum Communistischen Manifest“ hervorheben, das am 18. Juni 2013 von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt wurde – aber auch davon abgesehen ist diese einzig erhaltene Seite der Marxschen Urschrift unser rarstes Objekt. Persönlich finde ich das „Strikes“-Spiel der Familie Marx sehr interessant, unser Projektleiter Horst Steffens betont immer Lenins Kleiderbügel, gerade weil der ein etwas absonderliches Exponat ist. Letztlich variiert das aber durchaus, je nachdem, mit welchen Fragestellungen und Ansprüchen Besuchergruppen in die Ausstellung kommen, aber auch damit, welches Thema mir gerade am Herzen liegt.

Frage: Müsste die Rolle vor allem der ArbeiterInnenkämpfe, die zur Novemberrevolution führten, nicht ausführlicher gewürdigt werden?

Antwort: Ja, wesentlich! Den Schuh muss ich mir persönlich anziehen. Beziehungsweise, um es aus der Praxis zu erklären: Der Erste Weltkrieg und die Novemberrevolution stehen auf der Bruchlinie zwischen zwei Ausstellungsteilen, was dazu geführt hat, dass die inhaltliche Bearbeitung auch auf zwei Personen aufgeteilt war, von denen eine auch noch nach einem Jahr ausgewechselt wurde. Wir haben durch zwei Aufrufe die Streiks gegen den Krieg ab 1916 markiert, die Revolution am Beispiel der bayerischen Räterepublik, zu der ich aber gerne mehr Exponate gehabt hätte.

Bei den Themen und vor allem der Themenvielfalt ist es aber des Öfteren so, dass durchaus wichtige Ereignisse durch ein einziges Exponat oder eine Abbildung dargestellt werden. Eine gewisse „Oberflächlichkeit“, die ich aber durchaus vertretbar finde, ist der Preis für eine möglichst vielfältige Gesamtdarstellung.

Frage: Ein sehr zentraler Wendepunkt in der Geschichte nicht nur der deutschen ArbeiterInnenbewegung war die blutige Niederschlagung der revolutionären Bewegung 1918/19 und danach durch das Bündnis MSPD-Reichswehr-Freikorps.

Wird ihre Funktion als Wegbereiterin des Faschismus deutlich genug herausgestellt? Und ist die Rolle hauptamtlicher Apparate in der ArbeiterInnenbewegung gerade im Zusammenhang mit dem Scheitern einer einheitlichen Abwehr der Nazipartei Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ausreichend beleuchtet?


Antwort: Die Frage muss ich letztlich genauso beantworten wie die vorherige. Der vierte Ausstellungsteil war eine besondere Herausforderung. Für die Weimarer Zeit und den Nationalsozialismus hatten wir nicht mehr Platz als für die anderen Zeitabschnitte, aber die Ereignisse häufen sich in diesem Zeitraum. Zwangsläufig kann da nicht alles ausführlich dargestellt werden. Das gilt genauso z. B. für den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch oder ganz allgemein für den Zweiten Weltkrieg und die Vernichtungslager.

Bezüglich der Rolle der Hauptamtlichen in den frühen 1930er Jahren muss man hier zusätzlich betonen, dass die „große Politik“ hier auch unserem Bewegungs-Fokus „zum Opfer gefallen“ ist. Die fragwürdige Rolle, die hier stellenweise von SPD und ADGB gespielt wurde, ist meines Erachtens teilweise sogar aus Schulbüchern bekannt.

Frage: Warum wird die wissenschaftlich belegte besonders aktive Rolle linker Kleinorganisationen im Widerstand gegen die faschistische Diktatur nur am Rande erwähnt?

Antwort: Das würde ich nicht so sehen. Die Wahrnehmung hat man eventuell aufgrund der Exponatauswahl. Aber das ist ein entscheidender Punkt: Die Arbeiterbewegung, obwohl großenteils eine Bewegung von mehr oder weniger handwerklich tätigen Menschen, bringt hauptsächlich „Flachware“ hervor, die ausstellbar ist. Uns liegt aber selbstverständlich daran, in einem Museum dreidimensional zu präsentieren. Sprich: Was ausgestellt wird, ist nicht nur eine politische oder inhaltliche Entscheidung, sondern durchaus auch eine Frage von Ästhetik. SPD-, ADGB- und auch KPD-Objekte gibt es dazu natürlich auch viel mehr. Der Bereich „Merchandise“, wie ich es mal nennen will, war hier ausgeprägter. Und mit einem Uniformteil, selbst mit einem Anstecker, kann man oft mehr zeigen als mit dem hundertsten inhaltlichen Broschürchen.

Frage: Konnte die verheerende Rolle des Zwillingsgestirns Mehrheitssozialdemokratie und Stalinismus bei der Zerstörung einer sozialistischen Alternative zum Kapitalismus keine Berücksichtigung finden?

Antwort: Die ist nun meiner Meinung nach durchaus sehr deutlich aufgezeigt, sie fällt aber bei uns eher in die späten 1940er und frühen 1950er Jahre. Ich habe auf die zentrale Bedeutung, die der 17. Juni 1953 bei uns hat, schon hingewiesen. Da war Stalin zwar bereits tot, aber nichtsdestotrotz war die Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni stalinistisch geprägt. Also letztlich zeigen wir das Ergebnis dieser Politiken im fünften Teil der Ausstellung, und es wird hier durchaus deutlich, wie sich diese entwickelt hat.

Frage: Ist es ein falscher Eindruck, dass die Ausstellung, je näher sie auf Themen und Ereignisse der jüngeren Gegenwart eingeht, offener wird?

Antwort: Das höre ich öfter, nehme das selber aber gar nicht so wahr. Ich kann mir diesen Eindruck aber durchaus erklären: Der erste Aspekt dabei ist sicherlich derjenige, dass wir die Ausstellung mit mehreren Personen konzipiert haben und die Zeitabschnitte aufgeteilt haben – natürlich findet sich jede Person auch in dem bearbeiteten Zeitabschnitt mit ihren Prioritäten wieder.

Zweitens würde ich aber durchaus auch sagen: Man kommt in der Zeit von 1863 bis 1933 auch weniger an der SPD beziehungsweise den Vorgängerparteien vorbei als später.

Ein dritter Aspekt ist sicherlich, dass wir seit den 1960er Jahren von Zeiten sprechen, die der eine oder andere von uns miterlebt und sogar aktiv mitgestaltet hat: Da kann man sich auch auf sein Gedächtnis statt auf Fachbücher verlassen.

Und viertens haben wir im letzten Teil der Ausstellung ja auch eine globale Perspektive dargestellt – und die lässt nun einfach weniger Platz für Parteigeschichte und ähnliches, ist aber in der Tat die Entwicklung, die es hervorzuheben gilt. Auch wenn es so etwas wie „Globalisierung“ und auch globale Kämpfe selbstverständlich schon immer gab – 1848 war global, die Streikwelle der frühen 1870er und der 1960er/70er Jahre waren global.

Frage: Wie ist die Resonanz auf die Ausstellung und was passiert nach dem 25. August 2013?

Antwort: Die Besucherzahlen bleiben zwar hinter früheren Großen Landesausstellungen zurück, aber das war zu erwarten. Das liegt hauptsächlich daran, dass das Thema jüngeren Schulklassen kaum zu vermitteln ist. Anders als bei anderen Ausstellungen beginnt unser Publikum bei einem Alter von 14 oder 15 Jahren. Wir haben im Verhältnis viel mehr erwachsene Besucher, vor allem Einzelpersonen. Nach etwa vier Monaten hatten wir ca. 45.000 Besucher.

Die Medienresonanz ist überwältigend, und der Ausstellungskatalog verkauft sich immens gut. Seit Anfang Juni verkaufen wir die zweite Auflage. Die meisten Medien sind dabei nahezu euphorisch, und zwar unabhängig von der politischen Ausrichtung. Die einzige Ausnahme machte da die junge welt, die unserer Darstellung der DDR-Geschichte offenbar nicht ganz folgen kann. Selbstverständlich kommt es auch zu berechtigten Kritiken, etwa, dass in der Tat der Geschlechteraspekt zu kurz geraten ist oder eben bestimmte relevante Ereignisse und Darstellungen, siehe oben.

Nach dem 25. August ist für uns erst mal der Abbau und Abtransport der Ausstellung angesagt. Zum 29. Oktober wird sie dann im Sächsischen Industriemuseum in Chemnitz wieder eröffnet, wo sie bis zum 01. Mai 2014 zu sehen sein wird.

Vor allem aber hoffe ich, dass die Ausstellung eine lebhafte Debatte um Geschichte, Perspektiven und Zukunft von Arbeiterbewegung ausgelöst hat. Und da bin ich recht optimistisch: Wir haben offenbar den richtigen Zeitpunkt für die Ausstellung erwischt – es gibt ein gesteigertes Interesse junger HistorikerInnen an dem Thema, es gibt aber auch in den Medien ein erhöhtes Interesse an Streiks und es gibt Verständnis und Anerkennung für Proteste von Istanbul bis Brasilien – auch antikapitalistische Proteste in Deutschland eingeschlossen. Von daher hoffe ich, dass nach dem 25. August hauptsächlich diese Dynamik aufgenommen wird und andauert!

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