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Freud und Marx – Korrespondenzpartner? | Drucken |  E-Mail
Helmut Dahmer   
01.07.2010

Von Zeit zu Zeit kursiert das Gerücht, in irgendwelchen Archiven gebe es einen (noch unbekannten) Briefwechsel zwischen Freud und Marx. Das wäre immerhin möglich, doch hätten Nachlassverwalter und Biografen sich einen solchen Fund kaum entgehen lassen.

Der 19jährige künftige Erfinder einer neuen Wissenschaft von der Seele schrieb Anfang März 1875 an seinen Freund Eduard Silberstein „Sozialistischen Bestrebungen bin ich übrigens sehr wenig abhold, obwohl ich keine von den Formen kenne, unter denen sie heute auftreten. Es ist wirklich sehr viel faul in diesem ‚Kerker‘ Erde genannt, was durch menschliche Einrichtungen zu bessern wäre…“ Mitte Juli bis Anfang September des Jahres besuchte er seine zwei Jahrzehnte älteren Halbbrüder, „Shopkeeper“ in Manchester, las englische naturwissenschaftliche Autoren wie Darwin, Huxley und Tyndall und entschloss sich zum Medizinstudium. Mit der Eisenbahn hätte er in wenigen Stunden in London sein und dort – Ende Juli oder Anfang August 1875 – den 57jährigen Emigranten Marx (und dessen Freund Engels) treffen können. Marx hatte im Mai seine kritischen „Randglossen“ zum Gothaer Programm der vereinigten deutschen Sozialdemokraten formuliert; im Juni schrieb er in Briefen an den russischen Kommunarden und Soziologen Pjotr L. Lawrow über die Verkürzung der Krisenzyklen und über die Versuche des Berliner Physiologen Moritz Traube, künstliche Zellen herzustellen.
An gemeinsamen Interessen und Gesprächsstoff hätte es also dem Studenten der Physiologie und Zoologie und dem revolutionären Ökonomen nicht gemangelt, zumal beide durch Ludwig Feuerbach zum Materialismus gekommen waren. Freud aber kannte die Marxsche Theorie nur vom Hörensagen, und das mögliche Gespräch der beiden Religionskritiker fand niemals statt. Schlimmer noch: Ihre Anhänger, Freudianer und Marxisten, sollten (von seltenen Ausnahmen abgesehen) hundert Jahre lang Krieg gegeneinander führen.

Das Gerücht von einem unbekannt gebliebenen Briefwechsel zwischen Freud und Marx entspringt dem Wunsch, über diese unselige Geschichte eines von beiden Schulen kultivierten, feindseligen Missverständnisses hinauszukommen. Unterbliebene wie unterdrückte Diskurse drängen immer nach Erledigung. Und so beunruhigt eine spätere Generation die Frage, ob nicht in der Vergangenheit eine Chance verpasst wurde, etwas (für uns) Wichtiges ungesagt blieb. Was aber wäre das?  Ludwig Feuerbach hatte die idealistische Phantasmagorie vom Weltgeist, der in Natur und Geschichte sich entäußert und erst am Ende der Zeit zu sich selbst zurückkehrt, entzaubert. Bei ihm sind es die leidenden und denkenden Menschen, die, ohne recht zu wissen, was sie tun, Illusionen und Institutionen hervorbringen, denen sie in der Folge zum Opfer fallen. Diesem Schicksal können sie nur entgehen, wenn sie sich beizeiten daran erinnern, dass sie selbst die Autoren ihrer Produkte sind und das von ihnen Geschaffene auch wieder abschaffen können. Diese „genealogische“ Kritik an den „Institutionen“ der Seele und der Gesellschaft, die bewusstlos erzeugt wurden und den vergesellschafteten Individuen darum als „Natur“ erscheinen, bildet den gemeinsamen Kern der Marxschen wie der Freudschen Theorie.

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