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Der 2. Juni 1967: Die Zeit der Aufklärung | Drucken |  E-Mail
Walter Wiese   
01.06.2007

Es gibt Daten, die stehen für einen Jahrestag. Es gibt aber auch solche, die stehen für einen längeren Zeitraum und solche mit örtlicher Bindung; der 2. Juni 1967 zählt zu allen dreien.

Es ist der Tag, an dem der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten bei einer Demonstration gegen den von den USA re-inthronisierten und diktatorisch herrschenden Schah von Persien erschossen wurde. Dieser Tag ist Teil eines Zeitraumes, der besonders in West-Berlin (damals gab es diese „besondere politische Einheit“ noch) von regelrechtem Hass gegen demonstrierende StudentInnen geprägt war. Für viele von ihnen war dieser Zeitraum die Zeit der Aufklärung, unabhängig vom Lebensort, jedoch abhängig von der Verarbeitung der subjektiv gemachten politischen Erfahrung.
Das Umfeld war gekennzeichnet von der ersten Wirtschaftsrezession nach dem 2. Weltkrieg. Das Kapital suchte Sicherheit in der großen Koalition von CDU/CSU und SPD, deren Bundesregierung von einem ehemaligen Nazi geführt wurde und die sich mit dem Erlass der Notstandsgesetze („NS-Gesetze“) befasste.

In Vietnam führten die USA erbarmungslos einen brutalen Krieg. Dieser Krieg wurde in Westberlin besonders als „Freiheitskrieg für uns und gegen den Kommunismus“ propagiert.

Die muffige Hochschule wurde als konservative Institution entlarvt, an der zwar von Freiheit von Forschung und Lehre („Freie Universität“) gesprochen wurde, in der Praxis aber gehorchende und unkritische StudentInnen gewollt waren, die in die vorgegebenen Stapfen einer gefolgstreuen Akademiker-Karriere gedrängt werden sollten.
Für Westberlin kam gegenüber der BRD (Westdeutschland) noch verstärkend hinzu, dass der Überbau eines ausgeprägten Antikommunismus herrschte, der sich sowohl unmittelbar politisch als auch über die Medien, und hier v.a. über die Springerpresse (Bild, Welt usw.) äußerte.
Pogromstimmung
Diese Widerspruch herausfordernde Gleichzeitigkeit wirkte auf alle Menschen, die unterschiedlich darauf reagierten: Während die einen das als unvermeidbares Schicksal zu sehen schienen, reagierten andere, insbesondere viele StudentInnen, sensibel und setzten sich mit dieser Situation auseinander. Sie politisierten sich, unterschiedlich intensiv, um das Ganze zu verstehen und ihre Lehren daraus zu ziehen. Der radikalste Teil fand auf diese Weise zum Marxismus und trug die Diskussion auf die Straße.
Die dadurch ausgelöste Verwirrung und Ablehnung in der Westberliner Bevölkerung fand ihren Ausdruck besonders in den Hasstiraden der Springerpresse, die damals ca. 70 % der Westberliner Gazetten herausgab.

Deren Hetze im Stürmer-Stil förderte eine Pogromstimmung gegen „die Studenten“ mit der Folge ihrer Isolierung von der übrigen Bevölkerung. So forderte z.B. Bild am 14.12.66 „Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen“. Die SchriftstellerInnen der Gruppe 47 beschlossen im Oktober 1967 daher, „ …in keiner Zeitung oder Zeitschrift des Springerkonzerns mit(zu)arbeiten“.
Tumber Antikommunismus
Die bürgerlichen Parteien (mit SPD) waren sich auf der Basis ihres tumben Antikommunismus einig und inszenierten sowohl im Parlament (Abgeordnetenhaus) als auch auf der Straße ihre Abneigung gegen alle kritischen Menschen. Der „Erfolg“ dieser Agitation äußerte sich u.a. in einem Lynchversuch an einen Studenten, der äußerlich Rudi Dutschke ähnelte, anlässlich einer Großdemo, zu der der Senat aufgerufen hatte.
Die Dialektik von staatlicher Repression (eine Zeit lang nahezu täglich auf dem Campus erfahrbar), Hochschulpolitik und Aufklärung radikalisierte die politischen StudentInnen und entwickelte rasante Fliehkräfte: Die Auflösung des SDS war schließlich die Folge; an seine Stelle traten vorallem maoistische „K-Gruppen“; die GIM (Gruppe Internationale Marxisten) wurde 1969 gegründet.

Auch bei den etablierten politischen Parteien gab es interne Auseinandersetzungen. Es gewannen relativ liberale Strömungen Oberwasser, insbesondere solche, die die negative Außenwirkung der Form der laufenden Auseinandersetzung im Auge hatten: Westberlin sollte als westlicher Vorposten im Osten positiv gesehen werden und „demokratisches“ Verhalten mit Vorbildwirkung praktizieren. Anderenfalls wurde ein stärkeres wirtschaftliches Desinteresse von Seiten der Bundesregierung und der Wirtschaft befürchtet.

An deren grundsätzlicher Einschätzung änderte sich aber nichts. Sie unterstützten weiterhin die USA in ihrem barbarischen Vietnamkrieg und bereiteten die Notstandsgesetze vor, versehen mit den „neuesten“ Erfahrungen.
Notstandsübung
Eine solche Erfahrung war die als Notstandsübung durchgeführte Polizeiaktion der Demo-Zerschlagung anlässlich des Schahbesuches, die für Benno Ohnesorg tödlich endete. Für den Schützen Kurras endete die Gerichtsverhandlung, die nicht vermieden werden konnte, zur Empörung eines kritischen Bevölkerungsteils, der inzwischen über „die Studenten“ hinausging, mit Freispruch.

Dieser Freispruch machte vielen klar, dass ihre Hoffnungen auf Illusionen beruhten, oder anders ausgedrückt, stellte vieles vom Kopf auf die Füße. Damit wurde das Herausgehen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit möglich.


Quellen:
-    Kursbuch Nr. 12, April 1968
-    Tintenfisch, 10 Jahrbücher zur deutschen Literatur von 1967 bis 1976
-    Heinrich Hannover, Die Republik vor Gericht 1954 - 1974
-    Uwe Wesel, Die verspielte Revolution
-    Heinrich Albertz, Blumen für Stukenbrock

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