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Che Guevara: 40 Jahre nach seiner Ermordung | Drucken |  E-Mail
Karl Lindt   
01.10.2007

Zum 40. Male jährt sich nun der Todestag Che Guevaras. Wie kaum ein anderer Marxist von internationaler Bedeutung seit dem zweiten Weltkrieg setzte er sich für die Weltrevolution und die internationale Solidarität ein.

Am 9. Oktober 1967 wurde Che Guevara ermordet. Er war zuvor bei einem Gefecht mit der bolivianischen Armee bei Higueras verwundet und gefangen genommen worden. Im Frühjahr 1965 hatte er alle Ämter, die er nach der siegreichen Revolution in Kuba übernommen hatte, niedergelegt, um sich zusammen mit anderen RevolutionärInnen aufzumachen zuerst nach Afrika und dann nach Bolivien, um von dort aus die Permanente Revolution in Lateinamerika voranzutreiben, ohne die sich seiner Auffassung nach der Sozialismus in Kuba nicht entwickeln konnte. Für ihn war es die Pflicht eines jeden Revolutionärs, die Revolution zu machen. Nach seinem Tod wurde Che zum Symbol des Kampfes gegen Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung.
Che – Vorbild vieler junger RevolutionärInnen
Michael Löwy schrieb in seinem bekannten Buch 1970 über Che Guevara, dass der lateinamerikanische Revolutionär für die durch den Imperialismus unterdrückten und unterentwickelt gehaltenen Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sowie für die Schwarzen in Nordamerika und die Menschen der armen Ländern Europas (Portugal, Griechenland, Spanien) der „bewaffnete Prophet des revolutionären Krieges gegen die Oligarchie, ihre Gorillas und den Imperialismus“ sei. „Der Guevarismus der Dritten Welt bedeutet Verneinung des zwielichtigen Neutralismus und der Unterordnung unter die Diplomatie der mächtigen Rivalen des sozialistischen Lagers [Sowjetunion und China]. Er bedeutet kompromisslosen bewaffneten Kampf, Volkskrieg bis zur Niederwerfung der bürgerlichen Armeen, permanente Revolution bis zum Sozialismus.“

Auch heute spielten Che und seine Gedanken gerade in Lateinamerika immer noch eine große Rolle. Nicht nur in großen Teilen der Landlosen und Armen Lateinamerikas genießt Che große Popularität. Auch Menschen wie Evo Morales, der bolivianische Präsident, beruft sich auf den kubanischen Revolutionär: „Der einzige Unterschied zwischen Che Guevara und mir ist, dass er den Wechsel mit der Waffe in der Hand wollte“, sagte Morales im Januar 2006. „Ich teile das Gedankengut von Che und einigen Bewegungen in ganz Lateinamerika, die sich uns anschließen wollen. Die sind uns willkommen.“ (www.3sat.de) Auch Hugo Chávez, der Präsident Venezuelas, beruft sich immer wieder in seinen Reden gegen den US-Imperialismus und für den Sozialismus des 21. Jahrhunderts auf Guevara.

Damals wie heute geht die Anziehungskraft Che Guevaras weit über die Grenzen der unterentwickelt gehaltenen Länder hinaus. Sein Bild war bei den großen Demonstrationen der US-Friedensbewegung gegen den Irakkrieg in den letzten Jahren genauso präsent wie auf den Barrikaden im Pariser Mai 1968. Die von ihm geprägte Parole „Hasta la victoria siempre“ erschallte bei den Blockaden des G8-Gipfels in Heiligendamm genauso wie in Genua oder im Jahre 1999 in Seattle als die Vollversammlung der Welthandelsorganisation (WTO) durch eine gewaltige Demonstration von GlobalisierungskritikerInnen blockiert wurde.  Die berühmte rote Fahne mit dem Konterfei von Che war bei den Demonstrationen gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den 80er Jahren genauso zu sehen wie bei den Massendemonstrationen gegen Berlusconi in Italien.
Che – Opfer der Werbeindustrie
Doch heute, vier Jahrzehnte nach seinem Tod, etabliert sich gerade in den westlichen Ländern ein immer unpolitischeres und verzerrteres Bild des Che. Im Bewusstsein vieler Menschen existiert heute nur das bekannte romantisierte Porträt eines individuellen Guerilla-Kämpfers –  für die einen ein Held, für die anderen ein Abenteurer. Seine Rolle in der Kubanischen Revolution, sein Wirken Seite an Seite mit Fidel Castro, sein Beitrag zur marxistischen Theorie, sein Humanismus und Antistalinismus, seine Arbeit als kubanischer Minister und sein anschließender Kampf in den Reihen u. a. der Guerilla in Bolivien, wird in den meisten Porträtierungen des Che außen vorgelassen.

Diese Tendenz wird auch durch die kommerzielle Ausbeutung des berühmten Konterfei verstärkt. So brachte Che es post mortem zum Model für Wodka und Zigaretten. Es gibt Che-Uhren, Wein, Bier, Taschentücher, von den Unmengen T-Shirts, Postern und  Aufnähern mal ganz abgesehen. Und so schrieb der „stern“ in der Ausgabe 12/2003:
„Der Kapitalismus nutzt bis heute die Schönheit des toten Kommunisten. Ein paar Kreative, etwa beim Autovermieter Europcar, sitzen zusammen, suchen ein Werbekonzept, etwa zum Thema: ‚Freiheit durch Mobilität‘.  Sie denken an Freiheit, denken an Che. Denken an Power und PS, denken an Che. Und bald schon blickt Guevara von Lastwagen mit dem Slogan: ‚Auch du kannst Großes bewegen‘. Funktioniert gut. Denn: ‚Die Figur Che Guevara ist eindimensional positiv konstruiert‘, erklärt Europcar-Marketing-Direktor Carsten Greiner.“

Doch Che war und ist mehr als das Sex-Symbol oder der lateinamerikanische Abenteurer, als den die Werbeindustrie ihn zu vermarkten versucht. Auch wenn sicherlich sein Aussehen und der Mythos des Abenteurers, der um ihn entfacht wurde dazu beigetragen haben, ihn populär zu machen, waren doch gerade der Internationalismus des Che, seine radikale Ablehnung des bestehenden Systems und sein undogmatischer Marxismus, die Grundlagen dafür, dass seine Schriften und Losungen weltweit auf millionenfachen Widerhall stießen.
Ches Beitrag zum Marxismus
Guevara war der erste kommunistische Führer von internationalem Rang seit langem, der „versuchte, eine internationale revolutionäre Strategie zu entwickeln, die nicht im Interesse eines Staates steht“ (Michael Löwy), sondern im Interesse der ArbeiterInnenklasse weltweit. Er kehrte so zum revolutionären Internationalismus zurück, dem sich die Kommunistische Internationale in ihren Anfangsjahren von 1919-1924 verschrieben hatte, bevor diese in ein Werkzeug der stalinistischen Außenpolitik umfunktioniert wurde, die nur noch der Sowjetunion zu dienen hatte. Als Che seine berühmte Botschaft an die „Tricontinentale“ 19671 schrieb, hörte sich dies überhaupt nicht nach „Friedlicher Koexistenz“ mit dem kapitalistischen  Ländern an, sowie es die Länder des damaligen Ostblocks gemäß Stalins These von „Sozialismus in einem Land“ vertraten.
Guevara entwickelte in diesem berühmt gewordenen Appell die These, dass der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus ein Weltsystem sei, „das man in einer weltweiten und lang andauernden Auseinandersetzung schlagen muss.“ Er rief deshalb dazu auf „zwei, drei, viele Vietnams zu schaffen, um den Imperialismus zur Zersplitterung seiner Kräfte zu zwingen.“ Das vietnamesische Volk, welches damals gegen die US-Invasion mit der Waffe in der Hand kämpfte, war für Che die „Vorhut des Weltproletariats“.

Doch Guevara stellte sich dabei nicht nur gegen das stalinistische Konzept der „Friedlichen Koexistenz“, sondern brach auch mit der damals in der internationalen Arbeiterbewegung vorherrschenden, von Moskau vorgegebenen, dogmatischen Auslegung des Marxismus. Für ihn war Marx der Begründer einer Wissenschaft, die sich aufgrund der Veränderung der Wirklichkeit entwickeln kann und entwickeln muss. Im Gegensatz zu den Ideologen des Marxismus-Leninismus, d.h. der offiziellen Auslegung der Marxismus durch die kommunistischen Parteien, sah der Che in Marx keinen Heiligen, der unfehlbar war. Und so kritisierte er offen Marx z.B. in seiner Einschätzung Lateinamerikas, seine Interpretation von Simon Bolivar oder seine gemeinsam mit Engels verfasste Analyse Mexikos, „wo er gewisse Theorien über die Rassen und Nationalitäten übernommen hat, die sich in unseren Tagen als unhaltbar erwiesen haben.“ Auch beklagte er immer wieder die „Scholastik“, der sowjetischen Bürokratie, die „die Entwicklung der marxistischen Philosophie bremste.“ Che wand sich gegen diese Scholastik und gegen jeden Versuch den Marxismus in einem schönen System ewiger, unveränderbarer Wahrheiten erstarren zu lassen.

Nichtsdestotrotz war Guevara orthodoxer Marxist im besten Sinne des Wortes. Ausgehend von den fundamentalen Prinzipien des revolutionären Marxismus und der dialektisch-materialistischen Methode entwickelte Che seine Theorien und seine Praxis, wie seine Schriften beweisen. Obwohl sein Denken auf latein­amerikanischen und kubanischen Erfahrungen beruht, hat es einen „zutiefst universellen Charakter, was den Widerhall und den weltweiten Einfluss seiner Schriften erklärt.“ (Michael Löwy)


1    Die Konferenz der Organisation der Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas (OSPAAAL) fand vom 3. -15. Januar 1966 in Havanna statt. Im Frühjahr 1967 schrieb Che seine berühmte Botschaft an die Völker der Welt, veröffentlicht in der Tricontinentale, der  Zeitschrift der OSPAAAL.

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