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Die „menschlichen Kosten“ ausgebliebener Revolutionen | Drucken |  E-Mail
Ernest Mandel   
01.11.2008

Im November/Dezember 1918 und im März 1920 stand ein Rätedeutschland auf der Tagesordnung. Die Zusammenarbeit von Mehrheitssozialdemokratie, Militär und bürgerlichen Eliten – sowie die Tatsache der noch unreifen und zu schwachen Führung der Revolution – hat die Niederlage von 1918-19 und des revolutionären Ansatzes von 1920 verursacht.

Für diese verpasste Revolution haben die deutsche Arbeiterklasse, große Teile der übrigen Bevölkerung und die ganze Welt einen hohen Preis bezahlt.

Selbstverständlich kann mensch einen realen historischen Prozess nicht durch einen imaginären ersetzen, ausgehend von der Formel: „Was wäre geschehen, wenn...“. Aber es ist durchaus möglich, alternative objektive Möglichkeiten empirisch plausibel zu machen.

Zwar spielen bei Revolutionen und Konterrevolutionen Klassen, bedeutsame Klassenfraktionen und Parteien die entscheidende Rolle. Aber Klassen und Parteien bestehen aus Menschen, jeder Einzelne mit der ihm eigenen Subjektivität. Und „Führungspersönlichkeiten“ spielen im Aufstieg wie im Niedergang von Revolutionen eine zentrale Rolle, und zwar, weil an entscheidenden Umschlagpunkten des historischen Prozesses der subjektive Faktor – Einsicht; Entscheidungskraft; Fähigkeit, die Interessen der Klasse deutlich zum Ausdruck zu bringen; Fähigkeit, sie zum Handeln mitzureißen usw. – eine Schlüsselrolle spielt.
Die folgenden 5 Thesen dürften mehr als bloße Spekulationen, sie dürften empirisch beweisbar sein:

1. Die geschlagene deutsche Revolution von 1918-19 bzw. die erwürgten revolutionären Möglichkeiten von 1920 und 1923 waren ein Wendepunkt der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Eine siegreiche Revolution in Deutschland und deren Zusammenarbeit mit der russischen Revolution in den ersten Monaten und Jahren nach dem Zusammenbruch des wilhelminischen Reiches wurde von den Zeitgenossen als realistisch betrachtet; von der internationalen Konterrevolution vielleicht noch stärker als von der Kommunistischen Internationale. Mensch braucht sich nur die Äußerungen von Winston Churchill und von Marschall Foch anzusehen.

2. Die Vereinigung der siegreichen Oktoberrevolution mit einer siegreichen Revolution in Deutschland und Österreich hätte ganz Mittel- und Osteuropa einschließlich Italien sozialistisch umgestaltet. Auch ohne Ausdehnung auf Frankreich oder England hätte dieser sozialistische Staatenbund die Geschichte Europas und der ganzen Welt in andere Bahnen gelenkt.

3. Der Sieg der bürokratischen Diktatur in Sowjetrussland wäre unwahrscheinlich geworden. Entscheidend für das wachsende Erlahmen der Selbsttätigkeit der sowjetischen Arbeiterklasse ab 1920 und damit für den Sieg der stalinistischen Diktatur über die sowjetische Arbeiterklasse waren zum einen – kriegs- und bürgerkriegsverursacht – der Hunger und die Desorganisation der Wirtschaft, zum anderen die schwindende Hoffnung der russischen Arbeiterklasse auf die Weltrevolution.
Diese beiden entscheidenden Momente für den Sieg der bürokratischen Diktatur wären durch eine Verschmelzung eines Rätedeutschlands mit Sowjetrussland weitgehend zu vermeiden gewesen. Die deutsche Industrie und der russische Markt, unter Führung der Arbeiterklasse vereinigt, hätten die schlimmste Misere rasch aufheben können.

4. Die Verheerungen der großen Weltwirtschaftskrise ab 1929 wären breiten Teilen Europas erspart geblieben.

5. Die Krise der Kolonialreiche wäre zwanzig Jahre früher zum Ausbruch gekommen. Mindestens hundert Millionen Menschen, die in der Zeit zwischen 1918 und 1945 weltweit elend zugrunde gingen, wären am Leben geblieben.

Das ist der Umfang der weltgeschichtlichen Tragödie der verpassten deutschen Revolution 1918/19: Es hätte weder Stalin noch Hitler, weder Auschwitz noch den Gulag, wahrscheinlich auch nicht den Zweiten Weltkrieg gegeben.

Bearbeitung: J. A.

 

TiPP!
Quelle: Ernest Mandel: Drei Niederlagen der deutschen Revolution: Eine weltgeschichtliche Tragödie. In: Jakob Moneta: Mehr Macht für die Ohnmächtigen. Reden und Aufsätze. isp-Verlag. Ffm 1991. S.7-20)
 

 

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