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Peter Berens:
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Prof. Dr. Helmut Dahmer   
01.01.2010

Ein Leserbrief, den die FAZ nicht abdruckte.

Um Trotzkis Leben und Tod spinnen sich vielerlei Legenden. Darum verdient der Artikel von Hans Ulrich Gumbrecht („Leo Trotzki in Mexiko-Stadt“, F.A.Z. vom 16. 12. 2009, S. N 3) eine aufmerksame Lektüre. Nach dem Schauprozess gegen Sinowjew, Kamenjew und andere war Trotzki im Herbst 1936 auf Betreiben Moskaus von der (sozialdemokratischen) norwegischen Regierung interniert worden. Daraufhin gewährte ihm der mexikanische Präsident Lázaro Cárdenas, ein früherer Bürgerkriegsgeneral, der durch die von ihm vorangetriebene Landverteilung und die Nationalisierung der Eisenbahnen und der Ölindustrie bekannt wurde, Asyl.

Trotzki kam mit dem Öltanker Ruth am 9. 1. 1937 in der Hafenstadt Tampico an und wurde von dem Muralisten Diego Rivera gastlich aufgenommen. (Dass es zwei Jahre später zum Bruch der Freundschaft zwischen dem Revolutionär und dem Maler kam, hatte, anders als von Gumbrecht vermutet, eher politische als persönliche Gründe.) Niemand – außer Gumbrecht – hat bisher die Regierung Cárdenas verdächtigt, sie habe „mit Stalin abgemacht […], dessen Erzrivalen umzubringen“. Trotzkis zweibändige „Geschichte der russischen Revolution“ wurde nicht in Mexiko, sondern, zehn Jahre früher, in Alma Ata und auf Prinkipo geschrieben. Der von Naum („Leonid“) Eitingon angeheuerte stalinistische Auftragskiller Ramón Mercader (alias Jacson, alias Mornard), der als Freund der Schwester einer Sekretärin Trotzkis galt, wollte Trotzki nicht „einige Manuskripte anbieten“, sondern hatte ihn gebeten, einen von ihm verfassten Artikel durchzusehen, in dem er gegen Burnham und Shachtman (die Führer einer Minderheits-Fraktion der nordamerikanischen „Socialist Workers Party“) polemisierte, die die Sowjetunion nicht mehr für einen „Arbeiterstaat“ hielten.

Gumbrechts Schilderung dessen, was sich dann zwischen dem Lesenden und seinem Mörder abspielte, ist befremdlich. Der Sowjetagent, schreibt er, „versenkte (!) eine Bergsteigeraxt im Kopf des Einundsechzigjährigen“. Gemeint ist der tödliche Hieb mit einem Eispickel… Frei erfunden hat Gumbrecht die darauf folgende Szene: „Trotzki starb nicht sofort. Er richtete sich auf und sprach im Tonfall einer religiösen Figur (?) die ruhigen Worte: ‚Das war’s‘.“ In Wirklichkeit kämpfte Trotzki mit seinem Mörder, den die herbeieilenden Wachen dann überwältigten, erklärte seiner Frau Natalia und seinem Sekretär Joseph Hansen, dass „Jacson“ der Attentäter sei und dass man ihn zum Reden bringen müsse, dass er fürchte, dass es der GPU „diesmal gelungen“ sei (ihn umzubringen), und schließlich, dass er an den Sieg der IV. Internationale glaube.

Nordöstlich von Mexiko-City liegt Teotihuacán, die Hauptstadt einer verschollenen, voraztekischen Kultur, die möglicherweise Menschenopfer kannte. Ein Foto zeigt Trotzki auf den Stufen einer der Pyramiden im dortigen Tempelbezirk. Gumbrecht mutmaßt, dass „eines fernen Tages die Sowjetunion und der Kommunismus“ zu dem werden könnten, „was Teotihuacán für uns heute ist: eine Ahnung von einem seltsamen und brutalen Kult des Menschenopfers, dessen Bedeutung wir nicht mehr verstehen.“ Da wir aber, im Unterschied zu den Bewohnern des alten Mexiko, in einer Schriftkultur leben, wird man auch künftig in Trotzkis Revolutionsgeschichte nachlesen können, dass es den Oktoberrevolutionären um die Beendigung des Gemetzels des Ersten Weltkriegs ging, eben um die Abschaffung der Menschenopfer.

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