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122 Seiten, 12 €
ISBN 978-3-89900-122-8
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Der Markt als totalitäres System | Drucken |  E-Mail
Herbert West   
28.04.2013
Auch Konservative können sich gegen die Entwicklung eines Systems stellen, das sie verteidigen, nämlich dann, wenn die Entwicklung dieses Systems seinen eigenen Fortbestand gefährdet. Gorbatschow war ein prominentes Beispiel dafür, und auch Al Gore in den USA lässt sich in diese Kategorie einordnen. Frank Schirrmacher, ein Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen“, zeigt in seinem neuesten Buch „EGO“, dass nun auch in Deutschland konservative Kräfte Furcht befällt angesichts der aktuellen Entwicklung des Kapitalismus.

Schirrmacher begreift die Summe der Destruktivität, die unsere Welt gerade zerstört, als einheitliches Prinzip direkt und logisch aus ihren historischen (nicht aber ökonomischen) Ursprüngen. Wir haben also eine umfassende Gesellschaftskritik aus konservativer Sicht. Den Schlüsselsatz am Anfang des Buches „Wir erleben die neue Ära des Informationskapitalismus. Er hat damit begonnen, die Welt in einen Geisteszustand zu verwandeln“, sollte man vielleicht so übersetzen: Der Neoliberalismus schmiedet dem Kapitalismus gerade einen neuen Überbau. Dieser Überbau ist etwa so human wie der faschistische. Das, wohlgemerkt, sind aber nicht Schirrmachers Worte.
Doch nun zu seinen Kernaussagen:
Militarismus und Neoliberalismus
Die neoliberale Kaderschmiede der „Chicagoer Schule“ propagierte bereits seit den 1940er Jahren in klassischer, kapitalistischer Manier, der Mensch handele naturgemäß egoistisch und sei nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Zu Beginn des kalten Krieges, als kluge Köpfe gesucht wurden, um Strategien zur Vernichtung der Sowjetunion zu entwickeln, griff das US-Militär auf die Anhänger der Chicagoer Schule zurück. In den Beratungsfirmen des US-Militärs, insbesondere der RAND-Corporation, arbeiteten zahlreiche Pioniere des Neoliberalismus an Strategien der atomaren Kriegführung.

Dort nutzten sie die einmalige Chance, die Unmenschlichkeit ihres Denkens zu perfektionieren. Denn die Doktrin von Abschreckungs- und Erstschlagsstrategie lautete ja: „Jeder denkt eigennützig. Wer nicht siegt, wird vernichtet. Moralische Bedenken sind selbstmörderisch. Der Schnellste und Rücksichtsloseste überlebt.“ Dass passt ganz hervorragend in das neoliberale Wirtschaftsmodell. Außerdem hatten die „Chicago Boys“ beim Militär Zugriff auf die Computer mit den weltweit größten Rechenkapazitäten – in den 1950er Jahren!

Original-Ton Schirrmacher: „Sie fingen an, Formeln und Algorithmen zu schreiben, und die Formeln konnten wieder von Rechnern verstanden werden. Schon das war neu! … Wenn man annahm, dass der Mitspieler im Spiel des Lebens – die Sowjetunion oder jeder beliebige Mensch – seinen eigenen Vorteil sucht, konnte man sein Verhalten mathematisch vorhersagen. Diese oft genialen Wissenschaftler wurden nicht nur zu Experten für die Automatisierung des Militärs, sondern auch für die Automatisierung der Märkte und der Menschen in diesen Märkten. … Einige der Ökonomen, die damals bei RAND arbeiteten, erhielten nach Ende des kalten Krieges den Nobelpreis für Wirtschaft. Er war die Krönung eines gewaltigen Unterfangens, das die Logik des kalten Krieges in die Zivilgesellschaft trug.“

Denn mit dem Ende des kalten Krieges mussten sich die Strategen um Finanzierung und Karriere sorgen und wechselten deshalb in die Wirtschaft. Dort erhielten sie hochbezahlte Spitzenjobs, weil sie nun die mathematischen Modelle der Atomkriegsplanung in die Marktstrategie der Kapitalisten umschreiben konnten.
Marktkonforme Demokratie
Ein wesentliches Element der neoliberalen Doktrin ist der absolutistische Rückgriff auf die „unsichtbare Hand des Marktes“ von Adam Smith. Als Voraussetzung in den mathematischen Modellen ist ja eingespeist, dass jeder Marktteilnehmer alle notwendigen Informationen besitzt, weil nur dann rationales Verhalten möglich ist. Folglich ist „Der Markt“ als Gesamtheit aller Marktteilnehmer eine Art Supercomputer, der alle Informationen besitzt. Deshalb wissen Menschen und Organisationen – auch Regierungen – grundsätzlich weniger als der Markt. Damit Regierungen rational handeln können, müssen sie sich also am Markt orientieren – wir brauchen die „marktkonforme Demokratie“. Diesen Begriff präsentierte als erste unsere Bundeskanzlerin.

Schirrmacher schreibt: „Am Projekt der ‚marktkonformen Demokratie‘ wird nach Lage der Dinge bereits in fast allen westlichen Industrienationen gearbeitet.“ Es resultiert ein politisches Handeln, das sich nur noch am Markt orientiert und zu erkennen gibt in Sätzen wie „Es gibt keine Alternative", „Wir sind gezwungen, dies zu tun“ und „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa“. Jetzt ist der Markt – aber das sind nicht Schirrmachers Worte – durch die Symbiose mit dem Staat nicht mehr nur allwissend, sondern auch allmächtig, gottgleich, gewissermaßen.

Kein Wunder, dass sich auch die Geheimdienste der gleichen Strategie bedienen wie die Wirtschaft und zuvor das Militär im kalten Krieg. In der Sprache eines zitierten Geheimdienst - Philosophen wird „die Praxis der Entführung und geheimdienstlichen Befragung mutmaßlicher Terroristen in Staaten, in denen Folter erlaubt ist, [bezeichnet als] ‚Outsourcing in unregulierte Märkte'.“
Die Deformierung des Menschen
In eine solche Gesellschaft muss der Mensch erst einmal eingepasst werden. Denn „absolutes Eigeninteresse anzunehmen und dann sehen, wie weit man kommt“, ist nicht unbedingt jedermanns Sache. Die derzeitige Welle an psychischen Erkrankungen führt Schirrmacher unmittelbar auf diesen neuen Überbau des Kapitalismus zurück. Als Anfangs der 1950er Jahre das Modell in der RAND-Corporation an den Sekretärinnen getestet wurde, verhielten diese sich „überhaupt nicht egoistisch, sondern rational und altruistisch.“ Der zuständige Mathematiker bekam einen Wutanfall und beschimpfte die Sekretärinnen, sie hätten das Spiel nicht verstanden. Auch gilt das Festhalten an der eigenen Identität als Karrierenachteil. „Ist die Identität erstmal über die Klinge gesprungen, gibt es natürlich keine kontinuierlichen Berufswege [und keine] festen Verträge mehr.“

Hier vertauscht, kurz anzumerken, Schirrmacher Ursache und Wirkung. Denn die Abschaffung der Festanstellungen ermöglicht dem Kapital, Lohnkürzungen durchzusetzen, ist also der primäre Schritt. Das Bemerkenswerte – was Schirrmacher erkennt – ist jedoch, dass der Neoliberalismus diese Entwicklung verbindet mit der Verherrlichung der Selbstzerstörung der persönlichen Identität! Und selbstredend kann „der moderne Staat nur noch minimale Wohlfahrtsansprüche garantieren“. Zu Schirrmachers Ausführungen hinzuzufügen wäre noch, dass konsequenterweise der Klimawandel als Standortvorteil angesehen wird, weil er den Zugriff auf die Bodenschätze in der Arktis ermöglicht.

Das sogenannte Nash-Gleichgewicht, das Grundtheorem dieser Geisteswelt, – unverkennbar ein Gebilde aus der Militärzeit des Neoliberalismus – lautet: „Nur wenn man vom Schlimmsten ausgeht, findet man eine rationale Strategie, um den Gegner auszutricksen.“
Das ist die Leitlinie von Politik und Wirtschaft. Als mathematische Formel steckt es nicht nur in den Programmen der Hedgefonds, sondern auch der ‚sozialen Netzwerke‘ im Internet. Und nach diesem Prinzip werden wir regiert.
Was tun?
„Zeit, an den Ausweg zu denken“, schreibt Schirrmacher am Ende des Buches. Dabei hat er an anderer Stelle selbst darauf hingewiesen, dass die Voraussetzung für diese Ideologie das TINA-Prinzip ist: „There Is No Alternative.“ „Ich glaube nicht“, wird Milton Friedman zitiert, „dass es in absehbarer Zeit eine alternative Ideologie geben wird. Es existiert keine.“
Der Widerstand gegen diese Entwicklung muss den Gegenentwurf beinhalten. Widerstand gegen allwissende und allmächtige „Markt-Staaten“ bedingt als strategische Herausforderung die Präsentation der Alternative wie auch den Aufbau einer Gegenbewegung. Gegen den neuen Totalitarismus braucht es das Konzept jener Welt, die wir wollen, und eine Macht, die dieses Konzept präsentieren kann.

Verwendete Literatur von Frank Schirrmacher
„EGO“, erschienen 2013 im Blessing - Verlag sowie ein Essay und ein Interview, veröffentlicht im „Spiegel“ Nr. 7 vom 09.02.2013.
Sämtliche Textstellen in Anführungszeichen sind wörtliche Zitate aus einer dieser drei Quellen.

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