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Stalins „Holocaust“: Eine Erläuterung | Drucken |  E-Mail
Helmut Dahmer   
01.04.2007
Einige Leser haben Anstoß daran genommen, dass ich in einem Artikel über den Pjatakow-Radek-Prozess (Avanti, Nr. 140 und 141. siehe unten) Stalins Verbrechen als „Holocaust“ bezeichnet habe; sie sehen darin einen „Bruch mit unserer Tradition“. Die Redaktion der Avanti bat mich um eine nähere Erläuterung, und ich komme dieser Bitte gerne nach.
 
Der Terminus „Holocaust“ hat sich seit 1979 in (West-) Deutschland und in anderen Ländern eingebürgert.1 Er trat an die Stelle von Umschreibungen der Verbrechen des NS-Regimes mit Hilfe von Formulierungen wie „Ausrottung der europäischen Juden und anderer Gruppen“.2

Wir wissen inzwischen sehr viel über die NS-Verbrechen3 und vergleichsweise noch immer wenig über den Terror des Stalin-Regimes in den Jahren 1929 bis 1953. Weder gab es im nachstalinschen Russland eine öffentliche „Aufarbeitung“ der Vergangenheit, noch kamen Stalins Helfershelfer, die Funktionäre der GPU oder die Schinder des „Archipels GULag“ (des sowjetischen Lagersystems) jemals vor Gericht. Selbst die Zahl der Opfer der Schnellgerichte („Troikas“), der Deportationen und Massaker, des Hungers und der Lager – ob es sich nämlich eher um 10 oder um 20 Millionen Menschen handelte – ist ungeklärt.

(2) Die im 20. Jahrhundert verübten Greueltaten stellen alles, was an barbarischen Akten aus der früheren Unheils-Geschichte bekannt ist, in den Schatten. Der Fanatismus ethnischer (nationaler) und politischer (sozialer) Führungsgruppen, denen es gelang, aus Sozialatomen zusammengeschweißte Massen für das Programm eines „Fortschritts“ durch Ausrottung „feindlicher“ Menschengruppen zu gewinnen, und die über modernste organisatorische und technische Destruktionsmittel verfügten, riss (in Krieg und Frieden) Dutzende von Millionen Menschen in den Tod. Die „Barbarei“, vor der die revolutionären Internationalisten schon vor 1914 gewarnt hatten, entfaltete sich während und nach dem zweiten Weltkrieg in ungeahntem Maße. Die Öffnung der Massengräber (in Russland und in Spanien, in Chile, Argentinien und in Perú, in Kambodscha und in Bosnien…) hat gerade erst begonnen, und wir werden noch viel Zeit brauchen, um zu realisieren, dass die gefürchtete Barbarei schon Wirklichkeit geworden ist, dass wir auf einem Schindanger leben und dass es einstweilen nicht danach aussieht, als werde uns das 21. Jahrhundert einer Gesellschaft ohne Kriege und Massaker näher bringen.

(3) In das Bild, das wir uns von der Vergangenheit machen, gehen aktuelle Erfahrungen und das Bedürfnis nach Orientierung in der Gegenwart ein. Darum gibt es verschiedene Bilder ein und derselben Vergangenheit, und darum bedürfen tradierte Interpretationen einer permanenten Revision.4 Was besagt „unsere Tradition“ hinsichtlich der Einschätzung der stalinistischen Sowjetunion?

Die sowjetische Wirtschaft war ein System bürokratischer Planwirtschaft auf der Grundlage des Staatseigentums an den Produktionsmitteln. Die politische Agentur der (usurpatorischen) Bürokratie, einer privilegierten sozialen Schicht, war die durch viele „Säuberungen“ gleichgeschaltete KPdSU mit dem gottgleichen Zentraldespoten und Zuchtmeister Stalin an ihrer Spitze. Dessen lebenslange Herrschaft wurde durch die national und international agierende Geheimpolizei und durch die sowjetische Armee gesichert. War die Sowjetunion ökonomisch ein potentieller „Arbeiterstaat“, den es im Kriegsfall gegen imperialistische Angreifer zu verteidigen galt, so war dessen politischer Überbau ein „totalitäres“ Regime, das es durch eine neue (politische) Arbeiterrevolution zu stürzen galt.

Die terroristische Aufrechterhaltung des „totalitären“ Regimes – durch vorbeugende Ausrottung einer jeden möglichen Opposition – kostete schon in Friedenszeiten viele Millionen Opfer.5 Zu den Opfern des Terrors zählten die Bauern, die sich der Zwangskollektivierung widersetzten (also die Bevölkerungsmehrheit), die rechten und linken kommunistischen Oppositionellen, zahllose Mitglieder der stalinistischen Mehrheitsfraktion und anderer kommunistischer Parteien, Armeeoffiziere und Künstler. In den Jahren 1939-1941 wurden Hunderttausende von Menschen aus Ostpolen und aus den baltischen Staaten deportiert und Tausende von polnischen Offizieren erschossen. In den Kriegsjahren wurden ganze Ethnien (Wolgadeutsche, Kalmücken, Karatschaier, Inguschen und Tschetschenen, Balkaren und Krimtataren), von denen die Stalin-Führung fürchtete, sie seien unzuverlässig und könnten mit der Hitlerarmee kollaborieren, umgesiedelt und dezimiert.

Trotzki zählte zum einen darauf, dass die europäische Arbeiterklasse den zweiten Weltkrieg durch eine sozialistische Revolution beenden werde, zum anderen darauf, dass im Gefolge dieser europäischen Revolution auch die (durch Industrialisierung und Urbanisierung enorm angewachsene) sowje­tische Arbeiterklasse Stalins Despotie stürzen und so den potentiellen in einen wirklichen Arbeiterstaat verwandeln werde. Die Alternative einer Restauration des Kapitalismus in der UdSSR im Gefolge einer militärischen Intervention der imperialistischen Mächte und/oder einer Verwandlung der herrschenden bürokratischen Kaste in eine neue Klasse von Privatkapitalisten hielt er für weniger wahrscheinlich als eine antibürokratische Revolution. Der institutionalisierte Massenterror, der die neue Arbeiterklasse der UdSSR auf Jahrzehnte hin handlungsunfähig machte, ging in diese Rechnung nicht ein.

(4) „Die Phantasie der Gesetzgeber ist ärmer als die Erfindungskraft der Verbrecher“, schrieb Raphael Lemkin 19336 im Hinblick auf die von der jungtürkischen Regierung im Jahre 1915 organisierte Vertreibung der osmanischen Armenier.7 Es gebe neuartige Verbrechen gegen die Menschheit, die den Einzelnen als Mitglied von Kollektiven beträfen, die man auszurotten versuche, „mögen [solche Untaten] politischen, religiösen oder sonstigen Beweggründen entspringen“. Lemkin, der 1943 dann im Hinblick auf die NS-Verbrechen in Polen forderte, den „Genozid“ völkerrechtlich zu ahnden, bezeichnete die verschiedenartigen Ausrottungs-Verbrechen allgemein als (vandalistische) „Akte der Barbarei“.

Die Schwierigkeit, diesen neuartigen Delikten terminologisch Rechnung zu tragen, hat zu einer Vielzahl von Begriffsbildungen geführt, von denen einige nur auf die Verfolgung bestimmter Gruppen gemünzt sind, andere sich allgemein auf (verschiedenartige) „barbarische Akte“ beziehen. Sozialwissenschaftliche Begriffe wie „Stalinismus“ oder „Holocaust“ sind Erfahrungskondensate, also Resümees von historischen Prozessen; sie bilden sich allmählich in kontroversen Debatten heraus und wandeln sich, indem sie neue Erfahrungen in sich aufnehmen.

Für das, was Lemkin „barbarische Akte“ nannte, gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Bezeichnungen: Die umfassendsten sind Massenmord, Massaker und „Exterminationskampf“ (Lemkin, 1933). Handelt es sich darum, dass bestimmte Ethnien dezimiert oder vernichtet wurden, spricht man von „Ethnozid“, „Genozid“ oder „Völkermord“ (Lemkin, 1943/44). Der Terminus „Holocaust“ bezieht sich (seit 1978/79) vorwiegend auf die von den Nazis organisierte Ausrottung eines Großteils der europäischen Juden, darüber hinausgehend aber auch auf „Exterminationsversuche“ anderer Art (von Seiten der Nazis oder anderer Akteure). „Shoah“ (1945; 1985) oder „Dritter Churban“ (1980) bezeichnen ausschließlich die rassistische Judenverfolgung und Judenvernichtung durch die Nazis.

(5) Zu unserer Tradition gehört auch, den deutschen „Nationalsozialismus“ und den Stalinschen „Sozialismus in einem Lande“ als zwei totalitäre Regime mit verschiedenartiger sozialer Funktion zu verstehen8 und die Aufmerksamkeit auf die fatale Ähnlichkeit der Repressionstechniken beider Regime zu richten, vor allem auf die ihnen gemeinsame Tendenz, missliebige Gruppen in ihrem Kontrollbereich zu „liquidieren“.9 Die „Verwandtschaft“ der beiden totalitären Staaten habe ich in meinem Artikel darauf zurückgeführt, dass die Führungen beider Regime das Programm verfolgten, verschiedenartige nationale Utopien gewaltsam zu verwirklichen. Hinzuzufügen wäre, dass beide „Führerstaaten“ das Resultat politischer Gegenrevolutionen waren, die als „Revolutionen“ auftraten.

(6) Wollen wir die Eigenart bestimmter Herrschaftssysteme verstehen, so sind wir auf Gedankenexperimente – auf Modellbildungen und historische Vergleiche – angewiesen. Da wir über das Hitlerreich vergleichsweise sehr viel mehr wissen als über Stalins Sowjetunion, liegt es nahe, uns der Eigenart der russischen durch den Vergleich mit der deutschen Diktatur zu versichern.10 Was die spezifische Differenz zwischen Faschismus und Stalinismus ausmacht, worin sich die Vernichtung von Millionen Menschen durch deutsche und durch sowjetische Exekutivorgane unterschied, das lässt sich nur herausfinden, wenn man versuchsweise Analogien herstellt und deren Triftigkeit anhand der verfügbaren Informationen überprüft, nicht aber, wenn man sich vor der Entdeckung von Ähnlichem im Verschiedenen fürchtet wie der Teufel vorm Weihwasser.11 Die Isolierung historischer Phänomene verhindert ihr Verständnis. Vergleichende Untersuchungen (und mit ihrer Hilfe aufgefundenen Analogien) können uns helfen, zunächst Unverständliches ein Stück weit doch zu verstehen.

Isaac Deutscher hat den Stalinschen Terror einen „politischen Genozid“ genannt.12 Der vormalige Nationalitäten-Kommissar Stalin hatte sich im Laufe seiner Karriere zu einem Meister der Nationen-Zertrümmerung entwickelt. Der von ihm entfesselte „Große Terror“ (Robert Conquest) der dreißiger Jahre galt aber (noch) nicht bestimmten Ethnien, sondern dem politisch aktiven Teil der Bevölkerung, und er zielte nicht nur auf die wirkliche Opposition, die „Volksfeinde“, sondern, weit darüber hinaus, auf eine jede potentielle politische Opposition. Deutscher griff Lemkins Terminus „Genozid“ auf und kombinierte ihn mit dem Adjektiv „politisch“. So gewann er einen Begriff, der ihm tauglich schien, die Eigenart des Stalin-Terrors zu charakterisieren. Ich habe – in Analogie zu Hitlers Massenmorden, denen nicht nur Juden zum Opfer fielen und für die sich inzwischen der Terminus „Holocaust“ eingebürgert hat – von Stalins „Holocaust“ gesprochen, um den Beitrag des „Vaters der Völker“ zur Massenmordgeschichte des hinter uns liegenden, barbarischen Jahrhunderts angemessen zu gewichten.13 Stalins „Holocaust“ galt nicht einer bestimmten Ethnie (oder „Rasse“), sondern der „ganzen“ politisch aktiven sowjetischen Bevölkerung. Stellt man das nicht in Rechnung, bleibt die sowjetisch-russische Geschichte des letzten halben Jahrhunderts unverständlich.


1 Das vierteilige Doku-Drama „Holocaust“ wurde 1978 von Marvin J. Chomsky (nach einem Drehbuch von Gerald Green) für den amerikanischen Fernsehsender NBC produziert. Ab 21. 1. 1979 wurde die Serie im Dritten Programm der ARD ausgestrahlt. Millionen Fernsehzuschauern der (damals) jüngeren Generation brachte der Film anhand der Geschichte der „Familie Weiß“ die Barbarei des Hitler-Regimes nahe. Damit kam das „Beschweigen“ dieser Vergangenheit an ein Ende.

2 Bei diesen „anderen“ Gruppen handelte es sich, wie bekannt, um politische Gegner, Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, polnische Intellektuelle, Zigeuner, sowjetische Kommissare und kriegsgefangene Soldaten…

3 Die bevorstehende Öffnung des Archivs des „Internationalen Suchdienstes des Roten Kreuzes“ (ITS) in Bad Arolsen, des bedeutendsten Archivs zum NS-Lagersystem, das Hinweise auf mehr als 17 Millionen NS-Opfer enthält, wird es u. a. ermöglichen, 74 „Todesmärsche“ von Häftlingen aus deutschen Konzentrationslagern im Frühjahr 1945 zu rekonstruieren. Vgl. dazu Max, Arthur, und Melissa Eddy (2007): „Himmler tried to get rid of the evidence.“ International Herald Tribune, Paris, 7. 3. 2007, S. 2.

4 Marx und andere „Ketzer“ versuchten, vom „Alp“ der Tradition freizukommen; sie haben eine Tradition der Traditionskritik begründet. Von dieser kritischen Haltung – auch gegenüber „eigenen“ Traditionen – werden wir uns nicht abbringen lassen, nur weil Ernst Nolte wähnte, den faschistischen auf den bolschewistischen Terror „zurückführen“ zu können, oder weil etliche „Schwarzbuch“-Autoren den „Kommunismus“ zum Hauptschuldigen für die Barbarei des 20. Jahrhunderts machten und mit zu hoch gegriffenen Opferzahlen operierten…

5 Die Kriegstoten der UdSSR im zweiten Weltkrieg wurden von Gorbatschow auf 28 Millionen Menschen beziffert.

6 Lemkin, R. (1933): „Akte der Barbarei und des Vandalismus als delicta juris gentium.“ Internationales Anwaltsblatt, Wien, 19. Jg., Heft 6 (November 1933).

7 Hunderttausende von ihnen kamen bei den von Massakern begleiteten Todesmärschen nach Syrien und in die irakische Wüste ums Leben.

8 Rettung der herrschenden Klasse vor der sozialistischen Revolution versus Rettung der usurpatorischen Kaste vor der revolutionären Bevölkerung. Vgl. dazu Trotzki (1939): „Das Zwillingsgestirn Hitler-Stalin“ (4. 12. 1939); in: Trotzki, L. (2005): Sozialismus oder Barbarei! Eine Auswahl aus seinen Schriften. Wien (Promedia), S. 130.

9 In beiden Regimen wurden Millionen von Menschen zu Zwangsarbeitern degradiert, in beiden wurde die Folter wiedereingeführt.

10 Vgl. dazu Lewin, Moshe (1995): Russia/USSR/Russia. The drive and drift of a superstate. New York (The New Press), Kap. 11.

11 Werden zwei verschiedenartige historische Personen oder Ereignisse miteinander verglichen (zum Beispiel das Verhalten Karls I., Ludwigs XVI. und Nikolaus’ II. in der Revolution oder der „Bonapartismus“ Napoléons III., Bismarcks, Schleichers und… Stalins), so wird möglicherweise eine partielle Ähnlichkeit beider kenntlich. Eine solche Analogie besagt natürlich nicht, dass man, darauf gestützt, die verglichenen Phänomene kurzerhand einander gleichsetzen könnte.

12 Deutscher, Isaac (1963): Trotzki, Bd. III (Der verstoßene Prophet, 1929-1940). Stuttgart (Kohlhammer), Kap. 5, S. 388 f.

13 Vgl. dazu Grosser, Alfred (1989): Ermordung der Menschheit. Der Genozid im Gedächtnis der Völker. [Le crime et la mémoire.] München, Wien (Hanser) 1990, Kap. 2.

 

Vor 70 Jahren: Der Pjatakow-Radek-Prozess und Stalins Holocaust (Teil 1 - Avanti 140)

Der Pjatakow-Radek-Prozess und Stalins Holocaust (Teil 2 - Avanti 141)

Leserbrief zum Artikel "Stalins Holocaust"

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