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Bernd Brosius:
Strukturen der Geschichte
Im Buchhandel erhältlich!
Cover: Strukturen der Geschichte
122 Seiten, 12 €
ISBN 978-3-89900-122-8
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Karl Lindt   
01.03.2011

In den letzten Jahren scheint es in Mode gekommen zu sein, das Rad der Geschichte in Sachen Sexualität, Familie und Emanzipation zurückdrehen zu wollen. Publikationen von Eva Hermann und Co., aber auch „wissenschaftliche“ Untersuchungen zur vermeintlichen biologischen Ungleichheit von Männern und Frauen überfluten den Büchermarkt und finden zur Zeit reißenden Absatz.

Wenn es um den Kampf für den Erhalt der kleinbürgerlichen Familie geht, steht die Bild-Zeitung mal wieder an vorderster Front. Der Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner verstieg sich anlässlich der Diskussion um die tödlichen Unfälle zweier Soldatinnen auf dem Bundeswehrschulschiff Gorch Fock so z. B. gar zur Aussage: „Ich mag keine Frauen als Soldatinnen, ich mag keine Frau, die schießt, ich mag mir keine Frau vorstellen, die aus 40 Metern herunterstürzt.“ Für Wagner ist es die wichtigste Frage, so betont er, „ob Frauen in diese Männerwelt passen.“ Wie für ihn eine Frau zu sein hat, beschreibt er anschließend auch. „Die Frau, die ich mag, ist eine Frau, die ein Baby, eine Hoffnung, eine Zukunft hat.“ Männer scheinen in seinem Weltbild als Soldaten geboren zu werden, während Frauen sich doch lieber um den Nachwuchs kümmern sollten.
Sarrazin und die Familie
In der letzten Zeit ist zu beobachten, dass die Stimmen, die einen „zurück an den Herd“-Diskurs führen, immer lauter werden. Da stellt sich doch die Frage, warum hier eigentlich verstärkt für ein Familienmodell geworben wird, welches in der Realität doch schon längst überholt ist. Ist es purer Dogmatismus oder gibt es einen anderen Grund dafür?

Einblicke in die Beweggründe der Rechten gibt uns Thilo Sarrazin in seinem Buch Deutschland schafft sich ab. Zwar gibt er zu, dass sich Gesellschaften im Laufe der Geschichte ändern. „Aber es gibt auch zähe Elemente gesellschaftlicher Stabilität, die über lange Zeiträume dem Wandel trotzen.“ Zu solchen „zähen Elementen“ zählt er u. a. neben der Religion und den althergebrachten Gebräuchen auch die Familie. Für Sarrazin haben diese Elemente der Gesellschaft eine enorm wichtige Funktion, denn sie wirken stabilisierend – wie „Kitt“, schreibt er. Wenn diese „zähen Elemente“ sich zu lösen beginnen, dann ergeben sich nach Sarrazin „ideale Vor­aussetzungen für politische Umstürze und kriegerische Auseinandersetzungen.“ Die Familie erscheint hier also als Basis der Gesellschaft, ohne die alles zusammenbrechen würde.
Familie im Wandel
Der Psychoanalytiker und Kommunist Wilhelm Reich schrieb in seinem 1936 erstmals erschienen Buch Die sexuelle Revolution dazu: „Während die konservative Anschauung in der Familie die Grundlage, wie manche sagen, die „Zelle“ der menschlichen Gesellschaft überhaupt sieht, erblicken wir in ihr bei Berücksichtigung ihrer Wandlungen im Laufe der historischen Entwicklung und ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Funktion ein Ergebnis bestimmter ökonomischer Strukturen. Wir sehen also die Familie nicht als Baustein und Grundlage, sondern als Folge einer bestimmten ökonomischen Struktur der Gesellschaft an (...).“ Diese ständige Wandlung der Zusammensetzung der Familie sowie deren Funktion innerhalb der Gesellschaft durch veränderte ökonomische Grundlagen kann mensch ziemlich gut nachvollziehen, wenn wir einmal einen Blick in die Anfänge des Kapitalismus werfen. Zu dieser Zeit hatte die Familie zumeist die Funktion eines wirtschaftlichen Kleinbetriebes, wie es danach noch lange Zeit in der Bauernschaft vorherrschend war. Aufgrund dieser wirtschaftlichen Funktion gehörten z. B. auch Knechte und Mägde mit zur Familie, obwohl sie weder „blutsverwandt“ waren noch eingeheiratet hatten. „Familie“ bedeutete demnach zu dieser Zeit etwas ganz anderes als heute.
Bereits im 19. Jahrhundert fand dann die erste „sexuelle Revolution“ des kapitalistischen Zeitalters statt. Die Entwicklung der Industrie und der damit verbundene Arbeitskräftebedarf führten dazu, dass insbesondere jüngere Mitglieder der Familien massenhaft vom Land in die Stadt abwanderten und sich so den Familien entzogen. Es kam zum Erodieren der althergebrachten Familienstrukturen. In der Arbeiter­Innenklasse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren uneheliche Beziehungen üblich und vorehelicher Sex mehr oder weniger die Norm. 
„Familienglück“ und die Realität
Heute entspricht der allgemeinen Vorstellung von „Familienglück“ eine Dreiecksfamilie aus  verheirateten Vater und Mutter sowie 1-2 Kindern, die harmonisch in einem Reihenhaus wohnen, mindestens einen Mittelklassewagen besitzen und regelmäßig Urlaub in Übersee machen. Die Frau darf ihren Anteil am Erwerb des Familieneinkommens haben, sollte aber nach wie vor nicht mehr als der Mann verdienen und sich zusätzlich natürlich auch noch um das Wohl der Kinder und den Haushalt kümmern, um keine „Rabenmutter“ zu sein.

Dass dies in den meisten Fällen nicht der Realität entspricht und auch nicht entsprechen kann, liegt nicht im „Werteverfall“ oder dem fehlenden „Familiensinn“ junger Menschen, wie Konservative oft behaupten. Wie schon am obigen Beispiel zur ersten sexuellen Revolution gezeigt, wird auch heute wieder deutlich, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt und nicht umgekehrt. Der Verfall der traditionellen Kleinfamilie ist eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung des neoliberalen Kapitalismus. Wer FacharbeiterIn oder AkademikerIn ist, der/die muss heute viel flexibler sein, was den Arbeitsort und die Arbeitszeit angeht, als früher. Familienleben, wie es sich die Konservativen vorstellen, ist da oft nicht oder nur sehr begrenzt möglich. Andere Lohnabhängige, insbesondere die unteren Schichten der Klasse, haben zumeist nicht die finanziellen Mittel, um ein „geordnetes Familienleben“ zu führen, hier sind die Sorgen um den Arbeitsplatz, um die eigene Zukunft vorherrschend.

Obwohl die Familienstrukturen massiv erodieren, versuchen die Herrschenden, heute die sozialen Aufgaben, wie die Pflege der Alten und Kinder, die Sorge um Arbeitslose und die Wiederherstellung der Arbeitskraft der Werktätigen auf die Familien abzuwälzen.  Denn die Familie stellt eine für den Staat und die Unternehmer­Innen kostengünstige und ideologisch akzeptable Weise für die Reproduktion der Arbeitskraft dar, da sie zumeist auf unbezahlter, weiblicher Arbeitskraft basiert. Die Familien sollen das ausgleichen, was an „Sozialstaat“ heute abgebaut wird. Dies macht verständlich, warum die Familie für konservative und neoliberale Denker­Innen wieder eine derart wichtige Rolle spielt. Das Gerede von „althergebrachten“, christlichen Werten und Moral ist nur vorgeschoben, um die wirklichen Beweggründe zu kaschieren.
Aufhebung der Familie
Solange die Gesellschaft in einer Weise organisiert ist, in der die Grundbedürfnisse wie Pflege etc.  nur in der Familie befriedigt werden können, werden all jene ausgegrenzt, deren Lebensformen des zwischenmenschlichen Miteinanders nicht den Normen entsprechen. Menschen, die aufgrund ihrer politischen, sozialen, religiösen oder sexuellen Ansichten nicht in ihrer Familie leben können oder wollen, werden hier genauso marginalisiert wie Menschen, die einfach keine Familie haben bzw. keine Familie, die solchen Aufgaben gewachsen ist. Und dass nur wenige in der „Normalfamilie“, von der die Konservativen ausgehen, leben (können), haben wir oben gesehen.

Um die freie Entwicklung eines jeden Einzelnen garantieren zu können, unabhängig von seiner sozialen Herkunft, ist es nötig, an der Sozialisierung der verschiedenen Funktionen zu arbeiten, die die Familie übernimmt. Daher treten wir nicht nur gegen die Privatisierung bzw. Abschaffung der öffentlichen Gesundheits-, Renten- und Erziehungs- und Bildungssysteme ein, sondern auch für die völlige rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren und anderen Lebensformen, z.B was das Adoptionsrecht angeht. Der besondere Schutz der Ehe, wie er im Grundgesetz festgelegt ist und die daraus resultierende Bevorteilung gegenüber anderen Formen des zwischenmenschlichen Miteinanders, muss aufgehoben werden. Die Illusion der „Normalfamilie“, wie sie in den Köpfen der Konservativen vorherrscht, kann aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung nicht mehr länger Bezugspunkt für politische Entscheidungen sein.

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