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Leserbrief: Zum Begriff „Stamm“ | Drucken |  E-Mail
Jan, Leipzig   
01.05.2011

Überlegungen zum Artikel von Thadeus Pato: „Stammeskrieg oder sozialer Aufstand“ in Avanti 184.

Sobald politische Vorgänge auf dem afrikanischen Kontinent diskutiert werden, wird zu ihrer Erklärung ein Begriff ins Spiel gebracht, der sonst nirgends eine Rolle spielt: der „Stamm“. So erscheint denn in den hiesigen Medien der libysche Bürgerkrieg in erster Linie als Krieg von „Stämmen“.

Es ist nicht zu leugnen, dass das Konzept des „Stammes“ für die Selbstdefinition vieler Afrikaner­Innen heute ein wichtiger Faktor ist – nicht unbedingt der wichtigste und nicht für alle.  Bemerkenswert ist aber, dass keine afrikanische Sprache ein eigenes Wort für das, was „Stamm“ zum Ausdruck bringen soll, kennt. Wer als AfrikanerIn „Stamm“ sagen will, sagt daher „tribe“ (eng.) oder „tribu“ (frz.) – verwendet also die Sprache der früheren Haupt-Kolonialmächte auf dem Kontinent.

In der aktuellen Hinterland (Magazin des bayerischen Flüchtlingsrats, Nr. 15/2011) wird sehr einfach nachgezeichnet, wie die Kolonialmächte die „tribes“ weitgehend künstlich erschufen und mit ihnen die „chiefs“ („Häuptlinge“): Sie bauten damit schlicht ein koloniales Herrschaftssystem auf und hiermit hoben sie auch den zugehörigen Begriff aus der Taufe.

Der Artikel von Thadeus Pato spricht die Problematik der afrikanischen Grenzen an (die es nebenbei gesagt auch zwischen diversen mitteleuropäischen „Stämmen“ im 21. Jh. noch gibt, nicht wahr, Frau Steinbach?). Doch nicht nur die mit dem Lineal gezogenen Grenzen sind imperialistische Konstrukte – das haben wir schon im Geografie-Unterricht gelernt – , sondern auch die scheinbar natürlichen „Stammes“-Grenzen – und das haben wir i. d. R. nicht gelernt. Denn diese beruhen zum großen Teil einfach darauf, dass die Kolonialmächte annahmen, die Afrikaner­Innen seien so primitiv, dass sie natürliche Hindernisse wie einen Fluss nicht überwinden könnten, dass also z. B. dort die „Stammes“-Grenzen zu ziehen seien. Die unterstellte Primitivität ist die Haupt-Bedeutungs-Komponente des Stammesbegriffs. Denn nur, wer zu einer „richtigen“ Nationen-Bildung nicht fähig ist, lebt in Stämmen. Und das war dann immer Legitimation für die Kolonialisierung durch die zivilisierten Nationen. Und erscheint nicht auch heute der Libyen-Konflikt gerade deswegen so aussichtslos, weil die seit „Urzeiten“ bestehenden Fehden der Stämme sich der „weißen Rationalität“ letztlich entziehen? Ist nicht genau diese gemutmaßte inhärente Unzugänglichkeit ebenso Legitimation für die computergesteuerten NATO-Bomben wie für die mahnenden Worte der kriegs-skeptischen Kommentare aus dem konservativen Lager, sich „da bloß nicht reinziehen“ zu lassen?

Wie gesagt: Das Konzept des „tribe“ hat heute subjektiv für viele Afrikaner­Innen eine gewisse Bedeutung und ist damit soziale Realität. Es wäre daher falsch, nun, gewissermaßen als neuer Missionar, nur statt mit der Bibel mit dem Marx unter dem Arm, den Afrikaner­Innen zu sagen, dass der Klassen-Gegensatz ihr „einzig wahrer“ Konflikt ist; gleichzeitig hat dieser Begriff seine Geschichte und seine menschenverachtende Bedeutung, die wir uns bewusst machen sollten.

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