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Ernest Mandel:
Einführung in den Marxismus
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Cover: Einführung in den Marxismus
238 Seiten, 10,00 €
ISBN 3-929008-04-1
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Aufbruchstimmung ‘68: „Die Phantasie an die Macht“ | Drucken |  E-Mail
J.A.   
01.05.2008

Weltweit wurde seit Mitte der 1960er Jahre gegen das „Establishment“ protestiert: Gegen den US-amerikanischen Vietnamkrieg, gegen das Wettrüsten im Kalten Krieg, gegen die Unterstützung diktatorischer Regime in der Dritten Welt, gegen die hierarchische Struktur der Hochschulen, gegen autoritäre Tendenzen in der Politik, gegen den manipulierenden Einfluss der Massenmedien...

Und gegen die Konsumgesellschaft, gegen konservative Sexualnormen und gegen traditionelle Werte wie z.B. die „Tugend“ des Gehorsams:

  • •     In den USA: die Bürgerrechtsbewegung, die Vietnam-Anti-Kriegsbewegung und die Hippie-Subkultur;
  • •     In Frankreich: die Pariser Mai-Unruhen mit anschließendem landesweiten Generalstreik (über 10 Millionen Streikende);
  • •     In Italien: Studierenden-Proteste, landesweite Universitätsstreiks und Verbrüderungen mit streikenden ArbeiterInnen, z.B. bei FIAT;
  • •     In Japan: Demonstrationen der Studierendenbewegung Zengakuren gegen den im Vietnam-Krieg eingesetzten US-Flugzeugträger „Enterprise“, der in Japan Station machen sollte; anschließend Solidaritätskundgebungen in 50 japanischen Städten für die demonstrierenden Studierenden;
  • •     In Mexiko: vor den olympischen Sommerspielen Studierenden- und SchülerInnenproteste in Mexico City, im Vorort Tlatelolco auf dem „Platz der drei Kulturen“, durch ein Massaker der Armee beendet: vermutlich 500 Tote;
  • •     In der Tschechoslowakei: „Prager Frühling“, bei dem die Studierenden eine aktive Rolle spielten – mit der Aussicht auf einen „Sozialismus mit menschlichem Gesicht“.


Diese weltweite Radikalisierung der Jugend war, so der Philosoph Herbert Marcuse, „eine Opposition gegen den ganzen so genannten way of life dieses Systems; eine Opposition gegen den Druck, gegen den allgegenwärtigen Druck des Systems, das durch eine repressive und destruktive Produktivität immer unmenschlicher alles zur Ware degradiert, deren Kauf und Verkauf den Lebensunterhalt und Lebensinhalt ausmacht; und eine Opposition gegen den Terror außerhalb der Metropole.“
Den Kapitalismus in Frage stellen
Und Rudi Dutschke erklärte: „Heute hält uns nicht eine abstrakte Theorie der Geschichte zusammen, sondern der existentielle Ekel vor einer Gesellschaft, die von Freiheit schwätzt und die unmittelbaren Interessen und Bedürfnisse der Individuen und der um ihre sozial-ökonomische Emanzipation kämpfenden Völker subtil und brutal unterdrückt.“
Weiter Dutschke: „Die Entwicklung der Produktivkräfte hat einen Prozesspunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist.“ Und so müssen wir „lernen, uns in dieser Gesellschaft zu bewegen als Menschen, denen diese Gesellschaft gehört, denen sie nur verweigert wird durch die bestehende Macht- und Herrschaftsstruktur des Systems.“

Auf dem im Februar 1968 vom SDS (dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund) in West-Berlin veranstalteten Internationalen Vietnam-Kongress gegen den US-amerikanischen Vietnamkrieg erklärte Dutschke schließlich: „Genossen, Antiautoritäre, Menschen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und ist keine Phrase. Wenn in Vietnam der US-Imperialismus überzeugend nachweisen kann, dass er fähig ist, den revolutionären Volkskrieg zu zerschlagen, so beginnt erneut eine lange Periode autoritärer Weltherrschaft von Washington bis Wladiwostok. Wir haben eine historisch offene Möglichkeit. Es hängt primär von unserem Willen ab, wie diese Periode der Geschichte enden wird.“

Der britische StudenteInnenführer pakistanischer Herkunft Tariq Ali erläuterte diese politische Position folgendermaßen: “Der Widerstand des vietnamesischen Volkes zeigte, dass es zu schaffen war – es war möglich, sich zu wehren. Wenn arme Bauern das konnten, warum nicht wir in Westeuropa, warum nicht die Opposition in Amerika?“
Versteinerte Verhältnisse zum Tanzen bringen
1968 hörte die Politik auf, nur das zu sein, was „die da oben“ machten. Immer mehr Menschen lernten, für die eigenen Interessen selbst aktiv einzutreten. Zunehmend mehr Menschen übten Kritik an den Verhältnissen, in denen sie arbeiteten und lebten: am Arbeitsplatz, an der Uni, in Parteien und Verbänden. Es brach ein regelrechtes Diskussions“fieber“ aus, die Gegängelten, die bis dahin Sprachlosen, fingen an zu sagen: „Dazu möchte ich meine Meinung sagen.“ Oder: „Nein. Warum?“ Oder: „Das sehe ich nicht ein.“ Ein neuer Geist des Widerspruchs: Das Wort „Kritik“ kam in so gut wie jeder öffentlichen Äußerung, jeder Resolution vor. Man verachtete Jasager und Anpasser und rief zu „Verweigerung“ und „kritischer Praxis“ auf: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“. Alles, was als Ordnung des Zusammenlebens in Familien, Schulen, Kindergärten, Unis und in Paarbeziehungen üblich war, wurde der Kritik unterzogen. So drückte z.B. die Parole: „Make love, not war“ nicht nur die Ablehnung von Krieg aus, sondern auch die Auflösung der traditionellen Verknüpfung von Sex und Sünde, von Lust und Schmutz, die Befreiung der menschlichen Sexualität von Verboten und Verdrängung.

Durch Selbsthilfe, Respektlosigkeit, Zivilcourage, zivilen Ungehorsam (wie heute noch z.B. Greenpeace) und durch neue „Kampfformen“ – Protestpraktiken wie „Go-in“, „Teach-in“ und die  mehr oder minder spontane Besetzung von Hörsälen, Bühnen und Häusern – gelang es ein wenig, „die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen“ (Marx).
Bürgerinitiativen, Minderheitenproteste, die Frauenbewegung blühten auf: Das Subjekt der Politik wurden ansatzweise „die da unten“, die Betroffenen, die bis dahin weitgehend nur das Objekt der Politik gewesen waren.

Zu der Politisierung der Gesellschaft kam ein neuer, ein breiterer Politikbegriff hinzu. Bis dahin wurden für privat gehaltene individuelle Probleme entweder verschwiegen, privat entsorgt oder vermutlich meist dauerhaft mitgeschleppt.
Ein neues, ein weiteres Verständnis von Politik entwickelte sich: Die im Privaten unter Ängsten und Minderwertigkeitsgefühlen leidenden Menschen begannen die soziale Bedingtheit ihrer Sorgen zu sehen; das veranlasste sie, Gruppen gleichfalls Betroffener zu gründen. Dieser Selbsthilfe-gedanke führte zu immer neuen Initiativen und Projekten.

So war „68“ eine „Kulturrevolution“, die die bis dahin gültigen Konventionen des Alltags in Frage stellte. Nonkonformismus, Autonomie und persönliche Entfaltungsmöglichkeit, Befreiung des eigenen Lebens, anders leben, das Verlangen nach Selbstbestimmung wurden zu höchsten Werten erklärt.
Neues Lebensgefühl
Will man die Aufbruchsstimmung der Beteiligten der ‚68er StudentenInnenbewegung, als sie eine Massenbewegung war, charakterisieren, so ist das wohl Wichtigste die Ausbreitung eines neuen Lebensgefühls. Politik fing an, Spaß zu machen: Man ging gern zu den teach-ins usw., nicht aus politischem Pflichtbewusstsein. Und es machte Spaß, weil Politik aufhörte, etwas zu sein, was ausschließlich andere machten. Politik war nicht mehr etwas, das zu etwas führte, was man selber nicht wollte; das die Bereiche, die einen selbst im täglichen Leben berührten und bedrückten, nicht zum Besseren für einen selbst änderte; das durch eigene Zielvorschläge und Realisierungsbemühungen nicht merklich geändert werden konnte. Die Zukunft schien nun offen zu werden, die Handelnden selber schienen Einfluss auf die zukünftige Richtung zu bekommen; sie hörten auf, widerwillige KonsumentInnen von Politik in Form von Zeitungsberichten und sie betreffenden Verordnungen usw. zu sein, bedrückt durch Institutionen, die unveränderbar schienen.

Die eigenen Lebensbereiche schien von den Beteiligten selber so geändert werden zu können, wie sie sie haben wollten. Das setzte Phantasie und Umgestaltungsaktivitäten frei, mensch schien experimentell mit anderen ermitteln zu können, wie das Leben aussehen sollte, das mensch leben wollte. An die Stelle des beziehungslosen Nebeneinanderlebens trat Zusammenarbeit, Zusammenleben mit denen, mit denen mensch im täglichen Leben zu tun hatte; gemeinsam erprobte mensch, wie das tägliche Leben am besten zu gestalten war. Daniel Cohn-Bendit damals: „Beginne, nicht für die anderen, sondern mit den anderen, für dich selbst, hier und jetzt mit der Revolution.“

Der bewusst politische Protest war die Sache nur einer Minderheit. Schon gar nicht war die gesamte Außerparlamentarische Opposition (APO) sozialistisch. Viele wollten „nur“ Reformen – auch wenn sie gern von Revolution redeten. So, wenn flapsig auf Demonstrationen dem Publikum zugerufen wurde: „Revolution ist machbar, Herr Nachbar“.

Den maßgeblichen Sprechern der APO jedenfalls war klar: Auf der Basis der kapitalistischen Wirtschaftsweise ist keine freie, solidarische Gesellschaft möglich. So erklärte etwa Rudi Dutschke:
„Geben wir uns aber keinen Illusionen hin. Das weltweite Netz der organisierten Repression, das Kontinuum der Herrschaft, lässt sich nicht leicht aufsprengen. Der ‚neue Mensch des 21. Jahrhunderts‘ (Guevara, Fanon), der die Voraussetzung für die ‚neue Gesellschaft‘ darstellt, ist Resultat eines langen und schmerzlichen Kampfes... Unsere kulturrevolutionäre Übergangsphase ist im ‚klassischen‘ Verständnis der Revolutionstheorie eine vorrevolutionäre Phase, in der Personen und Gruppen sich noch manchen Illusionen, abstrakten Vorstellungen und utopischen Projekten hingeben“.

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