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„Unsere Initiative könnte auf fruchtbaren Boden fallen.“ | Drucken |  E-Mail
Interview: Tom Bogen   
01.09.2011

Ende März 2011 verfasste die Sozialistische Initiative Berlin-Schöneberg (SIBS) einen Text, mit dem sie zur Gründung einer revolutionären Organisation aufrief, die bedeutende Teile der radikalen Linken umfassen soll. Seitdem entwickelte sich vornehmlich im Netz ein reger Austausch, ob und wie das unter heutigen Bedingungen möglich ist. Avanti sprach mit Michael Prütz über die Krise des Kapitalismus, den Zustand der Linken und schichtarbeitende Krankenschwestern.

Avanti: Michael, niemand kannte die SIBS bevor sie den Text veröffentlicht hat. Wer steckt dahinter?
Michael Prütz: Bis Mitte August waren wir 6 Männer, eine Frau und eine Trans*, von denen der jüngste 22 und der älteste 59 war. Gerade haben wir uns übrigens – nach Aufnahme neuer Mitglieder – in Sozialistische Initiative Berlin (SIB) umbenannt. Die meisten von uns arbeiten schon sehr lange in politischen Zusammenhängen, z. B. im Antikrisenbündnis oder in den Neuen Mieterprotesten in Berlin. Viele beschäftigen sich auch schon lange mit internationalen Um- und Neugruppierungsprozessen der radikalen Linken. Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass uns untereinander in den verschiedenen linksradikalen Gruppen viel mehr miteinander verbindet als es nach außen hin scheint. Im Antikrisenbündnis gab es eine sehr solidarische Zusammenarbeit, die auch von tieferem Verständnis über die Ursachen und Folgen der Krise geprägt war. Es sind auch übrigens organisationsübergreifende Freundschaften entstanden. Jedenfalls diskutieren wir in der SIB ruhig und antihierarchisch und es macht einfach Spaß.

Viele fragen sich, warum die Initiative zur Gründung einer neuen Organisation gerade jetzt erfolgt. Seid ihr neidisch auf das, was sich in Griechenland und Spanien tut?

Michael Prütz: Ein bisschen neidisch bin ich als Linker schon, wenn ich sehe, was in Griechenland, Spanien und im arabischen Raum los ist. Bewegungen sind für Linke immer erfrischend, obwohl mir klar ist, dass es oft, z. B. in Griechenland, die pure Not ist, die die Leute auf die Straße treibt. Natürlich sind wir jetzt in einer neuen gesellschaftspolitischen Etappe angelangt, sodass eine Initiative zur Gründung einer neuen politischen Organisation durchaus auf einen fruchtbaren Boden fallen könnte.

… worin besteht das Spezifische dieser Etappe?

Michael Prütz: Im Auftauchen von neuen Massenbewegungen, die mit den traditionellen Parteien der Linken – Sozialdemokratie und Poststalinisten – nichts zu tun haben. Die Krise dieser Parteien verschärft sich, übrigens auch in Deutschland. Die radikale Linke kann dieses Vakuum noch nicht füllen. Aber daran müssen wir arbeiten. Dies gilt auch in Deutschland. Die Rolle, die die Linkspartei im Moment spielt, ist traurig. Und das am Vorabend der Finanzkrise 2.0.

Euer Aufruf ist ja nicht der erste Versuch, etwas links der Linkspartei zu gründen.

Michael Prütz: Ich weiß nicht, ob es diesmal klappt, wir wollen es aber versuchen, weil wir es aktuell für sehr notwendig halten. Die Linkspartei mag ihre Berechtigung haben, aber sie macht nicht das, was notwendig wäre, nämlich den sozialen Widerstand auch in diesem Land zu organisieren. Die aktuellen Debatten der Linkspartei sind ja eher rückwärtsgewandt. Ich glaube auch, dass der Wille zur Zusammenarbeit in den antikapitalistischen Gruppen eher wächst, weil das Bewusstsein steigt, dass wir am Rande der Gesellschaft und politisch marginal bleiben, wenn wir so zersplittert bleiben, wie wir sind.

Nun ist die deutsche Linke ja nicht nur zersplittert, sondern auch ziemlich zerstritten. Ist sie trotzdem reif für euer Projekt?

Michael Prütz: Ich würde sagen, fünfzig zu fünfzig. Es gab solidarische Stellungnahmen, z. B. von euch, vom RSB, es gab aber auch die üblichen sektiererischen Vorbehalte. Es wird sich in den nächsten Monaten herausstellen, welche der beiden Tendenzen die Oberhand behält. Ich bin aber optimistisch.

Euer erster Text wendete sich hauptsächlich an die Gruppe Avanti, die gerade die Organisationsfrage diskutiert und die Interventionistische Linke zur Disposition stellt. Warum kam von dieser Seite bisher nichts zu eurem Papier?

Michael Prütz: Unser Bezugspunkt war, unter anderem, die Gruppe Avanti, weil wir finden, dass Avanti das politische Geschäft ernsthaft betreibt und auch einen offenen und unsektiererischen Ansatz hat, die linke Bewegung voranzubringen. Bei Avanti wird alles sehr gründlich und an der Basis diskutiert, mir persönlich dauert das zu lange, aber ich bin nicht der Maßstab. Das heißt, wir rechnen in Kürze mit einer Reaktion von Avanti.

Es gab bis jetzt aber viele Reaktionen von anderen Seiten. Teilen diejenigen, die euch geantwortet haben euren Optimismus?

Michael Prütz: Es gibt sehr viele positive individuelle Reaktionen und auch, ich hatte es ja schon erwähnt, aus verschiedenen Gruppen, wie dem RSB, der Soko, der Gruppe Rätedemokratie und vielen anderen. Viele reagieren aber verhalten. Nach meiner Auffassung ist das das Ergebnis einer Reihe gescheiterter Organisationsversuche in der deutschen radikalen Linken. Unsere Gruppe geht mit langem Atem an die Angelegenheit, obwohl wir schon finden, dass die Zeit etwas drängt…

… wieso?

Michael Prütz: Wir stehen am Vorabend einer neuen Krisenentwicklung. Diese hat in verschiedenen Ländern zu massivsten Angriffen gegen die Masse der Lohnabhängigen, aber auch Gegenreaktionen geführt. Die Not treibt das Kapital und Ihre Regierungen zu immer neuen Attacken. Deutschland wird hier keine Ausnahme bilden. Ich bin übrigens sicher, dass dies in Deutschland schneller kommt als wir ahnen. Mit einem Wort: Wir brauchen ein massentaugliches Programm, eine Organisation, die anzieht und nicht abstößt und eine dynamische, radikale und unsektiererische Praxis. Wenn wir jetzt versagen, in dieser zugespitzten Weltlage, können wir einpacken. Dann kommen die Rechtspopulisten.

Das Papier spricht von einer Schallmauer des Projekts, um attraktiv zu sein. Können diejenigen, die eurem Projekt wohlwollend gesonnen sind, genug Menschen sammeln, um sie zu durchbrechen?

Michael Prütz: Wir haben in unserem Papier geschrieben, dass eine neue Organisation bei ihrer Gründung, um gesellschaftlich relevant werden und politische Praxis entwickeln zu können, etwa 1000 Leute haben sollte, die mitmachen. Natürlich können es auch ein paar mehr oder weniger sein, das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass wir ein vernünftiges Programm brauchen, eine gemeinsame politische Praxis formulieren und eine Organisationskultur entwickeln müssen, die es vielen „normalen“ Menschen erlaubt, dort mitzumachen. Die heutigen linksradikalen Organisationen sind ja oft nur Durchlauferhitzer, die Leute hören nach zwei, drei Jahren Aktivität wieder auf, weil sie arbeiten oder Kinder kriegen, und sind dann für linke Politik verloren. Wir wollen eine Organisationskultur, die es z. B. einer 40-jährigen Krankenschwester mit Schichtdienst erlaubt, politisch aktiv zu sein.

Das klingt nicht ganz so einfach.

Michael Prütz: Natürlich habe ich kein Patentrezept. Aber ich finde, dass sich unsere Praxis um mehrere Elemente drehen sollte. Da wäre der Kampf um Arbeitszeitverkürzung, um substantielle Lohnerhöhungen, um die Vergesellschaftung der gesamten öffentlichen Daseinsvorsorge, um eine lebenswerte Umwelt, um die ideologische Auseinandersetzung mit dem Rassismus und um einen Angriff auf die Reichen und Superreichen d. h. die Verteilungsfrage. Alles dies muss verständlich und populär aufbereitet sein. Wir müssen die herrschende Klasse täglich – zumindestens ideologisch – angreifen. Alles dies muss mit einer Kombination von Stadtteil- und Betriebsarbeit verknüpft werden. Und die bitte kontinuierlich! Dazu brauchen wir Geduld und Zeit, die wir eigentlich nicht haben. Kampagnenpolitik ist richtig, sie muss aber konzentriert und massenwirksam sein. Neue Medien, Pressearbeit und ein offenes Erscheinungsbild sind notwendig. Die gesamte radikale Linke muss ihr Gesicht den Massen zuwenden.

Einige von euch haben in der Berliner Alternative für Solidarität und Gegenwehr (BASG) gearbeitet. Welche Erfahrungen könntet ihr in das neue Projekt einbringen?

Michael Prütz: Vor allem die Erfahrung in der WASG ist für einige von uns wichtig gewesen. Dort haben wir die Erfahrung gemacht, wie schwierig es ist, Leute, die jahrelang sozial desintegriert waren, politisch zu organisieren. Die WASG hatte ja in Berlin circa 800 Mitglieder, von denen bestimmt die Hälfte ALG2-Empfänger­Innen waren. Die Leute haben oft die Möglichkeiten der WASG überschätzt und sich vielfach einen Ausweg aus ihrer sozialen Situation versprochen. Das konnten die WASG, und erst recht nicht die Nachfolgegruppe BASG, natürlich nicht leisten. Ich bin seit über 40 Jahren politisch aktiv, aber die WASG-Erfahrung war für mich die wichtigste in meinem politischen Leben.

Mittlerweile habt ihr ja einen zweiten Text verfasst, in dem ihr vorschlagt, eine Konferenz mit allen an dem Projekt Interessierten abzuhalten…

Michael Prütz: Wir möchten eine linke Dialog-Offensive starten. Dazu werden wir in den nächsten Wochen – nach und nach, wie es unsere zeitlichen Kapazitäten zulassen – an eine ganze Reihe von Gruppen sowie einzelne Genossinnen und Genossen mit Vorschlägen für öffentliche Veranstaltungen und informelle Gespräche herantreten. Wir wollen lernen! Was sind die Meinungen zur Organisierungs- und Programmdebatte? Welche Vorbehalte gibt es und welche Hinderungsgründe, sich aktiver in die Debatte einzuklinken?
In unserem neuen Text schlagen wir zwei Dinge vor: Eine Konferenz aller Interessierten im Spätherbst und einen spektrenübergreifenden Aufruf, nicht zur Neugründung, sondern zur Diskussion zu den Möglichkeiten einer neuen radikalen Linken. Wir sind nicht der Nabel der Welt und deswegen können wir das auch nicht alleine organisieren. Wir gucken jetzt mal, wie die Resonanz in den nächsten Wochen ist, aber um auf den Anfang zurückzukommen: Wie immer bin ich optimistisch.

 

Michael Prütz über sich selbst
Geboren 1952 in Westberlin. Erste Politisierung 1967 anlässlich des Schahbesuchs. Ab 1968 Schülerbewegung und Organisierung in der KJO Spartacus (Trotzkisten). Ab 1970 kam Ernest Mandel nach Westberlin. Diese „Erleuchtung“ führte zum Eintritt in die Gruppe Internationale Marxisten (GIM). Ab 1984 Mitarbeit mit einer GIM-Fraktion bei den Grünen. Austritt 1987. 1991 Organisation in der PDS. Austritt 2002. 2004 bis 2006 WASG und alternative Kandidatur zum Berliner Parlament.
Und jetzt? Kommt hoffentlich was Neues. Positiver Bezug auf die IV. Internationale und ihre Neugruppierungsansätze. In gewisser Weise bin ich wieder da, wo ich 1968 angefangen habe: Bei einem offenen radikalen, antistalinistischem Ansatz. Ach ja: Ich habe so ziemlich alle Kampagnen von Vietnam bis Agenda 2010 mitgemacht. Rückblickend würde ich 50 % meiner politischen Tätigkeit für falsch halten. Aber so ist das Leben. Man lernt immer dazu.
 

 

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