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Sechs Freunde und ein Spitzel | Drucken |  E-Mail
Philipp Xanthos   
01.11.2007

Zur Zeit läuft auf den öffentlichen Programmen eine Dokumentation über linke Oppositionelle in der DDR. Die Reportage „Sechs Freunde und ein Spitzel“ des WDR versucht, das tragische Schicksal einer konspirativen Gruppe in der DDR in den 70er Jahren darzustellen.

Die einzelnen Mitglieder werden portraitiert von Inga Wolfram, deren Ehemann Klaus auf Grund seines analytischen Geschicks der führende Kopf der Gruppe war. Er wurde übrigens in späterer Zeit Mitbegründer des Neuen Forums in der DDR. Es handelte sich bei den Mitgliedern, von denen wohl einige in der SED waren, im Wesentlichen um Philosophiestudenten der Berliner Humboldt-Universität, zum Teil Kinder von alten Widerstandskämpfern gegen den Faschismus oder auch Kinder von hochrangigen SED-Mitgliedern. Die Gruppenmitglieder, die in den Stasi-Akten als „Operativer Zielvorgang ‚Kreis’“ geführt wurden, brachte 1975 ihre kritische Position zusammen, die sie sich durch ihr Studium erarbeitet hatten.  „Wir wussten langsam besser, was Marx wollte“, sagt Klaus. Laut Sebastian Kleinschmidt, einem der Studenten, war offensichtlich, dass „der Staatssozialismus für einen geistig normal entwickelten Menschen keinerlei Anziehungskraft besitzen kann“. Sein Genosse Wolfgang Nitsche berichtet in der Doku, die Gruppe habe sich „auf die Seite der eigentlichen Arbeiterbewegung gestellt“. „Demokratische Verkehrsformen einzuführen“, war für Dieter Krause das Ziel. Ansonsten ist allerdings aus der Dokumentation kaum etwas über die Ideen der Gruppe in Erfahrung zu bringen. Auch darüber, was die Gruppe eigentlich während ihres Daseins getan hat, wird nichts bekannt, außer der geplanten Veröffentlichung von DDR-kritischen Artikeln in westdeutschen sozialistischen Medien. Jedoch hatten sie schnell das Bedürfnis nach Konspiration und stellten zu ihrem Schutz strenge Verhaltensregeln auf – vergeblich.

Die Sicherheitsvorkehrungen erwiesen sich als machtlos gegen den Verrat aus den eigenen Reihen. Als die Gruppe ersten Kontakt aufgenommen hatte zu einem West-Berliner Studenten (was der Film nicht verrät: ein Genosse der revolutionär-marxistischen GIM, der damaligen Sektion der IV. Internationale), beschloss sie, sich laut Stasi-Akten mit „staats- und parteifeindlichen Schriften trotzkistischen Charakters“ auszustatten. Bei der versuchten Übergabe der Bücher am 22. Juni 1977 fanden sich die Genossen plötzlich umzingelt von Agenten. Die Gruppe wurde zerschlagen und die Mitglieder verloren Arbeitsplätze und Parteizugehörigkeit. Auf gravierendere Konsequenzen nach diesem „Vergehen“, wurde verzichtet. Zum einen wollte die DDR-Führung keinen Prozess gegen marxistische Oppositionelle, der immer eine gewisse Öffentlichkeit mit sich bringt; zum anderen „profitierten“ die Beschuldigten vom Ansehen ihrer Eltern. Doch das Ende der Episode war noch nicht erreicht: Erst im Zuge der Auswertung der Stasi-Akten nach der Wende stellten sie fest, dass Jan Lautenbach, den sie als Verräter verdächtigt hatten, unschuldig war. Auf ihn war nur gezielt der Verdacht gelenkt worden.
Der Spitzel
Klaus Wolfram selbst hatte irgendwann einen jungen Bremer eingeladen, der vom Wehrdienst in die DDR desertiert war und sich ihr bis heute überaus verbunden fühlt. Unter dem Namen André Holzer diente er sich der Gruppe an. Von Anfang an erstattete er bei der Staatssicherheit über alles ausführlich Bericht – und nutzte das Vertrauen der Menschen, die ihn für ihren Freund hielten, aus. Er scheute sich auch nicht davor, ein Angebot von Jan Lautenbach anzunehmen, der ihn aus dem Vier-Bett-Zimmer im Studentenwohnheim in seine Wohnung aufnahm. Auch der Stasi-Spitzel wird in dem Film mehrfach als Zeitzeuge befragt und stellt die inoffizielle Hauptperson dar. Man sieht immer wieder einen unter Bluthochdruck leidenden, selbstgefälligen Mann, der alles gesteht und nichts bereut. Darauf angesprochen, dass er einen Verrat begangen habe, antwortet er gleichermaßen lakonisch wie rätselhaft: „Naja, ihr habt 17 Millionen verraten“. Sein wirklicher Name lautet Arnold Schölzel und er ist der heutige Chefredakteur der jungen Welt.  
Moral und Politik
Natürlich geht es bei einer Situation wie bei der geschilderten für politische Menschen in erster Linie um den politischen und nicht um den allgemein moralisch-psychologischen Charakter. Diesen aber hat Inga Wolfram in ihrem Film mit beeindruckender Effizienz nahezu vollständig ausgeblendet. Für sie stehen Verrat, Treue und Schuld im Vordergrund, für die ein abgeklärter Agent der DDR-Bürokratie wie Schölzel natürlich nur ein müdes Lächeln übrig hat. Hält er sich für einen „aufgeklärten Leninisten“, den solcherlei Dinge nicht viel zu kümmern brauchen? Doch gerade Lenin war es, der in seinem als „Testament“ bekannt gewordenen Brief an das bolschewistische Zentralkomitee von 1922/23 die Absetzung des Genossen Stalin forderte, nur begründet auf dessen charakterlich-moralische Unzulänglichkeiten. Es gibt schließlich auf der Ebene des Politischen keine von der Politik gelöste Moral. Aber auch keine von den Fragen der Moral gelöste Politik.

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