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Französischer Philosoph und führender Vertreter des Mai 68 | Drucken |  E-Mail
Tariq Ali   
01.02.2010

Der französische Philosoph Daniel Bensaïd, der im Alter von 63 Jahren an Krebs starb, war einer der begabtesten marxistischen Intellektuellen seiner Generation.

1968 war er – zusammen mit Daniel Cohn-Bendit – an der Gründung der Bewegung des 22. März beteiligt, jener Organisation, die maßgeblich zur Auslösung der Explosion beitrug, die Frankreich im Mai und Juni jenes Jahres erschütterte. Bensaïd war ganz in seinem Element, wenn er auf großen Versammlungen Studierenden und ArbeiterInnen Ideen erklärte. Er konnte ein großes Publikum fesseln, wie ich es selbst miterlebt habe, als er 1969 in seiner Heimatstadt Toulouse auf einer Versammlung mit 10 000 TeilnehmerInnen sprach, um dabei die Präsidentschaftskandidatur von Alain Krivine (einem der Führer des Mai 68) für die Ligue communiste révolutionnaire  (LCR) zu unterstützen.

Bensaïds durchdringende Analyse wurde nie von oben herab vorgetragen, ganz gleich, vor welchem Publikum er sprach. Seine Gedanken leiteten sich aus dem klassischen Marxismus ab – Marx, Lenin, Trotzki, Rosa Luxemburg, wie es in jener Zeit üblich war – aber die Art, wie er es anpackte und darlegte, war ganz seine eigene. Seine philosophischen und politischen Schriften haben einen lyrischen Klang – bei besonders langwierigen ZK-Sitzungen konnte mensch ihn öfters ganz in Proust vertieft sehen – was die Übersetzung ins Englische nicht gerade leicht macht.

Als ein führender Vertreter der LCR und der IV. Internationale, deren französische Sektion sie war, reiste er viel nach Südamerika, besonders nach Brasilien, und spielte eine große Rolle bei der Organisierung der Arbeiterpartei (PT), die heute unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva an der Macht ist. Eine unvorsichtige sexuelle Begegnung verkürzte Bensaïds Leben. Er bekam Aids und war die letzten 16 Jahre seines Lebens von Medikamenten abhängig, die ihn zwar am Leben hielten, aber mit einer tödlichen Nebenwirkung: Krebs, der ihn schließlich umbrachte.

Physisch wurde er ein Schatten seiner selbst, aber sein Geist war nicht betroffen, er schrieb mehr als ein Dutzend Bücher über Politik und Philosophie. Er schrieb über seine jüdische Herkunft, ähnlich der vieler anderer GenossInnen, und darüber, wie diese Herkunft ihn, und auch die meisten anderen, nicht dazu brachte, dem Pfad des blinden und gedankenlosen Zionismus zu folgen. Er verabscheute identitäre Politik und seine beiden letzten Bücher – Fragments Mécréants [Gedanken eines Ungläubigen] 2005 und Eloge de la Politique Profane [Lob nicht-religöser Politik] erläutern, wie dies zu einem Ersatz für ernsthaftes kritisches Denken geworden ist.

Er war der führende bekannte marxistische Intellektuelle Frankreichs, der zu vielen Talkshows eingeladen wurde und Essays und Rezensionen in Le Monde und Libération schrieb. Zu einer Zeit, in der ein großer Teil der französischen Intellektuellen die Seiten gewechselt hatte und den Neoliberalismus pries, blieb Bensaïd standhaft, aber ohne die geringste Spur des Dogmatismus. Selbst in den 1960er Jahren hatte er linke Clichés vermieden, dachte kreativ und hinterfragte die Wahrheiten der radikalen Linken.

In Toulouse ging er auf die Gymnasien Bellevue und Fermat, aber der prägende Einfluss kam von seinen Eltern und ihrem Milieu. Sein Vater, Haim Bensaïd, war sephardischer Jude aus einer armen Familie in Algerien und zog von Mascara nach Oran, wo er als Kellner in einem Café arbeitete aber bald seine wirkliche Bestimmung entdeckte. Er trainierte das Boxen und wurde Nordafrikameister im Weltergewicht.

Daniels Mutter, Marthe Starck, war eine starke und energische Französin aus einer Arbeiterfamilie in Blois, Zentralfrankreich. Mit 18 zog sie nach Oran. Sie traf den Boxer und verliebte sich in ihn. Die französischen Kolonisten waren schockiert und versuchten angestrengt, sie davon zu überzeugen, keinen Juden zu heiraten. Sie bekäme sonst mit Sicherheit eine Geschlechtskrankheit und missgebildete Kinder.

Als Frankreich besetzt war und ein großer Teil der Elite des Landes sich mit dem Kollaborationsregime von Vichy einrichtete, hat sich auch das Kolonialregime entsprechend eingereiht. Weil Jude wurde Daniels Vater verhaftet. Aber es gelang ihm, aus dem Kriegsgefangenenlager zu fliehen. Tollkühn entschloss er sich, nach Toulouse zu gehen, wo Marthe ihm half, falsche Papiere zu bekommen. Mit einer neuen Identität versehen kaufte er ein Bistro, Le Bar des Amis [Bar der Freunde]. Im Unterschied zu seinen beiden Brüdern, die während der Besatzung getötet wurden, überlebte er, und zwar großenteils dank seiner Frau, die ein offizielles Vichy-Zertifikat hatte, in dem bestätigt wurde, dass sie „nicht der jüdischen Rasse angehört.“

In seiner ergreifenden Abhandlung „Une lente impatience“ (2004) führte Daniel aus, dass diese Barbarei auf französischem Boden nur wenige Jahrzehnte vor 1968 vonstattenging. Le Bar des Amis, so schrieb er, war ein kosmopolitischer Ort, der von Spanienflüchtlingen, italienischen Antifaschisten, ehemaligen Widerstandskämpfern und einer Palette von ArbeiterInnen aufgesucht wurde; auch die örtliche Struktur der Kommunistischen Partei hielt hier ihre Versammlungen ab. Angesichts der entschlossenen republikanischen und Jakobinischen Überzeugungen seiner Mutter (wenn nach einer Fernsehsendung über die britische Monarchie einer ihrer Verwandten Zweifel über die Rechtmäßigkeit der Enthauptung Ludwig des XVI und Marie Antoinettes äußerte, sprach Marthe jahrelang nicht mehr mit ihm) wäre es seltsam gewesen, wenn Daniel Monarchist geworden wäre.

Entrüstet über das Massaker an Algeriern bei der Pariser Metrostation Charonne von 1961 (angeordnet vom Polizeipräsidenten Maurice Papon, einem früheren Nazi-Kollaborateur) trat er dem Kommunistischen Studentenverband bei, war aber bald verärgert über die Parteiorthodoxie und schloss sich der linken Opposition innerhalb des Verbandes an, die von Henri Weber (heute Senator für die Sozialistische Partei) und Alain Krivine organisiert wurde. Die kubanische Revolution und Che Guevaras Odyssee taten den Rest. 1966 wurden die Dissidenten aus der Partei ausgeschlossen.

Im selben Jahr wurde Bensaïd an der Ecole Normale Supérieure in Saint-Cloud aufgenommen und zog nach Paris. Hier half er beim Aufbau der Jeunesse communiste révolutionnaire (JCR), es waren junge Dissidenten, die von Guevara und Trotzky inspiriert waren und deren Organisation sich später in die LCR transformierte.

Das letzte Mal, als ich ihn vor ein paar Jahren in seinem bevorzugten Café im Quartier Latin traf, war er voller Tatendrang. Die Krankheit hatte seinen Lebenswillen und seine Denkfreude nicht untergraben. Politik war sein Lebenselixier. Wir sprachen über die sozialen Unruhen in Frankreich und ob diese in der Lage sein würden, größere Veränderungen herbeizuführen. Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht nicht in unsrer Lebenszeit, aber wir kämpfen weiter. Was sonst sollten wir tun?“

Tariq Ali war selbst ein führender Vertreter der Studierendenrevolte in Großbritannien in den späten 60ern und frühen 70er Jahren. Sein Artikel erschien im Guardian am 14. Jan. (guardian.co.uk/wolrd/2010/jan/14/daniel-bensaid-obituary/)

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