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Der 2. Juni 1967 in der Provinz und seine Folgen | Drucken |  E-Mail
Artur Bakker   
01.06.2007

Bei vielen Menschen, die der ersten Nachkriegsgeneration angehören, hat sich das Datum 2. Juni 1967 eingebrannt wie eine unsichtbare Tätowierung. Der Autor, damals wenige Tage vor seinem 17. Geburtstag stehend, lebte in einer rheinischen Kleinstadt und einer Gesellschaft, die gekennzeichnet war vom restaurativen Muff der Adenauerära.  

Montags in der Schule, prüften die LehrerInnen, ob die sonntägliche Predigt „verstanden“ wurde. Wer den Kirchgang verweigerte, wurde bloßgestellt und diskriminiert. Mädchen wurden von der Schule nach Hause geschickt, wenn sie es wagten, Hosen zu tragen, egal, ob Minusgrade herrschten. Die damals populäre Musik (Beatles, Stones, Kinks usw.) und die bei Jugendlichen beliebte TV Sendung „Beat Club“ wurden als Zeichen für den Untergang der abendländischen Hochkultur gebrandmarkt und rassistisch diskreditiert: „Negermusik“!

SchülerInnen, die ein harmloses Unterfangen wie die Freigabe des Schulsportplatzes nach Schulende mit einem Flugblatt forderten, wurden der Lächerlichkeit Preis gegeben. Als Feindbilder par Exellence galten „die Studenten“, „die Eckensteher“ (Goebbels lässt grüßen) und „die Gammler“, auch bekannt als „langhaarige Affen“. D. h., jeder, die/der nicht der Norm dieser bigotten Zeit entsprach, die/der nicht adrett gekleidet den Rücken beugte, wurde auf das übelste beschimpft, schikaniert und diskreditiert.
Vietnam
Die aktuellen Fragen der Zeit wie der us-amerikanische Krieg in Vietnam, die Unterdrückung, Ausbeutung und Kolonialisierung der Länder des Nahen Ostens, Afrikas, Mittel- und Südamerikas wurde meist von Lehrern/Eltern einfach ignoriert. Die USA und ihre Vasallen schützten „uns“ vor dem gräulichen Kommunismus. In Viet­nam wurde schließlich die Freiheit Berlins verteidigt (heute wird die BRD am Hindukusch „geschützt“). Völliges Tabuthema war die Zeit des Faschismus, gerne auch als die „dunkle Zeit“ verkleistert.

Aus dem fernen Berlin nahm die Jugend aus der Provinz wahr, dass es noch andere Leute gab. Diese teilten nicht nur das Gefühl, dass der Krieg in Vietnam und die weltweite Unterdrückung, nicht richtig waren, sondern begannen auch, die Ursachen zu benennen und Demonstrationen dagegen zu initiieren.

Zur Jahreswende 1966/67 formten sich das Bewusstsein, die Neugier und das Selbstbewusstsein deutlicher aus. Im Herbst 1966 hatten sich der ehemalige Emigrant Willy Brandt und das ehemalige hohe NSDAP-Mitglied Kurt-Georg Kiesinger zur „Großen Koalition“ zusammen gefunden. Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände und Regierung hatten sich zur Gesellschaftswidersprüche nivellierenden „konzertierten Aktion“ verbündet.

Mensch ahnte, dass da etwas falsch lief. Die Sicherheit wuchs, dass man doch nicht der kleine, dumme Spinner war, als der man so gerne von Lehrern und anderen hingestellt wurde. Auf manchmal abenteuerlichen Wegen gelangten Flugblätter, Flugschriften und auch theoretische Informationen in die Provinz.

Die Glaubwürdigkeit der „Autoritäten“ und der damals zugänglichen Medien erlitten einen immensen Verlust. Bild, ARD usw. wurden nicht mehr ernst genommen. Sie trugen eher zur Erheiterung bei, wenn vom Staatsbesuch des Schahs Reza Pahlewi und seiner Frau Farah Diba als Audienz des märchenhaften Orients à la Karl May schwadroniert wurde. Die Frisur von Farah Diba, eher einem Vogelnest ähnelnd, wurde der Hit bei Mädchen und jungen Frauen. Dass hinter dem Schahsystem ein korrupter, handfester Unterdrückungsmechanismus zum Nutzen der Schahfamilie und der westlichen Industrienationen stand, wussten in der Provinz wohl nur wenige politisch bewusste Menschen.
Das Echo
Dann der Schock am 2. Juni  ‘67: Das Radio verbreitete die Nachricht, dass am Rande des Schahbesuches „Studenten“ in Berlin demonstriert hätten und ein randalierender Student zu Tode gekommen war. Schnell stellte sich heraus, dass der (eher unpolitische) Student Benno Ohnesorg auf dem Heimweg von der Demonstration vom Polizeimeister Kurras erschossen worden war. Schahsympathisanten hatten mit Dachlatten unter den Augen der untätigen Polizei auf die friedlichen Demonstranten eingeschlagen, und erst als sich die Demonstranten zur Wehr setzten, griff  die Polizei zum Schutze der Jubelperser ein.
Diese Ereignisse ließen nur wenige unberührt. Die Atmosphäre bei den sonst eher lockeren bis albernen Treffs der Jugendlichen schlug um in Trauer, Wut, Entsetzen und Desillusionierung.

Die Reaktionen waren unterschiedlich: Die einen zogen sich aus der Gesellschaft zurück, andere wurden überangepasst und bückten sich, wieder andere tobten ihren Frust durch halbanarchistische Taten und Worte aus und last not least, begannen einige mit dem Studium von linker Literatur, Zeitungen und Diskussionen. Kein leichtes Unterfangen, fehlte es doch den meisten an Anleitung, Hinweisen und Förderung. Von der Elterngeneration war da wenig bis nichts zu erwarten. Mancher Irrweg wurde beschritten.

Die Bundesrepublik zeitigte fast überall das gleiche Bild wie oben beschrieben. Dass die Mechanismen in den Zentren tiefer greifend, rasanter und öffentlicher waren als in der Provinz, liegt auf der Hand.
Die besondere Rolle der „Insel“ Westberlin ist nicht verwunderlich. Hier trafen sich alle, die vor der Heimsuchung der Bundeswehr aus den unterschiedlichsten Gründen flüchteten. Das damalige Frontstadtgehabe und die Vergötterung der USA durch die Westberliner Springer-Zeitungen und einem großen Teil der Bevölkerung provozierte eine deutliche Gegenposition. Diese drückten sich u. a. in einer lebendigen alternativen Szene, einer arroganten, aber auch kreativen Boheme und einem regen politischen außerparlamentarischen Denken und Handeln aus.
Der 2. Juni ‘67 und eine Folge
Die Ereignisse des 2. Juni ‘67 und ihre „Aufarbeitung“ durch die Bourgeoisie waren mit andern Faktoren (Ermordung von Che Guevara, Ermordung von Martin Luther King, die unvorstellbare Brutalisierung des amerikanischen Krieges in Vietnam, das Attentat auf Rudi Dutschke...) die Wegbereiter für den Mai `68.

In der BRD war eine der Konsequenzen die Entstehung der „RAF“ und der „Bewegung 2. Juni“.
Im Internet sind verschiedene Seiten damit befasst, die Geschichte dieser Gruppen zu dokumentieren. Literatur über dieses Thema gibt es in Mengen. Zunächst war die Sympathie für diese Gruppen in der linken Bevölkerung erheblich. Bald waren diese Gruppen aber auch dort weitgehend isoliert. Die Gründe sind vielfältig:

  • •    die oft obskur anmutenden theoretischen Begründungen der Gewaltakte
  • •    der elitäre, keine Diskussion duldende Anspruch der Gruppen
  • •    die selbst gewählte Isolierung durch die Gruppeneigendynamik
  • •    die Hetze der bürgerlichen Medien, der Legislative und Judikative

2. Juni 1967 – 2. Juni 2007
Der Begriff „Terroristen“ gelangte in den 70er Jahren in den deutschen Sprachgebrauch. Umgehend wurde er als Synonym für fast jede gesellschafts- und kapitalismuskritische, unangepasste Handlung oder Äußerung missbraucht. Im Zusammenhang mit den Kritiker­Innen und Gegner­Innen des G8-Gipfels in Heiligendamm wird der Begriff erwartungsgemäß wieder inflationiert. (Ereignisse vom 9. Mai 2007).
Herr Schäuble, Frau Merkel und andere wollen grundgesetzwidrig die Bundeswehr zur „Terrorismusbekämpfung“ im Innern  instrumentalisieren.

Wer definiert eigentlich, wer ein Terrorist ist? Wer war eigentlich am 2. Juni 1967 Terrorist? Benno Ohnesorg? Die DemonstrantInnen? Die Jubelperser? Der Schah? Oder am Ende jemand anderer oder niemand? Die große Gegendemo gegen den G8 Gipfel ist für den 2. Juni 2007 terminiert, genau vierzig Jahre nach dem Tod von Benno Ohnesorg...

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