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Faust Zions - Wissenschaft als Herrschaftsdienst | Drucken |  E-Mail
Walter Wiese   
01.12.2011

Ilan Pappe hat ein sehr persönliches Buch geschrieben, das den Kampf um die akademische Freiheit in Israel, genauer gesagt die Nutzung der Wissenschaft zur Herrschaftsabsicherung zum Gegenstand hat.

Der Staat Israel wird in der deutschen Öffentlichkeit größtenteils als ein demokratischer eingestuft, so dass der Untertitel „Kampf um die akademische Freiheit“ irritieren mag. Aber schon hier trennen sich die Leser­Innen, wenn es um eine Charakterisierung des israelischen Staates geht. Folgen die einen dem ideologischen Mainstream im Westen Europas, dann ist für sie die Aussage des Autors, er kämpfe um die akademische Freiheit in Israel, reine Polemik. Wer so etwas behaupte, scheine selbst Probleme mit der akademischen Freiheit zu haben.
Wer aber den Staat Israel aufgrund seiner Politik, insbesondere gegenüber der palästinensischen Bevölkerung, als ganz und gar nicht demokratisch einstuft, wird durch diesen Untertitel neugierig. Ja, sie oder er kann schon erahnen, worum es geht. Ilan Pappe zählt zu den Neuen Historikern Israels, gegenüber denen Israel auch in anderen Fällen mit Restriktionen verfahren hat, wenn die „akademische Freiheit“ nicht zu Gunsten dieses Staate eingesetzt wurde.
Staatliche Einschränkungen
Pappes Forschungsergebnisse in der Historiografie haben ihm, wie anderen Neuen Historikern, den Entzug staatlicher Gelder eingebracht. Er hat gewissermaßen die Seiten gewechselt, als er bei seiner Arbeit von der blutigen Entstehung des Staates Israel erfahren hat (siehe sein Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“). Diese Abkehr, dieses Wechseln der Seiten, ist umso heftiger geworden, als er erkannte, dass die israelische Geschichtsschreibung historische Tatsachen verdreht und leugnet und damit die Gründung des Staates Israel in einem Lichte darstellt, von der die Wahrheit so gut wie nichts abbekommt und somit im Dunkeln bleibt.

Diese Erkenntnis hat menschliche Erschütterungen zur Folge, die sich auch im Verhältnis zu seinen akademischen Kollegen in Form von Zerrüttung ausdrückt. Da sie nicht den Mut haben, ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen bzw. Unterstützung zu fordern, sondern sich subaltern gegenüber dem repressiven Staat verhalten, lösten sich seine Bindungen zu ihnen mit der Konsequenz, notgedrungen seine Tätigkeit an der Universität Tel Aviv aufzugeben und in die Diaspora nach London zu gehen.

Für Pappe ist die staatstragende Ideologie Israels, der Zionismus, anders zu untersuchen und zu diskutieren als vielfach üblich, nämlich auch aus dem Blickwinkel „vor allem […] der palästinensischen Opfer seiner Bestrebungen“ (Seite 16). Er sagt deutlich, dass der Zionismus „als noble Antwort auf ein akutes reales Problem der jüdischen Existenz in Europa“ begonnen hatte. „Aber dieser noble Impuls war in dem Moment verschwunden, als Palästina als das zionistische Ziel gewählt wurde; es ging nicht mehr darum, Menschen zu retten, sondern um Kolonisierung und Enteignung“ (S. 144).
Es ist gerade diese „Entdeckung“ als Ergebnis seiner wissenschaftlichen Arbeit, die den Staat Israel veranlasste, ihm so große Schwierigkeiten zu bereiten.

Da der Zionismus alle Juden für sich beansprucht und der politische Zionismus Israels alle Juden für sein kolonialistisches Projekt braucht und zu gebrauchen trachtet, hat der zionistische Staat für eine solche Wissenschaft, wie sie Pappe betreibt, und ihre Ergebnisse keine Verwendung. Dies trifft dann solche Wissenschaftler, die zunächst an ihrer beruflichen Wirkungsstätte, dann aber auch im sozialen Bereich von der übrigen, folgsamen Mitgliedschaft der akademischen Gemeinde auf unterschiedliche Art diskriminiert werden. Damit beginnt, schreibt Pappe, eine „qualvolle Reise, bei der man den Volksstamm und seine Ideologie weit hinter sich lässt.“

Pappe berichtet in diesem Buch nicht nur von seinen schmerzhaften Erfahrungen als „abweichender“ historischer Wissenschaftler in Israel, sondern eröffnet auch den Leser­Innen in diesem Zusammenhang sehr viel über die heutige israelische Gesellschaft. Die ist offensichtlich vor allem durch den Zionismus mit seinem territorialen Anspruch auf Palästina, vermeintlich abgeleitet aus „göttlichem Recht“, und durch das in seinem Geiste ideologisch geformte Militär geprägt. Zu den wichtigsten Ansprüchen dieser beiden „Institutionen“ gehört der Anspruch auf die Verkündigung der eigenen Historiografie. Im vorliegenden Fall erfolgt sie unter Auslassung der palästinensischen Geschichtserzählung, was nach der ehemaligen Ministerpräsidentin Golda-Meir nur konsequent ist, die 1969 behauptete: „So etwas wie ein Palästinenservolk gibt es nicht, hat nie existiert“.

Sein Nachwort „Projekt: Israel entwaffnen“ ist weit mehr als nur eine dem besseren Verständnis des vorher Gesagten dienende Schlussbemerkung. Es sind Gedanken, Israel bzw. die israelische Gesellschaft durch Überwindung der zionistisch-nationalistischen Leitideologie zum Humanismus zu bringen. Verwiesen wird unter anderem auf die BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestment, Saktionen), die dazu beitragen kann und soll, die heutige Realität einer „humanitären Katastrophe“ zu beseitigen.

Dieses Buch liefert viele Aspekte der heutigen israelischen Gesellschaft und trägt zum Verständnis der katastrophalen Situation in Palästina in erheblichem Maße bei. Wir lernen die Faust kennen, die unbeugsame Forscher in Israel trifft. Das Fäustchen, in das die Verhinderer von Ausstellungen zur Nabka sich lachen, haben wir in Deutschland kennen gelernt. 

Ilan Pappe: Wissenschaft als Herrschaftsdienst, der Kampf um die akademische Freiheit in Israel
Leica Verlag Hamburg 2011; 19,90 €

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