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Du bist hier: Startseite arrow Antifa arrow Azadi bedeutet Freiheit: Das Noborder Camp 2009 auf Lesbos
Azadi bedeutet Freiheit: Das Noborder Camp 2009 auf Lesbos | Drucken |  E-Mail
Karawane München*   
01.11.2009

Ende letzten Jahres kam die Idee auf, ein Noborder Camp auf der griechischen Insel Lesbos zu organisieren.

Zeit und Ort waren goldrichtig für ein Grenzcamp. Die verschiedensten Aspekte der repressiven Migrationspolitik in Europa werden dort lokal sichtbar.1 Dementsprechend wurden für das Camp drei Schwerpunkte vereinbart: das Vernetzen der verschiedenen antirassistischen Bewegungen und Kampagnen in Europa und darüber hinaus, die Inhaftierung sowie die Inhaftierungsbedingungen von Flüchtlingen und Migrant­­Innen auf Lesbos, sowie die Praxis der griechischen Küstenwache auf dem Meer sowie deren Unterstützung durch die regionale Frontexmission Poseidon.
Offiziell sollte das Camp am 25. August beginnen, doch schon eine Woche vorher befanden sich viele Aktivist­­Innen vor Ort, um beim Aufbau zu helfen. In diese Phase platze die Nachricht, dass rund 150 minderjährige Flüchtlinge seit dem 18. August im Flüchtlingsknast bei Pagani in einen Hungerstreik getreten waren, um ihre sofortige Freilassung zu erzwingen. Das Noborder Camp in spe entschied sich, sich dorthin zu begeben, um eine Solidaritätskundgebung durchzuführen.2
Der Flüchtlingsknast in Pagani, einem Gewerbegebiet nahe der Inselhauptstadt Mytilini, ist ein ehemaliges Warenlager. Offiziell heißt es, der Knast habe eine Kapazität für rund 250 Personen, nichtsdestotrotz waren zu dem Zeitpunkt rund 1000 Menschen in den acht Zellen in Pagani eingesperrt, die meisten schon seit vielen Wochen. In einer Zelle befanden sich etwa rund 150 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die sich eine Toilette und eine Dusche teilen mussten. Die vielfache Überbelegung des Knastes resultiert zum einen aus der Tatsache, dass jede Nacht eine große Anzahl von Migrant­­Innen auf Lesbos landet, zum anderen scheint er auch Konsequenz eines Machtkampfs auf Regierungsebene zu sein, welches Ministerium die härtere Linie gegenüber Flüchtlingen repräsentiert. Dennoch ist festzuhalten, dass der griechische Staat lediglich am Reagieren ist.

Bei der Solidaritätskundgebung wurde auf Anregung der inhaftierten Jugendlichen eine Kamera in den Knast geschmuggelt. Mit ihr entstanden zum ersten Mal Innenaufnahmen aus Pagani.3 Die Aufnahmen zeigen in einer unglaublichen Dichte die absolut unmenschlichen Lebensbedingungen, denen die Jugendlichen ausgesetzt sind. Das Video verbreitete sich rasch im Internet und gelangte nach ein paar Tagen in die internationalen Mediendistributionskanäle. In der Folge kam es zu einer internationalen medialen  Skandalisierung des Flüchtlingsknasts in Pagani.
Soforthilfe durch das Camp
Mit dieser ersten Aktion, fünf Tage vor dem eigentlichen Start des Camps, war die Agenda gesetzt. Noch am Abend des gleichen Tages wurde eine Gruppe von rund 40 Flüchtlingen aus Pagani entlassen.4 Ohne jegliche staatliche Unterstützung verbrachten sie eine Nacht im Hafen von Mytilini. Ihr Ziel, die Insel Richtung Athen zu verlassen, war für mehrere Tage unmöglich, da die Fähren komplett ausgebucht waren. Den Flüchtlingen, unter ihnen Familien mit Kindern sowie schwangere Frauen, wären also weitere Nächte im Hafen bevorgestanden, hätte das Noborder Camp sie nicht eingeladen, ins Camp umzuziehen.

Die Diskussion um eine angemessene Reaktion auf diese Entwicklung führte zum Entschluss, in der Stadt, direkt neben dem Sitz der Inselregierung, einen Infopunkt zu errichten. Damit sollte vor allem das Ziel verfolgt werden, als Noborder Camp – Flüchtlinge und Aktivist­­Innen gemeinsam – in der Stadt sichtbar und präsent zu sein, einen Anlaufpunkt für Flüchtlinge zu bieten und damit der Regierung klar zu zeigen, dass die Situation der Flüchtlinge nicht unsichtbar gemacht werden kann.

Ohne jeden Zweifel war der Infopunkt die wichtigste Errungenschaft des Camps. In den neun Tagen, die er stand, fanden sich dort unseren Schätzungen nach rund 200 Flüchtlinge ein, die ihn als Ort des Ausruhens, des Informationsaustausches und der Vernetzung nutzen konnten. In und um den Infopunkt fanden Aktivist­­Innen und Flüchtlinge zusammen und es entstanden Kontakte, die auch heute, rund zwei Monate nach dem Camp, weiter bestehen und die eine konkrete europäische, antirassistische Vernetzung von unten darstellen, die sich nicht auf die Aktivist­­Innenszene beschränkt, sondern die die Subjekte der Flucht und Migration einschließt und ihnen zur Verfügung steht.
Inmitten dieser turbulenten Entwicklung eröffnete das Camp am 25. August quasi offiziell und begann mit seinem Programm, welches zum einen aus Informationsveranstaltungen und Workshops bestand, zum anderen aber auch öffentliche Proteste vorsah.5 So wie das Camp früh anfing, so ging es spät zu Ende: Viele Aktivist­­Innen blieben noch, um die vielen Projekte, die im Camp gestartet wurden, weiterzuführen. In diesem Sinne ist das Camp immer noch nicht beendet, sondern dieses erfolgreiche Beispiel praktischer antirassistischer Arbeit geht weiter.

*    Karawane München, Für die Rechte der Flüchtlinge und Migrant­­Innen! http://carava.net
1    http://lesvos09.antira.info/background/
2     http://lesvos09.antira.info/2009/08/hunger-strike-at-pagani-detention-centre/
3    http://lesvos09.antira.info/2009/08/voices-from-the-inside-of-pagani-detention-centre/
4    http://lesvos09.antira.info/2009/08/refugees-released-from-pagani-yesterday-night/
5    http://lesvos09.antira.info

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