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Buchbesprechung: Götz Aly beschuldigt die Falschen | Drucken |  E-Mail
Sophie Wegener-Stahlschmidt   
01.12.2011
„Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass“ heißt der Titel des Buches, erschienen im Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, Autor Götz Aly, mit dem sich der folgender Beitrag auseinandersetzt.

Das Verhältnis von jüdischer Minderheit zur überwiegend christlichen Mehrheit in Deutschland charakterisiert Götz Aly so:
Die Juden wussten die 1808 eingeführte Städteordnung, die allen Bürgern Gewerbefreiheit unabhängig von Stand, Geburt oder Religion garantierte, besser zu nutzen als die Christen. „Die Fortschrittsfreude der meisten Juden stand gegen die Fortschrittsscheu der meisten Christen, die Freiheitslust der einen gegen die Freiheitsangst der andern, jüdischer Unternehmergeist gegen christlichen Untertanengeist.“ Der wirtschaftliche Erfolg der Juden, Gleichheitsvorstellungen der Mehrheit der deutschen Bevölkerung rufen Neid und Rassenhass hervor. Dieses Erklärungsmuster taucht in verschiedenen Variationen garniert mit einer gehörigen Portion Sozialrassismus gegen die Armen in diesem Buch immer wieder auf.

Ich beschränke mich in meiner Kritik auf einen Argumentationsstrang. Dem gesamten Konglomerat aus fehlender Begriffsbildung und Struktur, mangelnder Auseinandersetzung mit anderen Positionen, Pauschalisierung, unzulässiger Verallgemeinerung und den Widersprüchen, die daraus folgen, sehe ich mich nicht gewachsen. An vielen Stellen übernimmt Götz Aly nationalsozialistische Konstrukte, die er zu kritisieren vorgibt.
Die Aufgabenstellung des Buches von Aly
Die Aufgabenstellung des Buches  wird in der Einleitung umrissen.
„Im heutigen Deutschland rücken wir die Opfer in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen und ermuntern zur Identifikation. Das demonstrieren die vielen Denkmäler, Museen, Forschungen, literarischen und pädagogischen Anstrengungen eindrucksvoll. Parallel dazu stilisieren wir die Täter zu schier außerordentlichen Exekutoren. Mit einer Dis­tanziertheit, die oft die eigene Familiengeschichte ignoriert, bezeichnen wir sie vorzugsweise als die Nationalsozialisten, ‚die Nazischergen‘, das ‚NS-Regime‘, ‚fanatische Rassenideologen‘, oder wir sprechen vom ‚paranoiden Weltbild der Rassenantisemiten‘. Mit solchen Terminologien ist wenig Einsicht zu gewinnen. Ich versuche auf den folgenden Seiten zu zeigen, was geschichtlich hinter solchen Begriffen stand.“

Nach einem Auszug aus der Geschichte des Antisemitismus in Deutschland mit Schwerpunkt auf der Zeit von 1800 bis 1933 lesen wir Götz Alys Schlussfolgerungen im letzten Kapitel, überschrieben mit „Eine Geschichte ohne Ende, die Schwachen sind die Gefährlichen, Terror der Gleichheit, Gift des Neides“:

„Die Idee der Gleichheit gehört zu den verheißungsvollsten Träumen der Menschheit. Das vergangene Jahrhundert offenbar­te den gewaltträchtigen, terroristischen Kern des Egalitarismus, als verschiedenartige politische Bewegungen dazu ansetzten, ihre Vision zu verwirklichen. Im Rückblick leisteten reformerisch-friedliche Gleichheitsbewegungen wie die Sozialdemokratie, die Gewerkschaften oder die Begründer der katholischen Soziallehre der Gewalt ungewollt Vorschub….“

Im letzten Abschnitt heißt es „Kain erschlug seinen Bruder Abel, weil er sich von Gott zurückgesetzt und ungerecht behandelt fühlte. Der erste Mord der Menschheitsgeschichte geschah aus Neid und Gleichheitssucht. Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden…“ Fünfzig Seiten Quellenangaben, Literaturhinweise und ein Register sollen dem Pamphlet einen wissenschaftlichen Anstrich geben.
Der aktuelle Hintergrund
Das Lachen bleibt mir im Halse stecken, wenn ich an die politischen Auseinandersetzungen denke, vor deren Hintergrund dieses Buch erschienen ist. Das aktuelle Interesse am Antisemitismus versteht sich aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Diskussion über Antisemitismus wurde im Zusammenhang mit dem Krieg, den Israelis gegen die palästinensische Bevölkerung führen, neu entfacht. Da von der politischen Rechten allenfalls halbherzige, folgenlose Kritik an der israelischen Regierung zu erwarten ist, wurde der Antisemitismus kurzer Hand der Linkspartei und indirekt der gesamten politischen Linken in die Schuhe geschoben.

Was den historischen Antisemitismus betrifft, lässt sich dies jedoch selbst mit der umfangreichen Zitatensammlung von Götz Aly nicht belegen.
„Mein Opa der Gauleiter“
Die eingangs geforderte Ausein­andersetzung mit der Familiengeschichte stellt sich bei Götz Aly so dar. Das Kapitel ist überschrieben: „Aufsteiger: Mein Opa der Gauleiter“.

„Familienvater Friedrich Schneider leuchtete das nationale Programm zur ‚sozialen Hebung der unteren Volksklassen‘ unmittelbar ein. …Meine damals achtjährige Mutter entwischte 1931 des Öfteren in das nahegelegene Kaufhaus Uhlfelder….bis Friedrich ihr bedeutete: ‚Dort gehen wir nicht hin.‘“ Im April 1945 zog eine lange Kolonne von KZ-Häftlingen an seiner Haustür vorbei: „Das war der schlimmste Augenblick meines Lebens“ erzählte er seiner Tochter bestürzt, und später sagte er: „Was man mit den Juden gemacht hat, das ging entschieden zu weit.“ Friedrich Schneider hatte einen der vielen kleinen Teile dazu beigetragen, die in ihrer Gesamtheit Deutschland auf den Weg lenkten, der in Gewalt und Vernichtungsherrschaft ohnegleichen führte. Ich bewahre meinen Großvater Friedrich als herzensguten Menschen in Erinnerung.“
Die Akte im Entnazifizierungsverfahren zeigte Friedrich Schneider laut Götz Aly als „harmlosen, arbeitsamen und integren Menschen“. Die Entnazifizierungskammer sah es nicht anders.

„Sie nahmen das Hitlerbild von der Wand, ihre Westen, die wuschen sie rein.“ (wie die Schmetterlinge sangen)
Die politische Opposition gegen den Nationalsozialismus hat in der Geschichtsschreibung von Götz Aly weder Platz noch Gesicht. Der Großvater von Götz Aly war ab 1926 Mitglied in einer rassistischen, terroristischen und verbrecherischen Organisation. Die Hierarchie der NSDAP sah folgendermaßen aus: Mitglieder, Blockleiter, Zellenleiter, Ortsgruppenleiter, Kreisleiter, Gauleiter, Reichsleiter, Führer. Friedrich Schneider war Gauleiter.

Götz Aly beschuldigt die Falschen. Aly stellt die Juden den Deutschen gegenüber. Er begreift sie nicht als Teil der deutschen Gesellschaft. Dies versperrt schon mal erheblich das Verständnis. Das Problem lässt sich auch nicht lösen durch die Juden und die Christen. Klasseninteressen und Klassenpolitik spielen in seiner Betrachtung keine Rolle. So kann er letztlich nur völkisch denken, gepaart mit der Vorstellung, dass die Armen für mehr Anteil am Reichtum kämpfen, weil sie von „Neid“ beherrscht werden, und nicht, weil sie sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung auflehnen.

Götz Aly: Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass - 1800 bis 1933
Fischer Verlag, 2011, 352 Seiten, 22,95 Euro

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