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Die Bolschewiki und die Oktoberrevolution 1917 | Drucken |  E-Mail
B.B.   
01.11.2007

Im 26. Oktober 1917 wurde das Winterpalais, der Sitz der bürgerlichen Regierung, von revolutionären Truppen und Arbeitermilizen, die den Sowjet der Hauptstadt St. Petersburg unterstützten, eingenommen. Die bürgerliche Regierung war gestürzt. Der russlandweite Kongress der Räte übernahm die Macht.

Die sozialistische Revolution war nur möglich, weil es mit der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands-Zentralkomitee (SDAPR-ZK), d.h. den „Bolschewiki”, eine revolutionäre Partei gab. Ohne sie wäre die revolutionäre Energie der Massen der ArbeiterInnen und der Bauernschaft ergebnislos verpufft.
Drei grundlegende Probleme
Drei grundlegende Probleme kennzeichneten die Lage (vor) 1917 in Russland: Der Krieg, die katastrophale Lage der Bauernschaft und die Rechtlosigkeit der unterdrückten Nationalitäten.
Russland nahm am 1. Weltkrieg an der Seite Frankreichs und Englands gegen Deutschland und Österreich-Ungarn teil. Zwar verfügte Russland aus dem Krieg 1904/05 gegen Japan als einzige Großmacht über frische militärische Erfahrungen. Doch das reichte nur zu Siegen über die noch schwächere Donaumonarchie. Die relative Zurückgebliebenheit Russlands führte zu dramatischen Niederlagen gegenüber dem hoch industrialisierten und -organisierten Deutschland. 1917 stand Russland vor dem militärischen Zusammenbruch. Die Bauernsoldaten verließen einfach die Front und gingen nach Hause.
Ungelöst war auch der Landhunger der Bauern. 10,5 Mio. ruinierte Bauern verfügten über 75 Mio. Desjatinen Land (1 Desjatine etwa 1 Hektar). Ihnen standen 30 000 meist adelige Großgrundbesitzer gegenüber, die 70 Mio. Desjatinen besaßen. 1 Mio. Mittelbauern teilten sich 15 Mio. und 1,5 Mio. kapitalistische Bauernwirtschaften 70 Mio. Desjatinen. Die Rechnung war einfach: Die Enteignung der Großgrundbesitzer würde den Boden für die verarmten Bauern verdoppeln.

Das dritte große Problem war die Rechtlosigkeit der unterdrückten Nationalitäten, die zusammengezählt die Mehrzahl der Bevölkerung ausmachten. Russlands Kolonien bestanden sozusagen innerhalb der Grenzen des Riesenreiches, zu dem u. a. Finnland und Polen gehörten. Die Selbstherrschaft des Zaren verweigerte den unterdrückten Nationalitäten nicht nur die Gleichberechtigung, sondern organisierte mit den staatlich gelenkten halbfaschistischen Banden der „Schwarzen Hundert” regelmäßig Pogrome, deren wüste Metzeleien sich gegen die jüdische Bevölkerung richteten und die ArbeiterInnenbewegung terrorisierten. Letztendlich konzentrierten sich alle Probleme auf die einzige Frage: Wie die zaristische Selbstherrschaft stürzen?
Welche Klassen?
Im Unterschied zu Westeuropa hatte es in Russland keine bürgerliche Revolution gegeben. Als das Bürgertum in Russland auf der politischen Bühne auftauchte, fühlte es sich bereits von der ArbeiterInnenklasse bedroht. Als erste Partei hatte sich 1898 noch vor den Liberalen der „Konstitutionellen Demokraten” die SDAPR gebildet.

Die ArbeiterInnenklasse zählte zwar einschließlich der Land- und Wanderarbeiter usw. etwa  15 Mio. Menschen, war aber allein zu schwach, um den Zarismus zu stürzen. Die SDAPR-OK („Menschewiki”) suchten deshalb das Bündnis mit dem Bürgertum, was auf eine klare Minderheitenstrategie hinauslief. Die „Bolschewiki” hingegen setzten auf das Bündnis der ArbeiterInnenklasse mit der Bauernschaft, die die große Mehrheit der Bevölkerung stellte. Aber gerade Lenin sah als nächstes Ziel der Revolution, dass eine provisorische revolutionäre Regierung einem freien kapitalistischen Farmertum nach dem Vorbild der USA den Weg bahnen solle.

Eine völlig andere Strategie schlug Leo Trotzki vor. Die ArbeiterInnenklasse würde als Führerin der Bauernschaft den Zarismus stürzen, aber dann ihre eigenen weitergehenden Forderungen auf die Tagesordnung setzen. Die permanente Revolution fange bei der Lösung der demokratischen Aufgaben (Republik, Agrarfrage, Gleichberechtigung) an und führe dann zur sozialistischen Revolution. Trotzkis Ansatz wurde nur von seiner kleinen Gruppe und von der Sozialdemokratie Rosa Luxemburgs geteilt.
Die Rolle Lenins
Ohne die Bolschewiki, die Kurs auf den bewaffneten Aufstand nahmen, hätte es keine Oktoberrevolution gegeben – aber auch nicht ohne Lenin. Denn nach der Februarrevolution 1917 meinte der Führungskader der SDAPR-ZK unter Kamenew und Sinowjew, Stalin und Rykow, mit der bürgerlichen Republik das Wesentliche bereits erreicht zu haben. Als Lenin im April aus dem Exil in Russland eintraf und seine Thesen mit Kurs auf die sozialistische Revolution vortrug, hielten ihn selbst die führenden bolschewistischen Kreise für einen Phantasten, der sich nicht in der Realität Russlands zurecht finde. Aber Lenins Kurs auf die sozialistische Revolution entsprach vollkommen dem Drängen der Avantgarde der klassenbewussten ArbeiterInnen in den Betrieben, Kasernen und auf dem Land. Den sofortigen Friedensschluss, die Nationalisierung und Verteilung des Großgrundbesitzes an die Bauern und das Selbstbestimmungsrecht für die unterdrückten Nationalitäten bis hin zur Lostrennung konnte nur die sozialistische Revolution bringen. Lenins Autorität in der SDAPR-ZK führte zu einer schnellen Umorientierung der Parteikader. Wie schon in der russischen Revolution von 1905 zogen auch 1917 Lenin und Trotzki an einem Strang. Lenin ging zu Trotzkis strategischem Ansatz über, ohne sich ausdrücklich auf die „permanente Revolution” zu berufen; Trotzki organisierte sich in der bolschewistischen Partei.
Offene Debatte und rasches Umdenken
Keine marxistische Partei der damaligen Zeit verfügte über so reichhaltige Erfahrungen wie die Sozialdemokratie in Russland. Die ArbeiterInnenbewegung in Russland war durch die russische Revolution von 1905-1907, den revolutionäre Aufschwung 1912-14, die Februarrevolution 1917, wie durch die Jahre schwärzester Reaktion von 1907-11 und zu Beginn des 1. Weltkrieges gegangen. Sie hatte strategische Debatten geführt und endlos über taktische Probleme diskutiert. Nicht nur die Polemiken zwischen der SDAPR-ZK, der SDAPR-OK, der SDPuL1, dem Bund2 und der SDAPL3 fanden in aller Öffentlichkeit statt. Auch die Debatten unter den Bolschewiki selbst, die z.B. 1910 in die drei Fraktionen, die parteitreuen Bolschewiki um Dubrowinski (welche damals über die Mehrheit verfügten), die Anhänger Lenins und die ultralinken Bolschewiki um Bogdanow-Lunatscharski geteilt waren, wurden in den jeweiligen Zeitungen ausgetragen. Die SDAPR, zu der alle genannten Parteien und Fraktionen gehörten, glich einem revolutionären Laboratorium. In all den Aufs und Abs der Bewegung, Streiks, Aktionen und Debatten entstand ein Kader, der in der Oktoberrevolution führend war und wie ihn seitdem keine revolutionäre Partei mehr hervorgebracht hat.

Lenin war selbst unter den Bolschewiki oft in der Minderheit. Er setzte sich jedoch innerhalb der SDAPR-ZK (wie bei den Aprilthesen) immer wieder durch, weil er meist mit seinen Analysen politisch richtig lag und seine Vorschläge bei der Arbeiter­avantgarde in Russland am Besten ankamen. Wo er politisch falsch lag, wie z.B. 1905 bei seiner Ablehnung der Räte, korrigierte er sich umgehend. Damit erwarb er sich große politische Autorität. Gleichzeitig tat er alles, um die SDAPR als kämpferische Partei von AktivistInnen in der Illegalität zu organisieren. Das brachte den Bolschewiki den Vorwurf ein, eine „Politik des Kellerlochs“ zu betreiben, während die Menschewiki den Schwerpunkt auf die Arbeit in der legalen Duma legten. Ohne Lenin hätte es wohl keine Oktoberrevolution gegeben.
 

1     Sozialdemokratische Partei Polens und Litauens, die Partei Rosa Luxemburgs
2     Der „Bund“ wurde 1897 gegründet und organisierte die jüdischen ArbeiterInnen in Polen, Litauen und Russland.
3     Sozialdemokratische Arbeiterpartei Lettlands

 

Rosa Luxemburg 1918 über die Oktoberrevolution
„Die Lenin-Partei war die einzige, die das Gebot und die Pflicht einer wirklich revolutionären Partei begriff, die durch die Losung „Alle Macht in die Hände des Proletariats und des Bauerntums!“ den Fortgang der Revolution gesichert hat.“
„Damit haben die Bolschewiki die berühmte Frage nach der „Mehrheit des Volkes” gelöst, die den deutschen Sozialdemokraten seit Jeher wie ein Alp auf der Brust liegt. Als eingefleischte Zöglinge des parlamentarischen Kretinismus übertragen sie auf die Revolution einfach die hausbackene Weisheit aus der parlamentarischen Kinderstube: um etwas durchzusetzen, müsse man erst die Mehrheit haben. Also auch in der Revolution: Zuerst werben wir eine „Mehrheit”. Die wirkliche Dialektik der Revolutionen stellt aber diese parlamentarische Maulwurfsweisheit auf den Kopf: Nicht durch Mehrheit zur revolutionären Taktik, sondern durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit geht der Weg. Nur eine Partei, die zu führen, d. h. vorwärtszutreiben versteht, erwirbt sich im Sturm die Anhängerschaft. Die Entschlossenheit, mit der die Lenin und Genossen im entscheidenden Moment die einzige vorwärtstreibende Losung ausgegeben haben: Die ganze Macht in die Hände des Proletariats und der Bauern! hat sie fast über Nacht aus einer verfolgten, verleumdeten, „illegalen” Minderheit, deren Führer sich wie Marat in den Kellern verstecken mußten, zur absoluten Herrin der Situation gemacht.
Die Bolschewiki haben auch sofort als Zweck dieser Machtergreifung das ganze und weitgehendste revolutionäre Programm aufgestellt: nicht etwa Sicherung der bürgerlichen Demokratie, sondern Diktatur des Proletariats zum Zwecke der Verwirklichung des Sozialismus. Sie haben sich damit das unvergängliche geschichtliche Verdienst erworben, zum erstenmal die Endziele des Sozialismus als unmittelbares Programm der praktischen Politik zu proklamieren.
Was eine Partei in geschichtlicher Stunde an Mut, Tatkraft, revolutionärem Weitblick und Konsequenz aufzubringen vermag, das haben die Lenin, Trotzki und Genossen vollauf geleistet.“

 

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