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Patriotismus im Kyffhäuser - Matthias Matussek: „Wir Deutschen“ | Drucken |  E-Mail
B.S.   
01.12.2006

„Ich habe sie an der Copacabana getroffen, die Botenjungen, die Straßenkinder, die fast verrückt wurden vor Freude, als Brasilien Weltmeister geworden war, und plötzlich nicht mehr bedürftig waren, sondern stolze, glückliche Brasileiros.“ (Aus einem Interview vom 3. Juni 06).

Dieses Zitat zeigt, was im Hintergrund der Debatte um Patriotismus u.ä. steht. Matussek schreibt auf S. 15 seines Buches (bei Fischer 2006 erschienen): „Ohne Stolz ist eine Nation nicht fähig, die eigene Zukunft zu meistern.“ Und im Folgenden meint er: „Es gibt tatsächlich unwiderlegbare Zusammenhänge zwischen der Bindekraft einer Nation und ihrem wirtschaftlichen Erfolg.“ Und um die aufbauenden Zitate zu vervollständigen: „Die Liebe zum Vaterland ist eine Kraft … Man steht zu seinen Leuten. Und diese Kraft müssen wir revitalisieren. Warum? Aus Eigeninteresse. Wir brauchen die Gruppe, die Familie, die Nation, und wir brauchen sie mehr denn je.“ Das hat zur Folge: „Wir bauen das Land um.“ Also Botenjungen und Straßenkinder freut euch über die Fußballer und bleibt bescheiden. Nehmt die Parole: „Du bist Deutschland“ an, dann seid ihr nicht mehr bedürftig. Matussek erteilt dem Verfassungspatriotismus eine Absage, weil das Bekenntnis zu Werten, die er als richtig, aber auch als „fade(s) Sammelsurium“ bezeichnet, nichts mehr taugt. Also lasst uns unsere Geschichte nicht mehr „auf zwölf schuldhafte dunkle Jahre verengen“. Das ganze Buch ist auf recht listige Weise damit befasst, eine Neuordnung unserer Geschichte zu bewirken.
Um- und Neudeutung alter Begriffe
Gegenwärtig sind wir einer Offensive der Um- und Neudeutung alter Begriffe ausgesetzt. Das, was Matussek in seinem Buch die „konservative Intelligenz“ nennt, erkennt Nachholbedarf, wenn es um den Begriff „Vaterland“ geht. Endlich muss auch die Vergangenheitsbewältigung auf eine neue Art geschehen. So beginnt für ihn die deutsche Geschichte nicht mit dem großen Schuldbekenntnis, „wo doch sonst alles mit dem großen Schuldbekenntnis beginnt, wenn von deutscher Geschichte die Rede ist.“ Er sieht die Deutschen befangen und „keiner wagte auch nur den Gedanken, dass Hitler ein Freak-Unfall der Deutschen war.“ Ein Freak-Unfall? Die Vieldeutigkeit des Begriffs „Freak“ ist eine der sprachlichen Hinterhältigkeiten Matusseks.
Eine weitere Hinterhältigkeit besteht darin, dass er Heinrich Heine permanent als Zeugen für die Notwendigkeit und das überwältigende Bedürfnis, patriotisch zu sein, missbraucht. Die von Ironie durchsetzten Verse, mit denen Heine aus dem Exil zugleich Sehnsucht nach den deutschen Eichen, nach der Mutter ausdrücken und gleichzeitig darauf verweisen kann, dass er mit dem Verleger Campe Geschäftliches zu besprechen habe, werden von Matussek dazu herangezogen, um Heines Liebe zu Deutschland für seine Neuformierung des Patriotismus zu nutzen.
Das gute Gewissen des „konservativen Intellektuellen“
Matussek ist im Gegensatz zu Frank Schirrmacher, dem Feuilletonchef der FAZ, ein amüsanter Schreiber. Er schreibt locker, ja witzig, überhaupt nicht larmoyant, wie die Gegner der jammernden Deutschen es sonst tun. Er dokumentiert nicht mit Statistiken, sondern mit Gesprächen; Gesprächen z.B. mit Harald Schmidt über den „Humorbereich“ , mit Klaus von Dohnanyi über das „deutsche Bürgertum“, ja mit der MTV-Moderatorin Sarah Kuttner über Pop, und Heidi Klum steht für das Fräuleinwunder und die „typische deutsche Familie zwischen Couch und Schrankwand“. Er zitiert die passenden Textstellen aus Heine und Rückert und verarbeitet ein breites Wissen; so macht er umfassende historische Exkurse. Wahrhaft ein gebildeter Bürger, auch wenn er den Kyffhäuser in den Harz verlegt!

Und darin besteht die Gefahr dieses Buches. Natürlich tingelt Matussek wie andere Vertreter des „Mentalitätswandels“, den Frau Merkel anmahnt, durch die Fernsehshows und besticht durch Wendigkeit und Witz. Dabei transportiert er das gute Gewissen des „konservativen Intellektuellen“. Er verweist auf die Familie, indem er Frank Schirrmachers Werk „Minimum“ heranzieht, und sein Oeuvre „Die vaterlose Gesellschaft“, das nicht von ungefähr 2006 neu aufgelegt wurde und eigentlich jetzt erst ins Gespräch kommt. Beide Autoren verweisen auf die „feministischen Doktrinen“, die zum Zerfall der Familie geführt haben und deshalb abgetrieben werden müssen. Aber dazu in der nächsten Avanti!

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