Revolutionär Sozialistischer Bund / IV. Internationale (RSB4)
Antifa
Betrieb & Gewerkschaft
Bildung
Frauen in Bewegung
Geschichte
Innenpolitik
Internationales
Kultur
Linke/RSB
Umwelt
Peter Berens:
Trotzkisten gegen Hitler
Im Buchhandel erhältlich!
Cover: Trotzkisten gegen Hitler
228 Seiten, 4 Seiten Bildteil
19,80 €
ISBN 978-3-89900-121-1
RSS-Feed
Du bist hier: Startseite arrow Geschichte arrow Der Tomatenwurf
Der Tomatenwurf | Drucken |  E-Mail
Barbara Schulz   
01.07.2008

Vielfach wird der Beginn der Frauenbewegung der 70er Jahre mit dem berühmt-berüchtigten Tomatenwurf von Sigrid Rüger auf den Vorstandstisch bei der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt/ Main datiert. Was war geschehen?

Helke Sander hielt eine gesellschaftskritische Rede, in der sie die Delegierten auf ihre Ignoranz in der Frage, welche Rolle das Private für das Politische spielt, aufmerksam machte. Es ging dabei um die Frage, unter welchen Bedingungen sich Frauen politisch engagieren konnten. Als sich kein männliches Wesen überhaupt auf eine Diskussion einließ, flog die Tomate oder flogen die Tomaten. Ob es die Abendbrottomaten von Sigrid Rüger waren oder geplante Wurfgeschosse, ist viel diskutiert, aber nicht geklärt, allerdings auch nicht relevant.

Jedenfalls war es ein ungeheurer Tabubruch. Eine Frau attackierte die Theoretiker der Bewegung wie Hans-Jürgen Krahl! Dass die rote Tomate am Kopf des roten Theoretikers zerplatzte, hatte eine Vorgeschichte. Den politischen Frauen war klar geworden, dass insbesondere die „Kinderfrage“ sie an der politischen Arbeit hinderte. So wurden Kinderhäuser, Frauenkommunen u. Ä. diskutiert. Und der „Aktionsrat zur Befreiung der Frau“ formulierte: „Es gilt, das Privatleben qualitativ zu verändern, und diese Veränderung als revolutionären Akt zu verstehen.“ Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir immer noch verdeutlichen, dass das Private politisch ist. Gerade wieder wird mit der Krippendiskussion die alte Frage aufgeworfen, wieweit Kinder Frauensache sind. Allein die Debatte um die „Vätermonate“ beim Elterngeld zeigt die Verknüpfungen von privat und politisch. Über die Verpflichtung der Gesellschaft wird nur bedingt diskutiert.
Reaktion
Wie borniert die Genossen des SDS teilweise waren – „aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig“ (Helke Sander) – zeigten Äußerungen, dass die Frauen erst einmal die Arbeiterinnen revolutionieren sollten, die seien noch schlimmer unterdrückt als die Genossinnen des SDS. Ganz schwer zu ertragen war für die Männer die separate Organisierung der Frauen, und in der damals üblichen Sprachregelung der negativen Begriffe war von „einem kleinbürgerlichen feministischen Aktionswahn“ die Rede.
All das ereignete sich bei der Avantgarde! Wie es für Frauen im bürgerlichen Leben aussah, ist für viele heute nicht mehr vorstellbar. Über Sexualität sprach frau nicht laut, ein eigenes Konto brauchte sie selten, ihr Zuverdienst konnte ruhig dem Manne zugeordnet werden, der ihr die Berufstätigkeit untersagen konnte, wenn sie seiner Meinung nach die Familienarbeit vernachlässigte. Als Familienoberhaupt hatte er – auch in Erziehungsfragen – das Entscheidungsrecht. Mit dem Ovulationshemmer, der Antibabypille, war den Frauen aber die Möglichkeit gegeben, ihre Reproduktionsfähigkeit in die eigene Regie zu nehmen. Der wunderbar anmaßende Slogan: „Ob Kinder oder keine entscheiden wir alleine“ hat das Bewusstsein einer Befreiung ausgedrückt. Gleichzeitig sprachen die Frauen des SDS in Frankfurt vom „sozialistischen Bumszwang“. Sie produzierten ein Flugblatt, das in dem Satz endet: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen“, die Illustration war nicht weniger provokativ – wie Hirschgeweihe auf Bretter genagelte Penisse. Ein Nachdenken über das eigene Verhalten soll das nicht hervorgerufen haben, aber wieder war es ein Tabubruch. Von keiner Einsicht getrübt beklagten die Genossen die „Selbstbespiegelung von kleinbürgerlichen Frauen, und kleinbürgerlich war ein Schimpfwort, kein soziologischer Begriff.
Reaktion der Frauen
Am 21.3.1970 löste sich der SDS als Bundesverband auf. Eine Reihe der führenden Mitglieder trat den Marsch durch die Institutionen an, gebremst durch den Radikalenerlass von 1972. Die Frauenbewegungen begannen erst, sich richtig zu entwickeln. Frauen schufen sich Frauenzentren, die zu Beratungszentren für Frauen wurden, Frauenhäuser zum Schutz von Frauen, Frauenzeitschriften und es entwickelte sich die Kinderladenbewegung.

Auch Kampagnen zur Aufhebung des § 218 entwickelten sich. Das Outing von 374 meist prominenten Frauen im „Stern“ vom 2.6.1971, die bekannten: „Ich habe abgetrieben“, war erneut ein Tabubruch. Sie forderten die Streichung des § 218 und den freien Zugang zu Verhütungsmitteln. Eine große Solidarisierungswelle führte zu 3000 Selbstbezichtigungen, eine Strafverfolgung war ergebnislos, da niemand sich selbst einer Straftat, und das war es formal, bezichtigen muss. Der Kampf um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ist entschärft, wenn auch noch nicht beendet.

Gegenwärtig ist ein Streit unter den bewegten Frauen um die Rolle von Alice Schwarzer entbrannt. Ihre Bedeutung für die Bewegung der 70er und 80er Jahre sollte mensch nicht unterschätzen. Dass sie heute gezähmt ist mit Bundesverdienstkreuz, diversen Preisen, vermarktet in Fernsehshows, nimmt ihr die Wirkung, insbesondere wenn sie die Leitung der „Emma“, der übrig gebliebenen Frauenzeitschrift, nach zwei Monaten aus den Händen einer „Modernisiererin“ wieder in die eigenen nimmt. Alice Schwarzer verteidigt alte Positionen, das muss nicht grundsätzlich falsch sein. Dass ihr die „Alphamädchen“ vorhalten, sie sei unbeweglich, ist sicher auch nicht ganz falsch. Nur Jana Hensel u. a. sehen eher das Individuelle, beschränkt auf eine Gruppe von Frauen, die sich als „Alphamädchen“ fühlen. 

Dass es heute für Frauen eine große Möglichkeit der Selbstbestimmung gibt, ist der Erfolg der Frauenbewegungen, die mensch in engem Zusammenhang mit den Aufbrüchen der 68er sehen muss.

| Nach oben
Zeitung des RSB
Aktuelle Ausgabe
Abonnieren
Was will der RSB?
RSB vor Ort
Kontakt
RSB-Publikationen
Betriebszeitungen
Inprekorr
Neuer ISP Verlag
Links
RSB Newsletter


Infos zum Newsletter
Der RSB-Newsletter informiert ca. 2 mal im Monat über aktuelle Ereignisse und interessante Artikel auf der RSB Homepage.
RSB Programm
PDF | html
Titelseite: Programm des RSB/IV. Internationale
Jetzt kostenlos downloaden!
Finanzkrise:
Banken enteignen –
Kapitalismus bekämpfen!
PDF | online
Titelseite: Banken enteignen – Kapitalismus bekämpfen!
Jetzt kostenlos downloaden!