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Ernest Mandel:
Einführung in den Marxismus
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238 Seiten, 10,00 €
ISBN 3-929008-04-1
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Das antisemitische Tattoo | Drucken |  E-Mail
Helmut Dahmer   
14.04.2012

Auf die „Wiedervereinigung“ der beiden deutschen Teilstaaten, die einander seit den vierziger Jahren als Frontstaaten verschiedener Machtblöcke in feindlicher Koexistenz gegenübergestanden hatten, folgte in den Neunzigern eine Welle von Brandanschlägen und Überfällen, die sich gegen Flüchtlinge und Einwanderer richteten und etwa 100 Menschen das Leben kosteten.

Es war, als hätte die Wieder-Befreundung der Bevölkerungen von DDR und BRD deren Toleranz-Reserven aufgebraucht. Die zumeist jugendlichen Schläger und Brandstifter wähnten denn auch, im Interesse der schweigenden Mehrheit zu handeln, als sie mit Blut und Feuer neue („ethnische“) Grenzen im Inneren der ethnisch inhomogenen Bevölkerung einzuziehen suchten. Spät erst, im Jahr 2000, reagierte die (damals sozialdemokratische) Regierung und rief zu einem „Aufstand der Anständigen“. Doch die nun als „rechtsextremistisch motiviert“ anerkannten Aktionen gegen „Ausländer“, Asylanten-Heime, Friedhöfe, Synagogen und Gedenkstätten gehörten fortan zum Alltag, und in bestimmten ostdeutschen Städten reklamierten „Freie Kameradschaften“ no-go-areas, „National befreite Zonen“, in die sich kein Ausländer mehr hinein traute.

Polizei, Geheimdienste und Strafverfolgungsinstanzen sahen dem Treiben mehr oder weniger passiv zu. Weil sie ihren eigentlichen Gegner seit eh und je auf der politischen Linken, also in kommunistischen und sozialistischen Organisationen, in der Studenten-Protestbewegung und ihren Ausläufern sahen, erwiesen sie sich bei der Beobachtung und Verfolgung rechter Gewalttäter als unwillig und unfähig. Aus diesem Schlummer unsanft geweckt wurden die deutsche Exekutive und Judikative, als im vergangenen November (2011) die sogenannte „Zwickauer Zelle“ (des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, „NSU“) aufflog, eine rassistische Bande von Bankräubern und Killern, die im Laufe eines Jahrzehnts unter der Losung „Taten statt Worte“ in verschiedenen Städten mindestens neun willkürlich „ausgewählte“ Ausländer, nämlich türkische und griechische Kleinhändler, sowie eine Polizistin erschossen hatten.1 Als tatkräftiger Unterstützer dieser Gruppe wirkte neben anderen „André E.“, ein 32jähriger gelernter Maurer, der seine Weihnachtsgrüße gern mit Hakenkreuzen verzierte und als Inhaber einer Video-Produktionsfirma wohl auch für die comic­artige Video-Dokumentation der „NSU“-Mordserie verantwortlich war.2 Seine Bande verließ sich jahrelang darauf, dass ihre Erschießungsaktionen (die in der deutschen Presse bezeichnenderweise „Döner-Morde“ genannt wurden) für sich selbst sprächen. Die Ermittlungsbehörden aber stellten sich blind und taub und tippten auf kriminelle Abrechnungen unter Migranten. Später ließen sie verlauten, es habe ja keine „Bekenner-Schreiben“ gegeben, und von sich aus hätten sie keinen Zusammenhang zwischen den Morden erkennen können. Schließlich half ihnen aber „André E.“ doch noch mit einem Video-Bekenntnis auf die Sprünge. Zudem trägt er „auf [seinem] Bauch […] zwei Wehrmachtspistolen [ein]tätowiert, dazwischen einen zerplatzten Schädel und die Worte „Die Jew die“, „Stirb, Jude, stirb.“3

„Juda verrecke!“, brüllten einst die SA-Leute, und ihr Schlachtruf war Optativ und Kommando. „E.“ liebt Tätowierungen und hat sich mit dem exterminatorischen „Programm“ derart identifiziert, dass er es sich „anglisiert“ in die Haut stechen ließ. Er wurde so zu einer Art lebendem Plakat, wenn auch zu einem verhüllten, das erst in der Untersuchungshaft entdeckt wurde. „E.“ repräsentiert den mörderischen Judenhass, und zwar den verhohlenen, kaschierten der Nachkriegszeit. In den nationalsozialistischen Antisemitismus haben ihn wohl die Großeltern eingewiesen, und später hat er die familiale Lektion sicher in seiner Peergroup sowie in alten und neuen Traktätchen bestätigt gefunden. Jedenfalls fand die judophobe Parole in ihm ihren Mann, schon vor der Tätowierung war sie ihm „auf den Leib geschrieben“.
„Juden“ und „Alis“
André E. trägt den Judenhass im Herzen und auf der Haut, doch die Gruppe, deren Aktionen er unterstützte und in einem halbdokumentarischen Comic feierte, ermordete willkürlich „ausgewählte“ nicht-jüdische Kleinhändler, Türken und Griechen. Der Judenhass motivierte sie zu xenophoben Untaten. Phobien gelten nicht Individuen, sondern einem Genre, bestimmten Personen nur, sofern sie diesem Genre zugeordnet werden. Auch der Judenhass gilt einer Kategorie, die im legendär überlieferten Bild des „typischen“ Juden ihr Sinnbild hat. Wer in den Augen der Judophoben diesem Typus entspricht, der Kategorie „Jude“ subsumierbar scheint (auch wenn er nur, wie sie sagen, „verjudet“ ist), wird zum Opfer von Diskriminierung oder Mord. Das Hass-Objekt der Leute vom „Nationalsozialistischen Untergrund“ war austauschbar. Sie hassten Juden, doch ein Judenmord in Deutschland war für die Bande viel zu riskant. Die Morde an einzelnen Kleingewerbe-Migranten hingegen blieben weithin unbeachtet, der Verdacht, sie seien von Ihresgleichen umgebracht worden, wirkte beruhigend, so sehr, dass André E. schließlich beschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Was aber haben Juden, Griechen und Türken gemein, warum ließ sich der Hass der Nazis so leicht auf ein anderes, „neues“ Objekt verschieben? Alle drei Opfer-Gruppen sind, in den Augen ihrer Feinde, Zugewanderte, Nicht-Zugehörige, Menschen, die nicht nur hier „zu Hause“ sind und deren Loyalität darum fragwürdig ist. Von den „Volksgenossen“ unterscheiden sie sich (mehr oder weniger) durch Aussehen, Habitus, Tracht, Sprache, Sitten und Religion. Solche Besonderheit erleben Xenophobe als Provokation. Das Provozierende aber wollen sie um jeden Preis loswerden, sei es durch Internierung, Vertreibung oder Mord.

Da das Provokante kein Einerlei, sondern eine Vielheit von Besonderem ist, bedarf es der vereinfachenden Abstraktion. André E. und seine Gesinnungsfreunde haben darum das, was sie gern aus der Welt schaffen wollen, das Andere („alius“), den Fremden („alienus“), die Alternative, mit einer vagen Erinnerung an den muslimischen vierten Kalifen Ali verschmolzen und ihre Opfer dann einfach als „die Alis“ bezeichnet. Fremdenfurcht und Fremdenhass gelten heute vor allem den muslimischen Zuwanderern und ihren Nachkommen, so wie sie in Euro­pa jahrhundertelang vorwiegend der jüdischen Minderheit galten.

Im Kreis der sozialen Phobien ist die Xenophobie die ältere und universellere Form; die Judophobie ist ihr Spezialfall, der in Eu­ropa Epoche gemacht hat. Der destruktive Umgang mit „Fremden“ ist hier jahrhundertelang im Umgang der christianisierten Mehrheitsbevölkerung mit jüdischen Minderheiten eingeübt worden. Darum nehmen sich die aktuelle Fremdenfeindlichkeit und die grassierende Islamophobie wie eine verallgemeinerte Judophobie aus. Die Migranten-Gruppe der „Alis“ nimmt dabei die Stelle ein, an der einst die Kaste der jüdischen Wanderhändler und Geldverleiher stand. Darum wird ihr ein gleiches Schicksal angedroht. Mit Entsetzen Scherz treibend, hat das ein anderer Frankfurter Graffito-Schreiber schon vor einem Vierteljahrhundert in Form einer Rätselfrage formuliert: „Türken und Juden: die einen haben’s vor sich, die andern hinter sich.“ Das Schmähliche ist, dass solche Rätsel in Deutschland keine sind, weil jeder sogleich weiß, wovon die Rede ist. Daran wird eine weitere Verwandtschaft der beiden potentiellen Opfergruppen deutlich: Sie sind den Xenophoben nur als Kategorie, als Typus präsent, als Karikatur und Gerücht. Die Individuen, die die Kategorie einfängt, zählen nicht. Man kann sie „ohne Ansehen der Person“ attackieren und massakrieren.
Moderne und Abstraktion
André E. und die Seinen kennen kein höheres Ziel, als „den“ Juden (und seine Stellvertreter) umzubringen. Juden repräsentieren ihm „wie allen Antisemiten“ die verhasste Abstraktion, nicht nur die religiöse, die zu einem Gott führt, der unsichtbar ist und keine Abbilder von sich duldet, sondern die ökonomische, die sich im Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft und von der direkten zur indirekten („sachlichen“) Herrschaft vollzogen hat. „Modernisierung“ heißt: fortschreitende Transformation von gemeinschaftlich-konkreten in gesellschaftlich-abstrakte Lebensformen.

Wie ältere Wirtschaftsformen nicht einfach verschwinden, sondern in den entwickelteren, wenn auch modifiziert, fortleben, so überleben im kollektiven Gedächtnis alte Legenden und Bilder, mit Hilfe deren noch Menschen der Gegenwart versuchen, sich ihre soziale Welt verständlich zu machen. Wo Investition oder Nicht-Investition einzig von der erwartbaren Profitabilität des verfügbaren Kapitals abhängen, suchen sie nach Verantwortlichen und Schuldigen, guten oder bösen Vätern, Göttern und Dämonen. Der Menschenfreund sagt: Nicht die Verhältnisse sind an unserer Misere „schuld“, sondern die Menschen, die diesen Verhältnissen unterliegen „weil sie sie dulden“. Warum sie sie dulden, kann er nicht sagen.

Der Judophobe glaubt es besser zu wissen. Der Antisemitismus stellt ihm ein Dispositiv zur Verfügung, einen „kulturellen“ (oder subkulturellen) „Code“, der sich in der Kette vieler Generationen auskristallisiert hat, die sich gegen eine allzu strenge, sie überfordernde Vaterreligion und gegen den Übergang von der Natural- in die Geld- und Renditenwirtschaft sträubten. Das Dispositiv liefert ihm eine „Weltanschauung“, nämlich eine einfache „Erklärung“ für seine Misere. Zugleich stellt es ihm eine Matrix zur Strukturierung und Ausrichtung seiner Affekte zur Verfügung. Es exkulpiert und nobilitiert ihn und seinesgleichen, indem es die vermeintlich „wahren Schuldigen“ benennt und ihn zu deren „Bestrafung“ ermächtigt. Schuld sind die „Fremden“, die an „Anderes“ glauben und Anderes praktizieren, die Artisten der Abstraktion, die Geld und Geist monopolisiert zu haben scheinen. Durch Adoption des Dispositivs, eine Art Konversion, gewinnt er zudem Anschluss an die informelle, verschwiegene Aberglaubensgemeinschaft der Antisemiten, eine zerstreute Masse, die sich gern zum Pogrom zusammenrottet, sofern sie die staatliche Exekutive und die schweigende Mehrheit hinter sich weiß.

Für ich-schwache, autoritäre Charaktere, die intellektuell der Komplexität der modernen Gesellschaft nicht gewachsen und darum süchtig nach Komplexitäts-Reduktion sind, die sich (und Ihresgleichen) durch alles, was sie als fremdartig empfinden, was anders ist und solches Anderssein behauptet, zutiefst irritiert, ja, provoziert fühlen, ist das antisemitische Dispositiv ein verführerisches Angebot. Seine Adoption besiegelt ihre Erfahrungs-Unwilligkeit und macht sie zu „closed minds“. So werden sie tauglich für die „counterphobic action“, den lebenslangen Kampf gegen „die Juden“ und „die“ Fremden, gegen alles „Jüdische“ und „Andere“, gegen Fremdkörper und Störenfriede in der ersehnten homogenen Gemeinschaft der judenfeindlichen Volksgenossen.

Da der Wahn, es gebe eine geheime Macht hinter allen Mächten, die einer bestimmten ethnisch-religiösen Gruppe zugefallen sei, stets wieder mit der Realität kollidiert, bedarf es der beständigen Befestigung dieses Wahns. Mit dem Verleugnungsaufwand, den der Antisemit leisten muss, nimmt seine Erfahrungsfähigkeit ab, seine soziale Blindheit zu. Der Wahn ruft nach Bestätigung, er muss sozialisiert werden. Darum gehen alle Antisemiten auf Mission aus, sie sind zwanghafte Proselytenmacher. Sie wittern Verwandtes, antisemitische Gefühle und Überzeugungen auch bei anderen. Bei denen suchen sie Anklang zu finden. Sie müssen ständig antisemitische Propaganda treiben. Ob das unverhohlen oder eher codiert erfolgt, hängt von den Umständen, vom politisch-moralischen Klima ab. Ist die offen antisemitische Äußerung, etwa im Witz zu Lasten der Juden, verpönt (wie in den alliierten Besatzungszonen im Nachkriegsdeutschland), dann wird der Witz zum Flüsterwitz, mit dem sich Gleichgesinnte ihrer Gesinnung versichern.
Was tun?
Solange die Herrschaft versteinerter Verhältnisse über die lebenden Menschen nicht gebrochen ist, das Gefälle zwischen Arm und Reich national wie international so groß ist wie in den heute bestehenden Klassengesellschaften, solange ein Fünftel der Menschheit in irdischen Paradiesen, ein anderes aber in der irdischen Hölle lebt, solange also der Kampf um Selbsterhaltung und ein Quäntchen guten Lebens tobt, wird es das Bedürfnis nach realer oder imaginärer Privilegierung und sein Komplement, das Bedürfnis nach sozialer Exklusion, geben. Solange wird auch das judo-alterophobe Dispositiv so attraktiv bleiben wie eine Droge. Es lässt sich kritisch auflösen, indem man seine Genealogie rekonstruiert. Das ist eine Aufgabe zuerst der Sozialwissenschaft, dann eine der politischen Pädagogik, die die gewonnene Einsicht popularisiert. Doch dabei handelt es sich um eine Jahrhundertaufgabe. Heute und morgen müssen die Antisemiten und Xenophoben politisch bekämpft werden, indem man ihre Slogans und Programme öffentlich angreift und ihrer Unsinnigkeit und Gewaltträchtigkeit überführt. Sie selbst sind weitgehend erfahrungs- und argumentationsresistent, darum geht es bei der anti-antisemitischen Argumentation vor allem um die Hörer und Zuschauer, um die Dritten, das Publikum, das die Xenophoben für ihren stummen Bundesgenossen halten. Vor diesem Publikum muss man die xenophoben Parteien und Gruppierungen diskreditieren, die xenophoben Banden aber müssen entwaffnet und aufgelöst werden. Versagt die staatliche Exekutive (wie im Fall der „NSU“), muss man den Teil der Öffentlichkeit mobilisieren, der versteht, worum es geht, und über ihn Legislative, Exekutive und Judikative zur Intervention zwingen.

1     Bei der „NSU“-Bande handelt es sich um deutsche Kollegen des Norwegers Anders Behring Breivik, der im Juli 2011 zuerst mitten in Oslo eine Autobombe zündete und sodann auf einer nahegelegenen Insel 69 junge Leute erschoss, in denen er Unterstützer des ihm verhassten „Multikulturalismus“ sah.
 2     Von André E(minger) ist im Übrigen bekannt, dass er früher der obskuren „Weißen Bruderschaft Erzgebirge“ (einer Filiale der internationalen terroristischen Organisation „Blood & Honour“) angehörte und in der „rechten Szene“ eine gewisse Bedeutung hatte (weshalb der Verfassungsschutz dreimal vergeblich versuchte, ihn als V-Mann anzuwerben).
3    Heise, Thomas, u. a. (2012): „Terroristen: In der Parallelwelt.“ Der Spiegel, Hamburg, 18. 2. 2012, S. 60-66; Zitat auf S. 65.

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