Revolutionär Sozialistischer Bund / IV. Internationale (RSB4)
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Vor 100 Jahren: Menschewiki und Bolschewiki | Drucken |  E-Mail
B.B.   
01.07.2003
Vor hundert Jahren, vom 17.7.-10.8.03 (30.7.-23.8.) 1903 – mensch nahm sich immerhin über drei Wochen Zeit zur Diskussion! – fand in London der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) statt. Es entstanden die Fraktionen der Menschewiki und Bolschewiki, aber die angebliche „Spaltung“ fand dort nicht statt.
 

Die 1898 gegründete SDAPR war die erste moderne Partei Russlands. Geschwächt durch die zaristische Unterdrückung brauchte sie fünf Jahre, um aus einer losen Föderation verschiedener lokaler, regionaler, Exil-Gruppen und der Partei „Allgemeiner Jüdischer ArbeiterBund in Litauen und Polen" zu einer Partei mit zentralen Gremien zu werden. Dies sollte auf dem II. Parteitag erfolgen.
Konzentration auf die FabrikarbeiterInnen
Die Sozialdemokratie entstand zunächst ausserhalb der real existierenden ArbeiterInnenklasse. Weil sie ihren organisatorischen Schwerpunkt auf die Arbeit unter den 1 - 1, 5 Mio. FabrikarbeiterInnen von 14,5 Mio. Lohnabhängigen legte, stand sie 1896/97 an der Spitze der ersten großen Streikwellen.

Als wirkliche Avantegarde im Klassenkampf konnte die SDAPR die klassenbewussten, sozialdemokratisch fühlenden ArbeiterInnen organisieren, um von einer Partei weniger Tausender zu einer Massenpartei zu werden.

Mit der Zeitung Iskra als Sprachrohr forderten Plechanow, Martow und Lenin die Zentralisierung und den gezielten Parteiaufbau. Das Ergebnis gemeinsamer Überlegungen hielt Lenin in seiner Schrift was tun? fest. So seien „Berufsrevolutionäre" nötig d.h. Menschen, „die der Revolution nicht nur ihre freien Abende, sondern ihr ganzes Leben widmen".

Das war damals eine revolutionäre Idee. Unter konservativem Vorzeichen ist sie zwar heute Allgemeingut jeder modernen bürgerlichen Partei mit ihren Hunderten von Hauptamtlichen, sorgt aber in der sozialistischen Linken für Hohn und Spott.
Die Massenpartei aufbauen. Aber wie?
Der II. Parteitag war bei der Zentralisierung erfolgreich. Ein Zentralkomitee (die örtliche Gruppenleitung hieß Komitee), eine Zeitungsredaktion und ein Parteirat wurden geschaffen. Meinungsverschiedenheiten, die Lenin für nicht „so wesentlich" hielt, „dass davon Sein oder Nichtsein der Partei abhinge", tauchten beim § 1 des Statuts auf. Wer sollte in die Massenpartei aufgenommen werden und wer sollte außerhalb der Partei als SympathisantIn arbeiten?

Martow schlug vor: „Als Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands gilt jeder, der ihr Programm unterstützt und ihr unter der Leitung einer ihrer Organisationen regelmäßig persönlichen Beistand leistet." Lenin beantragte: „Als Mitglied der Partei gilt jeder, der ihr Programm anerkennt und die Partei sowohl in materieller Hinsicht als auch durch die persönliche Betätigung in einer der Parteiorganisationen unterstützt." Lenin wäre besser beraten gewesen, wenn er Martwos ursprünglichen Antrag, den gemeinsamen der Iskra, statt einen eigenen zur Abstimmung gestellt hätte: „Als zugehörig zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei gilt jeder, der ihr Programm anerkennt und für die Verwirklichung ihrer Aufgaben unter der Kontrolle und Leitung der Organe der Partei aktiv arbeitet." Jedenfalls setzte sich Martows neue Version mit 28 gegen 22 Stimmen durch. In der anschließenden Abstimmung wurde das Gesamtstatut einstimmig angenommen!

Unwichtig waren die Differenzen allerdings nicht. Lenin kritisierte später die verschwommenen Mitgliedskriterien als „Selbsteinreihung in die Partei". Doch die Auseinandersetzung um den § 1 des Statuts führte weder zu einer Parteispaltung, noch leitete sich von ihr die Unterscheidung in „Bolschewiki" (Mehrheitler) und „Menschewiki" (Minderheitler) ab. Schließlich war Lenin ja in dieser Frage in der Minderheit geblieben.
Autonomie oder völlige Selbständigkeit?
Eine Spaltung in zwei verschiedene Parteien fand mit dem Auszug des jüdischen Arbeiterbund vom II. Parteitag statt. Es ging um die nationale Frage. Dem Bund genügte nicht die Autonomie in allen Fragen, die die besondere Unterdrückung des jüdischen Proletariats betraf und beinhaltete: „Propaganda und Agitation in jiddischer Sprache, eigene Literatur, eigene Kongresse, Aufstellung besonderer Forderungen in Entwicklung des einen gemeinsamen sozialdemokratischen Programms, Befriedung der örtlichen Nöte und Bedürfnisse, die sich aus den besonderen Bedingungen des jüdischen Lebens ergeben. In allem übrigen ist die vollständige und engste Verschmelzung mit dem russischen Proletariat notwendig, das verlangen die Interessen des Kampfes des gesamten Proletariats Russlands. Und dem ureigenen Wesen der Sache nach ist jede Angst vor einer `Majorisierung` bei einer solchen Verschmelzung unbegründet, denn vor einer `Majorisierung` in besonderen Fragen der jüdischen Bewegung sichert gerade die Autonomie"1.

Dagegen beanspruchte der Bund die völlige Selbständigkeit auf allen Gebieten innerhalb der SDAPR. Das lehnten die anderen Delegierten ab.

Erst wieder von 1906 bis 1912 sollte der Bund, wie auch Rosa Luxemburgs Sozialdemokratie Polens und Litauens und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Lettlands, der SDAPR angehören.

Mensch stelle sich heute eine revolutionär-sozialistische Massenpartei in der BRD vor, der eine komplette türkische oder kurdische Partei angehörte, die in allen Fragen, die die besondere Unterdrückung der TürkInnen und KurdInnen beträfen, über Autonomie verfügen würde. Das würden sicherlich 90 Prozent aller (deutschen) SozialistInnen ablehnen.
Die Unfähigkeit, in der Minderheit zu sein
Nach der Abspaltung des Bund geriet Martow bei der Wahl der Zeitungsredaktion in die Minderheit. Lenin wollte eine Redaktion mit Plechanow, Martow und Lenin durch den Parteitag wählen lassen. Martow lehnte dies ab und verlangte die Bestätigung der alten Redaktion. Der Parteitag nahm Lenins Vorschlag an, worauf Martow seine Mitarbeit verweigerte.

Dann wählte der Parteitag das Zentralkomitee. Martow und GenossInnen – unter ihnen der 23jährige Trotzki – bestanden auf einer dreiköpfigen Vertretung ihrer Minderheit in einem fünfköpfigen ZK. Nach Lenins Vorschlag sollten sie zwei von fünf Sitzen erhalten. Das erschien ihnen unannehmbar. Plechanow-Lenin siegten mit 24:20 Stimmen. Von dieser Abstimmung zu den Leitungswahlen leiteten sich die Bezeichnungen „Bolschewiki" und „Menschewiki" ab.

Nach dem Parteitag folgte ein unerfreuliches Hick-Hack. Die Minderheit um Martow beschimpfte Lenin als Selbstherrscher, Formalisten, Bürokraten, warfen ihm ein Robespierresches Regime, Ultrazentralismus und Jakobinismus vor. Lenin diffamierte seinen früheren Duzfreund Martow als „hysterischen Schleicher", „hysterischen Skandalmacher" und dessen Anhänger als „abgetakelte Minister". In der illegalen SDAPR Russlands war „die reine Hölle los." Als Anfang 1904 der russisch-japanische Krieg ausbrach, wurde die Arbeit der SDAPR fast lahmgelegt. Die Auseinandersetzung gipfelte im April/Mai 1905 in der Spaltung in zwei getrennte Parteien. Sie sollte ein Jahr andauern.

Der interne Konflikt hatte einen ernsten Hintergrund. Martow und GenossInnen hielten sich für so wichtig, dass sie unter allen Umständen an der Spitze der Partei stehen wollten. Ihrem „anarchistischen Individualismus" (Lenin) war es unerträglich, in der Minderheit zu sein und sich der Mehrheit „unterzuordnen".

Ausserdem bahnten sich hinter den organisatorischen Differenzen strategische an. Sollte die ArbeiterInnenklasse den Zarismus mit dem liberalen Bürgertum oder mit der Bauernschaft stürzen? Die Menschewiki – nun ohne Trotzki – entschieden sich für das Bündnis einer kleinen Minderheit der Gesellschaft.
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