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Peter Graham: Trotzkist und Irischer Republikaner | Drucken |  E-Mail
Dieter Blumenfeld   
02.01.2012
Ende Oktober jährte sich der Tod des irischen Republikaners Peter Graham das 40. Mal. Während viele linke, sozialistische, marxistische und vor allem trotzkistische Organisationen wenig Sympathie für den nationalen Befreiungskampf Irlands hegen, war Graham einerseits Mitglied des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale und Mitglied der bewaffneten, republikanischen Untergrundorganisation Saor Éire (Freies Irland).

Die englische Linke, vor allem der englische Trotzkismus, nahm am Beginn der britischen Truppenentsendung, aber auch noch bis heute eine anti-republikanische Haltung ein. Dies führte so weit, dass die Internationale Sozialistische Tendenz, heute Socialist Workers Party, die Truppenentsendung nach Nord-Irland begrüßte und die Socialist Party of Northern Ireland, bis heute Republikanern ein Podium auf ihren Veranstaltungen verweigert, Vertreter loyalistischer, rechtsextremer Paramilitärs wie der UVF auf ihre Veranstaltungen aber als Referenten eingeladen werden. Gruppen wie die Communist Party of Great Britain (Weekly Worker) und die Revolutionary Communist Party (FRFI) sind rühmliche Ausnahmen.

Am 25. Oktober 1971 wurde Peter Graham in einer Wohnung nahe St. Stephen’s Green in Dublin erschossen. Peter war 26 Jahre alt. In einem auf der Homepage der Vierten Internationale  in Irland erschienenen Nachruf heißt es: „Es ist ohne Zweifel, würde er heute noch Leben, wäre er eine wichtige Kraft in der linken Politik.“

Peter stammte aus Dublin, wo er auch als Elektriker arbeitete und in der Gewerkschaft aktiv war. Er wurde Mitglied des Connolly Youth Movement, der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Irlands, in der er auch seine marxistische Ausbildung erfuhr. Später wurde er Mitglied der Jungen Sozialisten, der Jugend der Irish Labour Party, und aktiv in der Untergrundorganisation Saor Éire. Die Gruppe war vor allem durch spektakuläre Bankraube bekannt und viele ihrer Mitglieder waren in Haft, darunter Personen wie Frank Keane und Joe Dillon, der bis heute in republikanischen Kreisen an prominenter Stelle aktiv ist.

1967 wurde Peter Mitglied der Irish Workers Group, einer Gruppe, die vom Trotzkismus und Maoismus beeinflusst war und aus der sich später die einflussreiche maoistische Britisch-Irische Kommunistische Organisation bilden sollte. Zu ihren führenden und bekanntesten Mitgliedern gehörten der Gewerkschaftsaktivist aus Co. Tipperary Paddy Healy, der Bürgerrechtsaktivist aus Derry Eamonn McCann, das spätere Saor Éire-Mitglied Gerry Lawless, der Intellektuelle und spätere People’s Democracy-Aktivist Michael Farrell und der heutige Aktivist der Alliance for Workers‘ LIberty, Sean Matgamna.

Es war in diesem Umfeld, als Peter jene Leute kennenlernen sollte, die später den Nukleus von Saor Éire formen würden. Peter ging nach London, wo er half die Internationale Marxistische Gruppe, die damalige englische Sektion der Vierten Internationale (Vereinigtes Sekretariat)/ aufzubauen. Gemeinsam mit Tariq Ali, Bob Purdy und Liam Dalton veröffentlichte er die Zeitung Red Mole (Roter Maulwurf). Zu dieser Zeit schrieb er auch das Manifest Saor Éire, welches in London im Mai 1971 erschien. Red Mole druckte auch das damalige Magazin des Provisional Republican Movement in London, das von Brendan Magill editiert wurde. Brendan war bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2011 Mitglied von Republican Sinn Féin.

Nach einem Jahr kam er zurück nach Irland. Sofort wurde er wieder der Repression durch den Staat ausgesetzt. Zusammen mit bis heute aktiven Marxisten wie DR O’Connor Lysaght oder Maureen Keegan baute er die Irische Sektion der Vierten Internationale (Vereinigtes Sekretariat) auf. Zugleich arbeitete er in der Untergrundorganisation Saor Éire.

Nur wenige Monate später wurde Peter erschossen in einer Wohnung in Süd-Dublin aufgefunden. Der Tod ist bis heute ungeklärt. Seine damaligen Genossinnen und Genossen vermuteten den Geheimdienst. Doch Brian Hanley und Liam O Ruairc betonen, die Mörder waren zwei seiner eigenen Genossen aus Cork. Darunter auch Larry White, der 1975 selbst von der Official IRA, dem militärischen Flügel der Workers Party of Ireland ermordet werden sollte. Larry Whites Mörder soll der Ehemann der heutigen Gesundheitsministerin der irischen Labour Party Kathleen Lynch, Bernard, sein. Beide, Kathleen und Bernard Lynch waren bis Anfang der 1990er Jahre Mitglieder des Official Republican Movement und der Workers Party.

Hunderte kamen zum Begräbnis von Peter Graham. Die Grabrede wurde von Tariq Ali gehalten, der meinte, sein Tod sei ein herber Schlag für den Aufbau der Vierten Internationale in Irland. Die irische Arbeiterklasse hätte einen Führer mit großem Potenzial verloren.

Die irische Presse beschrieb Peter Graham und seine Organisation mit folgenden Worten: „Er war der irische Repräsentant der Vierten Internationale, einer einflussreichen, trotzkistischen pro-IRA-Organisation mit einem weltweiten Netzwerk von Gruppen und Erfahrung im Waffenschmuggel.“ Ein Jahr nach dem Tod von Peter Graham traf der Führer der Vierten Internationale (VS), Ernest Mandel, bei einer Reise nach Dublin Mitglieder von Saor Éire.

Maureen Keegan starb Jan. 1972. Sie war ebenso ein führendes Mitglied der Organisation und nahm an den Mai-Unruhen 1968 in Paris teil. Trotz dem Aufgebot von über 200 Polizisten gelang es Mitgliedern von Saor Éire, ein Salut über ihre Sarg abzufeuern. Dieser war mit der Fahne des Vereinigten Sekretariats der Vierten Internationale bedeckt. Die Grabrede hielt der bereits genannte DR O’Connor Lysaght.

Saor Éire hatte sich 1967 um den ehemaligen Kommandanten der Dubliner Brigade der IRA, Frank Keane, gegründet. Bereits am 13. Oktober 1970 starb das Mitglied Liam Walsh bei einer vorzeitigen Bombenexplosion. Die Mitgliederzahl wird zwischen 40 und 60 Aktivistinnen und Aktivisten geschätzt, die mehrheitlich in Dublin und Cork aktiv waren. Ebenso gab es eine kleinere Gruppe in Derry.

Bowyer Bell beschreibt Saor Éire als eine Organisation „ideologisch, wenn überhaupt irgendetwas, dann ‚trotzkistisch‘, aber tatsächlich nur ein Sammelbecken für Radikale, die gegen jede Art von radikaler Orthodoxie waren“. „Die Bewegung war ein Mix aus engstirnigen Ideologien, Opportunisten und unabhängigen Waffennarren. (…) Die Bewegung war hauptsächlich in Banküberfälle verwickelt, deren Geld nicht immer in die Kassen der Partei floss“, so Bowyer Bell.

In der Tat konzentrierte sich die Arbeit der Organisation auf das Geldbeschaffen zur Finanzierung von Waffenarsenalen und politischer Arbeit. Im März 1969 kam es zum größten Bankraub des Landes, als Mitglieder von Saor Éire 22.000 Pfund Sterling in Newry, Co. Down, erbeuteten. Am 3. April 1970 wurde bei einem Banküberfall in Dublin ein Polizeibeamter erschossen. Es war dies das erste Mitglied der Gardaí in den südlichen 26 Grafschaften, das nach 1945 erschossen wurde.

Gleichzeitig unterstützte die Organisation tatkräftig militante Republikanerinnen und Republikaner nach dem Ausbruch des Kriegs im Norden 1969. Vor allem vor der Spaltung der IRA 1970 wurden große Mengen von Geld und Waffen von Saor Éire aus dem Süden in den besetzten Norden geschmuggelt, um den Kampf gegen die britische Kolonialmacht zu unterstützen. Ebenso hielt die Organisation Trainingslager im Süden für nationalistische Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Norden ab.

Nach dem Tod von Peter Graham und Maureen Keegan ging es mit der Organisation aber stetig bergab. Am 18. Mai 1973 veröffentlichte die Mehrheit der Gefangenen im Hochsicherheitsgefängnis Portlaoise, Co. Laois, einer Erklärung, in der sie sich von der Organisation distanzierten. Darin hieß es, dass in den letzten zwei Jahren, aufgrund politischer Schwäche „unerwünschte Elemente“ unter dem Mantel der Organisation operieren konnten. Die Erklärung war von acht Gefangenen unterzeichnet und wurde von der trotzkistischen Zeitschrift The Plough [hg. v. der irischen Sektion der IV. Internationale] unter dem Titel „Militante verlassen Saor Éire“ verbreitet.

Als am 10. Juni 1975 Larry White in Cork erschossen wurde, war die Organisation kaum mehr existent. Es wird weithin vermutet, dass die Official IRA hinter dem Mord zu vermuten ist. Sie hatten White vorgeworfen, er sei der INLA bei einem Mordversuch an dem Official IRA-Führer Sean Garland im März des vorangegangenen Jahres behilflich gewesen.
Über den Autor
Der Artikel wurde von Dieter Blumenfeld für den irisch-republikanischen Informationsdienst Irish Republican Correspondent verfasst

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