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Heinz Epe (Walter Held), 1910–1942: Talente, die sich nicht entfalten konnten | Drucken |  E-Mail
Peter Berens   
01.12.2010

Wie schon Karl Kautsky darlegte, ist der Träger der Wissenschaft nicht das Proletariat sondern die bürgerliche Intelligenz. Aus ihr stammten viele der bedeutendsten Vertreter­Innen des wissenschaftlichen Sozialismus wie Marx, Engels, Lassalle, Plechanov, Liebknecht, Luxemburg, Lenin und Trotzki. Ohne ihn mit diesen gleichsetzen zu wollen, gehörte Heinz Epe (Pseudonym Walter Held) als ein durchaus bedeutender Vertreter zu dieser Schicht. Epe war in den 1930er Jahren einer der führenden Funktionäre der IV. Internationale bzw. ihrer Vorläufer.

Epe, geboren am 25.12.1910, stammte aus einem bürgerlichen Elternhaus in Remscheid. Der Aufstieg seines Vaters vom Malermeister zum Vorsitzenden des Mittelstandskartells ging mit dem politischen Werdegang des ehemaligen Sozialdemokraten zur reaktionären Deutschen Volkspartei einher. Die Mutter, geborene Held, führte einen großbürgerlichen Haushalt. Der junge Heinz gab sich zunächst als Weltmann in der Remscheider jeunesse dorée.

Nichts wies darauf hin, dass aus ihm einmal ein führender Trotzkist werden sollte. Kurz vor dem Abitur suchte er den Kontakt zu seinem Bekannten Fritz Besser, der mit Jugendlichen des Antifaschistischen Kampfbundes und der KPD in Remscheid-Büchen befreundet war, und ihn nun in die Grundlagen des Marxismus einführte. Nach kurzer Zeit überholte Heinz Epe seinen „Lehrer“, der immerhin schon ein paar Jahre in der revolutionären Bewegung hinter sich hatte, weil er „die Dinge praktisch-politisch anpackte und auf Erfolg aus war“. Epe studierte ein Semester in Wien, dann mit Fritz Besser in Köln Jura. Sie verkehrten dort in der progressiven Künstlerszene, wurden aber auch stark durch die samstäglichen Diskussionen in der Küche von Josef Metz beeinflusst.1 Metz, ein gebildeter Arbeiter, erst revolutionärer Sozialdemokrat, dann Kommunist, war aus der KPD ausgeschlossen worden, weil er für die Ideen Leo Trotzkis, z. B. für die Einheitsfront der KPD mit der SPD gegen Hitler eintrat und den Stalinismus kritisierte. Epe ging zum weiteren Studium nach Berlin, wurde dort als Trotzkist aus dem Kommunistischen Studentenverband ausgeschlossen… dann kam im Januar 1933 der Sieg des Faschismus.
Bruchstücke
Die „alte“ linkskommunistische und antistalinistische Opposition in der KPD der 1920er Jahre zählte in ihren Reihen Intellektuelle wie Arkadi Maslow, Ruth Fischer, Karl Korsch, Werner Scholem, Hugo Urbahns, aber auch gebildete Arbeiter wie Hans Weber oder Paul Schlecht. Niemand von ihnen – mit der möglichen Ausnahme von Hugo Urbahns – trug zur marxis­tischen Analyse des Nationalsozialismus Erhellendes bei. Das blieb vor allem den Werken Trotzkis und des Rechtskommunisten Thalheimers vorbehalten. Auch die erst 1930 gebildete Linke Opposition der KPD (LO) beschränkte sich mehr oder weniger auf die Verbreitung der Kampfschriften Trotzkis gegen den Faschismus und versuchte, seine Vorschläge zur Einheitsfront in die Praxis umzusetzen.
An intellektuellen Kapazitäten fehlte es eigentlich nicht. Trotzkis Schriften zogen neben aktiven Funktionär­Innen der KPD auch gebildete kommunistische Arbeiter­Innen, einige Intellektuelle und Jugendliche in ihren Bann. Vielleicht hatte sich die LO zu spät gebildet, um aus diesen unterschiedlichen Gruppen und Individuen eine homogene Schicht revolutionär-marxistischer Aktivist­Innen zu formen. Illegalität und Verfolgung nach 1933 ließen dazu weder Zeit, noch boten sie die entsprechenden politischen Anregungen, waren doch nach Trotzki „in der Nacht des Faschismus alle Katzen grau“.

Mit der katastrophalen Niederlage der Arbeiter­Innenbewegung durch den Faschismus kam es bei der LO der KPD, dann Internationale Kommunisten Deutschland (IKD) genannt, zu einem völligen Umbruch. Wer passiv wurde, bot anderen eine Chance, in den Vordergrund zu treten. In kürzester Zeit fanden sich an der Spitze der IKD junge Menschen wieder, die kurz zuvor im deutschen Trotzkismus nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Zu ihnen gehörte Heinz Epe, der Anfang 1933 im Auftrag der Organisation in die Tschechoslowakei ging, um dort zu helfen, die Exil-Zeitung der IKD, Unser Wort, herauszugeben.
Im Auftrag Trotzkis
Um diese Zeit war Trotzki auf Heinz Epe aufmerksam geworden, weil dieser kurz nach Beginn der Illegalität für die Aufgabe der Reformperspektive innerhalb der KPD und für die Gründung einer neuer Partei eintrat – noch bevor Trotzki selbst diese Schlussfolgerung zog. Als dann Redaktion und Druck von Unser Wort nach Paris verlegt wurden, ging Heinz Epe mit und besuchte Trotzki in seinem französischen Exil. Der zweiundzwanzigjährige Epe wurde von Trotzki als Vertrauensmann zu dem Leiter der Revolutionär Sozialistischen Partei in Holland, Henk Sneevliet, geschickt. Als Epe dann die Internationale Kommunistische Liga (IKL), der internationalen Dachorganisation der Trotzkist­Innen, im Vereinigungsprozess mit verschiedenen internationalen sozialistischen Jugendorganisationen vertreten sollte, scheiterte er kläglich. Ohne große eigene Organisationserfahrung wurde Epe von dem Jugendbeauftragten der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), Willy Brandt, ausmanövriert. Epe wurde zwar Mitglied im Internationalen Jugendbüro, dieses aber nach Skandinavien gelegt, wo es unter dem sicheren Einfluss der Bündnispartner der SAP stand. Als Epe später dort ausgeschlossen wurde, arbeitete er für Trotzki in dessem norwegischen Exil vom Sommer 1935 bis Ende 1936.

Unter Trotzkis Einfluss entwickelte Epe seine analytischen Fähigkeiten enorm weiter, während andere Sekretär­Innen sich eher auf administrative Arbeiten für den Aufbau der IV. Internationale oder auf Zuarbeiten für Trotzki beschränkten. Zu den internationalen Diskussionen der Trotzkist­Innen trug Epe erheblich bei. Seine Aufsätze und Broschüren behandelten Themen wie „Die deutsche Linke und der Bolschewismus“, „Stalin in Wirklichkeit und Legende“, „Das Ende von Locarno“, „Die Volksfront in Frankreich“, „Warum die deutsche Revolution scheiterte“,2 das Verhältnis von Lenin und Rosa Luxemburg und „Die spanische Revolution“.
Kritik am „trotzkistischen“ Minister
In seiner Broschüre über den spanischen Bürgerkrieg spürte Epe u. a. der Entwicklung nach, die den Doppelmachtorganen, die nach dem Aufstand der Arbeiter­Innen gegen die putschenden Militärs im Sommer 1936 in Katalonien geschaffen worden waren, wieder ihre Macht genommen hatte.

Ein erster Schritt zur Liquidierung des Zentralkomitees der Milizen, das sich unter Kontrolle der anarcho-syndikalistischen CNT und der (halb)trotzkistischen Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit (POUM) befand, war dessen rein örtlicher Umzug in das Kriegsministerium, um die Scheinautorität der bürgerlichen Regierung Companys zu wahren. Einmal dort wurde im nächsten Schritt das ZK der Milizen in eine Unterabteilung des Kriegsministeriums verwandelt. Ähnlich unterstützte die POUM den Wirtschaftsrat der Allgemeinheit, ebenfalls ein Organ der bürgerlichen Regierung, um die katalanische Wirtschaft „im sozialistischen Sinne zu sichern“, und verhinderte so die Bildung eines alternativen Rätesystems.

Ihre opportunistische Politik verbarg die POUM nach Epe hinter linken Phrasen, so, wenn sie betone, dass es in Katalonien gar keine Doppelmachtsituation – hier die Arbeiter­Innen, dort das Bürgertum – gäbe. Denn die bürgerliche Regierung Companys habe lt. POUM keine Macht, weil diese allein bei den revolutionären Arbeiterinnen liege. Die Logik dieser scheinradikal-hilflosen Politik führte am 26.9.1936 zum Eintritt des Sprechers der POUM, Nin, als Justizminister in die katalanische Regionalregierung. Heinz Epe schrieb: „In der gleichen Nummer der ‚Revolution Espagnole’, in der man uns die Geburt der neuen Regierung mit Andrés Nin als Justizminister ankündigt, teilt man uns die Liquidation des Zentralkomitees der antifaschistischen Milizen mit. Wahrlich ein teurer Preis für einen Ministersessel!“. Und Epe zitierte aus einer der Reden des frisch gebackenen Ministers Nin:
„Ein anderes Problem ist jenes der Kollektivierung und Sozialisierung. Diese spontane Bewegung hat den sozialistischen Willen der Massen zum Ausdruck gebracht. Aber man muss sich von den Irrtümern und Abweichungen befreien, die sich auf diesem Gebiet gezeigt haben. In gewissen Fällen bedeutet die Kollektivierung einer Fabrik, dass man sie sich aneignete, ohne den Notwendigkeiten des Kriegs und der Gesamtwirtschaft Rechnung zu tragen. Man muss damit aufhören. Die Kollektivierung oder Konfiskation einer Fabrik vollzieht sich weder zum Nutzen einer Gewerkschaft noch eines Sektors der Arbeiterklasse“.3
Nins Worte waren das Bekenntnis des ersten „trotzkistischen“ Ministers in einer bürgerlichen Regierung.
IV. Internationale
Kurz bevor 1938 die IV. Internationale in Paris gegründet wurde, ermordete der Geheimdienst Stalins in einer Anschlagsserie führende Genossen der IV. Internationale. Heinz Epe, der bei der vorgeschalteten Jugendkonferenz der Vierten eine maßgebliche Rolle spielte, sollte nun die vakante Stelle des internationalen Sekretärs antreten. Ihm wurde aber von seinen Freund­Innen der IKD umgehend zur Flucht geraten. Nach der Besetzung Norwegens im 2. Weltkrieg durch die faschistische Wehrmacht floh er weiter nach Schweden. Nachdem die meisten Verbindungslinien zwischen den Sektionen der IV. Internationale unterbrochen waren, versuchte Epe 1941 in einer Verzweiflungstat von Schweden durch die Sowjet­union nach New York, dem neuen Sitz der Exilleitung der IKD, zu gelangen. Auf dem Transit durch die Sowjetunion verhaftet, kam er mit Frau Synnøve und Sohn Ivar Roland in einem Lager um. Sein Todestag soll der 28.12.1942 gewesen sein. In einer schwierigen Zeit widmete Heinz Epe seine Talente der Befreiung der Arbeiter­Innenklasse von Ausbeutung und Unterdrückung. Deren stalinistische Variante verhinderte, dass sie voll zur Entfaltung gelangten.


1    Fritz Besser, Meine Überlebnisse, [London] o.J.
2    www.marxists.org.
3    Walter Held, Die spanische Revolution, Paris, 1937, S. 9 f.

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