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Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen | Drucken |  E-Mail
Helmut Dahmer   
01.10.2009

Nach dem Scheitern der im Sommer 1939 mit England und Frankreich geführten Verhandlungen über einen militärischen Beistandspakt („kollektive Sicherheit“) nahm die Stalin-Führung (vertreten durch Molotow) Kontakt mit der Hitlerregierung (vertreten durch Ribbentrop) auf und schloss nach kurzer Vorbereitung am 23. August überraschend einen Nichtangriffspakt mit ihr ab.

Vorausgegangen war wenige Tage zuvor bereits ein deutsch-sowjetisches Handelsabkommen, das in den beiden Folgejahren weiter ausgebaut wurde und die Versorgung Hitlerdeutschlands mit Getreide und kriegswichtigen Rohstoffen (im Austausch gegen Industrieprodukte) sicherstellte. Der Nichtangriffs-Pakt wurde durch ein geheimes Zusatzabkommen ergänzt, das die Teilung Polens und, darüber hinaus, die Aufteilung Osteuropas (vom Baltikum bis Bessarabien) zwischen den beiden Diktaturen vorsah.1 Dieser Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären folgten alsbald Vereinbarungen über militärische und geheimpolizeiliche Zusammenarbeit und über Bevölkerungs-Transfers in den besetzten Gebieten. Erst fünfzig Jahre später getraute sich die letzte sowjetische Regierung unter Gorbatschow, die Existenz des Zusatzabkommens, das die Aufteilung der Beute zwischen den beiden großen Räuberstaaten regelte, zuzugeben.2

„Der Gewinn, den Moskau gemacht hat, ist zweifellos bedeutend. Doch die Schlußbilanz ist noch offen. Hitler hat einen Weltkrieg angezettelt. Aus diesem Krieg wird Deutschland entweder als Herr über Europa und alle europäischen Kolonien hervorgehen oder es wird zerschlagen. Die Sicherung seiner Ostflanke ist für Hitler in diesem Krieg eine Frage von Leben und Tod. Er hat den Kreml dafür mit Teilen des ehemaligen Zarenreichs bezahlt.“ Trotzki, „Das Zwillingsgestirn Hitler-Stalin“ (4. 12. 1939).3

Hitler und Stalin repräsentierten zwei „totalitäre“ Regime, die ihren Bestand nur durch Expansion wahren konnten. Ihr Ziel war die Reorganisation Europas unter deutscher beziehungsweise russischer Führung – gemäß dem deutschen beziehungsweise dem sowjetischen Modell. Beide hingen (konträren) nationalen Utopien an und brachten diesen Utopien Hekatomben von Menschen zum Opfer. Trotz ihrer verschiedenartigen gesellschaftlichen Funktion sahen die Herrschaftsformen des SS-Staats und des GPU-Staats einander zum Verwechseln ähnlich.4  Beide Diktatoren, die einander zu schätzen wussten, waren gewillt, die enorme Macht, die ihnen die Ein-Partei-Diktatur an die Hand gab, skrupellos zur Verwirklichung ihrer Ziele einzusetzen. Zum Zeitpunkt des Pakts hatte Stalin bereits die bäuerliche Mehrheit seines Landes dezimiert und enteignet sowie die potentiell oppositionellen Gruppen durch mehrjährigen Massenterror dauerhaft gelähmt. Hitler hatte der deutschen Arbeiterbewegung das Genick gebrochen, den Antisemitismus zur Staatsraison erklärt und mit den Novemberpogromen von 1938 den Holocaust vorbereitet.

Hitlers Basis war ein kapitalis­tischer Interventionsstaat, dessen ökonomisch-militärisches Potential er durch die militärische Eroberung und Versklavung des gesamten Kontinents zu stärken hoffte. Die um ihn gescharte Bande von zu allem entschlossenen Rasse-Ideologen und Mordgesellen plante die gewaltsame Herstellung einer „Volksgemeinschaft“, der die „Reinigung des Volkskörpers“ von allen nicht-„arischen“ und „minderwertigen Elementen“ folgen sollte.

Stalin hingegen war der Erbe und Liquidator der Oktoberrevolution, der Verteidiger einer nicht-kapitalistischen, erst im Aufbau befindlichen Industriegesellschaft, deren „nachholende“ Entwicklung – der sogenannte „Aufbau des Sozialismus in einem Lande“ – von einer nach der Revolution entstandenen Bürokratie gesteuert wurde, die als Kollektiv-Besitzer der verstaatlichten Produktionsmittel agierte. Die Stalinsche Innen- und Außenpolitik war von Grund auf zwiespältig: Im Inneren wurden die Zwangskollektivierung und die beschleunigte Industrialisierung durch den Massenterror gegen die Bauern, die „illoyalen“ Nationen und die Oppositionellen „abgesichert“; und als die Rote Armee (deren Offizierskorps zwei Jahre zuvor als „unzuverlässig“ dezimiert worden war) am 17. 9. 1939, wie es das Geheimabkommen mit Hitler vorsah, in Ostpolen einmarschierte, begannen (wie später in den 1940/41 besetzten Ländern und, nach dem Krieg, in den „Satelliten“-Staaten) sogleich Verhaftungen, Deportationen und Massenerschießungen.5 Stalin kombinierte die Verstaatlichung der Produktionsmittel (Boden, Banken, Industrie) mit der prophylaktischen Ausschaltung jeglicher Opposition, der bürgerlich-bäuerlich nationalen ebenso wie der sozialistischen. Im Rahmen dieser Repression wurden auch alle Ansätze zu einer Arbeiterselbstverwaltung liquidiert, um der sowjetischen Bürokratie die Kontrolle über die Produktionsmittel in den besetzten Ländern zu sichern.

Das oft als „Teufelspakt“ bezeichnete Bündnis der beiden Diktatoren ermöglichte Hitler den Zugriff auf Polen trotz der Garantieerklärungen Frankreichs und Englands und den darauf folgenden „Blitzkrieg“ gegen Frankreich. Die Nazi-Führung konnte darauf bauen, dass die russischen Getreide- und Rohstofflieferungen die Auswirkungen einer möglichen britischen Seeblockade lindern würden. Knapp zwei Jahre später brach dann ein durch seine Erober­ungen im Westen und auf dem Balkan gestärkter Hitler überraschend den Versuch ab, England durch Luftangriffe in die Knie zu zwingen, und überfiel die militärisch unvorbereitete Sowjetunion, deren Herrscher bis zuletzt an einen solchen Vertragsbruch seines Kumpans nicht glauben mochte.

Stalin hatte durch das Abkommen mit Hitler zwar Zeit gewonnen, nutzte sie aber nicht dazu, die Rote Armee, die Bevölkerung und die Industrie des Landes auf einen möglichen Angriff der deutschen Armeen vorzubereiten. Er, der nur zwei, drei Jahre zuvor die bolschewistische „Alte Garde“ und die Führung der Roten Armee als geheime „faschistische Agenten“ hatte erschießen lassen, präsentierte sich nun vor aller Augen als Komplize Hitlers beim Überfall auf Polen und als dessen ebenbürtiger Partner beim Deportieren und Massakrieren.6 Das vorübergehende „realpolitische“ Bündnis zwischen dem „Antifaschisten“ im Kreml und dem „Antibolschewisten“ in der Reichskanzlei nötig­te zu einer radikalen Umstellung der kommunistischen Propaganda und der politischen Praxis der Funktionäre und Mitglieder der stalinistischen Organisationen. Unmittelbar betroffen waren vor allem die Untergrund- und Exil-KPD und die KPF. Die Komintern war bereits durch das Desaster der stalinistischen Politik in den letzten Jahren der Weimarer Republik und durch die Leugnung der Katastrophe von 1933 gründlich diskreditiert. Nun gab ihr der Hitler-Stalin-Pakt, der von den Partei-Ideologen rabulistisch „gerechtfertigt“ und von den Moskautreuen „verteidigt“ wurde, den Rest.7 Für die nächsten anderthalb Jahre war es nicht mehr die Hauptaufgabe der Parteikommunisten, gegen den Hitlerfaschismus zu kämpfen, sondern gegen die bürgerlichen Regierungen Frankreichs und Englands Front zu machen, die sich (verspätet) gegen Hitler zur Wehr setzten (und 1941 zu Stalins Verbündeten werden sollten). Wer sich illoyal zeigte und, wie Willi Münzenberg, mit Stalin brach8, fiel dessen Killerkommandos zum Opfer. (Auch die Ermordung Trotzkis in Mexiko fällt ja in die Zeit des unseligen Pakts.) Um seine Bündnistreue unter Beweis zu stellen, unternahm Stalin nichts, um die in Hitlers Gefängnissen und Lagern inhaftierten Kommunisten freizubekommen, und ließ stattdessen in der Zeit vom Dezember 1939 bis zum April 1941 etwa 1.000 deutsche Emigranten, die in der Sowjetunion Zuflucht gesucht hatten – darunter mehrere Hundert ihm missliebige Kommunisten (wie Margarete Buber-Neumann, Alexander Weissberg-Cybulski, Franz Koritschoner) –, in Brest-Litowsk an die Gestapo ausliefern.

Die alte europäische Arbeiter-Massenbewegung ist dem Terror Hitlers und Stalins zum Opfer gefallen. Darum wurde der Zweite Weltkrieg, im Unterschied zum ersten, nicht revolutionär, sondern militärisch beendet – durch den Sieg der westöstlichen Anti-Hitler-Koalition. Die Kritiker der Übereinkunft der Diktatoren hatten Recht: Der Hitler-Stalin-Pakt hat entscheidend zur Desorientierung und Demoralisierung nicht nur der stalinistisch kontrollierten, sondern auch der autonomen Arbeiterbewegung beigetragen.

1     Der Sowjetunion wurden Finnland, das Baltikum, ein Großteil Polens und Bessarabien zugesprochen, die vormals zum Zarenreich gehört hatten, dazu die Nord-Bukowina und die Westukraine.
2     Das Original der Zusatzvereinbarung ist verschwunden. Der sowjetische Anklagevertreter bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, Rudenko, verhinderte 1946 die Vorlage einer Kopie durch den Verteidiger Alfred Seidl.
3     Schriften, Bd. 1.2, Hamburg 1988, S. 1314.
4     Von James Burnham (1939) bis zu Tzvetan Todorov (1991) ist darum der Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts nicht als eine zeitweilige „Verirrung“, sondern eher als ein „Augenblick der Wahrheit“ verstanden worden.
5     „Stalin und Hitler gingen gleichzeitig gegen die polnische Intelligenz vor. Der größte Teil der [in Katyn von der GPU ermordeten] 22 000 Offiziere waren Reservisten, im Zivilberuf Ingenieure, Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte. Während sie umgebracht wurden, verhafteten die Nazis die Professoren der Krakauer Universität. Beides sollte ein Schlag gegen den bewußten Teil der Gesellschaft sein. Den braucht ein Land, um frei über sein Los entscheiden zu können. Das haben die Intellektuellen und Künstler in der Solidarność-Bewegung ein weiteres Mal bewiesen.“ Spiegel-Gespräch mit Andrzej Wajda über seinen Film „Das Massaker von Katyn“. Der Spiegel, Hamburg, 14. 9. 2009, S. 164.
6     Unter der Ägide des ukrainischen Parteichefs Chruschtschow und des NKWD-Chefs Serow wurden 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen aus Ostpolen deportiert und etwa 50 000 erschossen.
7     „Ich denke voll Grauen und Scham an das durch den Bug geteilte Europa; diesseits beteten Millionen sowjetischer Sklaven für ihre Befreiung durch die Hitlerarmeen und jenseits lebten Millionen in deutschen Konzentrationslagern, deren letzte Hoffnung die Rote Armee war“, schrieb der Zeitzeuge Gustaw Herling (Welt ohne Erbarmen, München 2004, S. 184).
8     „Die schwere, untilgbare Schuld der Stalin-Regierung ist es, dem Hitler-System durch den Hitler-Stalin-Pakt erst den Weg zu einem verbrecherischen Krieg gegen Polen frei gemacht und damit den neuen Weltkrieg ausgelöst zu haben. […] Heute stehen in allen Ländern Millionen auf, sie recken den Arm und rufen, nach dem Osten deutend: ‚Der Verräter, Stalin, bist Du‘.“ Willi Münzenberg, „Der russische Dolchstoß“ (22. 9. 1939).

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