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Anti-Atombewegung im Aufwind | Drucken |  E-Mail
Karl Lindt   
01.12.2008

Über 16000 Menschen demonstrierten gegen den 11. Castortransport nach Gorleben. Tausende beteiligten sich an den Straßen- und Schienenblockaden.

Widerstand hat es im Wendland immer gegeben, wenn der Castor kommt. Dafür sorgt allein schon das starke Engagement der örtlichen Bevölker­ung. Doch die Proteste haben sich in diesem Jahr gewandelt. Diesmal fanden sich über 16 000 AtomkraftgegnerInnen am zweiten Novemberwochenende in der 680-Personen Gemeinde Gorleben ein, um gegen den Castortransport zu demonstrieren. Das waren rund drei Mal mehr Menschen als beim letzten Transport 2006. Die bundesweite Mobilisierung zu der Demonstration war wesentlich erfolgreicher als sonst. Selbst aus Süddeutschland kamen viele Busse zur Demo. Aber auch die örtliche Bevölkerung aus dem Wendland war diesmal wieder zahlreicher vertreten als sonst. Dies zeigte sich u. a. bei der großen Auftaktdemo, welche von den Bauern und Bäuerinnen der Region mit insgesamt 400 Traktoren angeführt wurde. Noch während die DemonstrantInnen durch den Gorlebener Wald Richtung Zwischenlager marschierten, ketteten sich französische AktivistInnen in den Gleisen fest und hielten den Transport für ganze 15 Stunden auf. Dies geschah alles noch auf französischen Boden. So früh gab es noch nie eine Blockade, welche den Castor für mehrere Stunden aufhielt.
Eine „Renaissance der Atomkraft“ verhindern!
Bemerkenswert ist auch, dass es diesmal gelang, die Gewerkschaften, vor allem die IG Metall, in die Proteste mit einzubinden. Der Leiter des IGM-Bezirks Küste, Hartmut Meine, forderte auf der Abschlusskundgebung der Demo zusammen mit Wolfgang Ehmke von der BI-Lüchow-Dannenberg den sofortigen Ausstieg aus der Atomkraft und ein Verbot neuer AKWs in Deutschland. Die wieder lauter werdenden Stimmen der Atomlobby nach neuen Atomkraftwerken waren ein Hauptgrund für die starke Mobilisierung der Anti-Atom-Bewegung zu diesem Castortransport. Und so richteten sich die Proteste diesmal auch stärker als sonst nicht nur gegen die Atommülltransporte und Gorleben als mögliche Endlagerstätte, sondern auch gegen eine „Renaissance der Atomkraft“. Der großen Demonstration am Samstag folgten unzählige Kletter- und Ankettaktionen, Demonstrationen, Laternenumzüge, Fahrraddemos, Mahnwachen und nicht zuletzt Sitzblockaden gegen den Castor und die Atompolitik der Regierung.
Vielfältige Blockaden
Die größte Blockade wurde durch x-tausend-mal-quer initiiert und fand direkt vor dem Zwischenlager in Gorleben, dem Ziel des Transports, statt. Nach der Abschlusskundgebung der Demo am Samstag entschieden spontan 600 Menschen, sich der Blockade anzuschließen. Viele von ihnen saßen am Montagmittag, 48 Stunden später, immer noch dort. Stroh schützte gegen die harte Straße, Plastikplanen gegen die Regenschauer. Rampenplan, eine Bio-Vegan-Volksküche aus den Niederlanden, und das örtliche Rote Kreuz versorgten die BlockiererInnen ständig mit warmen Speisen und Getränken. Während des Sonntags- und des Montagvormittags strömten immer mehr Menschen zur Blockade. Am Montagnachmittag, bei der Räumung durch die Polizei, saßen dann 1.200 DemonstrantInnen vor dem Zwischenlager. Während sich bei der Blockade vor dem Zwischenlager ein richtiges Hüttendorf entwickelte, versuchte der Castorzug derweilen mit überhöhter Geschwindigkeit einiges an Zeit aufzuholen, welche er bei der Blockade in Frankreich verloren hatte. Doch weitere Ankett-Aktionen in Eichdorf und ein aufgebocktes und auseinander geschraubtes Gleis bei Leitstade brachten weitere Verspätungen ein. Einige Hundert Menschen versuchten währenddessen im Wendland immer wieder, auf die Gleise zu kommen. 300-400 Personen beteiligten sich im Rahmen einer Aktion der Gruppe Widersetzen an einer Sitzblockade auf den Schienen. In der Nacht zum Montag dann erreichte der Transport den Verladekran in Dannenberg und es wurde begonnen, die Castorbehälter für den Straßentransport nach Gorleben auf Tieflader zu verladen. Zeitgleich entstand auf der Nordroute der Straßentransportstrecke bei Quickborn eine Blockade mit 42 Traktoren, welche ineinander verkeilt vor dem Quickborner Jägerhof standen. Nachdruck verlieh dieser Blockade die teilweise abmontierten Räder der Traktoren, die sie untransportierbar machten.
Beton gegen Castor
Zu was die wendländische Bevölkerung fähig ist, bewiesen auch AktivistInnen der Bäuerlichen Notgemeinschaft in Grippel. Der Ort ist das Nadelöhr der Transportstrecke. Egal welche Strecke der Castor fährt, er musste durch dieses Dorf, um das Zwischenlager zu erreichen. Hinter dem Rücken der Polizei, welche die Straße zu dieser Zeit schon stark kontrollierte, gelang es den LandwirtInnen zwei Betonpyramiden auf die Transportstrecke zu stellen und sich mit acht Personen daran anzuketten. Daran hatten die Polizei-Spezialteams am Montag etliche Stunden zu knabbern, besonders als sich herausstellte, dass die beiden Pyramiden nicht baugleich waren.  Erst als diese letzte große Hürde überwunden war, konnte der Castortransport die 20 km Straßenstrecke zwischen dem Verladekran in Dannenberg und dem Gorlebener Zwischenlager antreten und erreichte am Dienstagmorgen um 00:30 h das Zwischenlager – mit fast einem Tag Verspätung.
„Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos!“
Die Aktionen gegen den Castortransport in diesem Jahr werden von der Anti-Atom-Bewegung als sehr positiv bilanziert, sowohl was die Mobilisierung, als auch was die Effektivität der Blockaden angeht. Interessant dabei ist, welche Rolle junge Menschen bei den Protesten spielten. Auf den ersten Blick weckte die Blockade vor dem Zwischenlager und die Demo in Gorleben viele Assoziationen mit den Protesten der Anti-Atom-Bewegung der 80er-Jahre. Überall waren Anti-Atom-Sonnen und Friedenstauben zu sehen, bunte Mützen, Wollpullover und Pali-Tücher. Viele der DemonstrantInnen kämpften schon Ende der 70er Jahre gegen das damals in Gorleben geplante „Nukleare Entsorgungszentrum“. Sie sehen nun, das als bedroht an, wofür sie in der Vergangenheit gekämpft haben, und gehen deshalb jetzt wieder auf die Straße. Doch es ist keineswegs diese Generation 50plus, welche die Proteste inhaltlich oder zahlenmäßig dominierte. Auffallend war der jugendliche Charakter der Proteste. Junge Menschen zwischen 15 und 30 scheinen die friedliche Massen-Sitzblockade als ihre Protestform wiederentdeckt zu haben. Unter den BlockiererInnen vor dem Zwischenlager waren viele, welche sich zum ersten Mal in Gorleben engagierten. Ohne Protesterfahrung sind diese jungen AtomkraftgegnerInnen aber dennoch nicht. Schlüsselerlebnis, so war es bei der Blockade immer wieder zu hören, waren die G-8-Proteste im vergangenen Jahr in Heiligendamm. Viele von ihnen sammelten dort ihre ersten Erfahrungen in Sachen Massenprotest. Die großen Camps, die vielen Aktionen, die erfolgreiche Blockade der Zufahrtswege zum Gipfel haben eine neue Generation für Aktionen des zivilen Ungehorsams gewonnen.

Wichtig ist es ihnen, dass sie einerseits ein sehr viel deutlicheres Zeichen mit solchen Aktionen setzen als mit klassischen Demonstrationen. Für die Verfolgung ihrer politischen Ziele sind sie bereit, Regeln zu brechen und die Konsequenzen zu tragen. Auf der anderen Seite wird bei solchen Blockaden aber auch darauf geachtet, dass das Risiko für weniger Erfahrene überschaubar bleibt. Möglichst jeder und jede soll bei diesen Protesten mitmachen können. Kletter- und Ankettaktionen hingegen, welche sehr viel höhere psychische und physische Anforderungen an die AktivistInnen stellen als solche Sitzblockaden, werden von den meisten Blockierer­Innen als positive Ergänzung der eignen Massenblockade gewertet. Entsprechend gefeiert wurden auch zwei junge AktivistInnen von den Menschen in der Sitzblockade, welchen es gelang, wenige Minuten vor der Räumung der Blockade an den Laternenmasten direkt vor dem Eingangstor des Zwischenlagers hoch zu klettern. Sie spannten ein buntes Transparent mit dem Spruch: „Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos!“.

Neben dem Ziel, möglichst viele Menschen mit in Aktionen des zivilen Ungehorsams einzubinden, ist ein zweites wesentliches Grundmerkmal für diese Blockaden festzustellen: Das Bild, das sie vermitteln, ist durchweg positiv und friedlich. Sie arbeiten, ganz im Gegensatz etwa zu den Autonomen der 80er und 90er Jahre, offensiv mit den Medien und bemühen sich aktiv darum, schöne Bilder und klare Botschaften zu vermitteln. Durch viel Kreativität bei den Aktionen wird versucht, die Medien anzuziehen. Die dadurch gewonnene massive Medienpräsenz bei der Räumung der Sitzblockade vor dem Zwischenlager z. B. wurde als wichtiger Faktor gewertet, der Ausschreitungen der Polizei gegen die Blockierer­Innen verhinderte.

Es wird sich in den nächsten Jahren zeigen, ob diese Bewegung auch fähig ist, außerhalb von Gorleben den Kampf gegen die Atomkraft wieder zu beleben. Gerade im kommenden Bundestagswahlkampf wird die Frage der Atomkraft eine wichtige Rolle spielen. Es liegt an dieser Bewegung, dass eine „Renaissance der Atomkraft“ wie sie FDP und CDU fordern, verhindert wird. Das heißt allerdings nicht, dass der „rot“-grüne Atomkonsens verteidigt werden darf. Gerade dieser Konsens hat die Profite der Energiekonzerne gesichert und einen wirklichen Ausstieg aus der Atomkraft bisher verhindert. Daher gilt immer noch die alte Forderung der Anti-Atom-Bewegung: Sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit!

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