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Wer war Jakob Moneta? – Ein Nachruf | Drucken |  E-Mail
WA   
21.04.2012

Um diese Frage ansatzweise beantworten zu können, ist eine Spurensuche erforderlich. Ein fast 100 Jahre währendes Leben und ein rund 70 Jahre andauerndes Engagement für die revolutionäre Arbeiter­­Innenbewegung sind zu würdigen.

Viele alte und einige neue Probleme tauchen in dieser Zeitspanne auf und spiegeln sich in Jakobs Person – etwa das Verhältnis von Anpassung und Widerstand. Seine eigenen politischen Erfahrungen sind geprägt durch den Bogen von Reform, Revolution und Konterrevolution. In diesem Zusammenhang sah er sich dem unseligen Dreigestirn von Faschismus, Sozialdemokratie und Stalinismus genauso konfrontiert wie dem kritischen Verhältnis von Bürokratie, Organisation und Arbeiter­Innenklasse.
Annäherung
Wer war also Jakob Moneta? Und was hatte er mit „Anna Armand“ und „Sonja“ zu tun?
Eine erste Annäherung an eine Antwort kann sich auf folgende Merkwürdigkeiten stützen. Ein Mensch hofft nach all den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, an seinem 100. Geburtstag endlich die Überwindung des Kapitalismus in nicht allzu weiter Ferne erkennen zu können. Dieselbe Person erfreut sich noch kurz vor dem nahenden Tod an dem Lied des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes. In dieser alten, in jiddischer Sprache verfassten Hymne heißt es in Jakobs eigener Übersetzung:
Vielleicht bau ich in der Luft nur meine Schlösser.
Vielleicht ist mein Gott überhaupt nicht da.
Im Traum wirds leichter mir, im Traum wird es mir besser.
Im Traum ist der Himmel blau und völlig klar.

Das sind Belege für ein starkes „Trotz alledem“, das sich durch nichts und durch niemanden hat brechen lassen.
Die frühe Kindheit gilt als prägende Phase eines Menschen. Jakob Moneta erinnerte sich sein Leben lang sehr klar an die antisemitischen Pogrome in der galizischen Kleinstadt Blasow (heute Polen). Dort war er am 11. November 1914 zur Welt gekommen.
Die Familie Moneta flüchtete 1919 vor den Gewalttätigkeiten der Judenhasser nach Köln, in die Heimatstadt seines Vaters – eines Textilfabrikanten. Für den kleinen Jakob bedeutete das die Bekanntschaft mit einer neuen Welt. Er besuchte dort nicht nur die Volksschule, sondern auch das Reformrealgymnasium, das er 1933 mit dem Abitur abschloss.
Schon als 17-jähriger war Jakob Moneta mit seinen linkszionistischen Genoss­Innen dem Sozialistischen Jugendverband (SJV) beigetreten. Der SJV war eine Organisation der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP). Hans Mayer, der damals in der SAP Positionen der Linken Opposition unterstützte und später als Literaturwissenschaftler bekannt wurde, verschaffte ihm Zugang zu Trotzkis unübertroffener Faschismusanalyse.
Exil
Nach der Machtübergabe an die Nazis verließ Jakob Moneta im November 1933 Deutschland und ging nach Palästina, das unter britischer Mandatsverwaltung stand. Dort lebte er fünf Jahre in einem Kibbuz. Jakob war in der Landwirtschaft und auf dem Bau tätig. Zudem erlernte er den Beruf des Orangenkistennaglers.

Seit 1933 war Jakob Moneta im Gewerkschaftsbund Histadrut organisiert. Er gründete die Civil Service Association (CSA – Vereinigung des Öffentlichen Dienstes) mit und wurde einer ihrer Führer. Die CSA war nicht nur eine Untergliederung des britischen Gewerkschaftsdachverbandes TUC, sondern damals die einzige Gewerkschaft in Palästina, die sowohl jüdische als auch arabische und christliche Mitglieder zuließ.

In einem 1975 für die Industriegewerkschaft Metall (IGM) maschinenschriftlich verfassten Lebenslauf erinnerte sich Jakob an diese Zeit: „Nachdem ich als Meister einen Streik für den 8-Stunden-Tag mitorganisiert hatte, der erfolgreich war, kam ich auf die schwarze Liste der Orangen-Syndikate und musste meinen Beruf wechseln. 1939 wurde ich zusammen mit anderen Genossen, die den Kibbuz verließen, weil sie mit der zionistischen Politik [gegen die palästinensische Bevölkerung, wa] gebrochen hatten, vom britischen Criminal Investigation Department (CID) festgenommen und ohne Gerichtsurteil bis 1941 (27 Monate lang) interniert. Nach meiner Freilassung unterlag ich noch jahrelang einer ständigen Meldepflicht bei den Polizeibehörden.“

Nicht erwähnt ist in dem Bericht die Tatsache, dass sich Jakob Moneta in dieser Zeit der trotzkistischen Bewegung angenähert hatte. Er bestritt damals mit unterschiedlichen Tätigkeiten – unter anderem für die französische Nachrichtenagentur AFP und für das Economic Institute of the Middle East – seinen Lebensunterhalt.
Rückkehr
1948 kehrte Jakob mit seiner 1933 ebenfalls vor den Nazis geflohenen Ehefrau Mathilde, geborene Langermann, über Frankreich und Belgien nach Köln zurück – in der Hoffnung auf den Beginn der deutsche Revolution. In Köln schloss er sich der dortigen Gruppe der Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) an.

Von 1949 bis 1951 war Jakob Moneta als Journalist bei der Rheinischen Zeitung tätig, deren Chefredakteure die Sozialdemokraten Willi Eichler und Heinz Kühn waren. 1951 musste er seine Tätigkeit bei der „Rheinischen“ wegen politischer Konflikte mit dem SPD-Establishment beenden und entging nur knapp dem Parteiausschluss. Jakobs Positionierung war eindeutig. Zum einen hatte er gegen die erste Phase der „Wiederbewaffnung“ West-Deutschlands protestiert. Zum anderen hatte er einen jungen Journalisten namens Ernest Mandel über die Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien berichten lassen.

1951-52 musste sich Jakob wegen einer Tuberkuloseerkrankung in einem Schweizer Sanatorium aufhalten. Dort konnte er unter anderem wissenschaftliche Literatur aus dem Englischen übersetzen und den „Kommentar zum Kurzen Lehrgang der Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschwiki), Aufstieg und Niedergang des Stalinismus“ verfassen.
1953 arbeitete Jakob Moneta zunächst einige Monate im Auslandsreferat der SPD und trat im November desselben Jahres die Stelle eines Sozialreferenten bei der Deutschen Botschaft in Paris an. In dieser Zeit lernte er nicht nur die französische Arbeiter­Innenbewegung kennen, sondern nutzte seinen diplomatischen Status für die Unterstützung der algerischen Befreiungsbewegung FLN.
Metaller
1962, nach dem Tod von Mathilde Moneta, kehrte Jakob mit seiner damals 12 Jahre alten Tochter Dalia nach Deutschland zurück. Er verzichtete gerne auf eine weitere Laufbahn im diplomatischen Dienst, weil ihn Otto Brenner, früheres SAP-Mitglied und damaliger Erster Vorsitzender der IGM, nach Frankfurt am Main gebeten hatte. In der Vorstandsverwaltung der Industriegewerkschaft Metall wurde Jakob Moneta bis zu seiner Pensionierung 1978 mit der Aufgabe des Chefredakteurs der Mitgliederzeitung metall und des Funktionärsorgans Der Gewerkschafter betraut.
Es ist eines seiner unbestreitbaren Verdienste, dass er beide Publikationen im Sinne gewerkschaftlicher Gegenmacht modernisierte und politisierte. Nicht nur, dass er fremdsprachige Übersetzungen der metall für ausländische Kolleg­Innen herstellen ließ, er rückte neue Themen in den Blickpunkt und förderte den investigativen Journalismus. So erhielt der junge Günter Wallraff eine Plattform für seine Industriereportagen.
Ein besonderes Augenmerk legte Jakob Moneta auf die publizistische Begleitung wichtiger tariflicher oder betrieblicher Auseinandersetzungen der IG Metall. In enger Verbindung nicht nur mit der Stuttgarter IGM-Bezirksleitung um den legendären Willi Bleicher, sondern auch mit aktiven betrieblichen Funktionären etwa beim „Benz“ in Mannheim erstellt er Streiknachrichten. Nicht zuletzt der traditionell aufmüpfigen Belegschaft von VFW Fokker in Speyer (heute PFW) stand Jakob mit Metallnachrichten im vorbildlichen Kampf um den Erhalt des Betriebes zur Seite.
Revolutionär
Nach seiner Rückkehr aus Palästina war Jakob Moneta der deutschen Sektion der IV. Internationale (IKD, später Gruppe Internationale Marxisten – GIM) beigetreten und in deren Leitungsorganen aktiv. Meist verteidigte er in Wort und Schrift (als „Sonja“) die Positionen der internationalen Mehrheit und deren Hoffen auf eine Linksentwicklung in den traditionellen Parteien und Apparaten der Arbeiter­Innenbewegung. 1986, nach dem Zusammenschluss von GIM und  KPD zur Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP), engagierte er sich zunächst auch in dieser Formation, die aber mit dem demokratischen Aufstand gegen den Stalinismus in der DDR schnell in eine existenzielle Krise geriet.
Nach außen hin war sein langjähriges revolutionäres Engagement nur Eingeweihten und den Spitzelagenturen in West und Ost bekannt. Seine rege Publikations- und Übersetzungstätigkeit (lange Zeit unter Pseudonymen wie „Anna Armand“) schlug sich in zahllosen Artikeln, Kommentaren oder Analysen für Zeitschriften wie Sozialistische Politik, die internationale, Was Tun, Sozialistische Gewerkschaftspolitik, Sozialistische Zeitung und anderen nieder. Broschüren und Bücher etwa zur Kritik des Sozialdemokratismus, der Aufrüstung oder der Atomenergie unterstrichen seine außergewöhnliche Tätigkeit auch auf diesem Feld.

Als revolutionärer Internationalist engagierte er sich aktiv für die Aufstände in Algerien, Kuba und Nicaragua. Gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Sigi unterstützte Jakob insbesondere Alexander Neville im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Er solidarisierte sich mit Jakob Taut und Michael Warshawski in der Kritik des Zionismus in Israel. Er ergriff Partei für die Arbeiter­Innenerhebungen gegen den Stalinismus in der DDR 1953, der CSSR 1968 oder in Polen 1980/81.

Es ist unvergessen, wie er im Winter 1981 telefonisch den Text für Protestflugblätter gegen die Unterdrückung der polnischen Bewegung für Arbeiter­Innenselbstverwaltung auf Anfrage örtlicher Solidaritäts-Komitees durchgab. Flinke Hände tippten dann die Tonbandaufnahme seines Anrufs mit der Schreibmaschine ab. Die auf Papier geklebten Vorlagen wurden in großer Eile zur Druckerei gebracht, und Aktivist­Innen verteilten dann die Flugblätter am nächsten Morgen bei klirrender Kälte vor Großbetrieben.
Pädagoge
Jakob Moneta trat als Redner und Referent auf zahllosen politischen, gewerkschaftlichen oder universitären Veranstaltungen, Konferenzen und Seminaren auf. Er beeindruckte und beeinflusste Tausende – Linke auch außerhalb der IV. Internationale, aktive Gewerkschafter­Innen nicht nur in der IG Metall oder Studierende (zum Beispiel am Lehrstuhl des bekannten Kommunismusforschers Hermann Weber). Jakobs Themenpalette reichte von aktuellen Fragen der Gewerkschaftsbewegung bis zur heutigen Bedeutung des „Kommunistischen Manifestes“ von Marx und Engels.

Unvergessen ist sein Auftreten, bei dem er im Gegensatz zu linken Kleidungsmoden einen „korrekten“ Habitus (Jackett gerne in Kombination mit Rollkragenpullover) bevorzugte. Meist stehend legte Jakob mit leiser, aber eindringlicher Stimme seine Gedanken dar. Hand- oder maschinenschriftlich hatte er seine Referate auf DIN A5-Seiten notiert. Mit seiner bescheidenen, aber aufmerksamen und offenen Art gelang es ihm schnell, die Sympathie des jeweiligen Publikums zu gewinnen.

Jakob war nicht nur ein geschickter Pädagoge der Arbeiter­Innenbewegung, er kannte auch deren Geschichte und Kämpfe auf nationaler und internationaler Ebene wie kaum ein Zweiter. Als bekennender Anhänger des revolutionären Internationalismus hatte Jakob Moneta keine Berührungsängste vor Autor­Innen aus anderen politischen Lagern.

So machte er die Jüngeren mit dem eher konservativen Publizisten Sebastian Haffner bekannt. In dessen immer noch weitgehend totgeschwiegenem Werk „Die verratene Revolution, Deutschland 1918/19“ wird eindrucksvoll die konterrevolutionäre Allianz der Mehrheitssozialdemokratie um Ebert und Noske mit Reichswehr und rechtsextremen Freikorps beschrieben. Nicht nur Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches und tausende revolutionärer Arbeiter­Innen, Soldaten und Matrosen fielen derem mörderischen Treiben zum Opfer, sondern auch die Ansätze einer deutschen Rätedemokratie. Letztlich öffneten diese Ereignisse den Weg, der zum Faschismus, zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust führte. Diese Zusammenhänge waren Jakob sehr bewusst.

Nach dem Ende der DDR schloss er sich 1990, ohne seine Mitgliedschaft in der IV. Internationale aufzugeben, der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) an – der heutigen Linkspartei. Dieser Schritt führte zu seinem Ausschluss aus der SPD, deren Mitglied er formal geblieben war. In der PDS war Jakob Moneta Mitglied des Parteivorstandes und Verantwortlicher für Gewerkschaftsarbeit.
Bereits als Schüler hatte er Englisch und Französisch gelernt, als Autodidakt zudem später Hebräisch, Arabisch und Russisch. Grundkenntnisse in Italienisch, Niederländisch und Spanisch erweiterten seinen großen Sprachhorizont.

Dieses Wissen half ihm auch im hohen Alter, als eine aktive Teilhabe an politischen und sozialen Bewegungen wie dem Kampf gegen Krieg, Nazis und Atomwirtschaft nicht mehr möglich war. Denn er verfolgte noch in den letzten Monaten seines Lebens mit wachem Interesse die internationale und nationale Presse und widmete sich mit Leidenschaft der Lektüre von Büchern. Jakob Moneta starb am 3. März 2012 in Frankfurt am Main.
Abschied
Überlassen wir Jakob zum Abschied das Schlusswort: „Wer nicht im KZ [und wir fügen hinzu: oder im GULAG; WA] ermordet, nicht in den Gaskammern umgebracht wurde, wer nicht in den imperialistischen Kriegen gefallen ist, hat kein Recht dazu, den Kampf für den Sozialismus aufzugeben.“

Oder etwas weniger pathetisch: „Wir müssen den Kampf um die Köpfe der Menschen beginnen, die sich von der Wettbewerbs­ideologie benebeln lassen. Unsere Losung muss sein: ‚Die Menschen sind nicht für die Wirtschaft da. Die Wirtschaft ist für die Menschen da.’“

 

Ausgewählte Literaturtipps
  • Anna Armand [i.e. Jakob Moneta], Kein Kredit für Helmut Schmidt, Frankfurt a. M. 1974.
  • Jakob Moneta, Aufstieg und Niedergang des Stalinismus, Frankfurt a. M. o.J. [1976].
  • Ders., Streiks und Aussperrungen in der BRD, Frankfurt a. M. 1984.
  • Ders., Mehr Macht für die Ohnmächtigen, Frankfurt a. M. 1991.
  • Ders., Solidarität im Zeitalter des Skeptizismus, Sozialistische Texte 1, Köln 2004.
 
TiPP
Über Jakobs Leben gibt es auch einen Film: Jakob Moneta, Jude-Gewerkschafter-Sozialist, Stationen eines Lebens im 20 Jahrhundert, Ein Film von Juri Hälker, Supplement der Zeitschrift Sozialismus 11/2006.

 

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