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Indonesien 1965: Die bitteren Früchte der Klassenkollaboration | Drucken |  E-Mail
Walter Weiß   
01.10.2007

Zu den Ereignissen, die nahezu in Vergessenheit geraten sind, zählt der Putsch des Generals Suharto im Herbst 1965. Parallel dazu verstärkte der amerikanische Imperialismus nach dem inszenierten Zwischenfall im Golf von Tonking seine Intervention in Vietnam.

Dieses euphemistisch als amerikanisches Engagement in Indochina heruntergespielte Verbrechen kostete dank der riesigen Einsätze der B-52-Bomber u. a. mit Napalm Millionen Menschen das Leben. Die Ereignisse ab Herbst 1965 in Indonesien können durchaus als ein Jahrhundertmassaker bezeichnet werden und gingen in die Geschichte als Saison der Hackmesser ein.
Der Putsch und die Folgen
Nach einem dilettantisch geführten Putschversuch des linksnationalistischen Oberstleutnant Untung sah General Suharto als Führer des Kommandos der Strategischen Reserven die Gelegenheit gekommen, das Ende der quasi bonapartistischen Herrschaft von Präsident Sukarno einzuleiten. Priorität genoss hierbei die Zerschlagung der Indonesischen KP, der drittstärksten der Welt, die an der Regierung beteiligt war. Der Lynchmord an mehreren Generälen während des Untung-Putschversuches führte zu einer auch in der Geschichte des nicht gerade gewaltarmen 20. Jahrhunderts beispiellosen Repressionswelle, die insbesondere unter den KP-Mitgliedern hunderttausende oder vielleicht über eine Million Menschenleben kostete. Putschgeneral Sarwo Edhie spricht sogar von über drei Millionen Opfern.

Dabei arbeiten Armee und fanatische Moslemgruppen, die in den Moscheen zum Djihad – zum „heiligen Krieg“ unter der Parole: „Dies ist der Tag – dies ist die Stunde!“ gegen den Kommunismus aufrufen, Hand in Hand. Gleichzeitig erfolgen groß angelegte Pogrome an der ethnischen Minderheit der Auslandschinesen, die als Handlanger Pekings gelten und somit als natürliche Verbündete der IKP betrachtet werden. Allein auf Bali wurden in zwei Wochen mehr als 80 000 Menschen ermordet. Millionen verschwanden für Jahrzehnte in den KZs, sofern sie diese überhaupt überlebten. Die Angehörigen der Opfer wurden stigmatisiert und aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Dies betraf rund 20 Millionen Menschen. Die politischen Gefangenen – nach einer Abkürzung tapols genannt – erhielten nach ihrer Entlassung, nach Jahren oder Jahrzehnten Haft, den Stempel ex-tapol in den Pass, was sie zu diskriminierten Menschen am Rande der Gesellschaft machte.
Folgen bis heute
Die Folgen dieser Maßnahmen dauern bis heute an. Im antikommunistischen Klima des Kalten Krieges spielten die Ereignisse kaum eine Rolle. Sowohl das britische Außenministerium wie auch die CIA gehörten zu den Drahtziehern des Geschehens. US-Botschafter Marshall Green empfahl dem Führer der Todesschwadrone, die armeenah waren, 50 Millionen Rupien zu zahlen. Die letzten Opfer wurden erst 1998 aus den Gefängnissen und Lagern entlassen. Sukarno blieb zwei Jahre formell im Amt, dann begann die 31jährige Herrschaft des Massenmörders Suharto. Das Kapital wusste, dass seine Stunde geschlagen hatte und die BRD verdreifachte ihre Kapitalkredite, zu einer Zeit wo der friedensbewegte Betriebsheilige der SPD, Willy Brandt, Kanzler war. Das strategische Ziel war erreicht. Der Ost-Berliner Fernsehkorrespondent Ulrich Makosch kommentierte richtig: „Mit dem Putsch in Indonesien haben die USA in Asien einen Krieg von vietnamesischen Ausmaßen gewonnen, ohne ein einzigen Soldaten zu verlieren“.

Wie konnte es zu dieser historischen Niederlage der indonesischen ArbeiterInnenklasse kommen?
Indonesiens KP – Um­armung statt Klassenpolitik
Nach der Unabhängigkeit Indonesiens von der holländischen Kolonialmacht verzeichnete das indonesische Proletariat einen ungeahnten politischen Aufschwung. Im Jahr 1952 verhinderte es erfolgreich einen Putschversuch von nationaler Bourgeoisie und Armee durch breite Massenmobilisierungen. 1960 erfolgten Fabrikbesetzungen, Streikkomitees entstanden und die Nationalisierung der Banken wurde proklamiert. Das ländliche Proletariat bemächtigte sich der Plantagen der Großgrundbesitzer. Die indonesische KP, von der Klasse links überholt, gab die Parole der „nationalen Einheit“ und der „Einheit des Volkes“ aus und ruderte kräftig zurück.1962 definierte die KP als ihr Ziel die Etablierung eines „demokratischen Volksstaates“.
„Block der vier Klassen“
Sie bewegte sich in der stalinistischen Tradition des Vierklassenblockes (Proletariat, Bauernschaft, städtisches Kleinbürgertum, nationale Bourgeoisie), die im krassen Gegensatz zur marxistischen Klassentheorie steht, die die Klassenunabhängigkeit des Proletariats und der kommunistischen Partei hervorhebt. Dies hat spätestens seit dem Kommunistischen Manifest seine Wurzeln in der Analyse der bürgerlichen Gesellschaft als eines Systems antagonistischer Klassen, deren Interessen in historisch letzter Instanz unvereinbar sind. Die nationale Bourgeoisie stellt entweder ein Anhängsel des Imperialismus dar (Kompradorenbourgeoisie) dar oder ist selbst als nationalistisch orientierte Klasse nicht in der Lage, die Aufgaben der demokratischen Revolution wie die Agrarfrage und die nationale Unabhängigkeit zu lösen. Diese Lösung kann nur das Proletariat als hegemonialer Kraft im Bündnis mit der Bauernschaft durchsetzen, das dann den Eingriff in die Eigentumsverhältnisse vornimmt, um den Übergang zur sozialistischen Revolution einzuleiten. „Das Bündnis dieser zwei Klassen ist aber nicht anders zu verwirklichen als im unversöhnlichen Kampf gegen den Einfluss der national-liberalen Bourgeoisie“ (Trotzki). Diese Konzeption, als permanente Revolution bekannt, fand ihre Bestätigung in den russischen Revolutionen (Februar/Oktober) von 1917.
Volksfront
Die indonesische KP mit über 3 Millionen Mitgliedern unter ihrem Vorsitzenden Aidit mit Einfluss auf über 10 Millionen GewerkschafterInnen bewegte sich aber in einer speziellen Variante der in den dreißiger Jahren in Frankreich1 und Spanien2 gescheiterten Volksfrontkonzeption, dem Nasakom-Modell von Präsident Sukarno, einer Triade von Nationalismus, Kommunismus und Armee, die angeblich zu 40 % loyal zur KP stand. Alan Woods berichtet in seiner Analyse „Perspectives, October 1965“, dass der Kreis der erlauchten Partner noch um die „fortgeschrittenen aristokratischen Elemente und allgemein alle patriotischen Elemente“ erweitert wurde. Der Staat wurde nicht als klassenmäßige Formation der Bourgeoisie begriffen, sondern in bester stalinistischer Tradition – als ein Wesen mit zwei Gesichtern, von denen eins dem Volke zugewandt sei. Bei soviel Harmonie war natürlich der friedliche Weg zum Sozialismus inbegriffen und der KP fiel es nicht schwer, mit drei Ministern in Sukarnos chauvinistisches (Kriegsdrohung gegen Malaysia) Kabinett einzutreten.

Bezüglich der Staatstheorie hat Aidit bis heute viele Verwandte in der deutschen Linken. Hinzuzufügen wäre, dass das Nasakomprogramm noch die Verpflichtung enthielt, an Gott zu glauben. Auch nach dem Putsch, ihrer Zerschlagung und der ultralinken Wendung zum Volkskrieg hielt die KP am Block der vier Klassen fest.
Und die VR China?
Im sino-sowjetischen Konflikt standen Aidit und die KP an der Seite Pekings, das sich lange Zeit zum Putsch nicht äußerte, um dann Anfang der siebziger Jahre seine Außenpolitik im Interesse der konservativen Bürokratie zum Teil an rechten und zutiefst antikommunistischen Regimes zu orientierten. Die UdSSR als „Vaterland aller Werktätigen“ verurteilte den Putsch… um später die Kapitalhilfe zu steigern und die Waffen­exporte fortzuführen.

Der Saison der Hackmesser, Musim Parang, fiel auch der KP-Vorsitzende Aidit zum Opfer. Als am 22. Februar 1967 Suharto Staatsoberhaupt wurde, existierte die drittgrößte kommunistische Partei nicht mehr.
Fragen der Klassenpolitik, der marxistischen Staatstheorie und der Bündnispolitik sind keine akademischen Fragestellungen. Irrtümer, theoretische Fehler und Illusionen haben in der Praxis verheerende Auswirkungen. Dafür ist Indonesien 1965 ein erschütterndes Beispiel.


1    Leo Trotzki – Wohin geht Frankreich?
2    Mieczislaw Bortenstein – Verratenes Spanien, die internationale Theorie, Heft 32

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