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Fukushima ist überall: Capitalism kills | Drucken |  E-Mail
Thadeus Pato   
01.04.2011

Am Sonntagabend, 13. März, gab sie noch die Betonkanzlerin: In einem Interview nach der Tagesschau war von Abschalten nicht die Rede. In einem Atemzug sagte Merkel die ebenso denkwürdigen wie unlogischen Sätze, die deutschen Kraftwerke seien sicher, und man lasse jetzt eine erneute Sicherheitsüberprüfung durchführen. Am Montag kümmerte sie ihr Geschwätz von gestern dann nicht mehr.

Mit einem Salto mortale verkündete sie ein „Moratorium“ und ordnete – im Übrigen höchstwahrscheinlich rechtswidrig, wie einige ihrer CDU-Kumpane anmerkten – die Abschaltung mehrerer Reaktoren an.
Dass die Kanzlerin ihre Überzeugung geändert hätte, ist kaum anzunehmen – dazu müsste sie zum einen erst einmal eine haben und zum anderen wäre das dann sozusagen im Schlaf geschehen.
Hat sie was gewusst?
Vielleicht hat die Frau Merkel ja über Nacht etwas erfahren, was sonst noch keiner wusste?
Ein internes Papier des französischen Institut de Radioprotection et de Surete Nucleaire (IRSN – staatliches Strahlenschutzinstitut), das dem Autor vorliegt, legt das nahe. Das Institut begann schon am 11. März einen Krisenstab einzurichten, Messstellen zu aktivieren und nahm Kontakt zu deutschen Stellen auf, mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass Deutschland ja auch Siedewasserreaktoren wie in Fukushima betreibe. Und in diesem Papier, das eine detaillierte Lageeinschätzung enthält, einschließlich der zu erwartenden weltweiten Auswirkungen, wird natürlich keine Beschwichtigung betrieben.

Vielleicht hat sie sich aber auch einfach einmal mit der Geschichte des AKW Fukushima näher befasst. Da gibt es nämlich frappierende Parallelen zu dem, was die Bundesregierung mit ihrer Laufzeitverlängerung fabrizierte: Japan setzte, ähnlich wie die Bundesrepublik, allerdings in weit höherem Maße, in den letzten fünf Jahrzehnten auf die Kernkraft. Von den 54 Reaktoren, die derzeit laufen und die ein Drittel des Strombedarfs Japans decken, ist Fukushima I eines der ältesten; es ging 1971 ans Netz. Und es ist ein Siedewasserreaktor – so wie beispielsweise die deutschen Reaktoren Krümmel, Brunsbüttel, Isar 1 und Philippsburg 1, aber auch der explodierte Reaktor in Tschernobyl.

Eigentlich sollte Fukushima 1 nur 30 Jahre laufen. Aber nach Ablauf dieser Zeit machte die japanische Regierung exakt das, was gerade die deutsche Bundesregierung tat – und nun schnell vergessen machen will: Sie verlängerte die Laufzeit ihrer Altreaktoren – auch die von Fukushima.
Von Chalk River/Ottawa nach Fukushima/Japan
Wird über die Gefahren der Kern­energie gesprochen und fällt das Wort „GAU“, so fallen den meisten Menschen die Katastrophe von Tschernobyl 1986 und höchstens noch die von Harrisburg 1979 ein. Und in der Öffentlichkeit wurden beide Ereignisse immer als auf besondere Umstände zurückzuführende Ausnahmefälle von Atomindustrie und den ihr dienenden Politiker­­Innen hingestellt. Aber die Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie ist eine ununterbrochene Kette von „Störfällen“, die einiges gemeinsam haben: die Verharmlosung bis Vertuschung und den unverantwortlichen Umgang damit:

  • Die erste bekannt gewordene Kernschmelze ereignete sich 1952 in dem Forschungsreaktor der Chalk River-Laboratories bei der kanadischen Stadt Ottawa. Durch eine Kette von Fehlbedienungen, Schlampereien, falschen Messanzeigen und zu später Intervention kam es zu einer teilweisen Kernschmelze und einer riesigen Knallgasexplosion. Es wurden mindestens 100 Terabecquerel an Nukliden in die Atmosphäre geschleudert, ca. 4 Millionen Liter mit 400 Terabecquerel verseuchtes Wasser wurde schlicht in eine Sickergrube gepumpt. Für den demolierten Reaktorkern fand sich ebenfalls eine billige Lösung: Er wurde schlicht vergraben, der Meiler ging zwei Jahre darauf wieder ans Netz.
  • 1955 waren die USA dran: der Forschungsreaktor in Idaho Falls erlitt bei einem Belastungsversuch eine partielle Kernschmelze.
  • 1957 explodierte ein „Abfall“tank mit radioaktivem Material in der sowjetischen Wiederaufbereitungsanlage in Kyschtym. Die entstehende strahlende Wolke verstrahlte hauptsächlich die Umgebung – eine Belastung, die doppelt so hoch lag wie später die von Tschernobyl. Die Katastrophe wurde über dreißig Jahre verschwiegen.
  • Ebenfalls 1957 war es dann Großbritannien: Im AKW Windscale (heute Sellafield), das als Plutoniumfabrik für das englische Rüs­tungsprogramm diente, kam es zu einem Graphitbrand (der Reaktor war, ebenso wie der von Tschernobyl, graphitmoderiert) und einer Freisetzung von 750 Terabecquerel Strahlung. Erst nach vier Tagen konnte der Brand gelöscht werden, indem mensch das tat, was die Japaner­­Innen derzeit versuchen: Der Reaktor wurde mit Wasser geflutet.
  • 1959 gab es gleich zwei schwere Kernunfälle in den USA: Im schnellen Brüter des Santa Susana Field Laboratory in Simi Valley kam es zu einer partiellen Kernschmelze; es kam zu einer der größten bekannten Freisetzungen von radioaktivem Jod. Auch diese Katastrophe wurde lange geheimgehalten. Im gleichen Jahr wurden im Oak Ridge National Laboratory in Knoxville im Rahmen einer Explosion 15 Gramm Plutonium freigesetzt. Erst nach diesem Unfall kam man auf die Idee, bei derartigen Versuchen ein Containment zu benutzen…
  • 1966 hatten die USA erneut eine partielle Kernschmelze zu verkraften: Ein experimenteller Brutreaktor in Monroe/Michigan geriet außer Kontrolle.
  • Was kaum jemandem bekannt ist, ist, dass auch die Schweiz in ihrem Versuchsreaktor in Lucens 1969 eine partielle Kernschmelze zu verzeichnen hatte. Da der Meiler in einer Felskaverne errichtet wurde, konnte die Sache diskret behandelt werden…
  • 1979 havarierte dann der Reaktor auf Three Mile Island bei Harrisburg, 50 % des Kerns schmolzen.
  • 1980 erwischte es den Reaktor in St. Laurent/Frankreich. Einige Brennstäbe schmolzen, mit entsprechender Kontamination der Umgebung.
  • Und dann kam 1986 Tschernobyl, der bis dato folgenreichste Kernunfall mit Explosion des gesamten Kraftwerksblocks…
  • In Japan gab es übrigens auch schon vor Fukushima bereits einen schweren Notfall, nämlich 1999 in der Wiederaufbereitungsanlage Tokaimura. Eine unkontrollierte Kettenreaktion zwang zur Evakuierung von 300 000 Menschen.


Und das ist nicht alles: Die gerade beispielhaft aufgezählten Unfälle fallen alle in die Störfallkategorie 4 und höher, und es handelt sich nur um eine Auswahl derer, bei denen eine Kernschmelze oder unkontrollierte Kettenreaktion auftrat. Aber natürlich gibt es erheblich mehr: Nimmt man die Störfallmeldungen aller Kategorien zusammen, so ereigneten sich allein in Deutschland in den Jahren zwischen 1996 und 2007 durchschnittlich pro Jahr weit über 100 Zwischenfälle.
Lügen, bis der Fallout kommt
Alles das sind seit Jahren öffentlich zugängliche Informationen. Und dennoch wurde und wird über die bürgerliche Propagandamaschinerie der Bevölkerung der Atomstaaten permanent vorgespiegelt, es handele sich bei der Kernkraft um eine „saubere“ und „sichere“ Technologie. Kommt dann heraus, dass doch etwas passiert ist, dann waren es wahlweise die „rückständige Sowjettechnologie“ (Tschernobyl) oder völlig „unvorhersehbare“ Umstände, wie in Fukushima.

Und das Muster der Lügen nach den jeweiligen Unfällen wiederholt sich. Kann man den „Störfall“ nicht verheimlichen – wie in Kyschtym geschehen – dann wird er verharmlost.

Auch die britische Regierung verharmloste die mehrfachen Unfälle in Windscale/Sellafield und will bis heute nichts davon hören, dass die irische See, in die Sellafield seine Hinterlassenschaften entsorgt, das am stärksten radioaktiv belastete Meer auf dem Globus ist. Und wenn das Vertuschen und Verharmlosen nichts mehr hilft, versucht mensch es mit den „ausgehenden Lichtern“ und/oder dem Schüren von Verarmungsängsten. Am 17.3. machte der Spiegel schon per Schlagzeile die Rechnung auf: „Turbo-Ausstieg würde 230 Milliarden kosten“.
Raus aus der Atomkraft heißt: andere Gesellschaft
Die Nukleartechnologie ist eine militärische Technologie – als solche wurde sie entwickelt und die Entwicklungskos­ten wurden weitestgehend sozialisiert – ebenso wie die Folgekosten für die Müllbeseitigung (s. die Atommüllkippe Asse). Das macht diese Technik für die Strom- und Energiekonzerne so lukrativ. Die haben nur die Gewinne privatisiert. Und was kümmern die „Kollateralschäden“, wenn die Energiekonzerne sie nicht bezahlen müssen und die Rendite stimmen. Jedes AKW ist mit einer lächerlichen Deckungssumme von maximal 2,5 Milliarden Euro versichert. Zum Vergleich: die Gesamtkosten eines Super-GAU in Deutschland werden auf weit über eine Billion Euro geschätzt.

Dass der Ausstieg aus der Atomkraft notwendig ist, ist offensichtlich. Aber wenn mensch konsequent ist, dann muss man sagen, dass das allein nicht reicht. Wollen wir die Umwelt nicht mit Radioaktivität verseuchen und andererseits die Atmosphäre nicht mit fossilen Brennstoffen aufheizen, dann brauchen wir eine radikale Reduktion des Energieverbrauchs – und die ist mit einer auf ungebremstem Wachstum und Raubbau beruhenden Gesellschaftsordnung nicht zu machen.

Die Frage nach einer rational geplanten, ressourcenschonenden Energieversorgung ist systemimmanent nicht zu beantworten – denn sie ist die Frage nach den Grenzen der Wachstums­ideologie. Und deshalb ist die Antwort auf die Frage, die in diesen Tagen bei den Diskussionen um die Forderung nach sofortigem Ausstieg aus der Kernenergie immer wieder gestellt wird, nämlich die, wo denn die ganze Energie plötzlich herkommen solle, nicht die, die z. B. die Grünen geben: „Weiter so, nur ohne Kernkraft und mit ‚erneuerbaren‘ Energien“. Die Katastrophe von Fukushima ist die logische Folge einer Gesellschaftsordnung, die ausschließlich auf Profit, Wachstum und Raubbau setzt. Und deshalb setzt sie die Debatte um eine gänzlich andere Gesellschaftsorganisation unmittelbar auf die Tagesordnung.

Frau Merkel und ihre Freunde aus der Atomindustrie wissen das. Das ist der wahre Grund für die plötzliche Wandlung unserer Saula in eine Paula, nicht die Sorge um einen GAU in Deutschland, nicht ein plötzlicher Sinneswandel. Es geht um die Macht, nicht nur die im Kanzleramt, sondern um die ganze Macht, auch weiterhin die Welt nach dem Primat des Profits zurichten zu können. Wenn es um so viel geht, muss die Regierung schon einmal flexibel sein und ein paar kosmetische Zugeständnisse machen, bis sich die Aufregung gelegt hat – wie seinerzeit nach Tschernobyl.

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