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Ernst Blochs Philosophie des revolutionären Marxismus | Drucken |  E-Mail
Walter Weiß   
01.07.2007

Das „Prinzip Hoffnung“ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Doch sein Ursprung ist nur Eingeweihten geläufig. Es ist der Titel von Ernst Blochs gleichnamigem Hauptwerk, einem der großen marxistisch-philosophischen Texte des 20. Jahrhunderts. Sein dreißigster Todestag ist Anlass genug, sich mit Bloch, dem „Philosophen der deutschen Oktoberrevolution“ (Oskar Negt), zu beschäftigen.

Bloch wird 1885 im proletarischen Ludwigshafen geboren und wächst im Spannungsfeld zum damals eher bürgerlichen Mannheim auf. Schon als Schüler verfasst er erste philosophische Abhandlungen. Nach dem Abitur studiert er Philosophie und im Nebenfach Physik und Musik. Bereits mit 23 Jahren promoviert er mit einer Arbeit über Rickert. In Berlin lernt er im Kreis um Georg Simmel Georg Lukacs kennen. In Heidelberg schließt er Bekanntschaft mit Max Weber. Den ersten Weltkrieg verlebt der Kriegsgegner in der Schweiz, wo sein Buch „Geist der Utopie“ entsteht, dessen Titel sein weiteres Schaffensmotiv erkennen lässt. Nach 1918 gehört er in Berlin zu den Kreisen um Brecht, Weil und Adorno. Der Sieg des deutschen Faschismus – mit dem er sich in „Erbschaft dieser Zeit“ auseinandersetzt – treibt ihn ins Schweizer, dann Prager und anschließend ins us-amerikanische Exil. Dank der Arbeit seiner dritten Frau Karola, geb. Piotrowska, einer Architektin kann er sein opus magnum „Das Prinzip Hoffnung“ und seine große Hegelstudie „Subjekt – Objekt“ vollenden. Er ist ein Anhänger der Volksfrontlinie und unterstützt vorbehaltlos die Moskauer Schauprozesse, die aus der Partei der Bolschewiki eine „Partei der Gehenkten“ (Wadim Rogowin) machen.

Aus den USA kehrt er in die entstehende DDR, nach Leipzig zurück, und bekommt dort einen Lehrstuhl.1955 erhält er den Nationalpreis der DDR. Aber die nicht erfüllten Erwartungen des 20. Parteitages der KPdSU und die brutale Niederschlagung der ungarischen Revolution lassen ihn in Opposition zur SED geraten. Es erfolgt die Emeritierung und als er 1961 bei einem Besuch in der BRD vom Mauerbau überrascht wird, bleibt er dort und erhält eine Gastprofessur in Tübingen (s. Tübinger Einleitung in die Philosophie).

Er engagiert sich im Kampf gegen die Notstandsgesetze und begleitet die außerparlamentarische Opposition mit Sympathie und kann als einer ihrer geistigen Mentoren angesehen werden. Rudi Dutschke und er schließen Freundschaft.
In diesen Jahren erscheinen seine Werke „Das Materialismusproblem – seine Geschichte und Substanz“ und „Das Experimentum Mundi“ 92jährig verstirbt er im August 1977.
Elemente der Blochschen Philosophie
Nach Bloch „kommt es darauf an, das Hoffen zu lernen Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“ Bloch revitalisiert den auch im Marxismus geschmähten Utopiebegriff und weist auf die Möglichkeit konkreter Utopien hin, denn das Bewusstsein ist nicht nur das Produkt des gesellschaftlichen Seins, sondern zudem mit einem „Überschuss“ ausgestattet, der sich in sozialen, ökonomischen, technischen und religiösen Utopien sowie der Musik und der bildenden Kunst ausdrückt. Sein Weggefährte sind die Tagträume, die unser Alltagsleben begleiten. Im Sozialismus-Kommunismus wird er dann realgeschichtlich manifest. Der Mensch ist im Jetzt, – er befindet sich nach Marx noch in der Vorgeschichte –, noch nicht bei sich angekommen oder wie Blochs es ausdrückt: „Ich bin. Aber ich habe mich noch nicht. Deshalb werden wir erst.”

Blochs Theorie der „Stadialität“ beschreibt das gleichzeitige Nebeneinander archaischer und moderner Verhältnisse und erinnert uns an Trotzkis Bemerkung, dass im 10. Stockwerk eines Hochhauses durchaus das Mittelalter zuhause sein kann. Die Betrachtung ungleichzeitiger und kombinierter Prozesse gehört ja gewissermaßen zum Handgepäck „trotzkistischer“ Theoriebildung.

Blochs Philosophie setzt sich stark mit religiösen Themen, insbesondere dem Christentum (Atheismus im Christentum) auseinander. Seine Thesen erreichen das theologische Publikum und inspirieren z.B. Jürgen Moltmann zu einer „Theologie der Hoffnung.“ Bloch wendet sich gegen die Hierarchie in der Kirche, die einen Gott von oben statt den Jahwe des Exodus vertritt und seine Haltung hierzu beförderte die Distanz zur stalinistischen „Kirche“ und ihrem Zentrum Moskau. Zu Recht kritisiert er einen Vulgäratheismus, der eine Leere, einen Hohlraum hinterlässt, der durch dumpfe, dunkele „Inhalte“ wie den Faschismus ersetzt wird.

Seine Schlussfolgerung lautet: Der „Kältestrom“ im Marxismus, die kritische Reflexion, die Kritik der politischen Ökonomie, das Vordringen zum „Nordpol des Gedankens“ (Hegel) muss sein politisch-dialektisches Pedant im „Wärmestrom“ haben, der die Erwartungen der Menschen berücksichtigt und ihre Hoffnungen erfasst, kurzum sich auf das In-Möglichkeit-Seiende bezieht. Eine adäquate Gesellschafts­analyse muss beide Elemente beinhalten.

Marx und Engels waren auf ihrem Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus gezwungen, sich kritisch mit Fourier, Saint-Simon und Owen auseinanderzusetzen, ohne den Genannten den Respekt zu versagen. Sie kritisieren das Abstrakte und Beschränkte an ihren Utopien. Bloch stellt den Utopiebegriff vom Kopf auf die Füße und setzt sich für konkrete Utopien ein, plädiert für die „Unerlässlichkeit sozialutopischer Antizipationen im Kontext marxistischer Praxis…“ und erklärt „durch das Adjektiv konkret verliert die Utopie ihren negativen Aspekt.“

Die konkrete Utopie bewegt sich im Rahmen des objektiv-real-Möglichen, was in der Materie (als Prozessmaterie) Latenz und Tendenz hat. Denken wir nur an die „Latenz zur Arbeiterselbstverwaltung“ (Ernest Mandel), die einen weiten historischen Bogen von der Pariser Kommune über die Oktoberrevolution, die spanische Revolution, antibürokratische Arbeiterkämpfe, Pariser Mai `68 etc. umfasst, der historisch keineswegs abgeschlossen ist, und sich in Zukunft in neuen Varianten als Präludium zur sozialistischen Revolution erweisen wird.
Aufrechter Gang und Antizipation
In „Naturrecht und menschliche Würde wird, im Gegensatz zu den Sozialutopien, deren Ziel das menschliche Glück ist, das telos (Ziel) des aufrechten Gangs bezeichnet. Hier wird die menschliche Würde nicht allein aus den Verhältnissen begriffen, sondern als etwas den Menschen eigentliches zugeordnet. „Aufrechter Gang – das ist Ernst Blochs Bild für des Menschen noch nicht erreichte, erst noch zu gewinnende Bestimmung“ (Helmut Gollwitzer). Es ist das Bild des Menschen, der mit hoch erhobenem Kopf – im Gegensatz zu animalischen Wesen – durchs Leben schreitet und keinen gekrümmten Rücken vor Königsthronen kennt. Subalternität ist ihm fremd, er begegnet seinesgleichen auf Augenhöhe und antizipiert so ein menschliches Vor-Leben, das allen bestehenden Herrschaftsformen ein Dorn im Auge ist. Nicht von ungefähr steht neoliberale Herrschaft nicht nur für ökonomische Ausbeutung und Unterdrückung, sondern zugleich für Ausgrenzung und Demütigung.

Stichwort Antizipation und antizipierendes Bewusstsein. In seiner Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Psychoanalyse und dem Begriff des Unbewussten setzt Bloch das Noch-Nicht-Bewusste entgegen, das in Wach-, später Tagträumen genannt, erscheint. Im Gegensatz zu Freud sieht Bloch im Hunger und nicht in der Libido den Grundtrieb des Menschen. Auch hier wieder wie im aufrechten Gang der Gegensatz zur animalischen Existenz, „denn es ist nun die ideele Vorwegnahme im Arbeitsprozess des Menschen“, denn „es ist nun einmal nicht zu vermeiden, dass alles, was den Menschen bewegt, den Durchgang durch seinen Kopf machen muss“ (Engels). Und Marx verweist im Kapital, Bd.1, auf die Gestaltungs- und Baukunst der Spinne und Biene beim Netz- bzw. Wabenbau und ergänzt: „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“ Und vorher: „Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört.

Man hat Bloch häufig ein idealistisches Gesellschaftsbild attestiert; er sei ein Märchenerzähler, der sich ein materialistisches Mäntelchen umgehängt habe! Hören wir einen uns nicht unvertrauten Zeit-Genossen: „Gibt es nur irgendeinen Berührungspunkt zwischen Traum und Leben, dann ist alles in bester Ordnung. Träume solcher Art gibt es leider in unserer Bewegung allzu wenig.“ Dieser Träumer ging unter seinem Parteinamen Lenin in die Geschichte ein!
Resümee
Ein letztes Mal Ernst Bloch: „Die dialektisch-historische Tendenzwissenschaft ist derart die vermittelte Zukunftswissenschaft der Wirklichkeit plus der objektiv-realen Möglichkeit in ihr, all das zum Zweck der Handlung.“
Eine solche Philosophie drängt zum revolutionären Handeln und lässt sich auf Dauer kaum im Seminar einsperren. Hoffnung, Antizipation und antizipierendes Bewusstsein, das objektiv-real Mögliche, die konkrete Utopie, Kälte- und Wärmestrom im Marxismus bilden ein komplexe Einheit in der revolutionär-marxistischen Philosophie Ernst Blochs und charakterisieren sein umfängliches Werk nur unzureichend. Blochlektüre ist aufgrund ihres reichen und hohen literarischen Niveaus ein Genuss; durch Texte über Bloch ist sie nicht zu ersetzen.

Die bestehenden Tageskämpfe, die kommenden Auseinander­setzungen auf der Basis von Übergangsforderungen bedürfen im Rahmen der bestehenden Zivilisationskrise einer Ergänzung durch eine Vision einer konkreten sozialistischen Utopie. Um diese Triade und ihre dialektische Vermittlung zu verwirklichen, kann die Hoffnungsphilosophie Ernst Blochs einen großen Beitrag leisten.

 

TiPP!
  • • Ernst Bloch: Tübinger Einleitung in die Philosophie
  • • Detlef Horster: Bloch zur Einführung
 

 

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