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Ökologische Katastrophe im Golf von Mexiko | Drucken |  E-Mail
Tim Nießner   
01.06.2010

Die vom Ölmulti BP geleaste Bohrinsel Deepwater Horizon war am 22. April nach einer Explosion gesunken. Seitdem strömen täglich Hunderttausende Liter Rohöl aus mehreren Lecks in die See. Das Umweltdesaster im Golf von Mexiko zeigt die Notwendigkeit einer radikalen Wende in der Produktion von Energie und deren Verbrauch.

„Es ist klar, dass die unersättliche Suche nach Gewinnen, die produktivistische und profitorientierte Logik der kapitalistischen/industriellen Zivilisation uns in eine Umwelt­katastrophe mit unabsehbaren Folgen führt.“ (Michael Löwy Ecosocialism or barbarism)

Mit den Bildern des riesigen Ölteppichs im Golf von Mexiko bekommen wir nun tagtäglich die Bedeutung dieser Worte vor Augen geführt. Die Konsequenzen dieser Katastrophe für die Menschen und die natürliche Umwelt kann bisher noch niemand umfassend einschätzen. Klar ist lediglich, das dass Ökosystem Jahrzehnte benötigen wird, um sich regenerieren zu können.
Auf der Suche nach dem „schwarzen Gold“ ...
Die Katastrophe zeigt aber auch, welch hohe Risiken für Mensch und Umwelt die großen Ölkonzerne und ihre politischen HandlangerInnen eingehen,  um der Erdkruste noch die letzten Barrel Öl zu entreißen. Die heute bekannten Ressourcen von Erdöl reichen nur noch ca. 40 Jahre. Insbesondere die Erdölmultis aus den imperialistischen Zentren werden auf der Suche nach dem „schwarzen Gold“ daher immer waghalsiger. Ihnen ist inzwischen weitgehend der Zugang zu den einfachen, billigen, aussichtsreichen Quellen in Asien und Lateinamerika verwehrt. Mehr als drei Viertel der globalen Erdölreserven befinden sich aktuell in der Hand nationaler Ölgesellschaften. Die staatlichen bzw. staatlich kontrollierten Ölkonzerne Saudi Aramco (Saudi-Arabien), Gazprom (Russland), NIOC (Iran) oder PDVSA (Venezuela) sind heute die wahren Giganten im Geschäft. Ihre frühere hegemoniale Rolle haben die privaten Konzerne, wie BP oder Shell, längst verloren. Sie kontrollieren gerade noch rund ein Zehntel der globalen Öl- und Gasreserven. Ohne Zugang zu den meisten einfach zu fördernden Erdölquellen, bleibt ihnen nur das Ausweichen auf die aufwendigen, teuren und gefährlichen Projekte. Aus der Not heraus stoßen die Konzerne zu den letzten Grenzen vor, zu Vorkommen, die sonst keiner anfassen mag.
… im Sand und in der Tiefsee.
Die Jagd nach den letzten Reserven des immer knapper werdenden Erdöls nimmt immer umweltzerstörerischere Formen an. Ein Beispiel dafür ist die Förderung der Ölsandvorkommen in Kanada. Erst durch den wegen der Verknappung gestiegenen Ölpreis wurde die Förderung von Erdöl aus Sand rentabel. Da das Öl aus dem Sand extrahiert werden muss, ist die Förderung extrem energieintensiv und schmutzig. Fast die Hälfte der Energie, die das geförderte Öl zu liefern in der Lage ist, wird für die Förderung und Raffinierung gebraucht, von dem gigantischen Wasserverbrauch ganz abgesehen. Im Durchschnitt benötigt man zwei Tonnen Ölsand und 2 bis 5 Barrel Wasser, um ein Barrel (159 Liter) Rohöl zu gewinnen.

Ein weiterer Ausdruck dieses Wettlaufs um die Ressource Erdöl ist die in den letzten Jahren stetig steigende Förderung von Erdöl aus der Tiefsee. Die am 22. April havarierte Erdölplattform Deepwater Horizon förderte ihr Öl aus 1500 Metern Tiefe. Die von BP geleaste Plattform wurde 2001 gebaut und stellte eine der modernsten Bohrplattformen der Welt dar. Zwölf Meter hohen Wellen und Winden in Orkanstärke konnte sie trotzen. Sie operierte sogar schon in Tiefen von bis zu 3 000 Metern. Vor allem der enorme Druck in den unterirdischen Reservoirs macht die Arbeit extrem gefährlich. Die Ölfirmen bohren in Gesteinen, in denen auf jedem Quadratzentimeter das Gewicht eines Mittelklassewagens lastet. Wird bei der Bohrung in eine solche Öl- oder Gasquelle vorgestoßen, besteht die Gefahr, dass Öl explosionsartig und unkontrolliert nach oben schießt. Zu solch einem sogenannten „Blowout“ ist es vermutlich auch bei der Deepwater Horizon gekommen. Heute werden weniger als ein Prozent der Weltproduktion an Erdöl aus Förderanlagen, die in solchen Tiefen operieren, gewonnen. Viele Ölgesellschaften erwarten dennoch, dass die Ölbohrung auf hoher See eine große Zukunft hat. Zwischen 35 und 65 Dollar pro Barrel kostet die Förderung des Tiefseeöls, schätzte die Internationale Energieagentur im Jahr 2009. Derzeit liegt der Ölpreis schon bei rund 80 Dollar.
Augen zu und durch
Die Ölindustrie wird nach der Katastrophe wohl weitermachen wie bisher – trotz der sich abzeichnenden Ölpest. Anders als etwa bei der Havarie des Tankers Exxon Valdez im Jahr 1989 vor Alaska bahnt sich diesmal eine schleichende Katastrophe an, ein langsames, stilles Sterben der Vögel, Schildkröten und Meeressäuger im Golf von Mexiko. Das Unglück im Zeitlupentempo könnte BP helfen, die Sache bald vergessen zu machen. Auch der finanzielle Schaden wird das Unternehmen kaum umwerfen, selbst wenn er in die Milliarden gehen sollte: Der Gewinn von BP stieg im ersten Quartal 2010 auf 5,6 Milliarden Dollar. Das Katastrophenmanagement des Konzerns basiert derweilen hauptsächlich auf Verschleierung und Verschiebung des Problems.
„Im Kampf gegen die Ölpest – und gegen verheerende TV-Bilder von verschmutzten Wildvögeln – setzen der Ölkonzern BP und Helfer in bisher nicht erprobtem Ausmaß auf Chemie, auf sogenannte Dispergatoren. Diese Chemikalien lösen das Öl nicht auf, sie verwandeln es nur in eine Menge kleinerer Tröpfchen, die dann vom Wasser umschlossen werden. Ein Prinzip, das man zu Hause beim Abwaschen mit Spülmittel kennt. Die sichtbare Bilanz der Ölkatastrophe ist deshalb vergleichsweise harmlos“ (Spiegel Online 17.5.10).

Doch der Preis für Mensch und Umwelt ist dabei sehr hoch. Die mittels Flugzeugen versprühten, Corexit genannten, Chemikalien sorgen erstens dafür, dass ölfressende Bakterien unter Wasser eine größere Angriffsfläche haben. Das klingt zwar gut, raubt aber anderen Meereslebewesen den Sauerstoff zum Überleben. ForscherInnen haben in den belasteten Gewässern stellenweise bereits um 30 Prozent niedrigere Sauerstoffwerte gemessen. Ein solch niedriger Sauerstoffanteil im Wasser ist vor allem für Fischeier, Plankton und Korallen höchst problematisch. Was der Fauna und Flora mehr schaden wird, das Erdöl, oder die versprühten Chemikalien, wird sich noch zeigen. Für BP bringt die Spezialflüssigkeit allerdings einen großen Vorteil: einen Monat nach dem Untergang der Bohrplattform Deepwater Horizon ist der Großteil des bisher ausgetretenen Öls unter Wasser geblieben. Das Problem wirkt in den Fernsehbildern also weniger dramatisch, als es wirklich ist. Durch den Einsatz der Chemie bildeten sich dagegen große Ölwolken unter Wasser, die bis zu 16 Kilometer lang, sechs Kilometer breit und hundert Meter hoch sind.
Eine Wende in der US-Energiepolitik?
Erst Ende März hatte US-Präsident Obama verkündet, neue Seegebiete vor der Ostküste der USA, nördlich von Alaska und im östlichen Golf von Mexiko, für solche Offshore-Bohrungen freizugeben. Damit sollte die Abhängigkeit der US-Wirtschaft von ausländischem Öl verringert werden. Nach der Katastrophe im Golf von Mexiko ruderte die US-Administration teilweise zurück. US-Innenminister Ken Salazar stellte gar den bisherigen energiepolitischen Kurs der Regierung von Präsident Barack Obama in Frage. Die Ölpest müsse den USA „eine Lehre sein“, sagte der demokratische Politiker in Robert im US-Bundesstaat Louisiana. Das ganze Land müsse über grundsätzliche Fragen wie Energieverbrauch und Konsum nachdenken, forderte Salazar. Ob es wirklich zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über die Energiegewinnung und Nutzung führt, bleibt dabei allerdings fraglich. Wie oft versprachen die Herrschenden nach solchen Katastrophen schon ein generelles Umdenken, ohne dass sich etwas geändert hat? Wo blieb z. B. die Abkehr von der Atomenergie nach Tschernobyl? Das reale Krisenmanagement der US-Regierung, abseits von den großen Reden, deutet derweilen nicht auf ein wirkliches Umdenken in der Energiepolitik hin. Zwar hat US-Präsident Barack Obama jetzt eine „unabhängige“ Kommission zur Untersuchung der Ölpest im Golf von Mexiko eingesetzt. Als Konsequenz aus der Ölkatastro­phe wurde bislang aber nur eine weitere Vergabe der Förderlizenzen für Offshore-Bohrungen gestoppt, sowie bei der besonders in der Kritik stehenden US-Behörde für Rohstoffverwaltung (MMS) ein Abteilungsleiter von seinen Aufgaben entbunden. Der für die Kontrolle der Tiefsee-Bohrungen zuständige Abteilungsleiter Chris Oynes ging in den Ruhestand. Er arbeitete bereits 35 Jahre für die Behörde. Obama kritisierte, diese pflege eine zu enge „behagliche“ Beziehung zur Ölindustrie (Spiegelonline 18.5.10).
Radikaler Bruch nötig
Socialist Action, eine der IV. Internationale nahestehenden Organisation in den USA, fordert dagegen einen radikalen Bruch mit der herrschenden Politik: „Wir benötigen eine vollständige Untersuchung des Unfalles und ein Gerichtsverfahren sowie Gefängnisstrafen für die TäterInnen. Aber die Quellen des Problems müssen auch aufgeklärt werden. Das reine Profitinteresse der Erdöl-KapitalistInnen ist die Wurzel des Desasters. Das Mississippi Delta ist unzählige Male durch Ölpests verschmutzt worden und ein großer Teil des Erdbodens ging durch den Bau von Kanälen für die Erdölpipelines ans Meer verloren. Die Öl- und Chemie-Raffinerien haben den Süden Lousianas zu einem der am meisten verseuchten Gebiete der Erde gemacht. BP trägt die Verantwortung für die aktuelle Krise, aber auch die kapitalistischen PolitikerInnen in beiden der großen Parteien, die als ihre Handlanger arbeiten, indem sie Versuche unternehmen, die Sicherheitsvorkehrungen, den Arbeits- und den Umweltschutz zu  untergraben“ (www.socialistaction.org).
Um den Herrschenden in den Konzernen und ihren Regierungen das Handwerk zu legen, ist ein radikaler Bruch mit diesem System nötig – mittels Enteignung der Energieindustrie und deren Kontrolle durch die dort Beschäftigten. Außerdem ist eine Konversion der Arbeitsplätze in der Erd­ölindustrie nötig, die zur Schaffung einer auf Sicherheit, Sauberkeit und Regenerativität basierenden Energieproduktion führt. Nur so kann eine Energieproduktion, die  sich an den Interessen der Menschen und der Nachhaltigkeit gegenüber der natürlichen Umwelt orientiert, gewährleistet werden. Wir benötigen ein Übergangsprogramm, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, egal ob Kohle, Erdöl oder Uran, zu lösen. Ein erster Schritt in dieser Richtung kann der Aufbau eines kostenlosen, flächendeckenden öffentlichen Nahverkehrs sein. Letztendlich muss allerdings das auf Streben nach privaten Profit basierende System des Kapitalismus gestürzt und durch eine an den Interessen der Menschen und der natürlichen Umwelt orientierte Planwirtschaft ersetzt werden.

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