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Überlegungen zu einem unverstandenen Zitat von Karl Marx | Drucken |  E-Mail
Isabel Schneider   
28.03.2013
Aus den ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844):
„In diesem natürlichen Gattungsverhältnis ist das Verhältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum Menschen, wie das Verhältnis zum Menschen unmittelbar sein Verhältnis zur Natur, seine eigne natürliche Bestimmung ist. In diesem Verhältnis erscheint also sinnlich, auf ein anschaubares Faktum reduziert, inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen des Menschen geworden ist.

Aus diesem Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen. Aus dem Charakter dieses Verhältnisses folgt, inwieweit der Mensch als Gattungswesen, als Mensch sich geworden ist und erfasst hat; das Verhältnis des Mannes zum Weib ist das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen.

In ihm zeigt sich also, in[wie]weit das natürliche Verhalten des Menschen menschlich oder inwieweit das menschliche Wesen ihm zum natürlichen Wesen, inwieweit seine menschliche Natur ihm zur Natur geworden ist. In diesem Verhältnis zeigt sich auch, in[wie]weit das Bedürfnis des Menschen zum menschlichen Bedürfnis, inwieweit ihm also der andre Mensch als Mensch zum Bedürfnis geworden ist, inwieweit er in seinem individuellsten Dasein zugleich Gemeinwesen ist.“


In philosophischen Begriffen ungeübt, werde ich dieses Zitat wahrscheinlich nie verstehen. In dem kulturellen Kontext, dem ich entstamme, ist das Wort „Weib“ für Frau ein Schimpfwort.

Das Weib ist ein Neutrum, eine Sache; und in der Sprache zeigt sich bereits hier, dass das Geschlechterverhältnis als ein Verhältnis von Subjekt (Mann) zu Objekt (Weib) gesehen wird; und genau dieses Verhältnis soll das natürlichste Verhältnis des Menschen zum Menschen sein? Immerhin ist das Weib im zweiten Teil des Satzes zum Menschen aufgestiegen. Der Sprachgebrauch zeigt, dass nicht das Verhältnis von einem Mann zu einer Frau gemeint ist, sondern dass das Geschlechterverhältnis gemeint ist.

Ein gesellschaftliches Verhältnis
Das Geschlechterverhältnis ist jedoch in vielen Aspekten nicht von der Natur, sondern durch die jeweilige Gesellschaft bestimmt. Je nach Gesellschaftsordnung hat das Geschlechterver- hältnis ganz und gar verschieden Ausprägungen. Dieses Geschlechterverhältnis wird immer auch Auswirkungen auf die Beziehung von einem Mann zu einer Frau haben.

Karl Marx hat sich im wissenschaftlichen Sinne nicht mit dem Geschlechterverhältnis befasst. Die bekanntesten Versuche im Rahmen der sozialistischen Literatur, sich diesem Geschlechterverhältnis als gesellschaftliches Verhältnis anzunähern, sind die Arbeiten von Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ (1884) und von August Bebel „Die Frau und der Sozialismus“ (1879).

Letzteres gehört zu den am meisten gelesenen Werken der sozialistischen Literatur überhaupt. Wenn diese Arbeiten heute in vielerlei Hinsicht revidiert werden müssen, so hat doch die Vorstellung, dass eben das Geschlechterverhältnis ein politisch-gesellschaftliches ist, welches sich im Wandel der Zeit verändert, nie ihre gestalterische Kraft verloren. Die Naturgesetze können wir nicht außer Kraft setzen, aber wir sind in der Lage, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern.

Allein im kleinen Deutschland, welches aus zahlreichen Klein- und Kleinststaaten entstanden ist, gab es ganz unterschiedliche Rechtsformen. Als Beispiel sei hier der Unterschied zwischen dem Erstgeborenenrecht und dem der Erbteilung mit gleichem Erbrecht für Frauen genannt. Die daraus resultierenden Haltungen haben zum Teil über Generationen hinweg Einfluss darauf, wie Menschen ihre sozialen Beziehungen gestalten.

Es sei hingewiesen auf den Unterschied zwischen bäuerlicher Großfamilie und bürgerlicher Kleinfamilie, auf die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen den arbeitenden und den jeweils herrschenden Klassen. Anna, die Kranfahrerin, und Angela, die Physikerin, stehen sicherlich auch dafür, dass das Geschlechterverhältnis in den ehemals sich als sozialistisch bezeichnenden Ländern ein anderes war als im kapitalistischen Westen.

Zurzeit erleben wir in den arabischen Ländern, in Indien, in Pakistan heftigsten Widerstand gegen die Versuche, Frauen erneut gewaltsam aus der Öffentlichkeit auszuschließen. Die Eroberung der Öffentlichkeit und der Straße war in allen Frauenbewegungen, auch in der Neuen Frauenbewegung, ein wichtiges Anliegen, ein großer Schritt in Richtung Frauenemanzipation und dahin, dass Frauen sich als politische Subjekte begreifen.
Vermehrte Ausbeutung
Auf der andern Seite können wir das Geschlechterverhältnis heute nicht ohne das Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung verstehen. Profitmaximierung, die Jagd nach Arbeitskräften, Rohstoffen und Märkten zerstören die alten patriarchalischen Strukturen.

Der Zwang zu Mobilität, die Flexibilisierung von Arbeitszeiten, die Verlängerung des Arbeitstages und die Prekarisierung zerstören Familienstrukturen. Die Zahl der Singles und damit die Vereinsamung von Menschen nimmt immer mehr zu. Die Familie kann die Versorgung von alten Menschen nicht mehr gewährleisten. Das Konzept der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht überwiegend auf Kosten der Frauen.

Frauen haben heute Zugang zu allen Bildungseinrichtungen und haben die Männern hinsichtlich der Bildungsabschlüsse überholt. Jedoch konzentriert sich die Erwerbstätigkeit von Frauen auf nur 10 von 350 möglichen Berufen. Alleinerziehende Mütter und ihre Kinder gehören überwiegend zur ärmsten Bevölkerungsgruppe der Gesellschaft. Niedrigere Löhne und Gehälter, unterbrochene Erwerbsbiographien, Teilzeitarbeit führen dazu, dass die Altersarmut der Frauen noch größer ist als die der Männer.

Die eklatante soziale Ungleichheit in der Welt kann nur durch Repression aufrecht erhalten werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschheit dies noch lange Zeit erträgt. Nur, an welcher Stelle die Herrschaftsarchitektur zuerst zusammenbricht, weiß ich nicht. Ob am Klassenwiderspruch, ob am Geschlechterverhältnis, ob in den Metropolen, in den aufsteigenden Industrienationen wie Indien und China oder in der Peripherie, das bleibt zu diskutieren.

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