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Ernest Mandel:
Einführung in den Marxismus
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Cover: Einführung in den Marxismus
238 Seiten, 10,00 €
ISBN 3-929008-04-1
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Die integrationsunwilligsten Ausländer_innen ... | Drucken |  E-Mail
Olga Dedinas   
14.06.2012

... wohnen oft in unterentwickelt gehaltenen Ländern in abgeschlossenen Kommunen. In Namibia beispielsweise leben zwischen 22 000 und 30 000 „Deutsch-Namibier_innen“, oft schon in der fünften bis sechsten Generation. Trotzdem sind sie deutsche Muttersprachler_innen und haben teilweise die deutsche Staatsbürgerschaft. Wer sind diese Menschen? Und wie sind sie nach Namibia gekommen?

Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, müssen wir uns in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts begeben, in der das Deutsche Kaiserreich begann, nach einem sogenannten Platz an der Sonne zu streben, das heißt, sich an der Besatzung und Unterdrückung in Asien und auf dem afrikanischen Kontinent zu beteiligen. Insgesamt besaß Deutschland acht Kolonien, fünf davon auf dem afrikanischen Kontinent: Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Witu, Deutsch-Somaliküste, Deutsch-Westafrika und Deutsch-Südwestafrika.

1883 erworben war Letzteres eine der ersten Kolonien. Der Kaufmann Adolf Lüderitz handelte mit den Häuptlingen der dortigen Bevölkerung einen Vertrag aus, in dem er 20 Quadratmeilen gegen einen Spottpreis erhielt, ohne ihnen jedoch mitzuteilen, dass es sich bei den im Vertrag erwähnten Quadratmeilen um Deutsche Meilen (7,4 km) und nicht um die den Landverkäufer_innen geläufigen englischen Meilen (1,6 km) handelte. Dieser Vertragsabschluss ging als „der Meilenschwindel“ in die Geschichte ein und brachte ihn in den Besitz eines Gebietes, das die Ausgangsbasis für die künftige Kolonie Deutsch-Südwestafrika war, die später 1,5mal so groß, wie das damalige Deutsche Reich werden sollte. 1884 gewährte das Deutsche Reich Schutz für die Besitzungen und die dort lebenden (weißen) Menschen, woraufhin das gesamte Gebiet offizielle Kolonie wurde. Ein Jahr später wurde es an die „Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika“ verkauft. Andere Kolonialgebiete wurden durch ebensolche „Käufe“, kriegerische Besatzung oder Tausch und Handel mit anderen Kolonialmächten erworben. Die Kolonialgeschichte begann also bereits mit einem Verbrechen.

Für die dort lebende Bevölkerung bedeutete die Kolonialbesatzung ein Desaster. Um Plantagenwirtschaft und Rohstoffgewinnung zu betreiben, wurden im großen Stil Menschen von ihrem angestammten Grund und Boden vertrieben und somit ihrer Lebensgrundlage beraubt und dann als billigste Arbeitskräfte zu menschenunwürdigen Bedingungen wieder eingestellt. Die Kaufverträge, auf die sich die Nachkommen jener Landbesitzer_innen teilweise heute noch berufen, wurden in den seltensten Fällen mit korrumpierten oder erpressten Häuptlingen abgeschlossen, meist jedoch mit der Kolonialgesellschaft. An der Vertreibung verdienten sich also die Gesellschafter_innen eine goldene Nase, während die Vertriebenen keinen Pfennig erhielten. Die indigene Bevölkerung wurde darüber hinaus mit hohen Steuern von bis zu drei Vierteln ihres Einkommens belegt und musste Zwangsarbeit für die Kolonialherren verrichten.

Aufgrund der vorherrschenden rassistischen Ideologie herrschte unter den weißen Besatzer_innen der Glaube vor, höherwertige Menschen zu sein, wohingegen Nicht-Weiße als „unzivilisierte Wilde“ betrachtet wurden, was sich in der Behandlung der Menschen widerspiegelte. Prügelstrafe und Auspeitschung waren sowohl legal als auch an der Tagesordnung. In einer Eingabe an die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes wurde sich in folgenden Worten für die Beibehaltung der Prügelstrafe ausgesprochen: „Für Milde und Nachsicht hat der Eingeborene auf die Dauer kein Verständnis: Er sieht nur Schwäche darin und wird infolgedessen anmaßend und frech gegen den Weißen, dem er doch nun einmal gehorchen lernen muss, denn er steht geistig und moralisch doch so tief unter ihm.“ Besonders gefürchtet war die sogenannte Nilpferdpeitsche, ein Folterinstrument, das mit eisernen Dornen besetzt war, die tiefe Löcher in den Körper rissen, welche nicht selten zum Tod durch Verbluten führten. Diese Peitsche wurde nicht etwa nur in Einzelfällen, sondern systematisch im gesamten Kolonialgebiet angewendet.
Eine weitere Grausamkeit stellte die Verschleppung schwarzer Frauen dar. Die Kolonialbesatzer_innen waren den damaligen gesetzlichen Besitzverhältnissen zufolge Männer, die in den meisten Fällen allein in die Kolonien reisten. Sie ließen von ihren Angestellten schwarze Frauen verschleppen oder forderten sie von den Stammesoberhäuptern als „Steuern“ ein, um sie zum Zwecke ihrer Lustbefriedigung zu vergewaltigen.
Die „Spuren“ dieser Verbrechen sind noch heute sichtbar, denn es gibt beispielsweise im Volk der Herero viele Menschen mit heller Hautfarbe. Diese sind aber nicht jene Deutsch-Namibier_innen, von denen eingangs die Rede war.

Offizielle Eheschließungen und Beziehungen zu Nicht-Weißen waren in den Kolonien jedoch verboten. Die so genannten „Rassentrennungsgesetze“ wurden nicht erst in Nürnberg erfunden, sondern in den deutschen Kolonien.
In jener Zeit wurde das Wort „verkaffern“ geprägt. Es beschrieb die allmähliche Anpassung eines weißen Kolonisatoren an den Lebenswandel der indigenen Bevölkerung, also die Integration, die von Immigrant_innen in Deutschland heutzutage erwartet wird. Um das sogenannte Verkaffern zu verhindern, wurde der Koloniale Frauenbund gegründet, mit dem Ziel, Frauen in die Kolonien zu schicken, die dort die Männer zur Ordnung rufen sollten.

Zu diesem Zweck wurden Tausende heiratswillige Frauen rekrutiert, in „Tropenschulen“ für ihr neues Leben vorbereitet und schließlich nach Afrika verschifft. Gelockt wurde mit der Aussicht auf den enormen sozialen Aufstieg, den die Heirat mit einem Plantagenbesitzer bedeutete. Darüber hinaus sollten sie in Schulen die indigenen Kinder im Sinne der deutschen Kultur umerziehen, wodurch diese systematisch ihrer eigenen Kultur beraubt wurden. Die Ausübung der eigenen Religion wurde ebenso unter Strafe gestellt wie das Sprechen der eigenen Sprache.
Völkermord
Dieser Drill erschien auch dringend notwendig. In der gesamten Zeit der deutschen Kolonialbesatzung verging nicht ein Jahr, in dem sich nicht in mindestens einer Kolonie ein Aufstand ereignete. In Deutsch-Südwestafrika ist besonders der Aufstand der Herero und Nama von 1904 zu nennen. Der Befreiungsversuch wurde geführt von Samuel Maharero und war anfänglich sehr erfolgreich. Die fest stationierten „Schutztruppen“ waren personell äußerst schwach aufgestellt. Was die Angreifer_innen jedoch unterschätzt hatten, war die Fähigkeit der Armee, sehr große Truppen sehr schnell zu bewegen und der eintreffenden Verstärkung waren die Befreiungskämpfer_innen (unter anderem wegen derer weit besseren Waffentechnologie) nicht gewachsen und wurden in der Schlacht am Waterberg besiegt. Hierauf gab der Befehlshaber der Deutschen, Lothar von Trota, den Vernichtungsbefehl heraus, welcher zum ersten Völkermord in der deutschen Geschichte führte. Die Überlebenden der Schlacht wurden in die Omaheke-Wüste getrieben, wo sie entweder, wenn von Soldaten angetroffen, ermordet wurden oder an Hunger und Durst starben. Dem fielen nach heutigen Schätzungen ca. 300 000 Menschen zum Opfer.

Auch die ersten deutschen Konzentrationslager wurden auf afrikanischem Boden errichtet, für aufgegriffene Herero-Frauen und Kinder. Diese KZ trugen nicht nur den gleichen Namen, sondern waren auch ihrer Organisation und Funktionsweise nach Vorboten der KZ der NS-Zeit. Ein Kontinuum gab es sowohl auf dem Gebiet der Massenvernichtung als auch bei der „Rassenforschung“ und auch personell. So war einige Jahre ein gewisser Heinrich Göring oberster Kolonialverwalter von Deutsch-Südwestafrika. Es war der Vater von Hermann Göring. Zu „Rassenforschungszwecken“ wurden den ermordeten Hererokrieger_innen zu Tausenden die Köpfe abgeschlagen und nach Deutschland verbracht, wo sie sich größtenteils noch heute befinden.

Erst vor wenigen Jahren wurden 20 solcher Schädel in der Charité in Berlin „entdeckt“ und im Jahr 2008 an das heutige Namibia zurückgegeben. Welch hoher diplomatischer Wert einem Land wie Namibia dabei zugemessen wird, zeigte sich bei dieser Gelegenheit noch einmal deutlich. Die angereisten Staatsoberhäupter wurden am Flughafen nicht einmal von einem einzigen Mitglied der deutschen Regierung empfangen, sondern von einigen politischen Aktivist_innen. Die einzige Ministerin, Cornelia Pieper (FDP), Staatsministerin im Auswärtigen Amt, die sich später der Sache annahm, reiste vor Ablauf der Zeremonie wieder ab. Deutschlandweit werden ca. 3000 Schädel von ermordeten Herero und Nama vermutet. Institutionen wie das Ethnologische Museum Dresden oder die Universität Frankfurt am Main weigern sich bis heute, ihre Sammlung von menschlichen Schädeln und Skeletten dahin gehend überprüfen zu lassen.
Trotz eindeutiger historischer Quellenlage ist der Genozid an den Herero und Nama bis heute vom deutschen Staat nicht anerkannt worden, noch wurden Reparationen oder Wiedergutmachungsgelder gezahlt. Im Geschichtsunterricht findet die Kolonialgeschichte selten einen Platz und wenn, dann nicht die eigene. Warum dieses Totschweigen?
Fortgesetzter Rassismus
Mensch kann nur vermuten, dass die Kolonialverbrechen zuzugeben, bedeuten würde, dass der Terror des NS-Regimes kein Ausrutscher von Wirrköpfen war, sondern konsequent fortgesetzte Politik der damaligen gesellschaftlichen Elite. Es ist unerlässlich, sich selbst geschichtlichen Nachhilfeunterricht zu geben, und sich mit den Grausamkeiten der deutschen Kolonialbesatzung auseinanderzusetzen, denn rassistische Ideologie und rassistische Morde sind uns bis heute in der BRD erhalten geblieben, denkt mensch nur an die pseudowissenschaftlichen Thesen von Thilo Sarrazin, die Pogrome in den neunziger Jahren, etwa in Rostock, oder die Morde des NSU.
Rassismus kann mensch nur aus seiner vollständigen Geschichte heraus vollständig verstehen. Um zu verstehen, wie sich die 8 % weißer Weltbevölkerung ihre privilegierte Stellung erobert haben: nämlich durch Krieg und Raub, von z. B. Land, das zu großen Teilen heute noch von den Nachkommen der Kolonialbesatzer_innen besessen wird. So auch im Falle der Namibia-Deutschen, die die Nachkommen der ehemaligen deutschen Kolonialist_innen sind. Es ist wichtig, um zu verstehen, dass die Armut von nicht-weißen Menschen nicht genetisch bedingt ist, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Unterdrückung, Ausbeutung und Ausplünderung. Wie sollen z. B. Menschen eine eigenständige Existenz aufbauen, wenn ihre ursprüngliche Kultur und Lebensgrundlage zerstört ist, das nutzbare Land integrationsunwilligen Ausländer_innen gehört, die nicht bereit sind, faire Löhne zu zahlen?

Massenarmut und Slumbildung sind die Folgen. Wenn die Betroffenen sich dann auf den Weg machen, um in Europa ein Leben in Würde zu suchen, findet der Massenmord von damals eine weitere konsequente Fortsetzung: An den Außengrenzen der EU sterben jährlich ca. 3000 Menschen.

Die einzige wirksame Antwort auf Rassismus ist der Internationalismus. Wir und die Lohnabhängigen in Namibia, Togo, Somalia und in allen anderen ehemaligen Kolonien leiden aus den gleichen Gründen unter Ausbeutung und Armut: aufgrund der Profitlogik des deutschen Kapitals. Leider gibt es derzeit keine Organisation, die dies massenwirksam propagieren oder die vergessene deutsche Kolonialgeschichte ins Massenbewusstsein rücken könnte, ganz zu schweigen vom Lahmlegen von Frontex und dem Durchsetzen einer menschenwürdigen Migrationspolitik. Wer im Kleinen anfangen möchte, kann in seiner Stadt Ausschau halten nach von-Trota-Straßen (wie es sie z. B. in Oberhausen noch gibt) und sie eigenständig umbenennen. Eine andere Möglichkeit, Bewusstsein zu schaffen, sind Plakate oder Infoabende am Hererotag, der jedes Jahr um den 26.8. in Namibia begangen wird. Am Jahrestag der Schlacht vom Waterberg werden die Ereignisse des Krieges in historischen Uniformen nachgespielt, um sie in Erinnerung zu behalten. Anschließend wird um die Gefallenen getrauert, und zwar sowohl die der Herero als auch der deutschen, während der deutsche Staat sich noch nicht einmal entschuldigt hat. Was die Fähigkeit zur Völkerverständigung angeht, ist Deutschland definitiv ein Entwicklungsland.

* Frontex: „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen“. Sie koordiniert die operative Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten an den Außengrenzen der EU zur Abwehr von Flüchtlingen, bzw. Migrant­Innen.
* Hermann Göring: Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe während des Zweiten Weltkrieges.
 

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