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Drei Schüsse auf Rudi Dutschke | Drucken |  E-Mail
Walter Weiß   
01.04.2008

Als der von der Presse so apostrophierte „Studentenführer“ und exponierteste Vertreter des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) am Gründonnerstag den 11. April 1968 sein Fahrrad über den Kurfürstendamm schob, trafen ihn drei Schüsse.

Abgefeuert hatte sie Josef Josef Bachmann, ein junger Hilfsarbeiter, der durch Bild und die Lektüre der Nationalzeitung in Rudi Dutschke einen Feind von besonderer Gefährlichkeit sah. Rudi wurde schwer verletzt und erholte sich nie optimal von diesen Schüssen. Heiligabend 1979 ertrank er nach einem epileptischen Anfall, eine Spätfolge des Attentats, in der Badewanne. Der Attentäter, zu dem Rudi später Kontakt aufnahm, beging im Gefängnis Selbstmord.
Pogromstimmung
Insbesondere die Zeitungen des Springer-Verlages, die 70 % des Westberliner Zeitungsmarktes beherrschten, machten Stimmung gegen die Studentenbewegung, die sich seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre zunehmend radikalisierte. Die Kampagne fiel auf fruchtbaren Boden, denn in Westberlin empfand mensch sich ohnehin als „Frontstadt“ und „Schaufenster des Westens.“ Der Bau der Mauer und das dadurch bedingte Auseinanderreißen verwandtschaftlicher Beziehungen beförderten dieses Klima noch. Axel Springer, getrieben von einem etwas antiquierten Nationalismus und einem rigiden Antikommunismus verstärkte eben dieses Klima. Rudi stand im Zentrum dieser Angriffe, ihm wurde unterstellt, er sei ein trojanisches Pferd der SED. Ein Vorwurf, der in krassen Gegensatz zu seinem konsequenten Antistalinismus stand. Die Palette der verbalen Angriffe reichte von „akademische Kampfgruppen“ über „Bombenwerfer“ und „Randalierer“ zu „politische Rowdys“. Das Reservoir der Hasstiraden war unerschöpflich. Untermalt wurde das Ganze durch Karikaturen, die an die Zeiten des nationalsozialistischen Stürmer erinnerten. Die kritischen StudentInnen wurden in der Regel als ungewaschene, pöbelnde und gewalttätige Randalierer dargestellt. In Fernsehinterviews erklärten PassantInnen, dass die Studenten über die Mauer geworfen werden müssten, ins Arbeitslager oder gleich vergast gehörten – Rudi Dutschke allen voran. Zentrales Objekt der Begierde war Rudi, der durch ein längeres Fernsehgespräch mit Günter Gaus im Jahre 1967 bundesweit bekannt geworden war. Als versierter Propagandist mit einer charismatischen Ausstrahlung stieß er nicht nur auf Ablehnung sondern auch auf Zustimmung bei Teilen der sich weltweit radikalisierenden Jugend. Eine Anti-Springer-Kampagne ab Anfang  ’68 wurde durch die Ereignisse quasi überrollt.
Hintergrund Vietnam
Der Vietnamkrieg war die eigentliche Archillesferse des „freien Westens“. Seit dem Zwischenfall im Golf von Tonking 1964 verlegte der amerikanische Imperialismus immer größere Truppenkontingente nach Vietnam. Die Bilder von den flächendeckenden Bombenteppichen der B52-Bomber mit Napalm und Giftgasen gegen das kleine Land, von verbrannten Menschen und der heroische Widerstand der Vietnamesen stellten die Legitimität dieses Krieges infrage. Mensch begann am guten alten Uncle Sam zu zweifeln. Die akademische Jugend hatte bessere Möglichkeiten, sich über die Hintergründe zu informieren. Und die SDSler Peter Gäng und Jürgen Horlemann hatten eine vielgelesene Studie vorgelegt, die das schuldhafte Vorgehen der USA belegten. Überhaupt ist millionenhafte Vernichtung menschlichen Lebens durch den US-Imperialismus eher ein Stiefkind bürgerlichen Erinnerungsvermögens.

Und zudem hatte die Beschäftigung mit den in Unterentwicklung gehaltenen Ländern, der sogenannten „Dritten Welt“, sich mehr und mehr zu einen Domäne der Studentenbewegung gewandelt. Schon 1964 hatte es Demonstrationen gegen den afrikanischen Politiker Tschombe gegeben. Durch seine Freundschaft mit dem Chilenen Gaston Salvatore hatte sich Rudi mit den Problemen Lateinamerikas vertraut gemacht und mit ihm eine Schrift von Ernesto Che Guevara herausgegeben.
Der Krieg in Vietnam war aber das beherrschende Thema und Seminare und teach-ins über ihn sowie Demonstrationen gegen ihn standen auf der Tagesordnung. Es war auch der erste Krieg, den das Fernsehen allabendlich in die Wohnzimmer transportierte. Er blieb bis zum Sieg der VietnamesInnen 1975 ein Grund permanenter Mobilisierungen mit Millionen von TeilnehmerInnen insbesondere in den USA. In Europa waren diese zahlreich, aber kleiner und hatten einen unübersehbaren antiimperialistische Charakter. Der SDS verband dies mit einer wachsenden Kritik an den Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft.
2. Juni 1967
Im Zentrum der Kritik stand aber auch das mit der deutschen Wirtschaft auf innigste verflochtene Schah-Regime. Der Student Bahmann Nirumand informierte in seinen Schriften über sein Land,in dem Korruption, Folter und Mohn gleichermaßen „blühten“. Informationen über ein Land, mit die BRD befreundet war, bestätigten den Verdacht, das die Studenten Nestbeschmutzer waren. Der Widerstand gegen den Besuch des Schahs von Persien formierte sich rasch. Teilnehmer der Demonstration war der erst seit kurzem in Westberlin weilende Student Benno Ohnesorg. Nachdem die Polizei die Demonstration auflösen wollte, während der Folterkaiser in der Oper den Klängen Mozarts lauschte, erhielten die Freunde und Helfer Hilfe von den sogenannten mitgebrachten Jubelpersern, die mit Latten und Stöcken auf die DemonstrantInnen eindroschen. Während dieser Ereignisse malträtierten drei Polizisten Benno Ohnesorg mit Schlagstöcken und der Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras schoss ihm eine Kugel in den Kopf, die ihn tötete.

Eindruckvoll bleibt der Autokorso von 200 Fahrzeugen nach Hannover, der den Sarg begleitete. Die folgenden komplexen Ereignisse können hier nicht dargestellt werden, aber das Datum stellt eine Zäsur in der Nachkriegsgeschichte dar. Ulrich Chaussy wertet das Datum als den eigentlichen Beginn der Studentenrevolte. Als der regierende Bürgermeister Heinrich Albertz den Schah zum Flugplatz begleitete und auf den Toten hinwies, antwortete dieser lapidar, dies geschehe im Iran jeden Tag. Einer hatte dazugelernt und zog sich aus der etablierten Politik zurück. Heinrich Albertz, der später mit Rudi befreundet war. Er blieb eine Ausnahme.
Der Vietnamkongress
Die zahlreichen Ereignisse zwischen dem 2. Juni und dem Attentat können mit einer Ausnahme hier nicht dokumentiert. Da verweisen wir auf die Biographien von Gretchen Dutschke und Ulrich Chaussy. Die Vietnamsolidarität lief aber weiter auf vollen Touren.Anfang des Jahres hatte die südvietnamesische Befreiungsfront (FNL) die Tet-Offensive gestartet, die den Kampf tief in die Städte trug. Geplant war ein Kongress, der den bisherigen eher akademischen Rahmen sprengen sollte und die aktive Solidarität und den Widerstand auf die Tagesordnung setzte.. Im Vorfeld kam es zu einem heftigen Tauziehen zwischen dem Senat um Klaus Schütz und den Kongressbefürwortern. Der Berliner Bischof Kurt Scharf versuchte zu vermitteln, insbesondere was die Demonstrationsroute betraf. Als der Kongress vor fünftausend TeilnehmerInnen im Audimax der TU am Samstag dem 17. Februar 1968 begann, wurde erst am Abend bekannt, dass das Verwaltungsgericht das Demonstrationsverbot für Sonntag aufgehoben hatte. In den Redebeiträgen wurde auch deutlich, dass junge BRD-Imperialismus seine Interessen in Ländern wie Rhodesien und Indonesien anmeldete und im Rahmen der NATO die portugiesische Rechtsdiktaturen von Salazar und Caetano unterstützte. Unter einem Riesentransparent mit den Parolen: „Sieg der vietnamesischen Revolution! Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen.“ wurden die Beiträge gehalten. Auf dem Podium findet sich auch unserer Genosse Ernest Mandel. Die französischen GenossenInnen der JCR (Jeunesse Communiste Revolutionnaire) hatten sich aktiv an der Kongressvorbereitung beteiligt.Ein neuer, militanter Internationalismus kristallisierte sich heraus. Rudis Hauptreferat „Die geschichtlichen Bedingungen des internationalen Emanzipationskampfes“ fand begeisterte Aufnahme und gipfelte in der Formulierung: „Die Revolutionierung der Revolutionäre ist die entscheidende Voraussetzung für die Revolutionierung der Massen!“

An der friedlichen Großdemonstration am Sonntag beteiligten sich 15 000 Menschen. Eine solche Mobilisierung am Vorposten der USA in der „freien Welt“ war beachtlich. Allerdings hielt sich die Pogromstimmung. Wenige Tage später bei einer vom Senat und den staatstragenden Parteien durchgeführten Großveranstaltung wurde ein junger Angestellter fast gelyncht, weil er entfernte Ähnlichkeit mit Rudi hatte.
Osterunruhen
In den ersten Stunden nach dem Anschlag herrschte Unsicherheit, Angst und Verunsicherung um Rudis Leben. Obwohl die Ärzte ihn retten konnten, litt er unter den Folgen des Attentats. Die Wut richtete sich gegen den Springer-Konzern (Bild schoss mit).Sowohl das Springer Hochhaus in Westberlin wie die Auslieferungszentren der Bild-Zeitung wurden Objekt militanter Attacken, bei denen mancher Lieferwagen in Flammen aufging, aber die Auslieferung dieses Presseprodukts nicht verhindert werden konnte. An den Aktionen über die Ostertage beteiligten sich circa 45 000 Menschen in rund 20 Städten. In München kamen unter bis heute ungeklärten Umständen ein Pressefotograf und ein Student ums Leben. Hunderte DemonstranInnen wurden festgenommen. Die offizielle Politik heuchelte Empörung. Und Der Spiegel konstatierte erstaunt eine hohe Zahl vom SchülerInnen und Lehrlingen unter den Festgenommenen. Offensichtlich hatte die Revolte den Campus überschritten. Sie bildete in hohem Maße den Focus für die folgenden Lehrlings-, Frauen-, Ökologie- und Friedensbewegungen.
Resümee
In diesem Jahr findet eine besondere mediale Variante der Vergangenheitsbewältigung statt. Das Leben der Kommunen-Ikone Uschi Obermeier ist bereits verfilmt und das ZDF droht uns mit einer Spielfilm-Doku über Rudi Dutschke. Letzterer wird bereits als spiritus rector für die Handlungen der RAF-Desperados gehandelt. Und ministrabel gewordene Ex-68er urteilen milde über ihre Jugendsünden…und rechtfertigen imperialistische „Friedensmissionen“. Der 68er-Aufbruch steht aber für die Tet-Offensive in Vietnam, die Osterereignisse in der BRD, den französischen Mai und den Prager Frühling, um nur die signifikantesten Geschehnisse zu nennen. Die Euphorie in Richtung schneller Durchbrüche im Sinne einer Weltrevolution verschwand in einigen Jahren. Der Putsch in Chile war das blutige Menetekel der neoliberalen Offensive. Wer eine neue außerparlamentarische Opposition aufbauen will sollte 68er-Nostalgie vermeiden. Die Rahmenbedingungen haben sich radikal verändert. Der Epochenwechsel, jahrzehntelange Massenarbeitslosigkeit, der apokalyptische Reiter der Klimakatastrophe, die Militarisierung der Außenpolitik und das immer warenförmiger bestimmte Alltagsleben haben die Gesellschaft nachhaltig umstrukturiert. Dennoch ist eine Auseinandersetzung mit 68 sinnvoll, denn hier wurden Themen antizipiert, die zunehmend an Aktualität gewinnen.

Anknüpfend an die 68er-Traditionen ist ein realistischer Optimismus eingebunden in eine sozialistische Vision der Gesellschaft ein wesentliches Element revolutionär-sozialistische Politik.

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