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Die Welt von BP: Ökonomie einer Umweltkatastrophe | Drucken |  E-Mail
Herbert West   
01.09.2010

BP hat in den letzten drei Jahren 90 Mrd. US-$ Gewinn zurückgelegt und dazu im ersten Quartal diesen Jahres nochmals 6 Mrd. $. Der Konzern besitzt Bargeld (!) in Höhe von 7 Mrd. $ sowie Vermögenswerte über 250 Mrd. $.

Davon verkauft BP 10 %, um den von Obama geforderten Entschädigungsfond einzurichten. Dieser Fonds umfasst inzwischen 32 Mrd. $. Da Rückstellungen jedoch steuerlich absetzbar sind, heißt dies, dass BP lediglich 22 Mrd. $ zahlt. Die restlichen 10 Mrd. $ zahlen die Betroffenen selbst: Die amerikanischen Steuerzahler­Innen! Und im Falle von Strafzahlungen gehen sowieso alle davon aus, dass sich die Prozesse über Jahrzehnte hinziehen werden.

Trotz der Verluste von 17 Mrd. $ im zweiten Quartal hat BP also eine grundsolide Unternehmensstruktur, oder um es mit den Worten eines Analysten zu sagen: „Eher geht die US-Regierung pleite als BP“1. Und für den schlimmsten Fall hat die britische Regierung bereits angekündigt, BP werde notfalls mit Steuergeldern gerettet2. Dazu sind bürgerliche Regierungen schließlich da …
Offshore-Bohrungen
Was steckt nun hinter den Offshore-Bohrungen, die zur Katastrophe im Golf von Mexiko führten? Unter den 50 größten Firmen der Welt sind 13 Ölfirmen. Doch diese 13 Ölfirmen kassieren die Hälfte des Profits, der von den 50 Firmen erwirtschaftet wird! Neun weitere sind Autofirmen, die eng mit den Ölfirmen verbunden sind. Da verwundert es nicht, dass dieser Auto-Öl-Komplex weiter verflochten ist mit dem Finanzsektor, denn das viele Geld soll sich ja vermehren. Viel Geld heißt viel Macht und so sind Ölkonzerne führend im Kampf gegen den Klimaschutz, indem sie zahlreiche „Forschungsinstitute“ finanzieren, um den Klimawandel leugnen zu können.

BP erwartet ein jährliches Wachstum der Ölnachfrage um 1 %, so dass sich der Ölbedarf in 70 Jahren verdoppelt hat. Dabei ist es unerheblich, ob diese Annahmen stimmen. Relevant ist, dass BP sein gesamtes Vorgehen an diesem Szenario ausrichtet. Den privaten Konzernen (Exxon, Shell, BP, Texaco) stehen aber die staatlichen gegenüber (Gazprom, Petrobras, die staatlichen Ölfirmen Venezuelas und der arabischen Länder). Entscheidend ist: Die privaten Konzerne fördern 50 % des Öls, kontrollieren aber nur 10 % der Reserven! So wird es für sie immer schwieriger, die eigene Produktion durch neue Reserven zu ersetzen. Da liegen die gewaltigen Ölvorkommen unter dem Polarmeer doch direkt vor der Nase! Die aber kann man nur durch Offshore-Bohrungen ausbeuten, und dafür muss man die Offshore-Techniken weiter entwickeln.
Keine Wende zu alternativen Energien
Der hohe Ölpreis fördert also nicht die Wende zu alternativen Energien, sondern es ist umgekehrt: Die bei steigenden Preisen steigenden Profite bewirken eine Steigerung der Ölförderung. Das geht bei privaten Firmen nur durch Förderung nichtkonventioneller Ölvorkommen. Das sind Ölvorkommen, deren Ausbeutung so schwierig und teuer ist, dass sie sich erst ab einem bestimmten Ölpreis lohnt. Und an erster Stelle der nichtkonventionellen Ölvorkommen stehen eben jene unter dem Meeresboden3. „Ohne Offshore-Exploration ist es den großen Konzernen unmöglich, weiter zu wachsen“, schrieb das Handelsblatt4.

Doch auch die Gewinnung von Öl aus Ölsand rückt in greifbare Nähe. Dabei wird bei Förderung und Verarbeitung von Öl aus Ölsand das 2,5 fache des Klimakillers Kohlendioxid freigesetzt wie bei Öl aus konventionellen Quellen. Insbesondere im Norden Kanadas wurde begonnen, die Ölsandvorkommen auszubeuten. Dies bedeutet die Abholzung riesiger Waldflächen, die Abtragung gewaltiger Torfschichten, das Umpflügen ganzer Landschaften und der Verbrauch von 5m³ Wasserdampf für die Extraktion von Öl aus 1m³ Sand, – wobei das Abwasser aufgrund seiner Chemikalienbelastung als Sondermüll gelten kann. Nicht zuletzt muss man für die Gewinnung von einem Barrel Öl ein weiteres Barrel verbrennen, um die Energie für die Ölsandaufarbeitung zu erhalten. Da man dieses Öl natürlich lieber verkaufen möchte, bevor es verbrannt wird, plant man nun, ein Atomkraftwerk in die Arktis zu stellen, welches die Energie für die Ölförderung zur Verfügung stellen soll … 3, 5.
Verflechtung mit Regierungen
Diese Nachteile werden natürlich von allen mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Es stehen ihnen jedoch gewaltige Vorteile gegenüber:

Die nichtkonventionellen Ölvorkommen sind fünfmal so groß wie die konventionellen. Damit wäre die Ölversorgung auf Jahrzehnte gesichert, vielleicht sogar bis zum Eintreten der Klimakatastrophe.
Die westlichen Großmächte hätten wieder eigene Ölreserven und wären nicht länger abhängig von Russland, Venezuela oder Arabien.

Und so bahnt sich hier eine enge Verflechtung der privaten Ölfirmen mit den Regierungen der westlichen Staaten an3. Kein Wunder also, dass BP noch immer der größte Ölproduzent in den USA ist, ein Drittel seines Öls auf US-Territorium fördert und ein Drittel seines Gewinns in den USA macht, indem BP beispielsweise US-Streitkräfte mit Benzin versorgt1, 3, 6.
Dabei ist es nicht immer leicht, so ein großes Unternehmen zu führen. Der neue BP-Chef Dudley beispielweise leitete bis vor kurzem ein Joint Venture von BP mit einer russischen Firma aus dem Untergrund, „weil er befürchtete, verhaftet zu werden“7. Unter solchen Bedingungen kann natürlich mal ein Unfall passieren. Folgerichtig, dass Dudley unmittelbar nach der Übernahme des Vorstandsvorsitzes „betonte, dass sein Konzern auch weiterhin riskante Förderprojekte vorantreiben wolle“8.
Die „freie Marktwirtschaft“
Wie groß der Abstand zwischen einer Ölfirma und einer kriminellen Vereinigung wirklich ist, mögen Leserinnen und Leser selbst entscheiden angesichts folgender Meldung.

Am 21. Juli schrieb das Handelsblatt (auf Seite 7) unter der Überschrift „Bohren für die nächste Ölpest“:
„Ob es um den Iran in den 50er-Jahren, den Golf von Mexiko heute oder morgen das Mittelmeer geht: Die Interessen der lokalen Bevölkerung haben den britischen Multi noch nie sonderlich berührt. Im Iran wurde ein Putsch inszeniert, weil man die Verstaatlichung von Ölquellen befürchtete. Auf der im Golf explodierten Deepwater Horizon scherte sich niemand wirklich um die Sicherheitsregeln. […] Die EU-Kommission befürchtet nun zu Recht, dass ein vergleichbares Unglück in naher Zukunft auch vor der europäischen Haustür passieren könnte. Denn BP beginnt dieser Tage völlig ungerührt von der noch unbewältigten Katastrophe ein neues Hochrisikoprojekt: Vor der libyschen Küste will der Konzern seine nächste heikle Bohrung treiben. Sie soll in noch größerer Tiefe als die im Golf von Mexiko liegen. Ungehört verhallen alle Appelle, die Arbeiten wenigstens so lange ruhen zu lassen, bis die Ursachen des Unfalls vor der amerikanischen Küste aufgeklärt sind. […] So werfen die Amerikaner BP vor, sich wegen der lukrativen Verträge mit Libyen für die Freilassung des in Großbritannien inhaftierten libyschen Terroristen eingesetzt zu haben, der über dem schottischen Lockerbie 1988 einen Jumbo zum Absturz brachte und 270 Menschen tötete“. Genau so funktioniert sie, die freie Marktwirtschaft.

1    Handelblatt, 28.07.2010, S. 2, 20, und http://tinyurl.com/2wmuv8p .
2    Handelsblatt, 07.07.2010, S. 1.
3    isw - Report, 73, 41 - 44, (2008).
4    Handelsblatt, 28.07.2010, S. 8-9.
5    Atlas der Globalisierung 2009, S. 80 - 81.
6    Handelsblatt, 20.06.2010, Seite 24, und Handelsblatt, 22.06. 2010, S. 1.
7     Handelsblatt, 28.07.2010, S. 20.
8    Handelsblatt, 28.07.2010, S. 2.

 

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