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Divergenzen | Drucken |  E-Mail
Hermann Dworczak   
01.01.2010

Helmut Dahmers gesammelte Aufsätze aus mehr als drei Jahrzehnten bereiten ein nicht endenwollendes Vergnügen: in relativer Autonomie vom politischen Tageskampf, Grundfragen der Politik und der kritischen Wissenschaft zu reflektieren.

Schon Gramsci, ursprünglich Sprachwissenschaftler, entfuhr es nicht nur einmal: Er möchte endlich mal was für die „Ewigkeit“ produzieren – also nicht ständig unter dem Diktat des – politischen – Hic et Nunc [Hier und Jetzt] stehen und nur das Alltagsgeschäft besorgen. Bei der Lektüre von Dahmers „Divergenzen“ erging es mir ähnlich. Hier bietet sich die Möglichkeit, sich theoretisch an zentralen Fragen des 20. Jahrhunderts und eines möglichen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ zu reiben.

Der Bogen der – zum Teil bisher unveröffentlichten – Aufsätze spannt sich vom „Souterrain“, also dem, was „unter dem Boden sich abspielt, auf dem wir stehen“ (S.9) über den „Verfall der Freudschen Aufklärung“ (S.10) bis zum „möglichen Übergang der gegenwärtigen Gesellschaft in eine negative Utopie“ (ebd.).

Souterrain ist vor allem „Politik im Schatten des Holocaust“ (S.11ff). Prägnant heißt es in dem Aufsatz „Derealisierung und Wiederholung“: „Isoliert gesehen, bleibt er (der Massenmord an Juden, Polen, Russen, Zigeunern und anderen - H.D.) so rätselhaft wie ein riesiger Schatten ohne den, der ihn wirft.

Zu fragen ist danach, welche Funktion(en) das große Morden für das NS-Regime erfüllte, und was Millionen Menschen, die daran beteiligt waren und es ermöglichten, davon hatten“ (S.42). „Zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert verwickelte sich die deutsche Armee in einen ruinösen Zweifrontenkrieg. Dem aussichtslosen Kampf gegen die äußeren Feinde – den „Bolschewismus“ und die „Plutokratien“ – entsprach der Vernichtungsfeldzug gegen die „inneren Feinde“ hinter den Fronten, der institutionalisierte Dauer-Pogrom gegen Fremde und Kranke, überlegene Geglaubte und Unterlegene. Darin fanden die weder ökonomisch noch militärisch realisierbaren Wunschträume der faschistischen Zwischenklassen-Massenbewegung eine schaurige Ersatzbefriedigung“ (S.42 f.).

Die genaue, sprich historisch-konkrete Kenntnis ökonomischer, sozialer und politischer Prozesse ist unerlässlich (insbesondere für die revolutionäre ArbeiterInnenbewegung), sie allein reicht jedoch nicht aus. Die „Innenseite“ der handelnden Subjekte ist ebenso von zentraler Relevanz – wie gerade die Machtergreifung und Machterhaltung des (deutschen) Faschismus zeigt (z. B. „Volksgemeinschafts“-Ideologie).
Die von Freud entwickelte Psychoanalyse bietet – prinzipiell – die Möglichkeit für solch eine „Innenschau“. Im Abschnitt „Unterm Scheffel – Aufstieg und Niedergang der Psychoanalyse“ wird darüber kritisch Bilanz gezogen. Dahmer schildert die Genealogie der Psychoanalyse, beleuchtet die – durchaus widersprüchliche – Persönlichkeit ihres Gründers (S.21ff.). Freud, der so scharf in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921 !) die regressive Verschmelzung von Individuen zu Cliquen und Massen analysiert hatte, versuchte die „Politik“ aus der internationalen psychoanalytischen Bewegung rauszuhalten. Selbst nach der Machtergreifung der Nazis gab es von ihm – fruchtlose – Bemühungen, die Psychoanalyse in Deutschland durch mehr als fragwürdige „Kompromisse“ mit den faschistischen Machthabern zu retten.
Dahmer widmet sich ebenso den Versuchen, Psychoanalyse und – undogmatischen – Marxismus zu verbinden. Irr spannend sein Beitrag über Siegfried Bernfeld S.218ff) oder die kritische Würdigung des Schaffens von Wilhelm Reich (S.254ff).

Eine wahre Fundgrube ist die dritte Abteilung „Utopia – Von Rimbaud zu Trotzki, von Radek bis Bloch“. Wer mehr und Neues über Samjatin, Lukács, Bloch, Brecht, Radek oder Trotzki erfahren möchte, hier bietet sich eine schier unerschöpfliche Quelle. Besonders erschütternd der Wandel Radeks (S.478ff.) vom Mitstreiter Lenins und Trotzkis zum Apologeten und „Narren“ (S.480) Stalins.

Ich gehe in fast allen Analysen mit meinem langjährigen Freund und Kampfgefährten Helmut Dahmer konform. In einer – nicht unwichtigen – Frage suche ich mit ihm die solidarische Debatte. In einer – meiner Meinung nach nicht ganz passenden Analogie – zwischen einem Trotzki- Artikel aus dem Jahre 1939 („Die UdSSR im Krieg“) und der heutigen Situation, schreibt Helmut in einem Beitrag aus dem Jahre 2004: „Soll unsere Zukunft nicht der Vergangenheit gleichen, ist es höchste Zeit für ein Minimalprogramm der Weltbürger des 21.Jahrhunderts.“

Ích denke, dass weder die Linke auf Weltebene total zusammengestutzt ist, noch, dass es passend wäre, die von Helmut selbst immer wieder – in der Tradition des revolutionären Marxismus – gegeißelte Trennung in Minimal- und Maximalprogramm aufleben zu lassen. Realistisch lässt sich sagen, dass die internationale ArbeiterInnenbewegung – schon seit Längerem – in der Defensive steckt (Einverleibung Osteuropas und der ehemaligen SU in den kapitalistischen Westen; die ideologischen Verwüstungen durch den „Krieg gegen den Terror“;...). Wie brüchig jedoch die Herrschaft des Kapitals werden kann, zeigen seine aktuelle globale Krise und das stark schwindende Vertrauen in seine „Heilungskräfte“. Ein positiver Ausweg wird nicht über ein bisschen Neokeynesianismus gepaart mit politischen Oberflächenkorrekturen zu erzielen sein. Daher ist die Debatte über eine post-kapitalistische, sprich sozialistische, selbstverwaltete Gesellschaft, die mit dem Stalinismus aber schon gar nichts gemein hat, gerade jetzt notwendig (um eben die Not zu wenden). Und dort wo sich breite (Abwehr-)Kämpfe ergeben, sollten sie in einem „Aktions“- und – bei aufsteigender Linie der Kämpfe – in einem „Übergangsprogramm“ zusammengefasst werden.

Helmut Dahmer Divergenzen. Holocaust, Psychoanalyse, Utopia.
Münster 2009, Westfälisches Dampfboot.
649 Seiten 
ISBN 978-3-89691-770-6

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