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Buchbesprechung: „Trotzkisten gegen Hitler“ | Drucken |  E-Mail
J.A.   
01.09.2007

Eine wissenschaftliche Untersuchung von Peter Berens über den antifaschistischen Widerstand revolutionärer MarxistInnen vornehmlich an Rhein und Ruhr. 

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Gegen diese Machtübergabe an die Nazis gab es keine Widerstandsaktionen, keine politische Aktionen, Protestveranstaltungen, Demons­trationen, Streiks noch die Herstellung einer Einheitsfront durch die organisierte Arbeiterbewegung, weder in Berlin noch anderswo, weder von der SPD noch von der KPD. Anscheinend gab es nur eine Ausnahme von dieser völligen politischen Passivität, und zwar  im Ruhrgebiet, in Remscheid-Büchen:
Als am 5.März 1933, dem Sonntag der Reichstagswahl, gegen 16 Uhr die SA vor dem Remscheider Arbeiterviertel Büchen auftauchte, um dort einzumarschieren, wurden sie aus den angrenzenden Häusern und von einer Böschung mit einem Feuerhagel empfangen. Der Widerstand konnte erst durch die von der SA zu Hilfe gerufene Polizei mit Hilfe von Panzerautos gebrochen werden. „Während die Polizei die Schießerei totschwieg, um damit den Widerstand herunterzuspielen, sprach der Remscheider Generalanzeiger davon, dass sich die ganze Schießerei teilweise zu einem regelrechten Feuergefecht entwickelt hätte. In dem aussichtslosen Kampf verteidigte die Büchener Kampfgruppe ihren roten Stadtteil gegen die Invasion der SA, hinter der die Macht des Staates stand.“
Schwerpunkt Rhein-Ruhr
Dieses Gefecht in Remscheid-Büchen, bewaffneter Widerstand gegen die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus, ist dargestellt in Peter Berens‘ Arbeit „Trotzkisten gegen Hitler“.

Peter Berens stellt in seiner Untersuchung die Geschichte der politischen Gruppierung dar, von der der Remscheider Widerstand ausging: die trotzkistische Linke Opposition (LO) in der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). „Trotzkisten gegen Hitler“ untersucht den Umfang und die Ausrichtung der Widerstandstätigkeit der LO  bzw. ihrer Nachfolgeorganisation Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD), gegen den Nationalsozialismus schwerpunktmäßig in der Region Ruhrgebiet und Rheinland von 1933 bis 1945.

Die trotzkistische LO hatte sich 1930 innerhalb der KPD als Fraktion gebildet. Sie war die Erbin des linken Arbeiterkommunismus in Deutschland, der gegen Stalinismus, für ein demokratisches Funktionieren der revolutionären Partei und für den revolutionären Weg zu einem Sozialismus kämpfte, der seinem Anspruch als klassenlose Gesellschaft gerecht wird.

Die LO forderte die Arbeitereinheitsfront gegen den Faschismus von KPD, SPD und  ADGB (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund) nicht nur in Worten. Sie versuchte, sie auch in die Praxis umzusetzen. So z.B. in Erkenschwick. Im Juni 1932 wählte dort eine Versammlung auf Vorschlag von Mitgliedern der Linken Opposition einen Kampfausschuss. Arbeitsgrundlage sollten Forderungen sein gegen Generalsdiktatur und Faschismus, gegen jeden Lohnabbau und gegen den Abbau von Unterstützungsleistungen, für die 40-Stundenwoche bei Lohnausgleich, für die Arbeiterkontrolle der Produktion, für das Reichskartell der Betriebs- und Arbeitslosenräte und für den Schutz der Sowjetunion.

Eine Volksversammlung wählte einen Aktionsausschuss aus drei KPD-, zwei SPD- und zwei ADGB-Vertretern. Die übrigen Organisationen bekamen je einen Sitz. Es wurde eine gemeinsame Arbeiterwehr gegen zu erwartende Überfälle der Nationalsozialisten gebildet. Teile dieses Selbstschutzes verfügten über Schusswaffen und waren bereit, wie der eingangs geschilderte bewaffnete Remscheider Widerstand zeigt, davon Gebrauch zu machen.

Durch die Aktivität der LO kamen auch in Bocholt, Dinslaken, Bruchsal, Oranienburg bei Berlin und in Dessau ArbeitereinInnenheitsfronten gegen die Nazis zustande. Solche lokalen Erfolge blieben allerdings der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
Gründung der IV. Internationale
Bis zur kampflosen Niederlage der Arbeiterbewegung 1933 hatte die LO auf die Reformierung der stalinisierten KPD gezielt. Wie schon das Wort „Opposition“ ausdrückte, lehnte man die Gründung einer neuen Partei ab. 1933 erklärte die Ortsgruppe Köln in einer Resolution, dass die Schwere der Niederlage, die der Niederlage vom 4. August 1914 gleiche, eine Reform der KPD unmöglich mache und eine neue revolutionäre Partei notwendig sei. 1933 trennte sich die LO von der KPD, organisierte sich als Internationale Kommunisten Deutschlands (IKD) und gründete 1938 mit Sektionen anderer Länder die Vierte Internationale.

Ende 1934 begannen die in Zellen untergliederten TrotzkistInnen nach Diskussionen über Widerstandspotentiale und -taktiken gegen den Nationalsozialismus gezielt in Betrieben, kirchlichen Kreisen und jüdischen Verbänden zu arbeiten. Ab Ende 1935 gelang es der Gestapo, viele AktivistInnen der IKD Rhein-Ruhr zu verhaften und die Arbeit des Bezirkes weitgehend zu zerschlagen, was mit einer zu strengen Zentralisierung der Untergrundstrukturen zusammenhing.

Die Gestapo folterte alle politischen Gefangenen. Einem Genossen wurden bei seinem Verhör im März 1933 Schusterahlen unter die Fingernägel getrieben. Besonders zu leiden hatten die mutmaßlichen Funktionäre und die jüdischen Gefangenen. Die Gestapo hängte manche Genossen rückwärts an den Armen am Fensterkreuz auf. Und die Strafen, die die Gerichte gegen sie verhängten, lagen höher als bei vergleichbaren Mitbeschuldigten.

Trotz der Verhaftungen ging die illegale politische Tätigkeit weiter, selbst in Zuchthäusern und KZs. Dabei war die politische Perspektive für die deutschen Genossen ein reiner „Alptraum“:
Die deutschen GenossInnen waren, wie Ernest Mandel in einem Interview ausführte, „ohne eine einzige Ausnahme voll davon überzeugt, dass Hitler den Krieg gewinnen würde und dass man einem jahrzehntelang, wenn nicht länger, von den Nazis beherrschten Europa entgegengehen würde.“

In der Freiheit übernahmen oft die Frauen den aktiven Part in der Aufrechterhaltung des Widerstandes und der Verbindungen zum Exil. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein erheblicher Teil der deutschen TrotzkistInnen in KZs ermordet oder sie kamen in Strafbataillonen ums Leben.

Peter Berens‘ wissenschaftliche Darstellung der Geschichte der LO und der IKD im Ruhrgebiet, die sich häufig auf bisher ungenutztes oder unbekanntes Quellenmaterial stützt, ist meist sehr anschaulich und gut lesbar; sie gibt ein Bild der Widerstandstätigkeit der TrotzkistInnen gegen den Nationalsozialismus, ihrer Inlands- und ihrer Exilaktivitäten.

Berens‘ Buch ist nicht nur eine wissenschaftliche Darstellung der Geschichte der LO und der IKD; sie enthält zudem einige Bilder und viele Kurz-Biografien von AktivistInnen; für eine hoffentlich erforderlich werdende zweite Ausgabe fände ich gut, wenn auch Artikel aus den illegalen Zeitungen und den internen Informationsbulletins dokumentiert werden und – falls so etwas noch vorhanden sein sollte (vielleicht in den Akten der NS-Staatsorgane) – Flugblätter, die unter Lebensgefahr geschrieben und verteilt wurden.

Was dem Verfasser mit seiner Arbeit gelungen ist, ist nicht nur eine detaillierte Darstellung eines Stücks bisher nicht bekannter Widerstandsgeschichte, sondern darüber hinaus, nebenbei, ein Bild von häufig namenlosen Heldinnen und Helden, die unter Lebensgefahr politisch gegen die Nazis arbeiteten, was viele von ihnen mit Folter, Zuchthaus, KZ, mit einem qualvollen vorzeitigen Tod bezahlten. Ihnen setzt die wissenschaftliche Untersuchung von Peter Berens ein kleines Denkmal.

Peter Berens
Trotzkisten gegen Hitler

Neuer ISP-Verlag, Köln, 2007
223 Seiten, 19,80 €
ISBN: 978-3-89 900-121-1

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