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Im Rausch der Nation | Drucken |  E-Mail
Tom Bogen   
01.07.2010

Die neue Qualität des Patriotismus, die sich seit der WM in Deutschland im Jahre 2006 gezeigt hat, setzt sich auch 2010 fort. Sehr zur Freude der Herrschenden. Ein Essay.

Es war im Mai beim Eurovision Song Contest, als sich eine von Ihrem Sieg überwältigte Lena Meyer-Landrut in Ihrer Sprachlosigkeit schützend eine Deutschlandfahne über das Gesicht zog. Was folgte, war nur das Warmlaufen für den schwarz-rot-goldenen Fußballjuni. Gefühlte Tausend Mal erklang im Fernsehen in den Tagen danach Stefan Raabs ironisch gemeinte alternative Nationalhymne „Ich liebe deutsche Land“, das von der in Deutschland lebenden afroamerikanischen Sängerin Verna Mae Bentley-Krause gesungen wird und eigentlich schon 9 Jahre in Raabs TV-Sendungen herumgeistert. Der Song bezieht seine Originalität nur aus dieser einen Liedzeile und dem deutlichen Akzent der Sängerin. Es versinnbildlicht damit den neuen Patriotismus, den die Herrschenden seit einiger Zeit erfolgreich in Deutschland zu etablieren versuchen. Sein Medium ist der sportliche Wettbewerb gegen andere Nationen, sein Inhalt vermittelt Multikulturalität. In ihm hat die deutschlandbegeisterte Afroamerikanerin genauso Platz, wie der muslimische Nationalspieler. Was die von der Bertelsmann AG inszenierte Kampagne „Du bist Deutschland“ noch unnatürlich und spießig vermitteln musste, ist seit 2006 zur festen Einheit geworden: der gute Laune Patriotismus. An diesen knüpfen Raab und Meyer-Landrut unreflektiert an – und mit ihnen z.B. 40 000 Menschen in Hannover bei der Eurovision „Siegesfeier“. Der erste Platz in Oslo ist nicht der Erfolg der Interpretin, des Produzenten oder der Songwriter, er wird zum gesamtdeutschen Erfolg umgedeutet. Von da an ist es nicht mehr weit und aus dem patriotischen Taumel wird ein nationaler Stolz.
Stolz, der sich lohnt
Gleiches gilt für die Fußballweltmeisterschaft. Diese durch und durch kommerzialisierte Illusion der Chancengleichheit aller Länder veränderte das Gefühl vieler Deutscher zur eigenen Nation in den letzten Jahren nachhaltiger, als der Fall der Mauer es je konnte, auch wenn dieser erst die Grundlage dafür bildete. Das lässt sich allein schon an der Anzahl der Deutschlandfahnen ablesen, die dieser Tage gehisst werden. Nicht der 3. Oktober treibt die Profite der FahnenherstellerInnen nach oben, es sind Wettbewerbe wie der ESC, WM oder EM. In der WAZ bringt es der Chef der Fahnenfabrik in Hüttenheim, Bernd Clasen, auf den Punkt: „Vor ein paar Jahren hat sich ja noch niemand getraut. Da galt man ja als Nazi, wenn man die Deutschlandfahne raushängte.“ Jetzt freut sich der Duisburger über ein riesiges Umsatzplus. Und die Fanartikelhersteller sind kreativ: Schminke, Außenspiegelschoner, Hut und Kette. Alles in schwarz-rot-geld. Und da der Party-Patriotismus am besten in der Masse gefrönt wird, freuen sich beim Public Viewing Bier und WürstchenhändlerInnen gleich mit. In den letzten Wochen scheint ein skurriler Wettbewerb ausgebrochen zu sein, wer seinen Stolz am pompösesten zur Schau stellen kann. Übergroße Winkelemente, national lackierte Autos, Häuser in den Landesfahnen, wie es Christo hätte nicht besser machen können. Wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtet, haben Volkswirte der Postbank ausgerechnet, dass durch öffentliche Veranstaltungen und den Verkauf von Fanartikeln ein Mehrabsatz von einer Milliarde Euro zu erwarten ist. Das kurbele die Binnennachfrage an. Besonders profitieren werden die Sponsoren. Adidas rechnet mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz durch Artikel rund um die Fußball-WM. Die Näherinnen des offiziellen WM-Fußballes in Honduras und El Salvador erhalten laut der Initiative Romero einen Hungerlohn von umgerechnet 130 Euro im Monat. Bei all dem tritt der Sport natürlich in den Hintergrund.

Natürlich hat auch die Politik etwas davon. Während sich die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in einem Interview mit der Rheinischen Post darüber freut, dass in Deutschland „ein unverkrampfter Patriotismus möglich ist“, beschließen die G20 in Toronto die Halbierung ihrer Schulden bis 2013. Darüber, die Wirtschaft an diesem Brachialakt zu beteiligen, konnten sie sich nicht einigen. Schon 2006 gab der damalige Bundpräsident Köhler zu verstehen, er hoffe, dass etwas vom Jubel nach der WM bleibt. Er sollte recht behalten. Es bleibt zu wünschen, dass die ArbeiterInnen in Deutschland angesichts der kommenden Angriffe es der amtierenden Eurovisionsiegerin nicht nachmachen und sich hinter ihrer Nationalfahne verkriechen. Denn bald kann es um den (physischen) Klassenerhalt gehen!

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